Gesucht wird Titus Flavius Vespasianus

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Köln
Ostersonntag, …

Nachdem am Nachmittag auch endlich die Osterather Verwandtschaft eingetroffen war, brach man in den Park auf, um mit den Kindern Ostereier zu suchen. Leo und seine Schwester Hedwig liefen etwas vor und verstecken die Eier. Wenig später wurde dann das Kommando zur Suche gegeben.

„Das Ei hatten wir schon mal.“ (Kind)

„Am Bahnhof sprachen sie davon, dass ins Museum Wallraf-Richartz eingebrochen worden ist. Du weißt doch sicher mehr darüber.“
„Nein, davon habe ich noch gar nichts gehört.“
„Jetzt diese Tage, so habe ich es verstanden.“
Jakob zu seiner Frau. „Viktoria. Hast du heute etwas von einem Raub im Museum gehört.“
„Was? Wann soll, denn das passiert sein?“
„Gestern, vielleicht vorgestern. Onkel Gerhard hat so was am Bahnhof gehört.“
„Wie gesagt, es wurde von geklauten Bildern und Büsten im Wallraf erzählt.“
„Moment, dass kriegen wir schnell raus.“ Viktoria lief durch den Park und sprach mit einer anderen Familie.
„Tatsächlich. In der letzten Nacht ist jemand ins Museum eingestiegen. Es sind wohl Gemälde von Sammet-Brueghel, Rubens und Anton van Dyck gestohlen worden. Und im Erdgeschoss auch Büsten.“

Ostermontag, …

Sein Freund Polizeikommissar Franz Behrens konnte den Raub ebenfalls bestätigen. „Hier im dritten Katalog des Museums aus dem Jahr 1872“, er blätterte auf die entsprechende Seite, „war die Büste als Nummer 14 bei den römische Altertümern aufgelistet. Im Erdgeschoß hatte sie zwischen den Büsten des Mercur und des Kaisers Vitellius gestanden. Der Gesuchte wird wie folgt beschrieben: >1 Fuß hoch, 11 3/4 Zoll breit, 11 Zoll tief. Die Spitze der Nase ist wohl mal verloren gegangen. Das Haar ist zierlich in Locken gelegt. Aus dem freundlich blickenden Auge spricht herzliche Güte. Die Backen sind voll, das Kinn tritt etwas zurück.<“
„Wie lautet der volle Name des Gesuchten, Herr Kommissar?“
„Titus Flavius Vespasianus.“
„Gesucht wird Titus Flavius Vespasianus.“

titus
Titus-Büste in Florenz (Uffizien).

Die Gaststätte von XX hatte geschlossen. Erst mach mehrmaligen klopfen wurde ihnen von XX, Böhm-Winters Schwester geöffnet. Über die schmale Treppe erreichten sie das Obergeschoss, wo sich Professor Böhm-Winter für einige Wochen eingemietet hatte. Den größten Teil des Jahres verbrachte er in Griechenland oder Italien. Hier in Köln arbeitete er an seinen Büchern und hielt Vorträge über seine Reisen und Ausgrabungen. Die Schwester war vorgegangen und klopfte nun an: „Hartrad, du hast Besuch.“ Zuerst hörte sie ein paar dumpfe Geräusche, dann ein müdes: „Moment.“
„Es war sicher über seiner Arbeit eingeschlafen. Der Arme arbeitet bis spät in der Nacht an seinen Texten.“
Wenige Minuten später öffnete der Privatgelehrte die Tür und bat sie mit einem freundlichen Lächeln in sein Zimmer. „Ich bitte vielmals um Entschuldigung, dass ich Sie habe warten lassen. Ich war ein wenig zerstreut. Kommen Sie rein, nehmen Sie Platz.“
„Nett von Ihnen das Sie uns so früh empfangen.“
„Der Herr Fotograf. Jetzt erkenne ich Sie erst. Einen Moment ich räume die Stühle frei.“
„Sie schreiben noch an Ihrem neuesten Buch?“
„Ist immer noch nicht fertig. Ich muss noch einiges durcharbeiten und in vierzehn Tagen soll das Manuskript fertig sein. Aber das soll jetzt nicht Inhalt unseres Gespräches sein, nicht wahr? Was kann ich für die Herren tun?“
„Darf ich Ihnen meinen Freund Polizeikommissar Franz Behrens vorstellen. Franz, Hartrad Böhm-Winter. Er ist ein Experte für die Altertümer der Griechen und Italiener.“ Die beiden schüttelten die Hände.
„Nun Herr Böhm-Winter, Sie haben doch sicherlich vom Einbruch im Wallraf-Richartz Museum in der Nacht zum Sonntag gehört.“
„Aber sicher. Ich habe gestern schon mit dem Direktor gesprochen. Ein schrecklicher Frevel. Wir können nur hoffen, dass die Kunstwerke von den Ganoven nicht beschädigt werden. Denken Sie nur, die Diebe würden die Titus-Büste fallen lassen, sie würde in tausend Stücke zerspringen. Hoffentlich haben diese Leute ein wenig Feinsinn.“
„Sie kennen sich doch sehr gut im Geschäft aus. Was denken Sie, werden die Diebe nun mit den Kunstwerken machen. Sie werden doch sicherlich keine Annonce in der Kölnischen Zeitung oder der Allgemeinen Zeitung schalten.“
„Nein, nein. Das waren Auftragsdiebstähle. …
Ein so bekanntes Bild,  so wie geraubte von Peter Paul Rubens, kann man schwerlich einfach so auf dem Markt anbieten. … Vielleicht hat man eine Chance, wenn man sich per Zeitungsannoce als Interessent von solchen bedeutenden Kunstwerken vorstellt.“

„Natürlich nicht, in dem man schreibt: Würde gerne die gestohlene Titus-Büste kaufen. Nein, man gibt sich als Kunstsammler aus. Als Sammler mit sehr viel Geld.“
„Wen könnten wir da ansprechen?“
„Ach, Herr Behrens, dass fragen Sie mich. Ich kann sicherlich in meinem Bereich echte Werke von Fälschungen unterscheiden, aber bezahlen kann ich sie nicht. Da sollten Sie sich in den Kreisen Ihres Vatern oder Ihres Schwiegervaters umhören. Fabrikanten oder Bankiers.“

 

 

Eine Falle wird vorbereitet. Die Ermittler wollen die Statue kaufen. Die Falle schnappt zu. Die Kunstgegenstände werden in einem Versteck etwas ausserhalb von Köln gefunden.

Hartrad Böhm-Winter konnte als Experte helfen.


Hartrad Böhm-Winter, geb. 1817 in Eupen. Sohn des Weinhändlers Franz Josef Hartrad Böhm-Winter und dessen Gattin Franziska Alt. Besuch der Stadtschule in Eupen, später Realgymnasium in Aachen. Nicht abgeschlossen. Dann Ausbildung als Bierbrauer in Erkelenz. Er zog nach Köln, richtete sich dort eine kleine Bierbrauerei mit Gaststätte ein. Bereits in seiner Zeit in Aachen hatte er begonnen sich nebenher mit Altertumswissenschaft zu beschäftigen. Er träumte davon eigene Ausgrabungen durchführen zu können. Schon mit 20 Jahren machte er eine Reise nach Griechenland und schrieb seinen ersten Reisebericht, der von einem Verlag in Leipzig veröffentlicht wurde. Während sein Schwager … und seine Schwester Brauerei und Gaststätte leiteten reiste er ab 1837 nach Südeuropa und Nordafrika und führte dort Ausgrabungen durch. Ein Teil seiner Schätze konnte man in seinem Lokal bestaunen. Er schrieb noch ein paar Bücher über seine Reisen und Ausgrabungen. Er war einer jener Laienforscher, es sie zahlreich in der Archälogie im 19. Jahrhundert gab. Er war Mitglied in Geschichts- und Altertums-Vereien, schrieb Artikel für Tageszeitungen und auch für Fachorgane. Er lebte als Privatgelehrter in Patras (Griechenland), Brindisi (Italien) und in Köln.

(Lesehinweis: Florian M. MüllerGraben, Entdecken, Sammeln: Laienforscher in der Geschichte der Archäologie Österreichs“, 2014)

Hinweis: Dies ist ein fiktives Dokument zur transmedialen Buchreihe FIREBALLS. This is a fictional document!