Kleine Diebe

Wuppertal
Mittwoch, 18. April 1945

Während Marthe Hünighusen und Agnes Müller in der Kochnische den Kartoffelkuchen zubereiteten, saßen ihre Männer, Herrmann Müller und Paul Hünighusen, am Tisch und überlegten wie sie in der Nacht ins Polizeipräsidium kommen könnten. Noch bis vor wenigen Tagen waren sie beide Polizisten in Elberfeld gewesen.
Am 14. April hatte die Artillerie der Alliierten Wuppertal beschossen. Nun geriet alles komplett aus dem Ruder. Es herrschten chaotische Verhältnisse. In den nächsten Tagen durchstreiften Plünderer die Stadt. Es gab niemanden der sie aufhielt. Als die Amerikaner am 16. April in die Stadt einmarschierten, wurde sogleich das Polizeipräsidium besetzt, die Polizisten entlassen und viele Polizisten waren sogar verhaftet worden. Müller und Hünighusen wurden nicht verhaftet. Aber da die Wuppertaler Polizei aufgelöst worden war, hatten sie nun keine Arbeit mehr. Vielleicht würden sie auch nie mehr als Polizisten arbeiten können. Ihre Personalakte würde aber sicherlich demnächst hervorgeholt und je nachdem was da drin stand, würde es vielleicht allgemein schwer irgendeine eine neue Arbeitsstelle zu finden.

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Das Rezept für den Kartoffelkuchen von Marthe Hünighusen. (Infos zum Bild).

„Vielleicht gehe ich auch in eine Fabrik arbeiten …“, sagte Herrmann Müller. Er glaubte nicht daran, dass man sie wieder als Polizisten eingestellen würde.
„In die Billardfabrik in Oberbarmen, so wie dein Vater?“ Paul Hünighusen lachte über seinen Kollegen.
„Davon hast du und ich keine Ahnung.“
„Und deshalb ist es besser du bleibst bei der Polizei. Wir müssen nur etwas unsere Personalakten frisieren, dann nehmen die uns wieder.“
„Die Amis bewachen nun nach den Plünderungen das Polizeipräsidium rund um die Uhr.“
„Mensch Herrmann, du willst doch Bulle bleiben, oder? Das war doch nicht unsere Idee in der Ukraine einundvierzig. Dafür können wir nichts. Befehl ist Befehl.“
„Pah.“ Müller sah dies anders. Er fühlte sich schuldig. Von der Idee die Akten zu manipulieren war er nicht überzeugt. „Aber wenn es jemanden auffällt, dass in der Akte was fehlt.“
„Na und? Woher sollen die denn wissen was fehlt. Bei anderen fehlt nicht nur die Personalakte, die haben noch viel mehr verbrannt. Da sei dir mal sicher.“
Herrmann schnuppert in Richtung Kochnische. Er wedelt sich den Duft des Kartoffelkochens in die Nase. Es schließt die Augen.
„Herrlich, dieser Duft.“ Er steht auf und lehnt sich an den Türrahmen. „Hast recht, Paul. Von anderen fehlt nicht nur die Akte, die sind ganz über alle Berge. Das könnt ich nicht. Hier alles zurück lassen. Frau und Kinder. Und die kriegen jetzt nicht so einen feinen Kartoffelkuchen.“
Auf einem Holzbrett bringt Marthe die Springform mit dem Kartoffelkuchen.
„Ah, dein allseits beliebte Kartoffelkuchen“, sagt Herrmann verlegen, als Marthe Hünighusen die Backform auf den Tisch stellte.
„Zur Feier des Tages.“ Mathe Hünighusen strahlte. „Vorsicht heiß.“
„Ob es was zu feiern gibt, werden wir erst noch sehen.“ Herrmann schaute finster in die Runde. „Die Amis werden uns nicht verschonen. Nach all dem was hier noch in den letzten Wochen passiert ist.“
„Herrmann, darüber wollen wir jetzt nicht reden“, sagte Agnes Müller.
„Wenn es nach mir gehen würde, dann würden wir nie mehr drüber reden. Aber ich fürchte, die werden immer wieder … Das ist jetzt aber mal ein Aufatmen, nach dem ganzen Gehetzte, den ganzen Alarmen.“
„Jetzt geht’s ans Aufräumen.“
Marthe schob ein Stück Kuchen auf die Schaufel. „Gib mal deinen Teller, Herrmann.“ Er reichte den Teller. Marthe schob ein Stück des Kartoffelkuchens drauf. „Ich hoffe er ist durch. Der war über eine Stunde im Ofen …“
„Sieht doch gut aus …“, meinte Paul. „Sollen wir erst mal froh sein, dass wir noch leben und ein Dach überm Kopf haben.“ Die Familie Hünighusen hatte sich notdürftig in einem Kellerraum ihres Mietshauses eingerichtet. Das Haus selber war wie viele andere schwer beschädigt. Hermann wohnte mit Frau, dem Sohn und der Schwiegermutter in einer Laube in Unterbarmen.
Nach dem ersten kleinen Kuchenstück lehnte sich Paul genüßlich in seinem Stuhl zurück. „Die Kruste schmeckt vorzüglich.“
So gut hatten sie schon seit Monaten nicht mehr gegessen.

***

Paul und Herrmann brachen nach zwei Uhr auf. Sie schätzten, dass sie über eine halbe Stunde bis zum Polizeipräsidium brauchen würden. Trümmerberge, Schutt, Autowracks und liegengebliebene Militärfahrzeuge machten ihnen das Fortkommen durch die unbeleuchteten Straßen nicht leicht. Zudem mussten sie sich vor Minen, Blindgängern und herumliegender Munition in Acht nehmen. Auch waren in den Ruinen Plünderer unterwegs, die, wenn man ihnen begegnete, auch selten Spaß verstanden.
Sie kamen an der Fabrik Vogel & Niess vorbei. Der Eigentümer Peter Niess war von den Amerikanern verhaftet worden. Der Sohn, Walter Niess, ein Vetter von Paul, war als Soldat an der Ostfront. Gedanken verloren trottete Paul über die Schuttberge hinter Herrmann her. Er musste an seinen Stiefbruder Thomas denken, der war ein geborener Niess. Ihre Mutter Susanne war zunächst mit dem Steinbrucharbeiter Christian Niess verheiratet gewesen. Als dieser 1909 nach einem Unfall in einem Lindlarer Steinbruch starb, hatte die Mutter später Johann Hünighusen geheiratet. Christians Bruder, Peter Niess, hatte in Elberfeld in die Familie Vogel eingeheiratet und sich an deren Chemischen Fabrik beteiligt, die nun als Vogel & Niess firmierte. Die Firma war sehr erfolgreich, so dass sich Peter Niess in Barmen ein altes Patrizierhaus hatte kaufen können. Es lag direkt an der Wupper in der Unterdörnen Straße. Im Unterdörnen standen einige große, zwei- oder dreigeschossige Häuser, die ganz mit Schiefer verkleidet, mit weißen Tür- und Fensterrahmen und grünen Schlagläden versehen waren. Als Paul 1935 seinen Dienst bei der Polizei im Wuppertal antrat, hatte er die ersten Monate beim Stiefonkel in einer Dachkammer im Mittelgiebel gewohnt. Seine Kammer war winzig und ursprünglich gar nicht als Wohnraum gedacht. Während die Treppe unten mit einem fein geschnitzten Treppenanfänger und einem ebensolchen Treppengeländer begann, war sie oben unter dem Dach mehr eine Leiter. Auch gab es oben keine prächtige doppelflügeligen Innentüren, sondern nur noch eine schmale notdürftig zusammen gehauene Tür. Zum Frühjahr 1936 hatte Paul sich dann eine Wohnung in Elberfeld gesucht. Er wohnte zur Untermiete in der Lohsgasse. Das Haus des Onkels wurde bei einem Luftangriff der Briten im Frühsommer 1943 schwer beschädigt. Die Familie konnte das Haus nicht mehr bewohnen. Ihre Fabrik in Elberfeld war ebenfalls komplett zerstört. Aber wenige Monate später hatte man dort wieder etwas produziert.
Nun hatten die Amerikaner hier aber alles fest verriegelt. Es wurde gemunkelt, dass die Niess auch Rüstungsgüter hergestellt hatten. Von einem Gas war die Rede gewesen.
Paul und Herrmann machten zunächst einen großen Bogen um das Polizeipräsidium. An der Adolf-Hitler-Straße wurde das Gebäude sicher scharf bewacht. Sie wollten über die Rückseite an das Gebäude ran. Von der Unterdenkmalstraße bogen sie ab, kreuzten dort die Bahngleise. Liefen die parallel zu den Gleisen verlaufende Siegesstraße bis zur Bahnunterführung an der Unionstraße. Über die Besenbruch Straße näherten sie sich langsam dem Gebäude des Polizeipräsidiums.
„Lass uns warten bis die Wachen vorbei sind, dann klettern wir rüber“, flüsterte Paul. Es dauerte 20 Minuten bis zwei GIs die Besenbruch Straße entlang spazierten. Als sie außer Sichtweite waren kletterten die beiden ehemaligen Polizisten über die Mauer auf dem Hof des Polizeipräsidiums. Auch hier war niemand zu sehen. Sie zerbrachen ein weiteres Fenster und stiegen ein.
Herrmann Müller und Paul Hünighusen schlichen durch den Flur der dritten Etage. Aus den seit Wochen besetzten Städten weiter westlich wussten sie, dass wer Polizist bleiben wollte, eine saubere Personalakte haben musste – hatten sie gehört, dachten sie sich. Deshalb waren sie nun hier. Beide waren während des Krieges an Polizeiaktionen beteiligt gewesen, die man ihnen zum Nachteil auslegen konnte. Sicher, sie waren im Vergleich zu anderen kleine Fische, aber ob sie darauf bauen konnten? Sie wollten kein Risiko eingehen. Lieber eine Akte mit Lücken, als eine mit Kriegsverbrechen.
Im Personalbüro waren sie nicht regelmäßig gewesen, aber der Weg zum Büro von Frau Kuhn und Fräulein Bendel war ihnen vertraut. Die Bürotüre zu öffnen und in das Büro zu gelangen war noch einfach, doch in welchen der Aktenschränke ihre Personalakten waren, mussten sie erst raus finden. Nachdem sie sich eine Viertelstunde durch einen Wust von Formularen und Protokollen gekämpft hatten, hatten sie endlich die Personalakten gefunden.
„Hier, Müller, Herrmann, geboren am 12. April 1914 in Remscheid“, Paul Hünighusen warf seinem Freund die Akte zu und suchte dann nach seiner eigenen.
„Hünighusen, Paul, geboren am 7. September 1915 in Lindlar. Ja, das bin ich.“
Sie blätterten durch ihre Akten.
„Da stehen ja ein paar Dinge, die sich nicht schlecht anhören,“ flüsterte Herrmann.
„Tja, die kannste schlecht lassen und den Rest durchstreichen. Besser raus damit. Jedenfalls die Beteiligung an den Aktionen.“
Beide entnahmen je eine Seite aus ihrer Akte und steckten sie ein. Als sie das Büro verließen, sah es fast genauso aus wie vorher.
„So, nun schnell raus.“ Herrmann lief vor zum Treppenhaus. Im Erdgeschoss lief Paul weiter.
„Hier geht’s raus.“
„Lauf schon mal vor, Herrmann. Ich muss noch ins Archiv. Privatangelegenheit.“
„Was? Kannste das nicht vorher sagen?“
„Hab’s vergessen.“
„Vergessen? Du Idiot. Los mach schon! Ich steh Schmiere.“
Paul hatte noch nie direkt mit ihnen zu tun gehabt. Sein Vater Johann Hünighusen war aktives Mitglied bei ihnen gewesen. Und auch Gesa, seine jüngere Schwester rannte ständig zu ihren Treffen. Er sollte für sie die Akte zum Fall XC besorgen. Weder der Fall noch der Name sagte ihm etwas. Als er endlich die Akte fand, enthielt sie nur zwei Blätter. Abgewetztes, brüchiges Papier. Paul überflog den Text kurz, schüttelte verständnislos den Kopf und steckte das Papier ein.
Herrmann Müller gab vor der Tür leise ein Signal. Die Wachen kamen das Treppenhaus hinunter. Paul und Herrmann versteckten sich hinter einem Aktenwagen, der in einer Nische stand.
„Mist, die entdecken uns.“
„Still!“
Zwei GIs schlenderten den Flur runter.
„Just a moment … Is anybody here?“
„Come out!“
Die Amerikaner standen drei Meter von ihnen entfernt.
„Nobody here.“
„But I heared something …“
„Yeah, perhaps a lazy Nazi Cat.“
Sie drehten ab und verschwanden im Gang.
Überstürzt liefen Müller und Hünighusen zu ihrem offenen Fenster, überquerten Hof und Mauer, und landen auf der anderen Seite, als Gerade die Wachen um die Ecke bogen. Eine Sekunde später liefen alle vier Männer die Besenbruch Straße in Richtung Bahngleise runter.
Über den Unterbarmer Friedhof liefen Paul und Herrmann hoch in den Christbusch. Bis ganz nach oben schafften sie es nicht. Sie schlugen sich zum Böhler Weg durch. Sie wollten sich unten in der Maschinenfabrik an der Bendahler Straße verstecken.
Sie blicken zurück zum Friedhof, wo die GIs noch mit Lampen nach ihnen suchten. Sie hatten sie abgeschüttelt.
Als sie hinab zum Böhler Bach liefen setzte bereits die Dämmerung ein. In einer Stunde würde es hell sein. Seit dem 2. April war Sommerzeit, es blieb also noch etwas länger dunkel, dies wollten sie für sich nutzen. Tagsüber war es fast 18 Grad gewesen. Nun waren es aber nur noch 2 Grad. Schwitzend und frierend warfen sie sich ins Gras hinter einem Schuppen der Maschinenfabrik.

***

Paul zog die beiden Blätter aus der Tasche.

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[ Anfang fehlt] Mit 22 Jahren bin ich weg aus meiner Heimatstadt Verden an der Aller. Dort war ich am 5. Februar des Jahres 1804 als Sohn von Friedrich Lürmann und Ada Lürmann, geb. Urban geboren. Mit anderen Leuten aus der Gegend kam ich nach Liverpool. Einige davon wollten weiter nach America. Das Königreich Hannover und England gehörten noch zusammen damals, was es für uns einfacher machte. Ich ging in die Zuckerfabriken arbeiten. Dort wurde aus den Kolonien eingeschifftes Zuckerrohr mit Hitze zu Zucker verarbeitet. Ich war zeitweise beim Sugar Boiler Joseph Heap tätig. Darauf bei William Hutchinson in der Temple Street, der eine Sugar Refinery betrieb. Man schätzte uns dort als Deutsche sehr. Wir haben hart gearbeitet und waren immer fleissig. Es waren einige Deutsche hier in den Zuckerfabriken. Ich kannte rund 30 von ihnen, es werden aber noch mehr gewesen sein.

Die meisten von uns waren Protestanten. In den vierziger Jahren bekamen wir den Pastor Himmelberg, der die Messen in deutscher Sprache hielt. Pastor Himmelberg kümmerte sich um uns Zuckerarbeiter, aber auch um die deutschen Matrosen im Hafen. Bei einen seiner Touren traf er dort auf Deutsch sprechende Kinder. Diese bettelten die Leute an. Er bat uns darum um Hilfe, er dachte wohl es wären die unseren. Mit zwei, drei Mann begleiteten wir Pastor Himmelberg. Nach einer Weile trafen wir auf die Kinder. Zunächst verstanden wir sie nicht, sie redeten ein Kauderwelsch zwischen Deutsch und Englisch. Aber selbst die deutschen Worte waren nicht immer zu verstehen. Wir vermuteten sie würden aus der Cölner Gegend kommen. Ein anderer meinte, er hätte jemanden gekannt, der ähnlich gesprochen hätte, der sei aus dem Bergerland [Handschriftliche Randnotiz: gemeint ist das ehemalige Herzogtum Berg] gewesen.

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„Diese bettelten die Leute an.“

Gott sei Dank war es keine der unsrigen [neue Seite] Kinder. Meine eigenen waren auch bereits älter. Tags drauf sind wir zu zweit nochmal in die Gegend. Wir trafen wieder auf diese Kinder und weitere mehr. Wir gaben uns dieses Mal nicht zu erkennen. Hielten stattdessen einigen Abstand und folgten ihnen durch enge und dunkele Gassen. Bis hin zu einem Hof, wo sie von einer Frau empfangen wurden. Gleich dort entleerten die Kinder ihre Taschen. Zum Vorschein kam allerlei Schmuck, Ketten und Kleinkram. Bestickte Leinentücher waren auch dabei. Auch Obst gaben die Kinder der alten Frau. Erst dann gingen alle ins Haus. Wir gingen wenig später gleichfalls durch die Türe. Wir horchten an der Tür zur Kammer. Dort hörten wir Tellergeklapper, viel Geschrei von den Kindern und auch von einem Mann, der von den Kindern Ruhe verlangte. Er befahl den Kindern in Englisch zu sprechen. Als wir gerade überlegten, was nun zu tun sei, öffnete sich die Tür. Wir konnten gerade noch ins Dunkel springen. Hinaus kamen vier oder fünf Mädchen. Sie waren lasterhaft gekleidet, es war offensichtlich, dass sie in den Gassen am Hafen den Matrosen ihre Dienste anbieten wollten. Daraufhin verliess auch die alte Frau mit einem Korb bepackt das Haus. Mein Begleiter flüsterte mir zu, dass die Frau wohl das Diebesgut des Tages verkaufen wolle. [neue Seite] Draußen hatte es geblitzt, aber ohne Donner. Als das Kindergeschrei weiter von oben aus dem Haus kam, trauten wir uns wieder aus der Ecke. Doch gerade als wir aus der Tür zum Hof traten, stand plötzlich ein Mann vor uns. Nach einem Wortwechsel und Geschubse zog der andere ein Kugel aus seiner Tasche und  [Satz nicht lesbar] [Wir] traten ihn gegen die Beine und er knickte ein. Der Mann lag auf dem Boden. Er hob nun flehend seine Hände. Er sei nicht von hier, meinte er, er wäre nur zu Besuch in unserer Welt. Wir sollen ihn nicht töten, er würde in seine Welt zurück gehen. Vielleicht könne er den Kindern helfen. Wir gingen ein paar Schritte zurück. Johannes Gierlich würde er heißen, wir sollten keine Angst haben. Dann wurde es hell und er war weg. So schnell wie möglich liefen wir vom Hof.
Noch in der Nacht berichteten wir dem Pastor was wir gesehen und erlebt hatten. Ließen aber die Sache mit dem Fremden weg. Ich habe bis jetzt auch nie wieder mit jemanden drüber gesprochen. Vielleicht haben wir es uns nur eingebildet. [die folgenden zwei Sätze sind durchgestrichen]
Du musst wissen, damals war es keine Seltenheit, dass Kinder zu Dieben wurden. Aber wir fragten uns alle, woher denn diese Kinder kamen. Es waren keine von uns Arbeitern, auch nicht von den deutschen Kaufleuten. Die Idee war, es seien Kinder von Americafahrern, die damals noch nicht so zahlreich waren, die um die Schiffreise bezahlen zu können, die Kinder verkauft hätten. Einen Beweis dafür fanden wir aber nicht.
Du wirst staunen, wenn ich dir nun schreibe, wie es wirklich war. Der Pastor hat ermitteln können, dass die Kinder tatsächlich aus dem Rheinland waren. Dort hatte man den Eltern versprochen, die Jungen und Mädchen gegen ordentliche Bezahlung zu wohlhabenden Herrschaften in Dienst zu geben. Nach ein paar Jahren hätten sie zurück gekonnt und den Eltern ihren Verdienst geben sollen. Aber hier kamen sie nicht zu den Herrschaften, sondern sie wurden zu Bettlern, Dieben und Freudenmädchen gemacht. So wie wir es gesehen haben. Das es ihnen gut geht, darum kümmerte sich der Pas[tor.] [Ende fehlt]

[aus einem Text (Ausschnitt/Adressant Helena Fincken, geb. Lurmann) aus dem Jahr 1864 von Gottlieb Lurman)

Paul faltete den Brief wieder zusammen. Die konnten ihn mal kreuzweise. Wenn sie den Brief wollen, dann sollen sie ihn sich holen.

Köln, Polizeiwache
Samstag, 12. Februar 1949

Paul Hünighusen zog sein graues Büchlein aus der Uniformtasche. Vorne stand in Großbuchstaben „Die Polizeibehörde der Stadt Köln – Chef der Polizei“. Er hatte die fünfte Fußstreife gerade beendet und notierte dies in sein Büchlein. Im hinteren Teil unter „Gestohlene Fahrzeuge“ notierte er einen PKW, Marke Volkswagen und ein Krad, Marke Zündapp. Gleich würde er die dritte Fußstreife beginnen.
„Gibt’s etwas Neues?“, fragte er seinen Kollegen, Wachtmeister Köhler.
„Ja, wir haben eine neue Person auf der Fahndungsliste“. Köhler schaute auf einen Zettel.
Er öffnete erneut sein Büchlein, schlug die Rubrik „Gesuchte Personen“ auf.
„Ich höre.“
„Gegen den Inhaber einer Kohlenhandlung, Johann Wolff, geb. 18.6.16 in Siegen besteht Haftbefehl. Er hält sich in Köln verborgen. Ist hier unterwegs mit einem PKW, einem Opel Olympia, Baujahr 1947…“
„Moment nicht so schnell. >… in Köln verborgen.< Weiter!“
„Ist hier unterwegs mit einem PKW, ein Opel Olympia, Baujahr 1947, Kennzeichen BR-567-435. Beschreibung der Person. Hast du?“
„BR-567-435. Ja, weiter.“
„Beschreibung der Person: 1,67 groß, dunkelblondes Haar, blaue Augen, schlanke Figur, trägt ein hellbraunes Jackett, gelbes Hemd, Kappe.“
„Gesucht wegen was?“
„Wegen schwerem Verbrechen. Mehr wurde nicht mitgeteilt.“ Er hatte alles in sein graues Büchlein notiert. Vorne schrieb er rein: „11.00 Uhr – F-Streife 3 begonnen.“ Er verabschiedete sich mit einem „Bis später“ von Köhler und trat die Fußstreife 3 an.
Kaum war er auf der Straße, wurde sein Namen gerufen. Er drehte sich um. Neben dem Eingang zur Wache stand seine Schwester Gesa und ein Mann im einem dunklen Anzug und einem ebensolchen Hut.
„Gesa, was machst du denn hier?“
„Wir müssen dich sprechen.“
„Weshalb?“
„Der Brief. Du solltest für uns den Brief besorgen. Hast du ihn?“
„Na, du bist vielleicht lustig. Das ist doch schon ewig her. Da kommt ihr erst jetzt an.“
„Ich wusste nicht, dass du nicht mehr in Elberfeld wohnst.“
„Ich hab Vater aber geschrieben, dass ich eine Stelle hier bekommen habe.“
„Hast du die Akte?“
„Es ist ein Brief. Zwei Seiten. In meiner Wohnung. … Guten Morgen, Herr Inspektor … Hör mal, dass kann ich nicht hier mit dir besprechen.“
„Wir begleiten dich zu deiner Wohnung.“
„Was bist du völlig verrück. Ich bin auf Streife.“ Paul ging los.
„Wir kommen um 19 Uhr bei dir vorbei. Wo wohnst du?“
„xxx Straße 14, dritte Etage, bei XX klingeln.“

Köln, xx Straße
kurz nach 19 Uhr

„Hast du den Brief gelesen?“
„Ja, mehrmals. Nett, aber was wollt ihr damit?“
„Der Brief wurde 1864 versendet und zwar von einem Gottlieb Lurman. Dies hängt alles damit zusammen, was Onkel Jakob damals herausbekommen hat. Du erinnerst dich an Jakob Hünighusen, den Fotografen?“
„Ja, ich erinnere mich. Er hat uns oft besucht. Und der Brief hat mit seinen Forschungen zu tun? Beschäftigt ihr euch mit diesen Dingen?“
„Wir versuchen endlich dahinter zu kommen.“
„Die ganzen Jahre schon?“

Hinweis: Dies ist ein fiktives Dokument zur transmedialen Buchreihe Bookattack – Living in Books. This is a fictional document!