Die Krefelderin

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Die Krefelderin mit modischem Regen-Capote (aus „Der_Basar“, 1871).

+++ Folgende Ereignisse stehen an: 15. Oktober 1880, Der Kaiser in Köln und 16. Oktober 1880, Historischer Festumzug zur Domvollendung.

Herbst 1880
Zug von Osterath am Niederrhein nach Köln

Der kompletter Osterather Teil der Familie Hünighusen hatte Jakob zum Bahnhof gebracht. Nur die beiden ältesten x und y, die beide bereits verheiratet waren, waren nicht dabei. Er verabschiedete sich von seinem Onkel Gerhard, seiner Tante Berta, seinen Vettern Willi und Leo und seiner Cousine Hedwig. Die beiden Hunde bellten wild.
„Und ihr wollt auch eine Umarmung haben.“ Jakob ging in die Knie und drückte sich fest an Matteo. „Wen ich den seh‘, muss immer an Pompo und Bassa denken. Wie lange sind die jetzt schon tot?“ Pompo und Bassa waren die zwei Hunde, die die Hünighusens hatten, als Willi und Jakob noch Kinder waren.
„Ach Gott, Jakob. Die sind doch schon lange tot. Sicher schon zehn Jahre.“ (Berta)
„Solange noch nicht. Vielleicht fünf.“ (Gerhard)
„Nein, länger.“ (Berta)
„Bassa ist zuerst gestorben, Pompo erst ein paar Jahre später.“ (Leo)
Beide waren freundliche Hunde gewesen, so wie Matteo. Den anderen Hund, Ricki, mochte Jakob nicht so gerne. Er knurrte oft grundlos und schnappte manchmal. Er erhielt von Jakob nur einen Klapps, was für Ricki einer Umarmung gleichkam.
Jakob Hünighusen hatte seiner Verwandtschaft in Osterath ein paar Tage bei Arbeiten geholfen. Nun fuhr er mit dem Zug zurück nach Köln. Schnaufend näherte sich bereits der Zug aus Krefeld. Er stieg ein. Leo reichte ihm noch seinen kleinen Koffer. Er suchte sich einen Platz im Abteil. Öffnete dort das Fenster.
„Dann bis zum nächsten Mal. Wir sehen uns spätestens Weihnachten.“ Der Zug fuhr los. Allgemeines Winken.
In Jakobs Abteil saßen ein Mann, der das Berliner Tageblatt las und ein Mädchen, welches nach Jakobs Schätzung so alt wie er war. Er setzte sich auf den freien Platz ihr gegenüber. Sie schaute kurz von ihrem Buch auf. Sie lächelte ihn an. Er lächelte zurück. Ihr Buch trug den Titel „L’Assommoir“ und war von einer Person mit dem Namen Émile Zola. Jakob kannte den Autor nicht, vermutete aber aufgrund des Buchtitels, dass er aus Frankreich war.
„Le train va à Cologne“, (Der Zug nach Köln) sagte Jakob. „Tu conduis le train Cologne?“ (Du fährst den Kölner Zug?)
„Ja. Und du fährst den Frankreich Zug?“
Der Mann neben Jakob senkte für einen Augenblick seine Tageszeitung, schüttelte leicht den Kopf und hob die Zeitung dann wieder an.
„Nein, ich fahr auch nach Köln. Ich dachte du wärst Französin, wegen dem Buch.“
„Ich lese oft französische Bücher. Die wenigsten davon werden ins Deutsche übersetzt.“ Jakob: Erbfeind
„Worum geht es denn in dem Buch? Der Titel sagt mir nichts. Aber ich kann auch kaum Französisch. Wie du sicherlich schon gemerkt hast.“
„Es geht um Gervaise Macquart, eine Wäscherin, die einen Mann heiratet, der nicht mehr arbeiten kann und zum Säufer wird. Sie wird ebenfalls zur Trinkerin. So weit bin ich nun.“
„Klingt nicht nach einer Liebesgeschichte.“
„Nein, gar nicht. Jedenfalls hält ihr Glück nicht lange. Ihr Mann kann – oder will – nach einem Unfall nicht mehr arbeiten. Gervaise muss hart arbeiten. Sie hat eine kleine Wäscherei.
Zola beschreibt die Welt wie sie ist. Mit allem Elend, aller Hässlichkeit und nicht so romantisch verklärt, wie manch anderer. Und was liest du gerne?“
„Naja, viel lese ich nicht. Als Kind habe ich einiges von Friedrich Gerstäcker gelesen. Zuerst einen Roman, der als Fortsetzung in der Kölnischen Zeitung erschienen ist. Hieß „Das Eckfenster“. Es werden Verbrechen aufgeklärt.“
„Kennst du von Gerstäcker ‚Germelshausen‘?“
„Ja, kenne ich. Ziemlich gruselig.“
„Ja, dieses Dorf, das nur alle hundert Jahre erscheint. Mir hat die Erzählung mein Vater vorgelesen.“
„Mein Vater hat so ein Buch mit unheimlichen Geschichten, alle von Gerstäcker. Das beginnt mit ‚Germelshausen‘. Der Doppelgänger‘ oder ‚Der gemalte Indianer‘ sind andere Geschichten in dem Buch.“
„Ich hab früher auch Bücher von E. Marlitt gelesen. ‚Die zweite Frau‘ hieß ein Geschichte von ihr. Aber irgendwann ging es mir zu sehr um Adlige und dann diese blumige Sprache. Damals fand ich das gut, aber seit ich Zola oder Guy de Maupassant kenne, kann ich solche Texte nicht mehr ertragen.“
„Wie gesagt, ich lese kaum.“
„Von Guy de Maupassant würde dir sicher ‚Die Totenhand‘ gefallen. Eine abgeschlagene Hand eines Hingerichteten erwürgt einen Mann …“ Der Zeitungsleser senkt erneut sein Blatt und seuftz.
„Oh, wie schrecklich.“

Der Zug hält in Neuss. Der Zeitungsleser steigt aus. Andere Leute kommen ins Abteil.
+++ Im Zug lernt er eine junge Frau aus Krefeld kennen. Er erzählt das er im Fotoatelier seines Vaters arbeiten würde.

+++ Die Hünighusens machen in ihrem Atelier auch Fotos von den Teilnehmern des Umzugs (wurden vor oder nach dem Umzug gemacht?)

+++ Die junge Frau besucht Jakob Hünighusen im Fotoatelier. Sie lässt Porträts von sich anfertigen. Ihr Name: Viktoria Maacke, geb. 1860 (= 20 Jahre). Jakob Hünighusen bekommt mit, dass Viktoria beschattet wird. Er selber tritt ihren Beschatter zweimal an. Er spricht mit dem Polizeikommissar Franz Behrens: „Weshalb wird sie beschattet?“ Behrens kann dies nicht direkt beantworten. Hat aber die politische Polizei in Verdacht.

+++ Franz, geb. 1851, Polizeikommissar = 29 Jahre und Jakob, geb. 1861 = 19 Jahre kennen sich seit März 1879, als Peter mit seinem Vater in Hartegasse war. Später brachte Jakob die Bilder ins Kölner Polizeipräsidium in der Glockengasse.

+++ Jakob verliebt sich in die Krefelderin. Es sie wieder in Köln ist, geht er mit ihr in der Domgegend spazieren. Sie zeigt sich an allem sehr interessiert.

+++ Observierungen und Hausdurchsuchungen, Agenten- und Spitzelsystem der Preußischen Geheimpolizei/politische Polizei.

+++ Franz Behrens unterhält sich mit Eduard Most von der politische Polizei.

„Und jetzt haben die Kölner endlich ihren Dom fertig. Eindeutig eine Kirche, auch wenn sie von vielen als Nationalsymbol gesehen wird. Nun ist der Erzbischof wegen seiner Loyalität zum Papst im Exil. Das Domkapitel wird den Feierlichkeiten fern bleiben, so wie auch manch Kölner Katholik. Stattdessen wird der Kaiser kommen. Da kann man doch die Wut der Katholiken verstehen.“ (Most)
„Und Sie meinen, deswegen wäre der Kaiser in Gefahr?“ (Behrens)
„Es gibt einige Hinweise aus allen Lagern. Aus Richtung der Anarchisten, der Sozialisten, der Kommunisten und so auch von den ultramontanen Katholiken.“ (Most)
„Gibt es denn etwas Konkretes? Ich mein, haben Sie konkrete Hinweise zu den Ultramontanen?“ (Behrens)
„Sogar Namen. Aus dem Bergischen haben wir einen Mann im Visier. Er hält sich just in diesen Tagen in Köln auf. Ein Hugo Windgassen: Buchhalter, verheiratet, vier Kinder. Wir beobachten ihn.“ (Most)
„Weshalb er?“ (Behrens)
„Windgassen ist bereits durch häusliche Gewalt aufgefallen und hält sich mit seinen Fäusten auch in den Wirtshäusern nicht zurück. Trotz seiner guten Bildung, sitzt ihm die Hand ziemlich locker.
Er hat für das >Wipperfürther Volksblatt<, ein Organ der Zentrum Partei in der Region, vor einigen Jahren ein paar Artikel verfasst, gehörte zu einem Josephs-Verein. Ist also sehr aktiv bei den Ultramontanen, den ganz romtreuen Katholischen. Wohl hat man deshalb Anfang 1874 auch sein Haus durchsucht. Man zählte ihn zum harten Kern, Leute die auch vor Beschimpfungen gegen die liberale Partei und gemäßigte Geistlichen, die sich nicht gegen die Regierung stellten, nicht zurück schreckten. Man störte Gottesdienste, durch unpassenden Tumult, Zwischenrufe oder hat in größeren Gruppen die Kirche einfach verlassen, wenn ihnen das Gesagte von der Kanzel nicht in den Kram passte.“ (Most)
„Aber die ultramontane Bewegung ist doch nicht gewalttätig. Ich habe jedenfalls noch nie von irgendwelchen Verbrechen durch die Romtreuen gehört.“ (Behrens)
„Die Störungen in den Gottesdiensten sind bereits eine Art von Gewalt. Klar, nicht körperliche Gewalt. Aber in letzter Zeit ist es sowieso ruhiger geworden. Man hat sich sehr zurück gezogen. Zahlt die Vereinsbeiträge und liest Zeitschriften wie >Der Katholik<, bekämpft den liberalen Katholizismus. Aber, Sie haben recht, bisher ganz ohne körperliche Gewalt. Bisher.
In bürgerlichen Dingen kommen sie auch mit den Protestanten klar, aber nicht in religiösen Fragen. In ihren Augen ist ein liberaler Katholik, der sich mit einem liberalen Protestanten einigen will, kein wahrer Katholik. Und schon gar nicht will man, dass sich die Rechte der Kirche den Rechten des Staates unterordnen.“ (Most)
„Damit stehen manche dieser Leute zwischen einem loyalen Preußen und einem guten Katholik, der auf Rom hört.“ (Behrens)
„Und vielen scheint Rom wichtiger zu sein. Manchen könnte die Anwendung von Gewalt als Mittel der Verteidigung dienen.“ (Most)
„Verteidigung des Katholischen gegenüber dem Staat?“ (Behrens)
„Deren Meinung ist: Es soll alles so bleiben oder besser noch, wieder so werden, wie es früher war.“ (Most)
„Und jetzt haben Sie die Ultramontanen als die großen Staatsfeinde auserkoren?“ (Behrens)
„Wir merken da so eine bestimmte Stimmung aus dem katholischen Lager, die sich auch gegen den Kaiser richtet.“ (Most)
„Trotz aller Betriebsblindheit, merke ich die natürlich auch. Aber das da jemand den Kaiser …“ (Behrens)
„Ach, denken Sie doch nur an dieses Kullmann, der 1874 aus einer Menschenmenge auf den Reichskanzler schoss. Der war Mitglied in einem katholischen Männerverein. Es gab dort Bier und Zigarren, was für ihn wohl der größte Anreiz war. Dann hörte er aber die Reden des Pfarrers und las ein paar Flugblätter. Jedenfalls kam er zur Ansicht, dass der Reichskanzler als Feind der katholischen Kirche zu betrachten sei. Er kaufte sich eine Pistole …“ (Most)
„Die Geschichte ist mir bekannt. Das war ein fanatischer Einzeltäter. So wie Sie mir gerade den Hugo Windgassen vorgestellt haben, passt dies nicht ganz zu dem. Ein Vater, doch sicher schon über vierzig. Der Kullmann war naiv, verblendet. Von solchen Kerlen werden auch in Köln jetzt genügend rum laufen. Aber der Windgassen? Ich weiß nicht.“ (Behrens)
„Wir halten ihn im Auge. Wäre riskant ihn hier einfach so rumlaufen zu lassen.“ (Most)

„Und was ist mit diesem Fräulein Maacke? Sie lassen sie auch beobachten. Ist sie auch eine Ihrer Verdächtigen?“ (Behrens)
„Woher wissen Sie von ihr?“ (Most)
„Wir haben auch unsere Leute auf der Straße. Ist sie auch eine gefährliche Romtreue?“ (Behrens)
„Eigentlich will ich Ihnen gar nichts zu ihr sagen.“ (Most)
„Sie ist nicht dumm, liest Bücher von französischen Autoren, im Original. Sie hat ihren eigenen Kopf. Ich könnte mir gut vorstellen, dass sie zu jenen gehört, denen – wie soll ich es ausdrücken? – denen unser geliebtes Vaterland zu unfrei ist.“ (Behrens)
„Sie ist Protestantin …“ (Most)
„Was ihre Treue zum Papst ausschließt.“ (Behrens)
„Ihr Vater ist der bekannte Philanthrop Karl Wilhelm Maacke. Seine Liebe gilt den Menschen …“ (Most)
„Die Kirche ist wohl der Meinung, dass die Liebe zu den Menschen, von der Liebe zu Gott wegführt. Ich bin da wirklich kein Experte. Sagen Sie mir, was soll an so Leuten wie dem Maacke gefährlich sein?“ (Behrens)
„Es sind Leute wie er, die mit lautem Geschrei, auf die angeblichen Missstände bei den kleinen Leuten aufmerksam machen. Der Armut und das ganze Geschwätz. Der Owenismus ist eine Gefahr.“ (Most)
„Der Was ist eine Gefahr?“ (Behrens)
„Haben Sie nie von diesem Engländer Owen gehört? Dafür sind Sie wohl noch zu jung. Robert Owen hieß er. Ein Unternehmer und Philanthrop, der sich auch für die Arbeiterschaft einsetzte. Kommunismus und Fourierismus entstanden aus dem Owenismus.“ (Most)
„So im Detail …“ (Behrens)
„Das ist ja auch nicht Teil Ihrer Arbeit, Behrens. Sie müssen sich um die gewöhnlichen Verbrecher kümmern.“ (Most)
Eduard Most holte nun zu einem Rundumschlag gegen Anarchisten, Sozialisten, Kommunisten und Nihilisten aus. Behrens konnte sich kaum die Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppen merken. Was glaubten die Nihilisten? Nur an die Naturwissenschaft? Die Obrigkeit und alle Sitten lehnen sie ab? Most erwähnte schnell hintereinander, Karl Marx, seine Rheinische Zeitung, die Kölner Kommunistenprozesse 1852, die Attentatversuche auf den Kaiser im Frühsommer 1878 und die folgenden Sozialistengesetze, die seit 1878 galten.
Behrens rauchte schnell der Kopf. „Was Sie sagen, ist mir viel zu theoretisch. Haben Sie nun Hinweise, ob Viktoria Maacke hier ein Verbrechen begehen will oder nicht?“ (Behrens)
„Ja, wir haben Hinweise, dass sie etwas vor hat.“ (Most)

 


 

+++ Background: 1) Nach Anschlägen auf Wilhelm I. im Jahr 1878 = Sozialistengesetze 2) Nachwirkungen des Kulturkampfes (Strafverfahren/Geldstrafen/Haft/Exil/Nicht-Teilnahme an Domvollendung-Feier 1880 = Paulus Melchers); Stichwort: Ultamontan 3) Observierungen und Hausdurchsuchungen, Agenten- und Spitzelsystem der Preußischen Geheimpolizei/Politische Polizei

Zum 15.10.1880:

http://www.rheinland-blogger.net/single-post/2016/08/29/Kaiser-Erzbischof-und-die-Vollendung-des-K%C3%B6lner-Doms-am-15-Oktober-1880

http://www.zdv.de/de/die-geschichte-des-zdv.html

Hinweis: Dies ist ein fiktives Dokument zur transmedialen Buchreihe Bookattack – Living in Books. This is a fictional document!