Der Geisterzug

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Hätte man nicht gewusst, dass alles ein großer Spass war, so hätte man denken können, man wäre auf einer Reise ins Fegefeuer.

„Da auf einmal bebt die Erde; auf den Mondschein folgen trüber
Dämmrung Schatten: Wüstentiere jagen aufgeschreckt vorüber.
Schnaubend bäumen sich die Pferde; unser Führer greift zur Fahne;
Sie entsinkt ihm, und er murmelt: Herr, die Geisterkarawane!“

(Auszug aus „Gesicht des Reisenden“ von Ferdinand Freiligrath, siehe [(1)], vor 1845 geschrieben)

 

 

Montag, 18. November 1872
Köln, Holzgasse

Benedikt Achenbach, von seinen Freunden nur Bento genannt, hatte sein Studium in verschiedenen Fächern gerade beendet. Er wollte nicht in seine Heimatstadt Düsseldorf zurück, wo er vor 23 Jahren geboren wurde, sondern wollte zunächst in seiner alten Studentenbude in der Holzgasse wohnen bleiben. Ganz oben unterm Dach hatte er sich von der Witwe Irmchen Schmitz einen kleinen Verschlag gemietet, den er sich mit einem Taubenpärchen teilte. Seit einiger Zeit war er nun als Journalist tätig. Eine feste Anstellung als Redakteur hatte er allerdings noch nicht. Bisher schrieb er ab und an einen Artikel für die Volkszeitung oder für die Gartenlaube. Mit dem verantwortlichen Redakteur des Düsseldorfer Volksblatts hatte er ebenfalls ein Gespräch gehabt, vielleicht könnte er mal einen Artikel schreiben, hatte dieser vage gesagt. Hoffentlich bekam er bald einen Redakteursposten, denn mittlerweile war er so dünn, dass man ihm bereits das Vaterunser durch die Backen blasen konnte. Schon vor Wochen hatte er einen Brief an das Wochenblatt „Über Land und Meer“ geschrieben. Er hatte angeboten einen Artikel über den Kölner Karneval zu schreiben. Den Brief hatte er an den Herausgeber, Friedrich Wilhelm Hackländer geschickt. Hackländer hatte Bentos Brief über den Verleger Eduard Hallberger an den leitenden Redakteur Edmund Zoller weitergeleitet. Dessen Antwort war nun in Köln angekommen: Bento Achenbach erhielt den Auftrag.
Bento Achenbach plante nun seinen Artikel. Dieser sollte ganz besonders werden. Seine Beschreibung des Kölner Straßenkarnevals sollte außergewöhnlich werden.

Karnevalssamstag, 22. Februar 1873
Köln

Wie konnte man bei diesem Wetter nur aus dem Haus gehen? In Bentos Verschlag war es eiskalt, aber hier auf den Straßen der Altstadt war es fast wie in Grönland. Weder Mantel, Schal noch die Mütze schützten ihn ein wenig vor dem Schneegestöber und der eisig kalter Luft. Am liebsten hätte er Edmund Zoller wieder angesagt.
„Soll sich dieser feine Redakteur doch einen anderen Trottel suchen. Bei dem Wetter schickt man doch keinen Hund auf die Straße.“
„Was murmelst du da vor dich hin, Bento?“ Das war Alois Felder, der für das Fürther Tagblatt schrieb.
„Nichts für deine neugierigen Ohren.“
„Ziemlich kalt, was?“
„Wie in Grönland.“
„Hier trink!“
„Oh Gott, was ist das für ein Zeug?“
„Wärmt … und überhaupt, das ganze hier ist nüchtern nicht zu ertragen …“

Er hatte Alois Felder zwei Tage zuvor kennengelernt. Bento hatte abends beim XX gesessen und bei einem Glas Bier einen Bericht über seine Erlebnisse an Weiberfastnacht geschrieben. Verwundert hatte Bento miterlebt wie sich die Marktweiber gegenseitig ihre Kappen vom Kopf rissen und wild mit Gemüse um sich warfen. Offensichtlich beruhte alles auf einer alten Tradition, nun wirkte alles etwas übertrieben. Klar, waren die Frauen früher froh ihre Kappe abnehmen zu können. Wie konnte man dies in die richtigen Worte fassen, überlegte Bento.
„Ah, ein Kollege“, Felder stützte sich auf dem Tisch ab.  Er war angetrunken. „Für welches Blatt schreibt er denn?“
„Benedikt Achenbach vom Wochenblatt Über Land und Meer.“
„Alle Achtung. Schickt der Hackländer nun schon junge Redakteure ins Rheinland? Ich bin der Alois Felder vom Tageblatt, vom Fürther Tageblatt, so viel Genauigkeit muss sein,“ säuselte Felder und hielt Achenbach die rechte Hand entgegen.
„Angenehm, Herr Felder. Edmund Zoller hat mich persönlich beauftragt über die Ereignisse zu schreiben.“
„Die Ereignisse. Allerhand. Der Kaiser wird am Rosenmontag wohl auf dem Wagen des Prinzen mitfahren. Hab ich gehört …“
„So ein Blödsinn.“
„Sie haben recht. Darf ich mich etwas zu Ihnen setzten? Ich schreibe auch nicht ab. Welche Ereignisse? Irgendwie ist dieses Jahr doch alles unbedeutender, wie in früheren Jahren. Allein dieses Motto: >Die Jubelfeier der Reform von 1823<.  Da schlafen einem ja die Füße ein. Früher ging das hier immer hoch her. Vielleicht liegt es am schlechten Wetter.“

Nun am Karnevalssamstag fand der Geisterzug statt. Eine Schaar schauerlich gekleideter Menschen dränkte Richtung Heumarkt. Aus allen  Stadtteilen strömten die Kölner zusammen mit den immer noch anreisenden Fremden – der Höhepunkt, der große Rosenmontagszug, stand ja noch bevor –, bei Einbruch der Dunkelheit durch die Straßen am Rhein. Mit Masken, bemalten Gesichtern, selbstgenähten Kostümen, bewaffnet mit Besen oder Fackeln, manche sogar auf Stelzen laufend, hatten sich die Leute als Gespenster, Hexen oder Unholden aller Art verkleidet. Hätte man nicht gewusst, dass alles ein großer Spass war, so hätte man denken können, man wäre auf einer Reise ins Fegefeuer. Zumal manche der Gestalten bereits wie Abgestorbene aussahen. Durch die engen Gassen der Altstadt wurden mit Lampions beleuchtete Wagen gezogen. Mittem im Gewühl heizten einige Musikcorps mit ihren volkstümlichen Liedern weiter die Stimmung an.  Die Vorfreude auf den gerade beginnenden Abend ließ die Leute zunächst die arktische Kälte vergessen.
Das Lied „Schnüsse-Tring“ war eins der Lieder, welches immer wieder von den Leuten gesungen wurden. „Schnüsse-Tring dun ich mich schrieve. Ben vun Ohsendörp zo Hus. Weil ming Möhn su vill dät kieve, leef ich ahn dem Dörp erus.“ Der Franke Alois Felder, der kaum eines der Wörter verstand und kaum aussprechen konnte, sang begeistert mit. „Drei Johr deenten ich zu Kölle, hatt derwiel vor drückzehn Stelle. Seht, wie ich mich do bedrog: ‚Treu un fleissig‘ steiht em Boch.“ Man hielt sich gegenseitig an den Händen und zog so jeden mit. Felder hackte sich in die Reihe der tanzenden Leute ein und zog Bento mit: „Sing mit, hab Freude.“
„Schnüsse-Tring dun ich mich schrieve. Ben vun Ohsendörp zo Hus …“
Die Menschenmenge wogte zum Takt der Musikkapelle auf und ab. Die übermütige Schaar hatte Schnee und Kälte längst vergessen.
Am Buttermarkt war noch ein Laden hellerleuchtet. Drinnen sah man das Personal. Als ein paar Leute beschlossen, denen da drinnen einen Besuch abzustatten, stürzten Alois und Bento, wohl oder übel, mit in das Geschäft. Innerhalb weniger Sekunden war der Verkaufsraum überfüllt. Das Personal welches zunächst noch irritiert geschaut hatte, wurde gleich mit in die Kette eingereiht, die sich vom Verkaufsraum ins Lager und zurück bewegte. Als der Ladeninhaber die Treppe herunter kam und das Treiben in seinem Laden betrachtete, raufte er sich zunächst die Haare und man erwartete, dass er im nächsten Moment einen Wutanfall hätte. Stattdessen rief er ein Mädchen herbei und sorgte dafür, dass für die Feiernden Getränke und Kuchen auf der Ladentheke bereit gestellt wurden.
„Welch‘ nobler und generöser Mann, unser Herr Kaufmann. Ein hoch auf ihn.“ Felder prostete in die Runde. Der spendable Kaufmann rief auch noch die Musikkapelle hinein, so dass sich die Räumlichkeiten in einen Ballsaal verwandelten. Spontan schnappte sich Felder ein Mädchen mit einer schwarzen Halbmaske und tanzte mit ihr wild durch den Raum. Bento hingegen verzog sich auf die andere Seite der Ladentheke. Er notierte seine bisherigen Erlebnisse an diesem Abend. Hier hinter der Theke hatte er ein wenig Ruhe, obwohl immer noch weitere Verkleidete von der Gasse hinein drängten. Als sogar mehrere auf die Theke sprangen und zu einem weiteren Lied von Joseph Roesberg tanzen, da wurde es Bento Achenbach zu bunt. Er wollte raus. Der Vorderausgang des Ladens, war allerdings von der Masse verstellt. Er zwängte sich zwischen den schwitzende Leiber hindurch ins Lager, wo es nun wesentlich ruhiger war. Der Kaufmann hatte hier das Licht gelöscht. Zwischen den Waren saßen nun einige, grölten laut, andere ruhten sich aus, zwei Gespenster knutschten. Er suchte nach dem Hinterausgang.
„Wann Kirmeß oder Maat eß, dann kütt der Pädches-Mann met singer gröne Wagekeß en jedem Dörpche an. Drus loore, we de Pürke …“ Hinten war die Musik deutlich leiser. Bento tastete sich vorsichtig in die Richtung er wo die Tür zum Hinterausgang vermutete.
„Pass doch auf Mann.“ Er war gegen einen auf einem Tisch sitzen Mann gestoßen. „Hau bloß ab, do … Hungkskopp“, lallte seine junge Begleiterin zu Bento hinüber „Hungksgeseech do …“.
Nun spürte Bento einen Luftzug und sah durch die offne Tür auf den Hinterhof. Der auf dem Tisch sitzende verpasste ihm einen Tritt, so dass er beschleunigt zur Tür fiel.
Dort landete er neben einem auf dem Boden liegenden Mann. Bento berappelte sich wieder und wollte über den Mann steigen. Nach der Erfahrung mit dem Pärchen, wollte er sich mit dem im Weg liegenden keinen weiteren Ärger einhandeln. „Verzeihen Sie vielmals … Sie“. Bentos Zunge war vom Wein auch etwas gelähmt. „Sie … Ich steige nun über Sie hinweg.“ Der Liegende rührte sich allerdings nicht. Da sah Bento eine Blutlache neben ihm und ein Messer in der Brust. Vor ihm lag der Kaufmann. Vor Schreck fiel er um und prallte erneut gegen das Liebespaar.
Als er wieder erwachte, war es im Haus ruhig geworden. Im Verkaufsraum brannte noch Licht. Die Angestellten räumten auf. Bento fühlte an seinen Hinterkopf. Er blutete leicht. Der Kaufmann war weg. Von den Gespenstern war auch nichts mehr zu sehen. Die Tür zum Hof stand weiterhin auf. Es wehte ein eiskalter Wind hinein. Auf dem Hof lagen bereits mehrere Zentimeter Schnee. Während er noch nach der Leiche des Kaufmanns suchte, sah er auf dem Hof mehrere Kostümierte, die ein Fuhrwerk beluden. Eine Gestalt kam gerade auf ihn zu. Bento konnte gerade noch unter den Tisch kriechen. Der Mann kam rein und räumte den Inhalt einer Kommode in einen Sack. War das nicht der Mann, der uns alle ursprünglich in den Laden geführt hatte?, ging es Bento durch den Kopf. Mehrere maskiere Männer beluden den mit Lampions beleuchteten Wagen. Davor stand ein weitere Wagen, der offensichtlich bereits voll beladen war. Es dauerte noch ein paar Minuten, dann zog die kleine Geisterkarawane zurück in die Gasse. Bento folgten ihnen.

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Es dauerte noch ein paar Minuten, dann zog die kleine Geisterkarawane zurück in die Gasse.

Das Treiben in den Gassen hatte ein wenig nachgelassen. Den Höhepunkt des Abends schien Bento verpasst zu haben. Vor und hinter den beiden Fuhrwerken waren je zwei Reiter mit Fackeln. Sie zogen parallel zum Rhein in Richtung Dom. Laufend folgte ihnen der junge Journalist. Vorne trieb man die Pferde zu erhöhter Geschwindigkeit an. Stellte sich ihnen jemand in den Weg oder wollte sie auf ein Getränk einladen, so wurden sie von den Reitern mit den Fackeln zurückgedrängt.
Am Centralbahnhof fuhren sie zu den hintersten Gleisen, wo eine Lok mit fünf Waggons auf die Diebe wartete. Das Diebesgut wurde auf die vorderen Waggons geladen. Die Fuhrwerke fuhren ab. Der Zug setzte sich schleichend in Bewegung. Im letzten Moment sprang Bento Achenbach auf den letzten Waggon auf.
Im Innern saßen zwei der Männer.
„Alles können wir nicht mitnehmen.“
„Aber wohin damit? Der Keller in Riehl ist futsch, seit sie den Erich eingelocht haben.“
„Vom Schusters Bruno der Vetter hat eine Hütte direkt an der Bahnstrecke. Der weiß Bescheid. Wir werfen dem das Zeugs in die Büsche.“
„Kenn ich dieses Bruno?“
„Der hat lange für uns die Touren geplant. Wurde dann vor ein paar Jahren gefasst. Hatte Streit gehabt mit einer die sich bereichern wollte. Die hat sich Schmuck genommen und wollte eine feine Dame werden …“
„Ich kenn die Geschichte. Hat sich der nicht später von einem Schausteller oder so, überführen lassen?“
„Das war so ein Fotograf. Ganz dämliche Sache. Hier nimm mal.“
„Sind wir schon da?“
„Ja, spring raus und wirf es da bei der Hütte ins Gebüsch.“
Der Zug rollt wieder an. Der Dieb springt wieder auf.

Langsam rollte der Zug durch den Tunnel. Sie fuhren durch einen leeren, schwachbeleuchteten, verfallenen Bahnhof. Die Fenster und Türen eines Fahrkartenschalters sowie der Zugang zu einer Treppe waren zugemauert. Daneben ein vergittertes Fenster über dem das Wort „Imbiss“ stand. An den Säulen sah man die Reste alter Plakate. „Familie begeistert“ und „Seife“ konnte Bento lesen. Die Fenster der Bahnhofsgaststätte waren eingeschlagen. Der Eingang zum nächsten Tunnel war mit Stacheldrahtverhauen gesichert. Sie fuhren im Schleichgang in den Tunnel hinein. Die Wände waren mit großen farbigen Buchstaben bemalt. Quietschend kam der Zug zum Stehen. „Yellowparc II“ las Bento auf der Seitenwand. Geschrieben in großen hellblauen Lettern, die weiß umrahmt waren. Alles in allem aber eine schlampige Arbeit, die wohl in Eile ausgeführt worden war.
Auf der anderen Seite der Gleise sah Bento zwei Soldaten, die gelangweilt aus ihrem hellerleuchteten Wachhäuschen zu ihnen hinübersahen. Obwohl sie geschützt und trocken saßen, war es offensichtlich kalt in ihrer Wachstube, sie trugen dicke Uniformjacken mit Fellkragen und große Fellmützen. Vor dem Zug wurde laut diskutiert. Offenbar stritt sich der Lokführer mit einer Person, die Bento nicht sehen konnte, darüber, ob man das linke oder das rechte Gleis nehmen sollte. Nach mehreren Minuten hörte man ein lautes mechanisches Geräusch: die Weiche wurde umgestellt. Dann setzte sich der Zug ruckelt wieder in Bewegung und fuhr aus das rechte Gleis. Die zwei Wachsoldaten sahen immernoch durch die Sehschlitze zu ihnen hinüber. Einer der beiden zog seine Brille aus, hauchte sie mit seinem kalten Atem an und rieb sie anschließend an seinem rauen grünen Uniformstoff.

Die Abteiltür öffnete sich. Ein Mann trat ein, schaute erstaunt hinab zu Bento. „Und wer bist du?“
„Ich bin der Heizergehilfe. Nur der Gehilfe.“
Er nahm Bento am Kragen und zog ihn durch den Zug bis zum Lokführer.
„Der Kerl behauptet er sei der Heizer. Kennst du den, Robin?“
Robin Gores drehte sich langsam herum.
„Das ist doch der Neue. Warst du nicht dabei, als der Commander ihn vorgestellt hat?“
„Setzt dich hier hin“, sagte Gores.
Nach einer Weile:
„Wie heißt du nochmal Junge?“
„Benedikt Achenbach.“

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Bahnwärter Weihnachtsabend, Zeichnung von B. Büttner in „Die Gartenlaube — Illustriertes Familienblatt“, Nr. 51/1876

Recherche: Mötzenbestol und Carnevalsgeister

Hinweis: Dies ist ein fiktives Dokument zur transmedialen Geschichte FIREBALLS. This is a fictional document!