Verschollen im Sülztal

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Bäume bei Lindlar-Hönighausen.

Donnerstag, 27. März 1879
Hartegasse, Rheinland

Von einem Fuhrmann waren Peter  und Jakob Hünighusen am Vortag auf dessen Pferdefuhrwerk von Köln-Deutz nach Lindlar mitgenommen worden. In der Woche zuvor hatte er organisiert, dass der Fuhrmann ein Platz für ihn, seine Fotokiste und seinen 18-jährigen Sohn Jakob frei ließe.
Es war ein sonniger Tag. Auf der Strecke zwischen Bergisch Gladbach und Herrenstrunden hatte es eine Schauer gegeben. Dann schien wieder die Sonne. Es war warm. In Biesfeld verschwand die Sonne und es wurde kühler. Auf dem Weg von der Grundermühle hoch nach Reudenbach zogen Nebelschwaden über den Weg. Oben angekommen war die Sicht schlecht.  Das Tal des Ommerbachs, war nebelverhangen, so dass sie nicht den herrlichen Blick ins Tal genießen konnten. Langsam fuhren sie an dem kleinen Ommer Bach entlang, von dem die dicken Nebelschaden aufstiegen. Sie hatten kaum 15 Meter Sicht. Ein Mann in Unterkotten, der mit einer Laterne am Wegesrand stand, erzählte, dass Barometer hätte bedenklich hoch gestanden. Tagsüber wäre es schön gewesen. Nun am Abend war es bitter kalt geworden. Es war nahezu windstill. An den Fenster des Hauses standen im Fenster brennende Kerzen.
Als das Gefährt die Steigung nach Linde bewältigt hatte, wurde es zudem schlagartig dunkel. Im Sülztal wurde der Nebel nochmals dichter. Erst in Lindlar verschwand er und es wurde wieder heller. Die Fahrt hatte über sechs Stunden gedauert, etwas länger als geplant.
Sie übernachteten beim Steinbrucharbeiter Heinrich Hünighusen und seiner Frau Maria Catherina. Peter und Heinrich waren Vettern. Peters Vater Clemens hatte Lindlar in den 20er Jahren verlassen. Zunächst hatte er in Willich und dann in Osterath am Niederrhein gelebt. Dort war Peter aufgewachsen. Nach seiner Ausbildung beim Fotografen Albert Pfannholz in Düsseldorf, hatte er 1863 ein Fotoatelier in der Minoritenstraße in Köln übernommen.

Früh brachen Peter und Jakob Hünighusen mit der Fotoausrüstung auf. Mit einem Anschlag in der Fuhrmannskneipe in Hartegasse hatte  Heinrich Hünighusen ihr Kommen angekündigt. Sie wollten die Häuser der Leute fotografieren und Porträtfotos von der Bewohnern anfertigen. Interessenten würde er nach Bezahlung die Fotografien zuschicken. Sie brauchten über eineinhalb Stunden von Lindlar nach Hartegasse. Sie hatten sich oberhalb des Steinbruchs ein wenig verlaufen, waren dann aber wieder auf den Kirchweg gestoßen.
Das Dorf Hartegasse war eine Ansammlung von kaum mehr als dreißig Häusern. Sechs Personen pro Haus, rund 180 Einwohner, überschlag Peter Hünighusen. Die meisten Häuser tummelten sich um die von Wipperfürth kommende Straße. Er sah auch ein paar abgelegene Höfe. Ansonsten viel Landschaft, Felder mit zahlreichen Obstbäumen.
In der Fuhrmannskneipe wollten sie die Lage erforschen. Ein wenig erspüren wie hier die Leute tickten. Wie oft hatte er es bereits erlebt, dass man ihn in einem Ort freundlich empfing, während nur ein Hügel weiter, die Menschen zurückhaltend bis feindseelig waren. Vielleicht hatten sich beim Wirt so gar Interessenten gemeldet.
Das Lokal war gut gefüllt. Die Sicht war kaum besser als am Vortag im Nebel. Rauchschwaden von mehreren Pfeifen waberten durch den Schankraum. An den Tischen saßen Fuhrmänner, Ackersleute, Tagelöhner und ein paar Tagediebe und hielten sich mit Tabak, Bier, Korn und Kartoffelschnaps bei Laune. Etwas abseits saßen zwei königlich-preußische Landgendarme.  Bei ihnen saß ein schlanker, kräftiger Kerl, von etwas mehr als mehr als dreißig Jahren. Mit seinem sauber gestutzten Vollbart und dem städtischen Anzug fiel er unter der Landbevölkerung auf. Das er Zigaretten rauchte, machte ihn hier vollkommen zum Sonderling.  Auf dem Tisch der drei Männer lagen einige ältere Ausgaben des Wipperfürther Kreis-Intelligenzblatts, eine zerfledderte Gummersbacher Zeitung und auch eine Ausgabe der Kölnischen Volkszeitung, ein Sprachrohr der Zentrumpartei, war hatte es bis nach Hartegasse geschafft.
Die Hünighusens setzten sich an den noch freien Nebentisch. Nach einer Weile kam der Wirt zu ihnen. Dieser hatte eine Halbglatze, trug, um diese vielleicht zu kompensieren, einen buschigen Backenbart in Kombination mit einem voluminösen Schnauzbart. Hals und Kinn dagegen waren sauber rasiert. Wäre er zwanzig Jahre älter gewesen, hätte man für einen Doppelgänger des Kaisers halten können, dessen Bild wie zum Vergleich direkt über ihrem Tisch hing. Der Wirt lächelte sie freundlich an. Vater und Sohn bestellten sich jeder ein Bier.
Neben dem Kaiser flatterte eine vergilbte Reklame für einen Apfelkompott nach Höller’schen Rezept an der Wand. Darunter hing gerahmt eine alte Zeitungsnotiz von 1860.
„Jakob, ließ mal vor das da steht!“
„Ist wohl aus einer alten Zeitung …“
„Das seh ich, Junge. Lies mal!“
„Also: >Die beiliegende Probe zeigt eine neue, von mir erfundene Obstbenützungsart, nämlich die Bereitung von festem Kompott. Obst wird dampfgar gemacht, dann von Stielen, Schale, Kernhaus und so weiter, befreit und abgedampft, bis es eine feste Masse wird.< Klingt komisch.“
Als der Wirt ihnen das Bier brachte, fragte Peter, welche Bewandnis das habe: dieser fester Kompott. Der Wirt erklärte dies sei ein Täfelchen, welche die Konsistenz von Bouillontafeln hätte. Es würde fünf Minuten in siedenem Wasser aufgelöst, man erhielt einen gut schmeckenden Apfelkompott. Verwendet würde die hiesige Apfelsorte mit den Namen Härtling, ein Süßapfel. Hünighusen zog die Augenbrauen nach oben und bestellte zwei Portionen. Hünighusen versuchte dem Gespräch am Nachbartisch zu folgen, konnte aber aufgrund der allgemeinen Lautstärke im Raum nur Satzteile aufschnappen.
„… für eine Suche bräuchten wir viel mehr Leute …“
“ … von Haus zu Haus und fragen die Leute, ob ihren was aufgefallen ist …“
„… Menschenhandel, könnte ich mir vorstellen …“
„… oder einfach nur weggelaufen …“
„… bereits ein ähnlicher Fall. Nicht weit von hier …“.
Offensichtlich war irgendjemand verschwunden und wurde gesucht.
Als der Wirt wenig später den Kompott brachte, zeigte Hünighusen zum Nachbartisch und fragte hinter vorgehaltender Hand was denn los sei. Der Wirt beugte sich zu ihm runter und flüsterte: „Von der Mühle … also deren vier Kinder sind verschwunden. In der vorletzten Nacht soll man sie geholt haben.“
„Sie geholt haben?“, wiederholte Hünighusen skeptisch.
„Verschleppt, wurden die.“
Hünighusen runzelte die Stirn. „Was? Wozu?“
„Schon mal was von Sklaverei gehört? Unglückliche, die in die Fremde verkauft werden und dort schuften müssen. Bei Wasser und Brot.“
„Woher wissen Sie das?“
„Ach, hört man doch immer wieder von.“ Der Wirt schaute zum Nachbartisch. „Das ist übrigens ein Polizei-Commissär. Der ist eben erst mit der Post aus Köln angekommen. Der soll die Angelegenheit aufklären.“
„Bevor ich es vergesse: Ich bin übrigens der angekündigte Fotograf. Hat sich vielleicht bei Ihnen jemand gemeldet, ich meine wegen Fotos und so.“
„Ach, Sie sind das. Ich hab‘ alles auf einen Zettel geschrieben. Moment …“
Tatsächlich standen vier Namen auf dem Zettel.

***

Die drei Polizisten standen auf. Der Polizei-Commissär hielt an ihrem Tisch. Er schaute Peter Hünighusen fragend an. „Ich glaube ich kenne Sie. Aus Köln? Kann das sein?“
„Ja, ich bin Kölner. Hab auch schon mal mit der Polizei zu tun gehabt.“
„Ach so …“
„Nicht das wir uns verkehrt verstehen: Ich bin kein Krimineller …“
Der Polizei-Commissär sah die Kamera. „Jetzt fällt es mir ein. Sie sind der Fotograf der damals den Mörder von Osterath überführt hat. Ich war damals als Schutzmann dabei. Franz Behrens mein Name.“
„Das gibt es nicht, tatsächlich? Ich hätte Sie nicht wieder erkannt. Der Bart und so. Peter Hünighusen. Mein Sohn Jakob, ebenfalls Fotograf.“ Behrens gab beiden die Hand.
„Und nun sind sie in Köln Polizei-Commissär?“
„Seit Kurzem. Und Sie haben noch ihr Fotoatelier?“
„Ja, in der Minoritenstraße … wir sind nun für ein paar Tage hier bei Verwandtschaft zu Besuch und wollen hier im Ort ein paar Fotos machen.“
„Wovon? Gibt es hier irgendetwas zu sehen.“ Behrens flüstert, lächelt. „Sind wir hier nicht am Ende der Welt?“
„Das ist ihre Kölner Sicht, Herr Commissär. Gewiss es gibt weder den Rhein noch den Dom und ein Tourist wird sich wohl auch nicht hier hin verirren …“
„Aber?“
„Naja, es gibt beispielsweise den meisten Regen im ganzen Rheinland.“
„Kolossal. Den meisten Regen im ganzen Rheinland. Wirklich erstaunlich, gewiss …“
„Setzen Sie sich doch zu uns! Jakob, hol dem Herrn Commissär noch einen Stuhl!“
„Für ein paar Minuten.“ Jakob bringt den Stuhl. „Sagen Sie lieber Herr Hünighusen, wäre es möglich, dass Sie mich zur Mühle begleiten und ein paar Fotografien machen.“
„Aber natürlich, mit größter Freude. Vielleicht könnte sich der Mühlenpächter und seine Frau noch dazu stellen. Was meinen Sie?“
„Das schauen wir dort. Sie würden mir die Bilder in die Glockengasse schicken?“
„Jakob wird sie Ihnen ins Polizeipräsidium bringen. Ist ja bei uns ums Eck. Aber meinen Sie, die Bilder könnten Ihnen helfen?“
„Wer weiß.“ Behrens kramt seine Zigaretten hervor. „Auch eine Zigarette? Sind aus Spanien. Der Tabakhändler am Heumarkt besorgt sie mir.“
„Nein, danke. Ich vertrag den Tabak nicht mehr.“ Behrens hielt Jakob die Zigaretten hin, der schüttelte aber dankend mit dem Kopf.
„Haben Sie den Apfelkompott hier probiert? Etwas ganz besonders …“
„Nein, ich hatte nicht das Vergnügen. Sie meinen, dass wäre neben dem vielen Regen eine weitere Attraktion?“
„Unbedingt. Nur zu empfehlen.“
„Vielleicht Morgen, ich bliebe über Nacht.“
„Wir auch oder Jakob? Was denken Sie über die Sache hier, ich mein die verschwundenen Kinder?“
„Ich denke, die Kinder werden in den nächsten Tagen wieder auftauchen.“
„Das wollen wir alle hoffen.“ Hünighusen lächelte. Er beugte sich zu Behrens rüber und sah scharf an. „Aber hätte man es dann nicht den Gendarmen überlassen können? Musste deshalb ein hoher Polizeibeamter Preußens kommen? Der Weg hierhin ist nicht einfach. Sie haben sich nun fünf Stunden den Hintern in einer Kutsche müde gesessen – wenn ich das so sagen darf.“
Behrens schnaufte. „Ich darf Ihnen dazu eigentlich nichts sagen“, sagte er schließlich. „Nur so viel: Es gibt bereits ähnliche Fälle.“
„Und?“
„Eben nichts. Kein ‚Und‘. Keine Spur. Einfach gar nichts.“
„Sie meinen, niemand ist je wieder aufgetaucht?“
„Exactement.“ Behrens zog kräftig an der spanischen Zigarette. „So nun müssen wir aber los. Wo habe ich meine Zeitung? Sind Sie ein Leser der Volkszeitung?“
„Wenn es die Zeit erlaubt. Bei Ihnen scheint die Volkszeitung aber mehr Tarnung zu sein. Mit einer Kölnischen Zeitung und diesem Anzug wären Sie hier noch mehr aufgefallen.“
„Für eine Tarnung hatte ich keine Zeit mehr. Hätte ich mir einen Leinenkittel überwerfen sollen?“

Gendarm Hardenbicker begleitete sie zur Mühle und berichtete: „Die Mühle gehörte bis in die 40er Jahren einer Familie, die hier schwarzen Marmor verarbeitet hat. Der Steinbruch lag ihrem Wohnhaus direkt gegenüber. Sie mussten also die Stein von der einen Seite des Dorfes auf die andere Seite hinüber zur Mühle fahren. Sie sind später ausgewandert und sollen nun in Amerika auch wieder einen Steinbruch haben …“
„Schön. Und jetzt?“
„Ist sie an die Familie Dresbach verpachtet und wird als Fruchtmühle genutzt. Wilhelm Dresbach, seine Frau Agnes, die Kinder Karl, Luise, Berta und Friedrich.“
„Verschwunden sind also alle vier Kinder.“
„Ja, alle vier. Das ist übrigens der Mühlgraben. Das Wasser wird abgezweigt von der Sülze und treibt das Mühlrad an.“
Der Mühlenkomplex bestand aus zwei Gebäuden. Der eigentlichen Mühle, in der auch die Dresbachs wohnten und einer großen Scheune. Zunächst zeigten ihnen die Eheleute die Schlafstube der Kinder. Das Fenster habe offen gestanden und geklappert, dadurch sei ihm erst aufgefallen, dass sie Kinder fort seien, berichtete Wilhelm Dresbach. Das Fensterglas war unversehrt, die Kinder müssen die Fensterflügel geöffnet haben. Behrens, Hünighusen und die Eheleute Dresbach gingen nun nach draußen und schauten nach Spuren unterhalb des Fensters.
Franz Behrens ging in die Hocke. „Hier sind reichlich Fußabdrücke. Die Kinder sind wohl mit nackten Füßen raus. Man hat sie wohl aufgefangen. Wären sie gesprungen würde es tiefere Abdrücke geben. Hier setzen ihre Fußspuren ein. Und das sind die Spuren der anderen. Alle sind in diese Richtung weg. Hier gibt es noch Spuren die in die andere Richtung gehen. Dresbach, zeigen sie mal ihre Stiefel …“
Wilhelm Dresbach hob sein rechtes Bein. „Ich laufe ständig hier rum.“
„Hat Ihre Älteste, die Luise einen Verehrer?“, begann Behrens einen Fragenreigen.
„Nein, nein, wo denken Sie hin?“
„Oder jemand, der gerne später mal …?“
„Nein, da ist niemand. Davon wüssten wir. Sie ist ein aufrichtiges Mädchen.“
„Hatten Sie Streit mit einem der Kinder?“
„Nein, gar nicht. Sie sind alle fügsam.“
„Können Sie sich sonst einen Grund vorstellen, weswegen die Kinder weg wollten?“
Frau Dresbach schlug eine Hand vor den Mund. „Sie wollten nie weg“, kam es ihr zögerlich über die Lippen. Behrens legte seine Stirn in Falten. Er betrachtete nun die Schuhsohle des Müllers.
„Gut. Sie können das Bein wieder runter nehmen: Dies hier ist Ihr Schuhprofil, Dresbach. Sie laufen öfters hier hoch.“
„Ja, oft. Der Fritz auch, der hat aber kleinere Stiefel.“
„Also es sieht so aus, als seien die Fremden von hier gekommen. Die Kinder kamen aus den Fenstern …“
„Aber weshalb sollten sie so etwas machen? Freiwillig …“
„Sie wurden aufgefangen. Man setzte sie ab. Alle gingen gemeinsam in südliche Richtung. Ich sehe hier zwei unterschiedliche Schuhabdrücke. Also sind die vier Kinder und zwei Fremde weg von hier. Vielleicht hat weiter drüben eine Kutsche oder ein Fuhrmannskarren auf sie gewartet.“
„Auf nackten Füßen, wäre auch nicht so gut.“ Warf der Gendarm ein. „Ich mein‘ des Nachts ist es noch kalt und wer es nicht gewohnt ist auf nackten Füßen weite Strecken zu laufen …“
„Da haben Sie vollkommen Recht, Hardenbicker. Lieber Herr Hünighusen, meinen Sie es wäre möglich, dass Sie mit Ihrer Kamera die Fußabdrücke ablichten?“
„Eigentlich ist die Kamera für eine solche Perspektive nicht geeignet. Ich werde es versuchten, Herr Commissär. Was sind das für Abdrücke? Militärstiefel?“
„Vielleicht amerikanische Gummischuhe. Die sind auch wasserdicht, damit hätten sie durch die Sülz gekonnt.“ (Hardenbicker)
„Sie haben ein tiefes Profil. Vielleicht kann man mit Ihren Fotos mehr rausbekommen. Kann ich mich auf Sie verlassen, Hünighusen?“ (Behrens)
„Gewiss. Ich werde auch die Mühle fotografieren. Haben Sie besondere Wünsche?“
„Von jeder Seite eine Fotografie. Dann sollten Sie den wahrscheinlichen Fluchtweg in einem Bild festhalten. Das Fenster und dann eine Fotografie von hier, nach dort hinüber.“ Er zeigte in Richtung Dorf. Behrens verabschiedete sich von allen und folgte den Fußspuren.

***

Peter Hünighusen suchte nun im Dorf nach den Leuten, die Interesse an einem Foto gezeigt hatten. Beim ersten Interessenten, bei der Familie Häger, empfing ihn ein Mann im blauen Kittel. „Gut das Sie kommen. Meine Mutter will Ihnen etwas wichtiges erzählen.“ An einem Foto bestand offenbar kein Interesse mehr.
Um einen kleinen Holzaltar mit drei Altarleuchtern aus Messing, einem Standkruzifix mit einem Korpus aus Bronze, einer geschnitzten Heiligenfigur (möglichweise eine Darstellung des Antonius von Padua) und einem Ölbild, auf der Maria mit dem Jesuskind zu sehen war, saßen fünf, schwarzgekleidete Frauen und beteten den Rosenkranz für die verschwundenen Kinder.
„Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste.
Wie es war im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen.“
Vater und Sohn Hünighusen nahmen auf dem Sofa platz, während Julius Häger sich ihnen gegenüber auf einen Stuhl setzte, von wo aus er die betenden Frauen im Blick hatte. Die Frauen ließen die Perlen des Rosenkranzes durch ihre Finger gleiten. „Sie können das Gebet aufhören wo sie wollen“, flüsterte Häger ihnen fast tonlos zu. Peter nickte. Er war selber Katholik.
„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.“
Jakob sprach bereits leise die Worte der Frauen mit.
„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.“
Häger kramte Tabak hervor, schaute zu den beiden Hünighusens hinüber, bot ihnen Tabak an. Sie schüttelten mit dem Kopf. Der Gastgeber stopfte sich seine Pfeife.
„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.“

Es begann bereits zu dämmern, als die drei Frauen aus der Nachbarschaft sich verabschiedeten und sie endlich mit Hägers Mutter reden konnten.
„Mutter, dass sind die beiden Herren aus Köln …“
„Wer ist das?“
„Die Herren aus Köln. Ich hab dir eben von ihnen erzählt.“
„Jetzt verstehe ich. Ich wollte euch was erzählen. Früher hat es hier schon einmal so etwas gegeben. Damals sind auch Kinder in der Nacht verschwunden …“
„Wann war das?“
„Ich war Mitte vierzig. Wir wohnten noch nicht hier, sondern drüben im Haus meiner Eltern. Es muss so im Jahr 38 oder 39 gewesen sein. Ich musste in der Nacht zum stillen Örtchen, Sie wissen schon. Und als ich zurück ins Haus gehe, da sah ich sie auf dem Weg, den Berg rauf: Drei Männer und fünf Kinder in Nachthemden. Man konnte sie kaum sehen. Es war starker Nebel, so wie die Tage. Die verschwanden mit den Kindern und niemand hat sie jemals wieder gesehen. Ich hab damals alles einem Polizeioffiziant erzählt. Die armen Eltern haben bis zu ihrem irdischen Lebensende getrauert. Sind beide früh von uns gegangen, die Armen.“
„Und Sie meinen, nun wäre es wieder so?“
„Ist wie damals. Wie damals. Das hat keiner hier vergessen. Stell dir vor, deine Kinder sind weg. Du weißt nicht wohin. Du weißt nicht, ob sie noch leben. Könnt ja sein, dass sie weggelaufen wären oder hätten was ausgefressen. Aber da war gar nichts. Alles fügsame Mädchen und Jungen waren das. Jetzt sind sie alle wieder vereint. So Gott will.“

Freitag, 28. März 1879
Hartegasse, Rheinland

Mehrere Gendarme und Behrens folgten der Spur der Entführer in den Wald. Zunächst am Bach entlang, immer die Fußspuren im Blick. Auf halber Höhe überholten sie die Hünighusens, die auf dem Rückweg nach Lindlar waren. Fast oben führte sie die Spuren auf einen kleiner Pfad weiter in den Wald. Schließlich verschwand auch dieser kleine Pfad, nur die Fußspuren blieben ihnen als Hilfe. Die beiden Hünighusens begleiteten die Polizisten auf Bitten des Commisärs. Schließlich erreichten sie mitten im Wald einen kleinen Weiher. In die dahinterliegende Felswand hatte man eine Steinhütte gebaut.
Geduckt näherten sie sich der mit Moos überwucherte Hütte. Behrens gab den Gendarmen verschiedene Handzeichen. Sie postierten sich neben dem Eingang der Hütte, nahmen die Flinten von den Schultern, Behrens zog seinen Revolver. Er betrat als erster die Hütte. Die Decke war halb eingestürzt, Tische und Stühle waren zerschlagen, Kochtöpfe, Geschirr und Besteck lagen auf dem aufgeweichten Boden der Hütte. In der Rückwand war eine größere Öffnung. Hier hatte man offenbar einen Stollen in den Berg getrieben. Neben der Öffnung saß ein Mädchen, mit dem Rücken an der Wand. Sie rührte sich nicht. Sie hatte die Augen auf, starrte aber ins Leere.
„Luise? Berta?“ sprach Behrens sie an. Sie reagierte nicht.
„Luise? Kannst mich hören? Berta?“
„Ich glaube nicht das dies eins der Mädchen ist. Ich glaub das ist eine ältere Frau …“, meldete sich Hardenbicker.
„Wenn hier etwas Licht wäre, dann … Machen Sie doch mal die Fenster frei von dem ganzen Gestrüpp, und dann mal das Fenster auf.“
Tatsächlich es war keins der Mädchen.
„Cave on the sea … „, sagte die Frau plötzlich.
„Was? Wie meinen Sie das? Wo waren Sie?“
„Ich war in der Höhle – weit weg – war auch schön – extremely bad – at last.“
„Das gibt doch keinen Sinn.“
„Vielleicht doch. Im Dorf habe ich gestern mit einer Frau gesprochen, die mir erzählte, dass bereits vor vierzig Jahren Kinder aus dem Dorf verschwunden sind“, sagte Peter Hünighusen.
„Wie?“
„Auf dieselbe Art. Sie wurde auch in der Nacht entführt.“
„Und weshalb erzählen Sie mir das erst jetzt?“
„Ich … ich hatte gedacht, Ihnen hätte man dies auch erzählt. Ihre Leute sind doch um die Häuser gezogen. Was, wenn diese Frau damals …?“
„Wie sollte die Frau hier all die Jahre gelebt haben, ohne das sie jemand gesehen hätte? So tief sind wir auch nicht im Wald.“
„Oder hat sie ganz woanders gelebt und jetzt zurückgekehrt, hat hier die Nacht verbracht?“
„I was gone – weg geholted – for a long time“ (Frau)
„In dem Zustand bekommen wir nichts aus ihr raus. Hardenbicker, besorgen sie ein Pferd und eine Karre. Wir müssen die Frau zurück ins Dorf fahren.“
„Das müssen Sie sich ansehen, Herr Polizeikommissar. Auf den Steinen sind merkwürdige Zeichen. Irgendeine alte Schrift vielleicht.“

Montag, 12. Mai 1879
Köln am Rhein, Fotoatelier Hünighusen, Minoritenstraße

„Besten Dank für die Bilder, die ihr Sohn auf der Wache abgegeben hat.“
„Hat sich in der Sache noch etwas ergeben? Gibt es eine Spur bezüglich der Kinder?“
„Leider nein. Vor Ort in Lindlar sind noch ein paar Hinweise eingegangen, aber keiner davon führte zu einer neuen Spur.“
„Ich versteh das alles nicht.“
„Wann schicken Sie eigentlich eine Rechnung, Hünighusen?“, fragte Franz Behrens den Fotografen.
„Eine Rechnung. Wofür denn eine Rechnung?“
„Kostet das hier alles nichts? Natürlich bezahlt die Polizei die Bilder.“
„Ihr konntet mit den Bildern etwas anfangen?“
„Einer der Zeichner hat anhand Ihrer Bilder die Schuhabdrücke gezeichnet. Ich habe ein paar Schutzmänner durch die Geschäfte laufen lassen. Sie haben bei mehreren Schustern nachgefragt, aber so ein Profil kannte niemand. Es gibt ein paar Läden, in der Bürgerstraße und Laden vom Hannibal im Lichthof, die verkaufen diese Gummischuhe. Dort konnte man sich gut vorstellen, des es solche Schuhe von Hutchinson sind. Diese Gummischuhe werden aus England, Frankreich und Amerika geliefert. Man will die Augen offen halten.“
„Und was ist mit der Frau? Ist sie wieder gesund?“
„Darüber darf ich Ihnen leider nichts sagen. Ist nicht länger meine Angelegenheit. Man kümmert sich in Berlin darum.“
„Staatsangelegenheit. Na, ob die was raus bekommen?“
„Wahrscheinlich nicht oder anders gesagt, die wollen es wohl auch nicht.“
„Sehr seltsam.“

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Schuhabdrücke wie sie Franz Behrens und Peter Hünighusen an der Mühle sahen (Zeichnungen nach den Fotografien von Peter Hünighusen, 1879).

 

„Das können Sie laut sagen.
Aber etwas ganz anderes. Weshalb ich zu Ihnen gekommen bin. Meine Verlobte, Maria Lucia Fischer, sie hat sich früher einmal von Ihnen porträtieren lassen, Sie kennen sie also, wir wollen uns im Juli vermählen. Dafür würden wir uns gerne von ihren porträtieren lassen oder vielmehr fotografieren …“
„Oh ja, Fräulein Fischer kenne ich …“
„Wir werden in der Villa meiner Schwiegereltern feiern. Kleines Fest. Wenn Sie am 15. Juli den Nachmittag frei hätten zum Fotografieren …“

***

„Am Dienstag vermählten sich Franz Leopold Behrens und Maria Lucia Fischer. Sie ist die Tochter des Unternehmers und Kommerzienrats Johann Fischer. Er der Sohn von Walther Behrens, Besitzer einer Fabrik in der Gemeinde Ehrenfeld.“ (Stadt-Anzeiger, 19. Juli 1879)

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Mittwoch, 14. Mai 1879
Berlin

Eberhard Klug und Simon Willmer, zwei Beamte des preußischen Ministerium des Innern schauten auf eine Reichskarte.
„Und wo liegt nun dieser Ort genau?“ (Klug)
„So genau kann man dies auf dieser Karte nicht sehen. In der Rheinprovinz. Hier zwischen Wuppertal und Köln. Ungefähr eine halbe Tagesreise von Köln aus. Schwer zugänglich. Sehr katholisch, romtreu, ultramontan.“ (Willmer)
„Wir sollten unbedingt bald dem Oberregierungsrat Bericht erstatten. Die Fälle häufen sich nun. Dies ist schon der dritte Fall von dem uns in der Gegend berichtet wird.“ (Klug)
„Die Dunkelziffer wird wesentlich höher sein. Die Leute haben Angst und wollen unseren Leuten nichts erzählen. Vor Ort war ein königlich-preußischer Kommissar aus Köln und mehrere Gendarme, die so gut wie nichts von den Leuten erfahren haben. Sie haben wieder einen Stollen mit Schriftzeichen entdeckt. Dort haben sie diese Frau [blättert in den Unterlagen] , eine Anna Catherina Feldhoff, sie wurde von der Polizei dort gefunden. Völlig verwirrt, bis zum jetzigen Zeitpunkt. Der Kommissar hat im Dorf einen reisenden Fotografen befragt, der erzählte ihm, dass es Gerüchte gibt, dass bereits vor vierzig Jahren in dem Ort Kinder verschwunden sind.“ (Willmer)


Hinweis: Dies ist ein fiktives Dokument zur transmedialen Buchreihe Bookattack – Living in Books. This is a fictional document!