Das merkwürdigen Reisen des Herrn Johannes Nikolaus Gierlich (5)

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Gierlich zurück in der Stadt.
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Die Flugblätter wirbelten durch die Straßen.

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Mit einem Motorrad fuhr er zur Sicherheitszone. Über den Hügel über den er auch damals ins Dorf gekommen war, fuhr er nun wieder in Richtung Stadt. Das Hacken des Sicherheitssystems klappte auch nun ohne Probleme. Noch vor den ersten Häusern hielt er an. Mit einem kleinen Fernglas sah in die Stadt hinüber. Er sah das übliche Treiben in den Straßen. Er sah Menschen in den Häusern. „Höchst erstaunlich“, murmelte er. „Was wird den Leuten außerhalb der Stadt eigentlich gezeigt? Merkwürdig. Nun muss ich zunächst aber die Leute hier etwas in Schwung bringen.“ Seine Sendung sollte nicht nur dem reinen Musikgenuss dienen, sondern auch wachrütteln. Er schaltete sein Computersystem ein und verschaffte sich Zugriff auf einen der Server der Stadt und legte dort eine leere Datei ab, die er aber sofort wieder löschte und sich ausloggte. Sie werden seinen Zugriff natürlich getrackt haben, aber da er seine Daten umgelenkt hatte, würde man seine Spur nicht nachverfolgen können. Die Tricks wie man digitale Spuren verwischt, hatte er schließlich hier gelernt. Durch diesen kleinen Test wusste er nun, dass er Dateien dort ablegen und wieder löschen konnte. Seine Überlegung war nun, dass er kurz dort seine Musikdateien ablegte, den Zugriff über einen Freischaltcode seinen Zuhörern ermöglichte und die Datei nach einer halben Stunde wieder löschen würde. Aber Gierlich wusste nicht wie er die Leute auf die Datei mit der Sendung aufmerksam machen sollte. Ein Marketing über das städtische Du-kennst-mich-Netzwerk war viel zu riskant.

Bereits am Tag darauf war er wieder in das Sperrgebiet gefahren. Im Archiv hatte er eine erste Sendung erstellt. In dieser Sendung spielte er vier Songs und sagte zu jedem etwas. Er hatte so etwas noch nie gemacht und kannte sich mit der Audiosoftware auch nicht gut aus. Nach mehreren Stunden Arbeit hatte er aber eine zwanzig Minuten dauernde Sendung fertig, die er bereit war zu senden. Auf dem Drucker hatte er fünfzig Blätter ausgegeben, diese zerschnitt er mit einer Schere in vier Teile, so dass er einen Packen kleiner Flugblätter hatte, auf denen kurz erläutert wurde worum es ging. Unten hatte er die Adresse des Sendeplatzes mit dem Freischaltcode geschrieben. Die Flugblätter hatte er auf dem Gepäckständer befestigt. Er fuhr zunächst durch die Altstadt im Westen der Stadt. Die Altstadt selber war seit der Neuzeit nahezu unverändert. Nun ein paar Kirchen waren nach der Säkularisierung abgebrochen worden. Ansonsten standen die Häuser innerhalb der Stadtmauer schon seit einer Ewigkeit. Für Industriebauten und den Bau der Arbeiterhäuser hatte man einen Teil der Stadtmauer allerdings niedergelegt. In der Altstadt rund um die Kirchen St. Heribert, St. Paulus, St. Joseph und St. Anton wohnten die alteingesessenen Bürger. Einige der Familien ließen sich bis in die Zeit der Stadtgründung um 1180 zurückverfolgen. In den Osten, dort waren die Siedlungen der Industriebetriebe, würde er später fahren. Dort wo vor über achtzig Jahren noch der Rote-Turm einsam am Galgenberg gestanden hatte, hatten sich seitdem die eintönigen Arbeitersiedlungen ausgebreitet. Zuvor musste Gierlich aber den Fluss überqueren. Der Fluss, über den seit dem Mittelalter die kleinen Handelsschiffe, die Stadt erreicht hatten und für ein erstes Aufblühen der Stadt gesorgt hatte, war bereits bei Bau der ersten Werkshallen innerhalb der Betriebe verschwunden. Für die Bürger war am Fluss nur ein kleiner Streifen entlang der Stadtmauer mit einem bei schlechtem Wetter kaum begehbaren Trampelpfad geblieben. In der Neuzeit führte vom Haupttor eine Brücke über den Fluss. Heute gab es hier zwar eine neue Fußgängerbrücke, die allerdings nur für Werksangehörige oder Studenten der Technischen Hochschule zur Benutzung freigegeben war. Die anderen Bürgen mussten entweder, die Brücke zwei Kilometer westlich oder die fast vier Kilometer östliche gelegene Fähre benutzen. In den Industrieanlagen gab es allerdings noch weitere Brücken. Gierlich wählte die Westbrücke. Am Standrand hielt er an, nahm Kontakt zum Computersystem auf, projizierte sich eine kleine Tastatur auf seinen Arm und verschob die Sendung auf den Server des städtischen Unterhaltungsprogramms. Nun gab er kräftig Gas. Knatternd kurvte er durch die Straßen. Seine alte Gilera heule ohrenbetäubend auf. Er nahm sich nun den ersten Packen der Flugblätter und schleuderte sie in die Straße. Dies wiederholte er noch einige Male und fuhr dann so laut er konnte wieder aus der Stadt. Er fuhr in den Stadtwald. Schob das Motorrad etwas ins Gebüsch und wartete eine Weile. Nach einer halben Stunde nahm er die Datei wieder vom Server. Und fuhr dann ruhig durch den Sperrbereich zurück ins Dorf. In der Stadt hatte es mehrere Meldungen bei der City Police wegen Ruhestörung gegeben. Nicht nur das Motorrad von Gierlich war negativ aufgefallen, auch das Gebelle von zahlreichen Hunden wurde als unverschämt störend empfunden. Andere hatten die Verteilung von unerlaubten Flugblättern gemeldet. Einige Personen hatten Flugblätter eingesammelt, sie bei den Behörden abgegeben oder gleich vernichtet. Gierlich war klar, dass er nicht unbeobachtet durch die Straßen gefahren war. Die Videobots hatten ihn bereits an der Stadtgrenze erfasst und spätestens als er seinen Motor auf volle Touren aufgedreht hatte, Alarm geschlagen. Auch das Herumwirbeln seiner Flugblätter in den Gassen werden die Bots als Störung gemeldet, wenn auch nicht als ganz so dramatisch eingestuft haben, denn noch hatten sie den Inhalt nicht analysiert. Spätestens dann würden sie aber humane Analytiker einschalten.

Ein solcher Analytiker war Detective Chief Inspector Werner Ottersen, ausgebildeter Forensiker für Verkehrs- und Datensicherheit, ein Studiengang den Polizisten im Fachbereich Kriminalistik als Weiterbildung an der städtischen Hochschule belegen konnten. Nach den ersten Fahrten von Gierlich durch die Stadt, hatte man Ottersen und seinem Team den Fall übergeben. Immer wenn die Bots Vorfälle mit Motorrädern meldeten die in das Muster passten, schaltete sich Ottersens Team ein. In einigen Fällen wurde falscher Alarm ausgelöst. Mal war ein Jugendlicher mit seinem lauten Mofa um den Block geknattert, ein anderes Mal ein Opa mit seinem alten Motorrad mit Anhänger zur Markthalle gefahren und hatte einen Teil seiner Ladung verloren. Doch auch der Jakobiner, wie man Gierlich nun wegen seiner Mütze nannte, war wieder auf den Bildschirmen erschienen. Doch alle bisherigen Aufzeichnungen hatten Ottersen und seine Leute nicht weitergebracht. Der Jakobiner fuhr ohne Nummernschild, sein Chipimplantat sendete kein Signal, man kannte auch nicht den Motorradtyp. Und trotz aller Bemühungen gab es auf den Servern des Unterhaltungsprogramms keine digitalen Spuren. „Muss ein scheiß Hacker sein“, brummte DCI Ottersen ärgerlich. „Wir haben nichts, aber auch gar nichts. Uns bleibt nur in der Gegend eine Motorradstreife zu postieren, die ihn abfängt. So sieht’s aus.“ So etwas hatte es schon lange nicht mehr gegeben, Werner Ottersen war begeistert.

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„Ich mach die Augen zu. Du kennst den Weg. Bringst uns hier raus. Ganz sicher nachhause. Denn du bist der Kapitän.“ (Wolke „Kapitän“, Demo 2003)

Es hatte ein halbes Jahr gedauert bis Matthias Kierdorff seinem Freund Klaas Gierlich auf die Spur gekommen war. Bei ersten Tests mit dem neuen Apparat hatte Gierlich aus alter Gewohnheit den Senden-und-Zurück-Hebel betätigt, ohne zu berücksichtigen das dieser nun in der zweiten Version weitere Parameter bekommen hatte. Und so war er mit Senden-ohne-Gedächtnis verschwunden. Erst als Kierdorff sich um die Rückkehr ihres jungen Freundes Till Häwer in seine Zeit gekümmert hatte, konnte er im Apparat schauen, wohin Gierlich verschwunden sein könnte. Er musste dafür das Gerät komplett zerlegen. Fand dabei zahlreiche Konstruktionsfehler, die er alle beheben musste, bevor er alles wieder zusammenbauen konnte. Mit Gierlich wäre dies alles viel einfacher gewesen. Er war der Techniktüftler. Kierdorff war ein Theoretiker, der zwar alleine die erste Version des Apparates gebaut hatte, aber erst die Verbesserungen die Gierlich später angefügt hatte, hatten eine fast risikofreie Bedienung ermöglicht. Nach dem tragischen Verlust der ersten Version, hatten Gierlich, Häwer und Kierdorff in Rotterdam etwas Mächtiges geschaffen. Zahlreiche Ideen von Gierlich waren eingeflossen. Er hatte in all den Jahren die er das Gerät benutzt hatte, vielfältige Erfahrungen gesammelt, kannte die Macken des alten Gerätes und hatte dies alles für die Konstruktion der neuen Version genutzt. Umso unverständlicher war es Kierdorff gewesen, dass sie diese Fehler in die neue Version eingebaut hatten und gerade Gierlich so unvorsichtig gewesen war. Der Senden-ohne-Gedächtnis-Parameter war eine gute Neuerung, die es zuvor nicht gegeben hatte und eigentlich dafür gedacht war, unliebsame Personen auf nimmer Wiedersehen zu versenden. In der Spezifikation hieß die Funktion auch „Zum Mond schießen“-Parameter. Das diese Funktion ein paar Sicherheitsmechanismen benötigt, war klar gewesen, aber Gierlich hatte dies bei den ersten Tests in der Euphorie wohl vergessen. Kierdorff hatte lange darüber gegrübelt was passiert sein könnte. Er war zum Schluss gekommen, dass Gierlich wohl einen anderen Parameter des Senden-und-Zurück-Hebels probieren wollte. Er wäre dann irgendwohin transportiert worden und von dort wieder zurück zum Ausgangspunkt. Mit zahlreichen Parametern konnte man nun Zeiten und Orte sowie Personenrollen und -hintergründe einstellen. Man wusste aber immer noch wer man selber war. Beim Senden-ohne-Gedächtnis-Parameter gab es nur Zielort, Zielzeit, Rolle und Biografie, aber man wusste nichts mehr von seiner wahren Identität. Das beruhte auf einem Gedächtnisverlust, der nur noch durch äußere Einwirkung reaktiviert werden konnte. Nun nach Monaten der Reparatur und Verbesserung glaubte Matthias Kierdorff seinen Freund gefunden zu haben. Till Häwer hatte ihnen ein Manuskript eines Freundes gezeigt, dass dieser vor Jahren geschrieben hatte. Auf der Reise nach Rotterdam hatte er darin geblättert. Als er später in ihrer Unterkunft drin gelesen hatte, hatte er oft gelacht und Notizen auf die Rückseiten der Blätter geschrieben. Offensichtlich spielte die Handlung in der Zukunft. Häwer hatte seinen beiden Begleitern auch etwas von einer Umweltkatastrophe in einer totalitären Diktatur erzählt und einer kleinen Revolution. In diese Geschichte war Gierlich nun wohl hineingeraten. Es war die einzige Geschichte die sie damals bei sich hatten. Kierdorf und Gierlich waren das hineintauchen in die Bücher gewohnt, doch waren sie im Innern stets sie selber geblieben, standen als Zuschauer meist am Rande, wussten stets das sie nur zu Besuch waren und hatten immer wieder einen Ausgang aus dem Buch in die Realität gefunden. Nur ihr Äußeres hatten sie der Umgebung angepasst. Fein säuberlich notieren sie sich jedes Mal in welches Buch sie einstiegen. Sie mussten immer wissen in welchem Buch sie sich gerade befanden. Stieg man in einem Buch in ein weiteres Buch, so war die Gefahr sich hoffnungslos zu verirren äußerst hoch. Gierlich hatte sich nicht nur verirrt, schlimmer, er musste glauben, die Geschichte in der er steckte sei Realität. Und diese Geschichte war ziemlich unausgegoren und wirr, soviel hatte Kierdorff auf den ersten Seiten gelesen. Da hatte sich jemand eine sehr konfuse Story zusammen geschrieben.

Als Matthias Kierdorff in der Stadt ankam, erkannte er schnell, dass er in keine schöne Zeit gekommen war. Tills Freund hatte sich da eine fiese, stinkende Stadt ausgedacht. Aber er hatte schlimmere Zeiten erlebt. Wahrscheinlich hätte er Gierlich auch schnell gefunden, wenn dieser nicht untergetaucht wäre. Es brachte wenig Gierlich weiter bei den Behörden, seinem Arbeitgeber, Kollegen oder den Nachbarn zu suchen. Kierdorff musste die Suche am Rand der Gesellschaft fortsetzen. Er befragte die Leute in den Wäldern bei der Mülldeponie, stieg hinab in die U-Bahnschächte und schlief in leeren Fabrikgebäuden. Hier lebten Leute, die von der Stadt die Nase voll hatten oder von denen die Stadt die Nase voll hatte. Hier war leider keine Spur von Gierlich zu finden. Als er am Tresen einer Kneipe zwei Männer über einen seltsamen Motorradfahrer reden hörte, wurde er erstmals auf Gierlichs Aktion aufmerksam. Er mischte sich in das Gespräch ein. Zögerlich erzählten die beiden, dass ein Motorradfahrer seit Wochen Flugblätter verstreuen würde. Dort würde ein Freischaltcode für einen Server mit Musik genannt und es gäbe ein paar Infos zu den Bands. Die Musik selber könne man dann für ganz kurze Zeit auf diesem Server herunterladen. Das wäre alles illegal und aufrührerisch. In den nächsten Tagen informierte sich Kierdorff über das bisherige Auftauchen des Motorradfahrers. Da dieser bisher stets im Westen der Stadt aufgetaucht war, hielt er sich nun immer dort auf. So gelang es ihm eins dieser Flugblätter – mit denen der Motorradfahrer wahrlich nicht geizte – zu ergattern, bevor pflichtbewusste Bürger sie von der Straße räumten und verbrannten. Beim Hören der Sendung erkannte er sogleich Gierlich an dessen Satzbau. Die Stimme war unkenntlich gemacht worden, die Behörden würden sich schwer tun, Gierlichs Stimme aufgrund sicherlich gespeicherter Referenzaufnahmen zu erkennen. Kierdorffs Idee um mit Gierlich in Kontakt zu treten war mit etwas Aufwand verbunden. Kierdorff kaufte den Laden eines Malermeisters und begann in den Nächten Liedtexte aus Gierlichs Sendungen an große Wände zu schreiben. Gierlich würde dann schon auf ihn aufmerksam, war sich Kierdorff sicher. Bisher war er noch vollkommen unentdeckt geblieben. Nur Carmen Rodriguez Lopez hatte ihn fotografiert, aber das hatte er zum Glück schnell regeln können. Auf sie und ihren Vater konnte er sich verlassen.

Bis zur Bahnstation Nordkreuz war Gierlich nicht gegangen, so wie es ihm der Polizist eigentlich aufgetragen hatte, sondern er hatte sich durch die Ebert-Siedlung, vorbei am Sportplatz wieder der Bahnunterführung genähert. Dort hatte mittlerweile ein Maler mit seinem Bus gehalten und nun damit begonnen die Farbe anzurühren. Einer der Polizisten war an ihn herangetreten und erklärte ihm nun was er zu tun hatte. Der Maler hatte noch ein paar Fragen, so dass der Polizist mit ihm zur Wand ging und ihm seine Arbeit schauspielerisch vorführte. Währenddessen war der Berufsverkehr im vollen Gange. Die Polizei hatte die Vollsperrung aufgehoben. Im Stop-und-Go ging es nun weiter. Eine Horde von Zeitungsjungen lief an der nahezu stehenden Blechlawine vorbei. Sie versuchten den Fahrern die Morgenausgaben des Tageblatts und der Stadtpost zu verkaufen. „Kubanisch-amerikanische Truppen im Tschad eingetroffen“ – „Erdrutsch in Südtirol – Dorf verwüstet“ – „20 Tote bei Großbrand in Antwerpen“. Schlagzeilen wie sie fast jeden Tag verbreitet wurden. Die Autofahrer hatte aber kaum Interesse an den Nachrichten. Gierlich rieb sich die Hände, als er sah, dass alle vorbei kommenden Passanten und Autofahrer einen Blick auf das riesige Graffiti warfen. Zeit dazu war nun reichlich, denn der Maler war nicht schnell. Und wurde auch nicht schneller als die Polizisten ihn mehrmals zur schnelleren Arbeit nötigten wollten. Als er fast mit seiner Arbeit fertig war passierte etwas Seltsames: Urplötzlich durchflog ein heller Lichtstrahl die Unterführung, die Wand wurde Weiß, auf ihr leuchtete der Text „Ich komme wieder.“ Nach knapp als einer halben Minute verschwand der Text wieder, die Wand war nun Mausgrau mit Plakatresten und Schmierereien versehen. Der Verkehr lief ohne jede Stockung weiter. Der Maler war weg.