Der Geisterzug

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Montag, 18. November 1872
Köln, Holzgasse

Benedikt Achenbach, von seinen Freunde nur Bento genannt, hatte sein Studium in verschiedenen Fächern gerade beendet. Er wollte nicht in seine Heimatstadt Düsseldorf zurück, wo er vor 23 Jahren geboren wurde, sondern wollte zunächst in seiner alten Studentenbude in der Holzgasse wohnen bleiben. Ganz oben unterm Dach hatte er sich von der Witwe Irmchen Schmitz einen kleinen Verschlag gemietet, den er sich mit einem Taubenpärchen teilte. Seit einiger Zeit war er nun als Journalist tätig. Eine feste Anstellung als Redakteur hat er allerdings noch nicht. Bisher schrieb er ab und an einen Artikel für die Volkszeitung oder für die Gartenlaube. Mit dem verantwortlichen Redakteur des Düsseldorfer Volksblatts hatte er ebenfalls ein Gespräch gehabt, vielleicht könnte er mal einen Artikel schreiben, hatte dieser vage gesagt. Hoffentlich bekam er bald einen Redakteursposten, denn mittlerweile war er so dünn, dass man ihm bereits das Vaterunser durch die Backen blasen konnte. Schon vor Wochen hatte er einen Brief an das Wochenblatt „Über Land und Meer“ geschrieben. Er hatte angeboten einen Artikel über den Kölner Karneval zu schreiben. Den Brief hatte er an den Herausgeber, Friedrich Wilhelm Hackländer geschickt. Hackländer hatte Bentos Brief über den Verleger Eduard Hallberger an den leitenden Redakteur Edmund Zoller weitergeleitet. Dessen Antwort war nun in Köln angekommen: Bento Achenbach erhielt den Auftrag.
Bento Achenbach plante nun seinen Artikel. Dieser sollte ganz besonders werden. Seine Beschreibung des Kölner Straßenkarneval sollte außergewöhnlich werden.

Karnevalssamstag, 22. Februar 1873
Köln

Wie konnte man bei diesem Wetter nur aus dem Haus gehen? In Bentos Verschlag war es eiskalt, aber hier auf den Straßen der Altstadt war es fast wie in Grönland. Weder Mantel, Schal noch die Mütze schützten ihn ein wenig vor dem Schneegestöber und der eisig kalter Luft. Am liebsten hätte er Edmund Zoller wieder angesagt.
„Soll sich dieser feine Redakteur doch einen anderen Trottel suchen. Bei dem Wetter schickt man doch keinen Hund auf die Straße.“
„Was murmelst du da vor dich hin, Bento?“ Das war Alois Felder, der für das Fürther Tagblatt schrieb.
„Nichts für deine neugierigen Ohren.“
„Ziemlich kalt, was.“
„Wie in Grönland.“
„Hier trink!“
„Oh Gott, was ist das für ein Zeug?“
„Wärmt … das ganze hier ist nüchtern nicht zu ertragen …“

Er hatte Alois Felder zwei zuvor kennengelernt. Bento hatte abends beim XX gesessen und bei einem Glas Bier einen Bericht über seine Erlebnisse an Weiberfastnacht geschrieben.
„Ah, ein Kollege“, Felder stützte sich auf dem Tisch ab.  Er war angetrunken. „Für welches Blatt schreibt er denn?“
„Benedikt Achenbach von Wochenblatt Über Land und Meer.“
„Alle Achtung. Schickt der Hackländer nun schon junge Redakteure ins Rheinland? Ich bin der Alois Felder vom Tageblatt, vom Fürther Tageblatt, so viel Genauigkeit muss sein,“ säuselte Felder und hielt Achenbach die rechte Hand entgegen.
„Angenehm, Herr Felder. Edmund Zoller hat mich persönlich beauftragt über die Ereignisse zu schreiben.“
„Die Ereignisse. Allerhand. Der Kaiser wird am Rosenmontag wohl auf dem Wagen des Prinzen mitfahren. Hab ich gehört …“
„So ein Blödsinn.“
„Sie haben recht. Darf ich mich etwas zu Ihnen setzten? Ich schreibe auch nicht ab. Welche Ereignisse? Irgendwie ist dieses Jahr doch alles unbedeutender, wie in früheren Jahren. Allein dieses Motto: >Die Jubelfeier der Reform von 1823<.  Da schlafen einem ja die Füße ein. Früher ging das hier immer hoch her. Vielleicht liegt es am schlechten Wetter.“

Merkwürdige Gestalten trifft er beim Geisterzug am Samstag.

Diesen Leuten folgt er durch die Stadt bis zu den Bahngleisen. Ein Eisenbahnwaggon nimmt sie und ihre Beute auf.

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Bahnwärter Weihnachtsabend, Zeichnung von B. Büttner in „Die Gartenlaube — Illustriertes Familienblatt“, Nr. 51/1876
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Bahnwärter, Ausschnitt aus der Zeichnung von B. Büttner in „Die Gartenlaube — Illustriertes Familienblatt“, Nr. 51/1876

Recherche: Mötzenbestol und Carnevalsgeister

1873: Karnevalssamstag war der 22. Februar, Rosenmontag der 24. Februar

Zum Karnevals-Motto 1873 heißt es „Die Jubelfeier der Reform von 1823 (Schnee behindert den Zug)“ [(2)].

„Der sogenannte Geisterzug, der am Samstag Abend das Fest eröffnete und ebenfalls bei Schneegestöber und eisig kalter Luft einherzog, war unbedeutender, wie in früheren Jahren.“ (aus: Fürther Tagblatt, 1873)

„Daran schließt sich am Samstag Abend ein Fackelzug, der auch der >Geisterzug< genannt wird. Und nun der Karneval eröffnet. Die Tage vor Karneval ließen sich heuer vortrefflich an. Der Barometer stand so hoch wie möglich. Gäbe es in dieser Jahreszeit Laubfrösche, sie hätten sicher auf der höchsten Stufe ihrer Leiter gesessen. Am Sonntag fiel die Quecksilbersäule aber in höchst bedenklicher Weise. Dennoch verlief der Sonntag ganz gemüthlich.“ (aus: Über Land und Meer: allgemeine illustrirte Zeitung, 1873)

Zum Wetter: Barometer hoch = steigt das Barometer, ist schönes Wetter in Aussicht; Laubfrosch auf der höchsten Stufe = früher glaubte man, Laubfrösche könnten das Wetter vorhersagen, man hielt sie daher in Gläsern. Saß der Frosch oben auf der Leiter im Glas, sollte es gutes Wetter geben. Sinkt die Quecksilbersäule des Barometers, es steht tief, wird das Wetter schlecht.

22. Februar 1873
„Die Züge sind schon stark besetzt, weil man des eben stattfindenden Fackel- und Geisterzuges, des ersten Umzuges, nicht verlustig werden will. Dieser Zug, in welchem alle Erd-, Luft-, Feuer- und Wassergeister in den möglichst phantastischen und bizarren Kostümen ihre Vertretung fanden, war lang und prachtvoll wie immer. Daß beinahe alle Nationen des Erdballes sich hier ein Stelldichein gegeben hatten, wurde man nicht allein an der Kleidung, sondern auch an der Sprache gewahr. Allerorten, wo der Zug vorbeifuhr, leuchteten bengalische Flammen auf, was den ohnehin schon mit den verschiedensten Lampignons reich ausgestatteten Zug in das vorteilhafteste Licht versetzte und einen feenhaften Anblick gewährte. Nach der Beendigung des Zuges begann das Karnevalstreiben in den Gasthöfen, Restaurationen und öffentlichen Wirtschaften und währte bis zum Morgen, als ob kein Mensch der Welt jemals den unfruchtbaren Gedanken gehabt hätte, das Gespenst der Polizeistunde zu erfinden.“ (aus: Der Sammler, Beilage zur Augsburger Abendzeitung vom 27. Feb. 1873)

Hinweis: Dies ist ein fiktives Dokument zur transmedialen Buchreihe Bookattack – Living in Books. This is a fictional document!