Gottlieb Lurman über Kinder in Liverpool (Text 1864)

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(Infos zum Bild)

[ Anfang fehlt] Mit 22 Jahren bin ich weg aus meiner Heimatstadt Verden an der Aller. Dort war ich am 5. Februar des Jahres 1804 als Sohn von Friedrich Lürmann und Ada Lürmann, geb. Urban geboren. Mit anderen Leuten aus der Gegend kam ich nach Liverpool. Einige davon wollten weiter nach America. Das Königreich Hannover und England gehörten noch zusammen damals, was es für uns einfacher machte. Ich ging in die Zuckerfabriken arbeiten. Dort wurde aus den Kolonien eingeschifftes Zuckerrohr mit Hitze zu Zucker verarbeitet. Ich war zeitweise beim Sugar Boiler Joseph Heap tätig. Darauf bei William Hutchinson in der Temple Street, der eine Sugar Refinery betrieb. Man schätzte uns dort als Deutsche sehr. Wir haben hart gearbeitet und waren immer fleissig. Es waren einige Deutsche hier in den Zuckerfabriken. Ich kannte rund 30 von ihnen, es werden aber noch mehr gewesen sein.

Die meisten von uns waren Protestanten. Im Jahr 1846 bekamen wir den Pastor Hirsch, der die Messen in deutscher Sprache hielt. Pastor Hirsch kümmerte sich um uns Zuckerarbeiter, aber auch um die deutschen Matrosen im Hafen. Bei einen seiner Touren traf er dort auf Deutsch sprechende Kinder. Diese bettelten die Leute an. Er bat uns darum um Hilfe, er dachte wohl es wären die unseren. Mit zwei, drei Mann begleiteten wir Pastor Hirsch. Nach einer Weile trafen wir auf die Kinder. Zunächst verstanden wir sie nicht, sie redeten ein Kauderwelsch zwischen Deutsch und Englisch. Aber selbst die deutschen Worte waren nicht immer zu verstehen. Wir vermuteten sie würden aus der Frankfurter Gegend kommen. Ein anderer meinte, er hätte jemanden gekannt, der ähnlich gesprochen hätte, der sei  von der Lahn bei Limburg gewesen.

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„Diese bettelten die Leute an.“ (Infos zum Bild)

Gott sei Dank war es keine der unsrigen [neue Seite] Kinder. Meine eigenen waren auch bereits älter. Tags drauf sind wir zu zweit nochmal in die Gegend. Wir trafen wieder auf diese Kinder und weitere mehr. Wir gaben uns dieses Mal nicht zu erkennen. Hielten stattdessen einigen Abstand und folgten ihnen durch enge und dunkele Gassen. Bis hin zu einem Hof, wo sie von einer Frau empfangen wurden. Gleich dort entleerten die Kinder ihre Taschen. Zum Vorschein kam allerlei Schmuck, Ketten und Kleinkram. Bestickte Leinentücher waren auch dabei. Auch Obst gaben die Kinder der alten Frau. Erst dann gingen alle ins Haus. Wir gingen wenig später gleichfalls durch die Türe. Wir horchten an der Tür zur Kammer. Dort hörten wir Tellergeklapper, viel Geschrei von den Kindern und auch von einem Mann, der von den Kindern Ruhe verlangte. Er befahl den Kindern in Englisch zu sprechen. Als wir gerade überlegten, was nun zu tun sei, öffnete sich die Tür. Wir konnten gerade noch ins Dunkel springen. Hinaus kamen vier oder fünf Mädchen. Sie waren lasterhaft gekleidet, es war offensichtlich, dass sie in den Gassen am Hafen den Matrosen ihre Dienste anbieten wollten. Daraufhin verliess auch die alte Frau mit einem Korb bepackt das Haus. Mein Begleiter flüsterte mir zu, dass die Frau wohl das Diebesgut des Tages verkaufen wolle. [neue Seite] Als das Kindergeschrei weiter von oben aus dem Haus kam, trauten wir uns wieder aus der Ecke. Doch gerade als wir aus der Tür zum Hof traten, stand plötzlich ein Mann vor uns. Nach einem Wortwechsel und Geschubse zog der andere ein Messer.  [Satz nicht lesbar] Wir traten ihn gegen die Beine und schlugen ihm das Messer aus der Hand. So schnell wie möglich liefen wir vom Hof. Es liefen uns wohl einige Männer nach. Wir konnten aber entkommen.

Noch in der Nacht berichteten wir dem Pastor was wir gesehen und erlebt hatten. Du musst wissen, damals war es keine Seltenheit, dass Kinder zu Dieben wurden. Aber wir fragten uns alle, woher denn diese Kinder kamen. Es waren keine von uns Arbeitern, auch nicht von den deutschen Kaufleuten. Die Idee war, es seien Kinder von Americafahrern, die damals noch nicht so zahlreich waren, die um die Schiffreise bezahlen zu können, die Kinder verkauft hätten. Einen Beweis dafür fanden wir aber nicht.

Du wirst staunen, wenn ich dir nun schreibe, wie es wirklich war. Der Pastor hat ermitteln können, dass die Kinder tatsächlich aus dem Hessischen waren. Dort hatte man den Eltern versprochen, die Jungen und Mädchen gegen ordentliche Bezahlung zu wohlhabenden Herrschaften in Dienst zu geben. Nach ein paar Jahren hätten sie zurück gekonnt und den Eltern ihren Verdienst geben sollen. Aber hier kamen sie nicht zu den Herrschaften, sondern sie wurden zu Bettlern, Dieben und Freudenmädchen gemacht. So wie wir es gesehen haben. Das es ihnen  gut geht, darum kümmerte sich der Pastor. [Ende fehlt]

[aus einem Text (Ausschnitt/Adressant unbekannt) aus dem Jahr 1864 von Gottlieb Lurman. Transkribiert von J. Flimm, Kober Institut, Köln)

Hinweis: Dies ist ein fiktives Dokument zur transmedialen Buchreihe Bookattack – Living in Books. This is a fictional document!

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Joseph Heap Rice Mill in Liverpool (links). Heap (1762 – 1833) soll als Sugar boiler, der mit Barbados und Jamaika handelte, begonnen haben. Später hatte die Firma diese Rice Mill (Bild von 1992, Infos zum Bild).