Beispiele der Phantastik

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Stephen King: Schwarz (erschien 1982; diese Ausgabe 1997, Heyne Verlag)

Die Verfilmung des ersten Buch der Reihe „Der Dunkle Turm“ war im Sommer 2017 im Kino zusehen. Da gab es zahlreihe Buhrufe. Ach herrje, was wurde da gemotzt: Der Film würde ja der Buchreihe gar nicht gerecht. Die Fans der Buchreihe haben den Film niedergemäht.

Ich hatte hinter dem Mond von der Buchreihe noch nie gehört und dankte deshalb dem Film für diesen netten Hinweis. Der Film selber ist ein schöner Trailer für diese Reihe. Nicht zu lang, wenn man bedenkt, wie viele Seiten die „Der Dunkle Turm“-Bücher haben. Verfilmt worden ist das erste Buch „Schwarz“, mehr nicht. Buch und Film sind sehr unterschiedlich — zwei Alternativen?

Der Revolvermann Roland verfolgt seit längerer Zeit den Mann in Schwarz. Den bezeichne ich hier mal als einen Art Zauberer. Im letzten Teil des Buches erzählt er dem Revolvermann genau was er ist. Dies fehlt im Film, sicherlich eine der Schwächen. Roland und der Mann in Schwarz sitzen in einer ewig langen Nacht zusammen am Feuer und reden, während im Film mal wieder in Hollywood-Manier die Fetzten fliegen. So geht das halt. Dies ist transmediales Erzählen. Im Buch ist es passend, wenn die beiden reden. Im Film will man Action sehen. Dies ist meiner Meinung auch ein Grund, weshalb lange Beschreibungen von Actionszenen in Büchern langweilig sind. Jedem Medium das, was es am besten kann.

tterctionIm Nachwort erfährt man von Stephen King, dass er im März 1970 die ersten Sätze von „Der Dunkle Turm“ geschrieben hätte.

In Deutschland erschien das erste Kapitel von „Schwarz“ in „Die besten Stories aus The Magazine of Fantasy and Sciene Fiction — Sterbliche Götter“, gedruckt 1980 (im Original 1976 erschienen). Titel dieser Geschichte: „Der Revolvermann“ (The Gunslinger).


 

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Jeff Vandermeer: Auslöschung (erschien 2014 beim Kunstmann Verlag)

Gestaltung: Marion Blomeyer, Büro Lowlypaper

Vier namenlose Wissenschaftlerinnen werden von der Regierung in die Area X gesendet. Es ist bereits die 12. Expedition in das Gebiet. Vor langer Zeit ist dort etwas Gravierendes passiert. Die Region ist nun unbewohnbar. Direkt nach ihrer Ankunft entdecken sie den in die Erde gebauten Turm. Bei der Erkundung entdecken sie, dass der Turm lebendig ist, es ist ein Organismus. An den Wänden befindet sich Schrift aus Pflanzen. Zwei Wissenschaftlerinnen verschwinden. Sie finden die erste unten tod im Turm. Die zweite findet die Biologin neben dem Leuchtturm, sie ist vom Leuchtturm gesprungen. Jeder der Expeditionsteilnehmer soll ein Tagebuch schreiben. So war es auch schon bei allen vorherigen Expeditionen. Im Turm findet die Biologin unter einer Falltür einen Stapel mit diesen Tagebüchern, die untersten beginnen bereits zu faulen. Sie findet dort auch das Tagebuch ihres Mannes, der an der vorherigen Expedition teilgenommen hatte und sehr verändert nach Hause zurück gekehrt war. Aus dem Buch erfährt sie Genaueres über sein Schicksal.

taetmeerJeff Vandermeer: Autorität (erschien 2015 beim Kunstmann Verlag)

Control (eigentlich John Rodriguez) ist der neue Direktor von Southern Reach. Er ist Nachfolger der langjährigen Direktorin, die seit der 12. Expedition nach Area X, an der sie teil nahm, verschwunden ist. Im ersten Teil „Auslöschung“ dieser Triologie wurde über diese Expedition berichtet. Nun erfahren wir, dass man von Southern Reach aus, bereits seit 30 Jahre forscht, aber immer noch nicht versteht, was in Area X passiert. Control verhört eine Biologin, die als einzige aus von der 12. Expedition zurück gekehrt ist. Viel kann er nicht von ihr erfahren, zu mal sie mehrmals sagt, sie sei gar nicht die Biologin. Sie ist ein Replikant.

anzmeerJeff Vandermeer: Akzeptanz (erschien 2015 beim Kunstmann Verlag)

In diesem dritten Teil sind Control, der Replikant der Biologin und Grace, die stellvertretende Direktorin von Southern Reach, in Area X unterwegs. Des Weiteren gibt es Rückblicke aus Sicht der ehemaligen Dikrektorin (und damit Vorgängerin von Control) und dem Leuchtturmwärter. Aus diesen unterschiedlichen Sichtweisen wird geschildert wie Area X entstand und wie sie tickt.


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Dieter Paul Rudolph: Der Bote (erschien 2012 beim Conte Verlag)

Im Weiler Bannkies ist ein Mann ermordet worden. Bei ihm fand man einen nagelneuen Plastikkannister mit Wasser. Dieser Kannister ist erstaunlicher als der Mord selber, denn die Geschichte spielt in einer Zeit, in der unsere technischen Erfindungen der letzten Jahrhunderte nach einer schweren Katastrophe längst vergessen sind. Ein Kriminalrichter aus der Stadt wird nach Bannkies geschickt um den Fall zu lösen. Man schreibt das Jahr 2168, aber der namenlose Kriminalrichter und Ich-Erzähler reist mit der Postkutsche an. Man fühlt sich als Leser mehr ins 18. oder 19. Jahrhundert zurück versetzt.

Nachdem ein zweiter Kriminalrichter im Dorf ankommt, den Fall übernimmt und nach einer schnellen Lösung sucht, gerät die Ermittlung des ersten Kriminalrichters aus den Fugen. Ihm gelingt es aber ein altes Laptop zu finden und damit in Verbindung zum „Priester“ zu treten, der zu einer Gruppe von Leuten gehört, die noch wissen wie man mit der alten Technik umgeht.

Interessant sind die Märchen die sich im Dorf erzählt werden. Ungeklärte und seltsame Begebenheiten werden in Märchen gepackt. Diese sind mit in die Geschichte eingeflochten.

Autor/Verlag bezeichnen das Buch als „Science-Fiction-Krimi aus der guten alten Zeit“. Science-Fiction? Steam-Punk? Beide Kategorien passen meines Erachtens nicht ganz. Aber die Umschlaggestaltung mit der kaputten Schrift, dem Mann in alter Kleidung (der Kriminalrichter?) und dem Laptop unten rechts, beschreibt es eigentlich schon ganz gut. Ein Mystery-Krimi, vielleicht? Hier hab ich das Buch für mich einsortiert. Das Buch ist zwar ganz anders als „Der Meister des jüngsten Tages“ von Leo Perutz, aber ist stelle beide Bücher gerne als gehobene Unterhaltungsliteratur in die selbe Kategorie.


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Leo Perutz: Der Meister des jüngsten Tages (erschien 1990 beim Rowohlt Verlag; erste Auflage 1923 beim Albert Langen Verlag)

„Fünf Tage dauerte die abenteuerliche Jagd, die Verfolgung eines unsichtbaren Feindes, der nicht von Fleisch und Blut war, sondern ein furchtbarer Revenant aus vergangenen Jahrhunderten. Wir fanden eine blutige Spur und gingen ihr nach. Schweigend öffnete sich das Tor der Zeiten. Keiner von uns ahnte, wohin der Weg ging, und es ist mir heute, als hätten wir uns mühsam, Schritt für Schritt, durch einen langen dunklen Gang getastet, an dessen Ende ein Unhold mit erhobener Keule uns erwartete … Die Keule sauste nieder, einmal, zweimal, ihr letzter Schlag traf mich, und ich wäre verloren gewesen, ich hätte Eugen Bischoffs und Solgrubs furchtbares Geschick geteilt, wenn mich im letzten Augenblick ein rascher Griff zurück ins Leben gerissen hätte.“ (Seite 7/8)

Der Schauspieler Eugen Bischoff ist tot: Mord oder Selbstmord. Bischoff hatte zuvor auf einer Party eine Geschichte erzählt, in der sich zwei Brüder umbringen, erst der jüngere Bruder, ein Maler, dann auch der andere, ein Seeoffizier. Beides seltsame Selbstmorde. Nach dem Tod des Schauspielers beginnen mehrere Partygäste zu forschen: Freiherr von Yosch (der Ich-Erzähler), der Ingenieur Waldemar Solgrub und Doktor Eduard Ritter von Gorski. Nachdem auch Leopoldine Teichmann fast durch „erzwungenen“ Selbstmord ums Leben kam, nähern sich die drei langsam dem Unhold. In einem Buch aus dem 16. Jahrhundert steht eine Geschichte um einen Mann mit dem Namen Messer Salimbeni und den Maler Giovansimone Chigi. Solgrub, der sich zwischenzeitlich auch umgebracht hat, hat aus dem Buch eine Seite entfernt, um dem Spuk endgültig ein Ende zu machen. Auf der Seite hatte die Zusammensetzung einer Droge gestanden. Yosch raucht die Droge nun dennoch, weil Eugen Bischoffs Pfeife mit der Droge noch unverändert in seinem Zimmer liegt. Als Yosch nun raucht erlebt er furchtbares, so dass auch er sich töten will, aber noch in letzter Sekunde von seinen Gefährten gerettet wird.


Endzeit-Literatur

 

Die Endzeit-Literaturgeschichte fängt im Allgemeinen mit „Le dernier homme“ von Jean-Baptiste Cousin de Grainville (1746 – 1805) an. De Grainville war ein katholischer Priester, der sich der französischen Revolution angeschlossen hatte. Nach einigen Dramen schrieb er mit „Le dernier homme“ (Der letzte Mensch) die erste End-of-the-World-Geschichte in der neuzeitlichen Literaturgeschichte. Der Roman erschien allerdings erst unvollendet nach seinem Selbstmord 1805. Von der französischen Ausgabe sollen zunächst nur 40 Exemplare verkauft worden sein. Im Jahr darauf gab es eine englische Ausgabe als Raubdruck und ohne Angabe des Autors. Bis in die 1960er Jahre war daher unbekannt, das es sich bei dem Buch „The Last Man“ um eine Übersetzung von Le dernier homme“ handelt (vgl. Forschungen von Pierre Versin und Ian Clarke).
In der Geschichte schaut der Erzähler in einer Art Vision von den Ruinen in Palmyra (Syrien) aus auf eine düstere Zukunft der Menschheit. Omega, der letzte Mensch trifft auf Adam, den ersten Menschen. Omega will sich mit der letzten fruchtbaren Frau, sie heißt Syderie, vereinen. Wie Adam und Eva könnten sie nun die Quelle der Menschheit sein, wenn nicht Gott selber dagegen wäre und die Frau sterben lässt. Letztendlich bleiben in der Geschichte nach dem Ende der Menschheit nur „Leben“ und „Tod“ übrig, der Tod siegt. Dieser Roman von Jean-Baptiste Cousin de Grainville soll großen Einfluss auf Autoren wie Lord Byron und Mary Shelley gehabt haben, die mit „Darkness“ (1816) und „The last Man“ (1826) einige Jahre später wichtige Werke des Genres schrieben.

Die Geschichte der letzten Menschen wurde in den verschiedensten Variationen geschrieben, mal in Los Angeles spielend wie „I am legend“ (1954) von Richard Matheson oder in Moskau bei „Metro 2033“ (2007) von Dmitri Glukhovskis. Da der Untergang der Welt nicht nur die Metropolen betrifft, ist es nicht verwunderlich, dass die Geschichte auch in die Provinz transportiert werden kann. Glukhovskis „Metro 2033“ wurde bereits in anderen russischen Städten übernommen.

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Michael Schreckenberg „Der Finder“ erschien erstmals 2010. Die Abbildung zeigt das Titelbild der zweiten Auflage von 2013 (Juhr Verlag, Wipperfürth).

Michael Schreckenberg schrieb mit „Der Finder“ (2010) und „Die Nomaden“ (2015) zwei Endzeit-Thriller die im Bergischen Land spielen. Wie es die regionalen Krimis vorgemacht haben, könnte man die Endzeit-Geschichten nun in jedem Dorf spielen lassen. Man könnte die lokalen Autoren dazu aufrufen, die Menschen an ihren Wohnorten verschwinden zu lassen. So spielt Schreckenbergs Endzeit-Thriller „Der Finder“ (2010) in der Umgebung von Leverkusen und Wuppertal. Nach einem Klassentreffen, finden sich die Teilnehmer plötzlich alleine auf der Welt. Der Großteil der Menschheit ist einfach verschwunden, selbst ihre Kleidung ist weg. An einer Stelle macht sich der Ich-Erzähler Daniel über das Verschwinden der Menschen samt Kleidung Gedanken, findet aber keine Lösung. Die Überlebenden treffen sich an einer Kirche in Leverkusen-Quettingen. Da man sich nicht einigen kann, was nun zu tun sei, bilden sich zwei Gruppen. In dem Buch wird nun die Entwicklung der einen Gruppe beobachtet. Diese bezieht einen Bauernhof hinter Wuppertal. Besorgt sich Pferde und baut kleine Häuser. Die Gruppe richtet sich in der menschenleeren Welt ein. Daniel wird nun der Finder der Gruppe: Seine Aufgabe ist es in der Umgebung nach Medikamenten, Werkzeugen, Waffen oder Büchern zu suchen – zu finden. Dies läuft alles recht gut, bis plötzlich die sogenannten Heuler auftauchen: Mordende Wesen, die stets in der Nacht mit wildem Geheul auftauchen. Lange weiß niemand, wie die Heuler überhaupt aussehen (da mich dies an eine Szene in dem Film „I am legend“ erinnerte, dachte ich zuerst diese Heuler wären mutierte Menschen, aber da lag ich falsch). Die Gruppe stößt auch auf weitere Menschen. Zunächst auf eine Gruppe die von Heulern getötet wurde. Später folgt Daniel über Notizen einer Schulklasse die zum Zeitpunkt als die Menschheit verschwand ein paar Tage auf Burg Nideggen in der Eifel verbrachte. Nach einem Angriff der Heuler auf die Gruppe, bei der einige Schüler sterben, nimmt Daniel den Rest der Klasse samt Klassenlehrerin mit auf den Bauernhof im Bergischen Land. Man verteidigt sich nun gegen die Heuler. Als eine weitere große Gefahr erscheinen die Truppen von König Horst am Horizont, eine Art Warlord aus dem Raum Hamburg, der mit seinen Leuten die anderen Überlebenden unterwerfen will. Eine Vorhut kann die Gruppe vom Bauernhof besiegen, der Rest der Gefolgschaft des Königs fällt den Heulern zum Opfer. Am Ende des Buches gibt es nochmals eine Wendung: Schreckenberg gibt dem Leser über Daniel einen Einblick hinter die Kulissen der Welt. Da ist Thomas, der bisher als bester Freund von Daniel beschrieben wurde, der nun sich als eine Art Engel zu erkennen gibt. Seine Aufgabe war die Entwicklung und Förderung der Menschheit. Da dies nun gescheitert ist, werden die Heuler die Macht auf der Welt übernehmen. Thomas, der zuvor bei dem Rest der Gruppe schon unbeliebt war, tritt nun mit genialen Dialogen auf, die mich an Sätze von Andrew Scott als Jim Moriarty in der Fernsehserie „Sherlock“ erinnern. Daniel kehrt nun zur Gruppe zurück und siedelt mit dieser nach Schottland über, da dort noch keine Heuler sind. Aber irgendwann werden sie auch die Menschen dort vertreiben und ausrotten.

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Michael Schreckenberg „Nomaden“ erschien 2015 im Juhr Verlag, Wipperfürth.

Michael Schreckenbergs zweiter Endzeitroman „Nomaden“ (2015) berichtet nun von derselben Katastrophe aus der Sicht der zweiten Gruppe, die sich nach dem Treffen in der Quettinger Kirche abgespalten hat. Über weite Teile liest sich „Nomaden“ daher auch wie ein umfangreiches Ergänzungsbuch zu „Der Finder“. Der Autor musste sich bei vielen Dingen an die ursprüngliche Geschichte halten. So tauchen dann auch hier die Heuler auf, die von dieser Gruppe nun Kreischer genannt werden.

Wird fortgesetzt.