Das schwarze Tuch

Sonntag, 22. August 1869
Osterath, Rheinland

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Infos zum Bild.

Sein Bruder Gerhard kam aus dem Hühnerstall gestolpert. Als er sie sah, stellte er den Eimer zur Seite, nahm die Pfeife aus dem Mund und begrüßte sie. „Da seid ihr ja schon. Die Bahn war pünktlich?“ Er strich seinem Neffen Jakob über den Kopf und reichte seinem Bruder Peter die Hand. „Da habt ihr euch gutes Wetter ausgesucht. Sonnenschein und es wird heute auch kein Gewitter geben, dass habe ich in den Knochen“, lachte Gerhard. „Kommt rein.“
Peter Hünighusen war gekommen um in seinem Heimatdorf Osterath weitere Fotografien zu machen. Mit seinem Sohn Jakob war er bereits zweimal zum Fotografieren hier gewesen. Beim letzten Besuch im Juni hatte es am Nachmittag fürchterlich gerechnet, so dass sie ihre Tour abgebrochen hatten.
„Wir wollen uns bei euch nicht lange aufhalten. Ist Willi schon fertig?“ Willi war einer der drei Söhne des Ehepaars Berta und Gerhard Hünighusen und acht Jahre alt, so wie Jakob. Willi wollte die beiden auf ihrer Tour begleiten. Gerhard musste in der Nachbarschaft nach dem Jungen suchen. Jakob holte das Fotomaterial aus der Kammer und lud alles zusammen mit der mitgebrachten Plattenkamera, dem Stativ, dem kleinen Labor und einigen Chemikalien auf zwei Karren. Sie spannten die beiden Hunde Bassa und Pompo, zwei lupenreine Promenadenmischungen, vor die beiden Hundenkarren. Gerhard gab ihnen noch den Erlaubnisschein des Bürgermeisters für die Karrenhunde.
Sie gingen durch die Eschgasse und gelangten durch das schmale Bongardgässchen auf die Dorfstrasse. Hier erklärte Jakob den beiden Jungen, dass man vor dreißig Jahren durch den Abriss des Hofes vom alten Bürgermeister die Möglichkeit geschaffen hätte, dass die Postkutschen über die Staatsstraße von Haus Meer kommend, ins Dorf fahren könnten.
„Hier kommen nun die Kutschen um die Ecke, fahren hier vorbei“, beschrieb er mit einer Handbewegung den Weg der Kutsche und wies mit gestreckten Armen Richtung katholische Kirche. „Vorbei an der Kirche und halten schließlich beim Ackershof.“ Er zog seine Uhr aus der Tasche. „Wir liegen gut in der Zeit. In einer halben Stunde soll die Kutsche kommen. Ich denke wenn wir die Kamera dort aufbauen, können wir dort drüben die Platte vorbereiten.“
Zunächst bauten sie ihr kleines Labor vor der Gastwirtschaft auf. In diesem selbstkonstruierten Labor aus einer Zeltplane machte Peter die Glasplatten lichtempfindlich. Da die lichtempfindliche Schicht aus Kollodium und Silbernitrat schnell eintrocknet und damit unbrauchbar wird, durften sie die Beschichtung nicht zu früh vor der Belichtung machen.  Nach dem Auftragen der gallertartigen Substanz auf die Glasplatte, wurde sie verteilt und abschließend noch in einem Silbernitratbad sensibilisiert. Die noch nasse Platte legte Peter nun in die Kamera ein. Nun warteten sie darauf, dass die Postkutsche die Straße herunter kam. Leider kam die Kutsche verspätet. Gerade hatte Peter beschlossen nicht mehr zu warten, da riefen die umstehenden Kinder: „Da kommt sie. Da kommt sie.“
Als die Kutsche fast bei ihnen angekommen war, ließ Peter sie kurz stoppen und löste durch Abnehmen der Objektivkappe die Belichtung aus. Nun wurde die Platte direkt aus der Kamera genommen und im kleinen Labor entwickelt.
Sie bauten Kamera und Labor ab, luden alles auf die beiden Karren und gingen, begleitet von einer immer größer werdenen Kinderschar hinüber zur  Kirche St. Nikolaus. Diese alte Kirche hatte vor über zehn Jahren ein neues gotisches Schiff bekommen. Hier begann das Spiel von neuem: Aufbau von Labor und Kamera sowie Vorbereitung der Glasplatte für die Aufnahme. Mittlerweile waren über zwanzig Kinder auf dem Platz vor der Kirche und erhofften mit aufs Bild zu kommen. Einige Erwachsene hatten sich ebenfalls zu den Hünighusens gesellt und schauten interessiert zu. Nachdem Peter die Platte vorbereitet und in die Kamera gelegt hatte, war es die Aufgabe von Jakob und Willi dafür zu sorgen, dass für einen kurzen Augenblick ein Teil des Kirchplatzes menschenleer war, so dass die Belichtung stattfinden konnte. Oft warf Peter auch eine Geldmünze in die entgegengesetzte Richtung seines Schussfeldes, wodurch bei den Kinder ein wildes Gerenne und Gebalge ausgelöst wurde und das Fotomotiv frei von störende Kindern.
Dieser Szenerie wurde vor dem Ackershof, wo die Pferdewechselstation war, vor der Hofeinfahrt des Plöneshofs,  bei der Vikarie, beim Haus zum Stern, der Schule und dem Köllgeshof wiederholt.
Weitere Bilder wollten sie beim Broekes Hof machen. Dazu mussten sie ein paar Kilometer raus aus dem Dorf. Sie gingen erneut durchs Bongardgässchen in Richtung Blockwindmühle. Die beiden Hunde, die sich bisher gelangweilt hatten, kämpften nun gegen den Wind an. Die letzten beiden Kinder, die ihnen vom Dorf aus gefolgt waren, kehrten nun auch um.  Rund hundertfünfzig Meter vor Hof hielt der kleine Treck an. Sie bauten erneut ihr kleines Labor und die Kamera auf. Nun bereitete Peter zwei weitere Platten vor. Hier draußen war es absolut ruhig, niemand war auf dem Feld zu sehen, der Hof lag völlig ruhig vor ihnen. Peter kroch unter das Tuch und bereitete die Aufnahme vor. Er schaute durch die Mattscheibe. Dann fiel ein Schuss.  Krähen flogen schimpfend auf. Aus der Hofeinfahrt der Broekes rannte Mann, dicht gefolgt von einem zweiten, der mit einem Gewehr bewaffnet war. Der zweite legte unbeholfen an und schoss. Daneben. Der erste drehte sich herum und schoss ebenfalls. Der andere fiel.
Der Schütze rannte weiter übers Feld in Richtung Osterath und lief schräg an Hünighusens Kamera vorbei. Als Peter sich vom ersten Schreck erholt hatte, nahm er zur Belichtung die Objektivkappe ab.
„Willi, du läuft ins Dorf und holst den Polizeidiener. Und der soll den Arzt mitbringen. Kannst du dir das merken? Nimm Bassa mit. Jakob, du kümmerst dich um die Kamera und den Rest. Ich lauf mit Pompo zum Hof.“ Die Hunde wurden losgebunden. Willi lief zurück nach Osterath, wo er zunächst im Rathaus, dann in den Wirtshäusern nach Carl Hilgers, dem Polizeidiener, suchte.
Als Peter mit dem Hund dem Verletzten näher kam, erkannte er den Feldhüter Albert Buscher. Seine Aufgabe war die Sicherung und Beaufsichtigung der Äcker und Felder, der Schutz der Früchte gegen Diebstahl. Die Kugel des Fremden hatte Buscher am linken Arm erwischt, ein Streifschuss. Der Verletzte erzählte, dass er den Mann auf dem Hof der Familie Broeke erwischt hätte. Der Mann sei weggerannt. Er hätte einen Revolver gehabt und zuerst geschossen. Neben dem Feldhüter lag sein Gewehr, mit dem er zwar ebenfalls einen Schuß abgegeben, den Dieb aber verfehlt hatte. Nachdem er Buschers Blutung gestoppt hatte, nahm er dessen Karabiner und ging zum Broekes Hof hinüber.
Im Innenhof war es still, ein paar Hühner gackerten, die Haustüre stand auf. Peter rief laut: „Ist wer zuhause. Ich bin Peter Hünighusen aus Osterath. Ich bin nicht der Dieb, der ist übers Feld und hat den Feldhüter Buscher angeschossen.“ Hünighusen befürchtete, dass im nächsten Moment ein Fenster aufgehen und ihn jemand ins Visier nehmen würde. Aber nichts dergleichen geschah, er kam unbehelligt zur Haustür. Wo war wohl der Hofhund?
Im Hausflur und in der Küche war niemand. Er ging weiter in die Stube. Hünighusen roch gleich den metallischen Geruch von Blut als er die Stube betrat. Er hielt sich sein Taschentuch vor die Nase. In der Stube lag eine Frau auf dem Boden. Sie lag auf dem Rücken, die Beine zu einem V gespreizt. Schwarze Schuhe, schwarze Strümpfe, ein blaues Leinenkleid, darüber eine graue Schürze. Der linke Arm lag unter dem Körper der Frau, die rechte Hand war zu einer Faust geballt. Aus dieser schaute ein Schmuckstücks hervor. Sie hatte es wohl krampfhaft festgehalten. Wohl eine Brosche. Der Ringfinger war seltsam abgeknickt und blutig. Ihr Gesicht war mit einem schwarzen Tuch bedeckt. Unter dem Tuch floss Blut hervor, welches sich schon durch die Dielenritzen den Weg bis unter den Tisch gesucht hatte. Vor den Füßen der Frau lag eine schäbige Kappe. Peter kannte die Familie Broeke, noch von früher. Es konnte sich um Frau Broeke handeln, aber auch um die Magd. Er fasste mit zitternder Hand das Tuch, traute sich aber nicht das Tuch vom Gesicht wegzuziehen.
Er stand auf und durchsuchte das restliche Haus. Es war niemand da. Als er wieder in den Innenhof trat entdeckte er den Hofhund, der ebenfalls tot vor der Scheune lag.
Nach einer gefühlten halben Ewigkeit kam endlich Polizeidiener Hilgers auf den Hof gerannt. Willi hatte ihn im Wirtshaus gefunden. Hilgers roch  stark nach Branntwein. Der Arzt würde später kommen und sich um den Feldhüter Buscher kümmern. Hilgers zog die Kuppel zurecht, an der sein Säbel und die Patronentasche hing und rückte die Pickelhaube gerade.  Carl Hilgers war bereits 62 Jahre alt. Bevor er vor sieben Jahren als Polizeidiener eingestellt worden war, war er lange Soldat beim Heer gewesen. Er ließ sich von Hünighusen kurz berichten was passiert war und ging dann bewaffnet mit einer Bajonettflinte ins Haus.
Nachdem Hilgers das Haus durchsucht hatte, besprach er sich mit Peter. Zusammen mit Doktor Julius Frost brachten er den verletzten Feldhüter Buscher zurück ins Dorf. Gegen zwei Uhr am Nachmittag brachen Peter und Jakob zum Bahnhof auf und fuhren zurück nach Köln.
Hilgers blieb auf den Hof. Er wartete auf die Rückkehr der Familie Boeke oder dessen Gesinde sowie auf den Polizei-Commissär. 

***

Der Gendarmerie war die Suche nach dem Mörder übertragen worden. An den Bahnhöfen hatten sich Gendarme postiert und kontrollierten alle Reisenden. Ein Zug nach Köln war daher ausgefallen und folgende Zug war daher überfüllt. Für seinen Sohn hatte Peter noch einen Sitzplatz ergattern können. Er selbst stand aber eingequetscht zwischen Frauen und Männern in ihrer besten Sonntagskleidung. Zwischen den Füßen hatte er einen Teil der Fotoausrüstung, weitere hatte Jakob, den größten Teil hatten sie in Osterath gelassen. Der Zug bummelte. Im Waggon war es furchtbar heiß und stickig. Jakob versuchte an nichts zu denken, was ihm aber nicht gelang. Ihm wurde heiß. Panik stieg in ihm auf. Er öffnete mehrere Knöpfe seines Hemdes. „Kann nicht mal jemand ein Fenster aufmachen?“, fluchte ein Herr, dem bereits die Schweißperlen auf der Stirn standen. „Ist schon auf. Das da drüben klemmt“, rief ein junger Mann, der aber nochmal aufstand, um erneut am Fenster zu rütteln. Vergeblich. Jakob hätte gerne den Zug angehalten, seinen Sohn und die Fotoausrüstung genommen und wäre den Rest nach Köln gelaufen. Der Schweiß lief ihm auf der Brust und den Rücken runter. Weiter vornen rief ein Mann: „Da kann man doch bequemer und schneller mit der Kutsche fahren.“ Einige der umstehenden Lachten und weitere Scherze folgten nun. War dies nicht der Mörder vom Broekes Hof? Hünighusen hatte auf dem Feld der Broekes das Gesicht des Flüchtenden nur kurz  gesehen, aber da war eine Ähnlichkeit. Aber vielleicht war es nur Einbildung. Der Mann hatte sein hageres Gesicht nun abgewand, scherzte mit den Umstehenden. Trug er nicht auch ein schwarzes Halstuch, so wie er es bei dem Mann auf dem Feld gesehen hatte? Er stellte sich auf die Zehenspitzen. Dreh dich rum, dreh dich doch rum. Tatsächlich, er war es. Der traute sich was. Sein Tuch war hinten im Nacken geknotet und hing dem Kerl vornen als Dreieck auf die Brust. Gleich würde er das Tuch über die Nase und den Revolver aus der Jacke ziehen und die Mitreisenden ausrauben. Er würde auch nicht zurückschrecken die Waffe zu benutzen.
Hier würde Jakob nicht an den Mann rankommen. Vielleicht würde er ihn in Köln am Bahnhof erwischen. Doch bei der Ankunft hatte er mit seinem Jungen und dem Fotoausrüstung so viel um die Ohren, dass er beim Aussteigen gar nicht mehr nach dem Mann schauen konnte. Im Bahnhof traf er noch Frau Bonde, die Gemahlin von Direktor Fritz Bonde, eine Kundin von ihm, die er zum Damenzimmer brachte und ihr Jakob und die Fotoausrüstung anvertraute. Er lief durch die Wartesäle, zur Bilettausgabe und zur Gepäckaufnahme und letztlich zum Abfahrtsvestibül. Der Mann war nicht zu sehen. Schließlich lief er noch nach draußen bis zum Verlagshaus der Volkszeitung, hatte den Mann aber nicht mehr zu Gesicht bekommen.

Mittwoch, 8. März 1871
Fotoatelier Hünighusen, Köln

Seinen Beruf hatte Peter Hünighausen bei dem Fotografen Albert Pfannholz erlernt, der zunächst in den 1830er Jahren als Wandermaler unterwegs gewesen war und später als Daguerreotypist durch Norddeutschland zog, bevor er in Düsseldorf ab 1855 ein Fotoatelier betrieb. Dort hatte Hünighusen einige Jahre gearbeitet, bevor er 1863 in Köln sein eigenes Atelier in der Minoritenstraße eröffnete. Das Atelier befand sich in der ersten Etage. Das sogenannte Glashaus ließ Tageslicht ins Atelier. Mit Vorhängen konnte der Lichteinfall in dem Raum gesteuert werden. Die Kunden nahmen vor einer großen Leinwand platz. Rechts stand die Kamera. Neben dem Atelier befanden sich weitere Räume mit der Dunkelkammer, einem Labor und das Kartonnir- und Retouchirzimmer.

Am Nachmittag betrat ein Soldat das Atelier. Er wünsche ein paar Karten, die er an Freunde verschenken könne. Sie einigten sich auf die Formate (5 x … und 10 x … ) und Peter Hünighusen platzierte ihn anschließend auf dem Sessel vor der Leinwand.
„Soll ich die Kappe abnehmen?“ Offensichtlich gefiel sie ihm nicht. Er hätte wohl liebe eine schöne Schirmmütze gehabt oder einen eleganten preußischen Helm.
„Wie Sie wünschen.“ Hünighusen hatten in den letzten Wochen einige Gecken im Atelier gehabt. Soldaten, die weißgott höhere Ränge bekleideten wie dieser Schaumschläger der nun auf seinem Sessel saß. „Bitte die Beine übereinander. Das rechte über das linke, mein Herr. So sieht es doch gleich viel besser aus. Können Sie noch den Säbel auf die Sitzfläche legen? Ja, wunderbar. Und den Troddel etwas nach hinten.“
„Sonst noch was?“ Knurrte der Soldat. „Mach‘ doch einfach dein Foto …“
„Einen Moment noch, Jung. Den Ring bitte noch etwas nach vornen drehen. Das Erbstück soll doch jeder sehen.“
„… da kann ich doch gleich zu einem richtigen Maler gehen.“ Diesen Satz hatte Hünighusen schon einmal gehört. Die Beschwerde kannte er auch, es gab Zeitgenossen die eine krankhafte Ungeduld in sich trugen. Nun kam ihm aber eine andere Erinnerung in den Sinn. Auf der Eisenbahnfahrt damals von Osterath nach Köln, als es heiß und stickig und der Zug überfüllt war. Der Mann mit dem Halstuch … dieselbe Art. Da könne man ja gleich mit der Kutsche reisen. Nun sah er ganz anders aus: Die Uniform und der Bart hatte ihn verändert, aber sein Ausdruckstil, seinen Typ konnte er dahinter nicht verbergen. Er mochte sich zwar nun nach dem Sieg über Frankreich als Held fühlen, er blieb aber ein Schmeck vum Dudewage und ein Widerling.
Vielleicht hatte der Mann gedacht, er könnte die Bilder gleich mitnehmen. Hünighusen musste, aber die Glasplatten entwickeln, vom Negativ die Positive erstellen und schließlich mit der Satiniermaschine die Fotos noch auf Karton aufziehen. Er bat den Soldaten daher um seine Adresse. Er, Bruno Schuster, wohne in der Weißbüttengasse Nummer 41, zweite Etage. Hünighusen solle am nächsten Tag nach 11 Uhr die Bilder bringen.

Donnerstag, 9. März 1871, cirka 11 Uhr
Weißbüttengasse, Köln

Das Haus in der Weißbüttengasse mit der Hausnummer 41 hatte im Erdgeschoss ein Zimmer zur Straße und ein weiteres Zimmer zum Hof, eine Küche und einen darunterliegenden Gewölbekeller. Eine Treppe hoch war wieder ein Zimmer zur Straße und eines zum Hof, dort eine Bettnische im Grundriss. Eine weitere Treppe hoch war dieselbe Anordnung, ein Zimmer zur Straße und eins zum Hof. Darüber zwei Speicher, einer über dem anderen. Hinter dem Hof stand ein baufälliger Schuppen mit einem darüber liegenden Speicher. Dahinter ein Gemüsegarten. Die Polizeiserganten Urban und Schwarz warteten auf dem ersten Speicher über Schusters Wohnung. Beide hatten lange im Dienst der preußischen Armee gestanden. Johann Urban war bevor er nach Köln kam, als Schutzmann in Aachen tätig gewesen. Erich Schwarz als solcher in seiner Heimatstadt Köln, wo auch bereits sein Vater als Polizeioffiziant tätig gewesen war. Polizei-Commissär Hetznecker hatte sie zum Waidmarkt geschickt, nachdem Peter Hünighusen ihn von dem Mord vor eineinhalb Jahren, im August 1869 bei Osterath und vom Besuch des Soldaten Bruno Schuster in seinem Fotoatelier erzählt hatte.

Kurz nach 11 Uhr stand Peter Hünighusen vor der Wohnungstür und klopfte. Im Hausflur eine Etage tiefer hatte sich Schutzmann Behrens versteckt. Behrens war gerade 20 Jahre alt geworden, aus gutem Haus, wollte unbedingt Polizist werden, sah eher schwächlich aus, war aber sehr ehrgeizig. Peter wartete, klopfte erneut. Schuster öffnete noch im Morgenmantel. Außer dem Morgenmantel trug er nur ein Tüchlein um den Hals, keine Hose, er lief barfuß.
„Der Herr Fotograf. Treten Sie ein.“
Peters Herz hämmerte wie wild. Er hätte es sich einfach machen können, indem er die gewünschten Fotos überreicht und von Schuster das Geld kassiert hätte. Aber er wollte den Mann unbedingt als Mörder überführen. Um die einfache Variante zu umgehen, hatte er Vorsorge getroffen. Sobald er das Päckchen mit den Fotos übergeben hatte, gab es kein Zurück mehr.
Bruno Schuster riss das Packpapier auf und betrachtete die Bilder.
„Sie haben mich gut getroffen. Erstaunlich.“ Er lächelte Peter an. Beim dritten Foto zog er seine Stirnmuskeln zusammen und schaute Peter fragend an. „Was ist das? Das habe ich nicht bestellt. Ein Versehen?“
Schuster hielt ein Bild in den Händen auf dem der Hof bei Osterath zu sehen war, davor ein Mann der übers Feld rannte.
Peter zögerte. Schuster schaute wieder auf das Bild. Nun dämmerte es bei ihm.
„Sie erkennen es wieder?“ Peter schluckte. Er zeigte auf das Bild. „Hier das sind Sie, lieber Herr Schuster.“ Jakob hatte auf dem Feld vor dem Hof der Broekes das Glasnegativ entwickelt. Peter war sehr überrascht, als sein Sohn ihm damals nach der Rückkehr in Köln vom Negativ erzählte. Das Foto war gelungen. Unter der Lupe war das panische Gesicht des Mörders Bruno Schuster deutlich zu erkennen.
„Und?“
„Sie sind ein Dieb und Mörder.“
Schuster lachte. „Soll das ein Scherz sein?“
„Sie haben auf dem Hof die Magd Elfriede Keller umgebracht, wurden vom Feldhüter Buscher erwischt, einer Ihrer Kugeln traf ihn, Sie flohen übers Feld, ich habe ein Foto gemacht, Sie haben sich für ein paar Stunden in Osterath versteckt und sind dann mit dem Zug nach Köln zurück gefahren.“
„Das ist Spekulation.“ Schuster zerriss den Papierabzug in kleine Stücke und ließ die Schnipsel auf den Boden fallen. „Es gibt keine Beweise für dein Geschwätz.“
„Sie scheinen keine Ahnung von Fotografie zu haben. Ich kann von dem Negativ, welches ich der Polizei übergab, so viele Duplikate auf Papier anfertigen wie ich möchte. So wie dieses hier.“ Peter zog ein weiteres Foto aus der Tasche.
Schuster schaute nun leicht erschrocken. „Und damit willst du nun beweisen, dass ich auf dem Hof war?“
„Ich finde es ziemlich eindeutig. Sie kamen vom Hof, wo sie die Keller gerade umgebracht hatten, schossen auf den Feldhüter und liefen weg. Wenn Sie genau hinschauen, sehen Sie auch Buscher auf dem Feld liegen. Und man sieht auch Ihre Waffe.“
Schuster ging zum Fenster. Er hatte Hünighusen den Rücken zugedreht.
„Was sollte eigentlich das Tuch über dem Gesicht der Frau? Können Sie kein Blut sehen?“
„Nun, ich wollte sie zunächst mit dem Tuch etwas geräuschloser umbringen.“ Er drehte sich herum. Er löste den Knoten seines Halstuchs. „Als ich aber mit dem Halstuch … Da hat sie laut geschrien.“
Peter schwieg. Er ging ein wenig nach hinten. Schusters machte zwei, drei große Schritte und trat Peter so gegen das rechte Bein, dass dieser einknickte und stürzte. Blitzschnell zog Schuster sein Halstuch und stopfte es dem gestürzten Peter Hünighusen in den Mund.
„Du wirst nicht schreien.“

Urban und Schwarz, die beiden Polizeiserganten, saßen noch auf dem Speicher und warteten auf ihren Einsatz. Vom Gespräch zwischen Hünighusen und Schuster hatten sie bisher nur ein Gemurmel mitbekommen.
„Ziemlich still geworden“, sagte Urban zu seinem Kollegen.
„Erschreckend still.“ Schwarz horchte.  „Wollte der Fotograf nicht richtig Rabatz machen? Ich glaub‘ wir sollten runter.“
„Und was, wenn sie noch nicht so weit sind? Ich mein mit dem Bild …“
„Los jetzt!“
Sie stürzten die Treppe herunter. Im Flur stand bereits Schutzmann Behrens. Schwarz trat ohne sich vorher bemerkbar zu machen die Tür ein. Das Holz von Tür und Rahmen splitterte. Vor ihnen stand überrascht, aber mit einem Revolver bewaffnet Schuster. Er hatte sich mittlerweile eine Hose angezogen, sein dürrer Oberkörper war frei. Behrens und Urban zielten mit ihren Flinten auf Bruno Schuster. „Hände nach oben!“
Peter lag mit dem Tuch geknebelt und mit einer Kordel gefesselt auf dem Boden. Erich Schwarz band ihn los und half ihm auf die Beine. Den Schuster brachten sie ins Polizeipräsidium in der Glockengasse.

***

In Schusters Wohnung fand die Polizei ein Büchlein, in dem er Namen und Adressen notiert hatte. Die Magd Elfriede Keller, von allen nur Elli genannt, tauchte auch in der Liste auf. Offenbar war sie als Diebin für Schuster unterwegs gewesen. Bruno Schuster und die Keller waren an dem Tag offenbar in Streit geraten, sie wollte den in Lank und Büderich gestohlenen Schmuck nicht abgeben, Schuster hat ihn ihr mit Gewalt entrissen. Daraufhin hat die Keller ihm offenbar gedroht, ihn auffliegen zu lassen.
Bauer Broeke sagte aus, er hätte Elfriede Keller 29 Taler im Jahr für ihre Dienste als Magd bezahlt. Hinzu bekam sie ein Leinenkleid, zwei paar Schuhe, eine Schürze und zwei Kappen. Man sah sie auch in einem braun bedruckten Baumwollkleid, wenn sie ins Dorf ging.
Als man ihr Zimmer damals durchsuchte, fand man eine Truhe mit sorgfältig gefalteten Kleidungsstücken. Aufgeführt wurden:
1. eine Bluse aus Kaschmir,
2. eine Schosstaille mit russischem Hemdchen,
3. ein Regen-Capote,
4. einen Schirm mit Frisuren,
5. offene Stiefel mit Lederbändern,
6. ein quadratisches schwarzes Tuch (wurde als Mantelet – also als Umhang – arrangiert),
7. eine weitere Capotehaube mit Pelzbesatz,
8. Gamaschen mit Pelzgarnitur,
9. Häubchen mit Tüll und Samtband,
10. ein runder Filzhut,
11. eine Jacke aus Batist mit Stickerei,
12. ein Fichutuch mit Tüllpuffen und Spitze,
13. einen Muff aus Bärenpelz,
14. einen Unterrock für ein Schleppkleid,
15. ein Korsett aus englischem Leder sowie
16. Damenleibwäsche (a. eine Nachthaube, b. ein Beinkleid mit Zugbändern, c. ein Negligekragen, d. ein Nachthemd mit spitzer Passe).
Geschätzter Wert der Kleidungsstücke: mindestens 150 Taler. Dies alles hätte sie sich niemals leisten können. Trotzdem wollte Elfriede Keller die Kleidung einer Dame haben. Vielleicht wollte sie sie auch verkaufen. Bruno Schuster sagte aus, dass sie sich den Lohn bei den Raubzügen hätte selber aussuchen können.
Die Gendarmerie besuchte auch die anderen von Schuster notierten Adressen. Alle nicht allzu weit entfernt von der Bahnstrecke Köln-Krefeld. Zwei Personen waren unbekannt verzogen. In Riehl und in Neuß gab es zwei Festnahmen. Bei ihnen wurde Diebesgut  – Schmuck, Gemälde, Handschriften – gefunden. Vier weiteren Personen konnte gar nichts nachgewiesen werden.

Hinweis: Dies ist ein fiktives Dokument zur transmedialen Buchreihe Bookattack – Living in Books. This is a fictional document!