Matthias Kierdorff

In der Nacht wachte er von einem Geräusch auf. Nach dem er ein paar Sekunden ins Haus gehorcht hatte, wollte er sich wieder hinlegen. Da aber auch die Katze aufgesprungen war und nun mit spitzen Ohren am Fußende des Bettes saß, blieb er auch aufmerksam. Wenig später hörte er wieder ein Geräusch. Die Katze sprang in Zeitlupe vom Bett und schlicht vorsichtig in den Flur. Er schlug die Bettdecke zurück. Auf Socken folgte er dem Kater in den Flur, wo er sich den Stab der Ausziehtreppe nahm. Er stellte sich bereits vor, wie er den Eindringling damit bezwingen würde.
Ein Flüstern. Unten sah er schwaches Licht, das wohl von einer Taschenlampe kam. Die Katze saß auf der Treppe und schaute ängstlich durch die Treppenstäbe in das Zimmer, dessen Türe weit offen stand.
„Wer ist da?“, rief er. Keine Antwort. Wieder Flüstern. Dann Schritte und schließlich Stille. Seine Landschaftsskizzen lagen auf dem Boden.

***

Am Nachmittag saß er nachdenklich am Zeichentisch. Es fehlte ihm aber an der notwendigen Konzentration. Er grübelte wieder mal. Wie so oft dachte er an seinen Krankenhausaufenthalt vor drei Monaten. Nach einem schweren Unfall, an den er sich nicht mehr erinnern konnte, war er im Krankenhaus aufgewacht. Sein erster Gedanke war damals eine Art Fluchtinstinkt. Er wollte direkt aufspringen. Die herbei eilenden Schwestern hielten ihn im Bett zurück. Er soll damals gerufen haben: „Wir müssen sie einholen. Sie haben die Unterlagen. Sie sind in Gefahr.“
Man hatte ihm ein Beruhigungsmittel gegeben. Nach dem er langsam aus diesem Zustand aufwachte und seine Umgebung genauer betrachtet hatte, hatte auch das Interesse an diesen Unterlagen nachgelassen.
„Sie wissen wo wir hier sind?“ Ein bärtiger Mann in einem weißen Kittel stand ihm schon eine Weile redend gegenüber, aber erst jetzt verstand er seine Worte.
„Ich glaube in einem Art Krankenhaus“, sagte er zögerlich. „Sieht jedenfalls so aus. Ja, ich denke es ist ein Krankenhaus.“
„Wissen Sie auch den Grund Ihres Aufenthalts?“
„Das ist schwer. Ich hatte wohl … Ich bin wohl angeschossen worden, oder?“
„Wissen Sie, wo sie vorher waren, bevor Sie hier hingekommen sind?“
Auf dem Rücken seines Pferdes wäre die Wahrheit gewesen, aber er wusste, dass dies den Arzt überfordert hätte. „Ich war auf dem Weg von Mülheim nach Lindlar. Wir waren fast angekommen.“
„Was sind Sie von Beruf?“
In einem früheren Leben war er mal zur Universität gegangen. Hatte einen Bachelor in Informatik. Nun war er in einem Masterstudiengang. Da wurde den ganzen Tag gespielt. „Ich bin noch Student. Manchmal …“
„Wissen Sie was Sie studieren?“
„Ja, Game Design. Aber ich glaube, da habe ich eine längere Pause gemacht.“ Oder hatte das etwa alles dazu gehört? Er sah sich in seiner Erinnerung mehr in einer frostigen Winterlandschaft, als büffelt an seinem Schreibtisch. „Ich weiß nicht, es kommt mir vor als wäre es Jahren gewesen. Ich war viel unterwegs. In ganz Europa. Meistens mit einem … Pferd. Das klingt jetzt wohl etwas komisch, aber ich bin viel geritten. Ein paar Mal bin ich auch mit einem Boot unterwegs gewesen. Mit einem kleinen Kahn nach Holland. Dann mit einem Segelschiff nach Italien … Ich weiß aber gar nicht, ob das alles wahr ist …“
Der Arzt runzelte die Stirn. „Das kann ich Ihnen auch nicht sagen. Sie sagte gerade, Sie wären mit anderen Personen von Mülheim hier angekommen. Wissen Sie noch wer bei Ihnen war?“
„Das waren zwei Männer die Heinrich-Gustav von Hipel geschickt hatte?“
„Und wie hießen die?“
„Der eine Karl, der andere Gottfried. Wir wurden vorm Dorf getrennt.“
„Getrennt? Saßen Sie nicht zusammen in einem Wagen?“
„Nein. Wir waren mit Pferden unterwegs …“
Die Tür des Zimmers öffnete sich. Ein weiterer Arzt betrat das Zimmer. „Und weiß er nun wie er heißt?“
„Nein. Er ist noch recht durcheinander.“

So kam sein Fall sogar in die Zeitung. Die ersten zwei Tage wusste niemand wer er war. Erst als seine Eltern von dem Jungen ohne Erinnerung in der Zeitung lasen, wurden sie auf ihn aufmerksam – er war damals ein Herumtreiber, sie vermissten ihn selten. Sie konnten ihn als Matthias Kierdorff identifizieren. Student in Hamburg, der nun bei den Eltern in den Semesterferien war. Er war Matthias Kierdorff. Nun wo dies alle sagten, war dies ihm auch wieder bewusst geworden.

Der Einbruch in der Nacht konnte kein Zufall gewesen sein. Gestohlen worden war nichts. Sie hatten alles durchwühlt. Was hatten sie gesucht? Seine Zeichnungen hatten offenbar ihr Interesse gefunden.
Er musste sich wieder erinnern. „Dieses Zeitungsbild mit der Schifferkirche. Wo ist es?“ Dieses Bild hatte bei ihm etwas ausgelöst. Die Kirche musste für ihn eine Bedeutung haben.
Am nächsten Morgen fuhr er nach Mülheim am Rhein. Er parkte seinen Fiesta direkt am Rheinufer unter der Brücke. Hier war er seit einer Ewigkeit nicht mehr gewesen. Die Kirche hatte sich verändert. Auf einer Metalltafel las er, dass sie im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt worden war. Er vermisste ein kleines Nebengebäude am Seitenschiff.
„Hier war doch damals dieser kleine Anbau.“ Er sah nun das Nebengebäude bis knapp unter die Türe von Wasser umspült. Alles um ihn herum schaukelte nun heftig, als würde er in einem Boot sitzen. Jemand stieß sich dann auch mit einem Ruder an der Wand des Nebengebäudes ab und das Boot trieb weiter um die Kirche herum. Zu spät. Das Flamme musste er zurücklassen.

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Die Schifferkirche in Mülheim am Rhein (Postkarten um 1914)
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Die Schifferkirche am Rhein. Das Nebengebäude ist in Rot markiert (Bookattack Collection)

***

Im Raum der Psychoanalytikerin Elisa Bernat-Gray.

„Muss ich mich hinlegen?“

Das Setting mit Couch und Sessel, auf dem der Patient liegt und der Analytiker hinter dem Kopf des Patienten sitz, so dass sich beide nicht anschauen, wird in der Psychoanalyse als grundlegend angesehen. Im Liegen wird beim Patienten die Hirnhälfte aktiv die Phantasien, Illusionen und Emotionen zuständig ist. Die andere Hirnhälfte, die beispielsweise für Logik verantwortlich ist schaltet sich ab. „Ja, bitte.“ (Elisa Bernat-Gray)

 

„Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Gedächtnis nicht immer funktionierte?“ (Elisa Bernat-Gray)

„Heute anscheinend hatte ich einen Aussetzer. Aber ansonsten … Ich denke, da ist noch alles. Allerdings sind da diese Geschichte die ich erlebt habe. Wie ich gerade sagte, diese Reisen mit Pferd und Schiff. Das ist alles da, aber das ist mir schon peinlich.“

„Meinen Sie, dass ein Teil Ihrer eigenen Geschichte fehlt?“ (Elisa Bernat-Gray)

„Meinen Sie den Teil meines Lebens vor und nach diesen Reisen? Ich glaub da ist eigentlich alles da. Mehr Sorgen mache ich mir über den Zeitraum, als ich in der Vergangenheit lebte.“

„Was meinen Sie, war das Wirklichkeit oder ein Traum?“ (Elisa Bernat-Gray)

Prüfen der Plausibilität der Erinnerung. „Wenn das alles ein Traum war, dann war der gut gemacht. Da frag ich mich, wie das alles in meinen Kopf gekommen ist. All die Leute. Das kann ich mir nicht ausgedacht haben.“

„Hatten Sie das Gefühl Ihren eigenen Körper zu spüren?“ (Elisa Bernat-Gray)

„Und wie. Man hat mir da eine Kugel verpasst. Man hat mich zu einem Quacksalber gebracht, der wollte die Kugel entfernen. Schließlich wachte ich in einem Krankenhaus auf. Ich hab also schon etwas Erfahrung. Das war definitiv mein Körper. Hier sehen Sie die Narbe. Und nicht das Sie denken, ich wäre in so einer Bandenschießerei verwickelt gewesen.“

„Man hat einige Zeichnungen bei Ihnen gefunden. Erinnern Sie sich an die Zeichnungen?“ (Elisa Bernat-Gray)

„Ja, sicher. Es sind Bilder die ich aus der Erinnerung über meinen Reisen gemacht habe. Wie sie sicher bemerkt haben, bin ich mir über diese Reise selber sehr unsicher, ob sie überhaupt stattgefunden haben. Mit den Bildern versuche ich dies alles zu dokumentieren.“

„Könnten dies auch Bilder aus Computerspielen sein?“ (Elisa Bernat-Gray)

„Sie meinen es wären meine Sehnsüchte nach einer anderen Welt, einer besseren Welt? Einer virtuellen Welt im Jenseits? In der Firma in der ich neben dem Studium gearbeitet habe, habe ich tatsächlich solche Skizzen erstellt. Mit Farbstiften. Die wurden dann teilweise am Computer umgesetzt und in Spiele integriert. Ich habe mich viel mit den Spielen beschäftigt. Spiele, aber auch Filme und Bücher waren mein Stoff. Ja >Stoff< ist schon das richtige Wort. Ich war süchtig, dass war wie Nahrung. Das bestimmte absolut meinen Tagesrhythmus. Das restliche Leben habe ich auch ein Minimum reduziert. Ich hab vor dem Computer gegessen. Kaum Schlaf. An manchen Tagen bin ich gar nicht raus. Ich hab auch nicht mehr aufgeräumt oder so. Das klingt nun in Ihren Ohren so, als sei ich ein Messie. Klar, mein Zimmer sah auch so aus. Aber ich hab an Projekten gearbeitet und nicht nur gespielt.“

„Was waren das für Projekte?“

„Ich wollte in den Spielen mehr Freiheiten haben. Ich habe es schon als Kind gehasst, in Computerspielen immer wieder durch die selben Korridore laufen zu müssen, die sich ein Programmierer ausgedacht hatte. An den ich nichts ändern konnte. Oder immer wieder an einer bestimmten Aktion zu scheitern. Man musste da über einen Fluss und auf der anderen Seite auf einen bestimmten Felsen springen. Ich bin da tagelang nur ins Wasser gefallen. Ich hab’s dann irgendwann gerafft, wie man dort springen muss, aber ich war trotzdem frustriert. In der Realität, wäre ich einfach an einer anderen Stelle den Felsen hochgeklettert. In dem Spiel ging es aber nur an der einen verdammten Stelle. Das Programm ließ nichts anders zu. Diese Einengung hat mich sehr gestört.“

„Weshalb haben Sie dennoch weiter gespielt?“

„Ich mag das Abtauchen in andere Welten.“

„Sie suchen nach Abenteuern?“

„Auch. Ich suchte nach Erfahrungen in fremden Welten, die ich in der Realität nicht machen kann. Stellen Sie sich vor, Sie wollten in eine Mittelalterwelt erleben. Da könnten Sie bei einem Rollenspiel mitmachen. Hab ich gemacht. Aber das was Sie da erleben, ist immer was anderes als in Computerspielen. Diese Rollenspiele sind zwar in der realen Welt, aber es ist doch nur Schauspiel. Ich wollte mehr. Ich habe dann in dieser Softwarefirma an einem Spiel mitentwickelt, in dem grandiose Landschaften programmiert wurden. In den Landschaften konnte man sich als Spieler abseits des normalen Spiels bewegen. Man konnte durch die Landschaft streifen, schauen und auch fotografieren. Die Video Game Photography boomte gerade. Die Spieler konnten nur von Landschaften und Figuren Fotos machen. So wie in der Realität. Diese erweiterte Bewegungsfreiheit empfand ich als ersten Schritt in die Richtung die ich mir vorstellte. Man ist in einer anderen Welt und kann sich dort frei bewegen.“

„Aber sie saßen weiterhin vor dem Bildschirm mit Tastatur und Maus?“

„Als Programmierer ja, als Spieler immer weniger. Man schaute nun durch Brillen und konnte sich auch körperlich ins Spiel einbringen. Aber ich merkte, dass wir da nicht weiterkommen. Es blieb weiterhin unecht. Den Baum den man sah, war kein Baum aus Holz, er war bestand aus Bits, Nullen und Einsen. Und es gab weiterhin ein begrenztes, vorgegebenes Spielfeld.“

„Wann war das? Lebten Sie noch bei Ihren Eltern?“

„Nein, da wohnte ich bereits im Hamburg. Ich studierte seit ein paar Jahren.  Dann kam es zu den Geschichten die wohl gar nicht stattgefunden haben. Die wo ich mit meinem Pferd reiste. Ich weiß gar nicht, ob ich sie Ihnen erzählen soll. Was meinen Sie?“

„Erzählen Sie, bitte. Können Sie mir erzählen, wie dies mit den Geschichten angefangen hat?“

„Ich wohnte bei einem Typen in Eppendorf in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Er hatte den seltsamen Vornamen Hartrad. Mit Nachnamen hieß er Böhm-Winter.
Für sein drittes Buch recherchierte Hartrad seit über einem Jahr in Bibliotheken und Archiven in Frankreich und den Niederlanden. Längst hatte er mit dem Schreiben beginnen wollen, aber er war wohl in einem Archiv auf Dinge gestoßen, die ihn nicht mehr losließen. Wie einen Sog zogen die Entdeckungen ihn hinab. Tag und Nacht beschäftigte er sich mit den gefundenen Thesen. Seinen Bürojob bei der Stülckenwerft hatte er gekündigt. Eines Abends fand ich in der Wohnung einen Zettel auf dem Küchentisch.“ (Kierdorff ist abwesend)

„Was stand auf dem Zettel?“ (Elisa Bernat-Gray)

„>Mats, ich bin unterwegs. Möglichweise komme ich nicht zurück. In diesem Fall benachrichtige meine Eltern in Fritzlar.< So ähnlich. Da stand noch mehr. So was wie >Natürlich hoffe ich, dass ich zurückkommen kann. Wenn das klappt, dann machen wir tolle Geschichten.< Er würde die schreiben und ich sollte dazu zeichnen. So ist dies zu verstehen. Klar?“

„Ich war von Hartrad allerlei skurrile Aktivitäten gewöhnt, aber über diese Notiz wunderte ich mich dennoch. Naja, wo soll er schon sein, dachte ich. In irgendeinem Archiv …“

„Woher kannten Sie diesen Hartrad Böhm-Winter?“ (Elisa Bernat-Gray)

„Wir hatten uns über die Zeitung kennengelernt. Er hatte per Anzeige einen Mitbewohner gesucht. Meine Eltern hatten die Anzeige in der Zeitung entdeckt und hatten mit Hartrad einen Termin vereinbart. Als ich bei dem Termin erzählte, dass ich viel zeichne, war er hellauf begeistert, denn er suche noch einen Zeichner für sein erstes Buch, für das er damals allerdings noch nach einem Verlag suchte. Mir war sein Gerede ziemlich egal. Ich wollte einfach nur ’ne Bude …“

„Hartrad hatte sein Zimmer so eingerichtet, wie er das Zimmer des Helden in seinem Erstlingswerk beschrieben hatte und er kleidete sich auch wie sein Held, der im 18. Jahrhundert gelebt hatte. Er wollte möglichst so leben und empfinden wie dieser junge Mann in Paris.“

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Eine Küchenmagd im Jahr 1738.

„An mehreren Tagen hintereinander hatte er damals das Museum im 3. Arrondissement besucht und hatte sich von Beginn an gewünscht, er könne in diesem Bild leben. Er wollte einer der Personen sein, die an den Fenstern der Häuser stehen und das Stechturnier der Flussschiffer beobachten. Seit diesem Urlaub hatte er akribisch alles gesammelt was er über die Gegend der Brücke finden konnte. Bereits in seiner Jugend verfasste er erste in Paris spielende Geschichten. Teile davon verwendete er später für das erste Buch. Für einige Monate hatte er auch in Paris in der Rue Simon le Franc, keine zehn Minuten von der Pont Notre-Dame entfernt, gelebt, war dann aber völlig pleite nach Eppendorf zurückgekehrt.“

„Über die Jahre hatte er die Gegend und die damaligen Zeit in sich aufgesogen. Er brauchte für den Background seiner Geschichten nicht mehr recherchieren. Er lebte in diesem Background. So war die Einrichtung des Zimmers zwar konsequent aber im Grunde unnötig gewesen.“

„Wissen sie mehr über seine Familie? Er hatte ja einen merkwürdigen Vornamen, von einem >Hartrad< habe ich noch nie gehört.“ (Elisa Bernat-Gray)

„Ob er wirklich Hartrad hieß oder ob er sich diesen altertümlichen Namen zugelegt hatte, weiß ich nicht. Manchmal behauptete er sogar er wäre einem alten hessischen Adelsgeschlecht entsprungen, der Familie von Böhm genannt Winter.“

„Der Typ war in meinen Augen nicht ganz dicht. In seinem Zimmer spielte er Szenen aus seinem Büchern. Das fand ich zunächst schon komisch. Aber da die Miete gering war und er auch für Hartrads zweites Buch zeichnete, blieb ich in der Wohnung, auch um die weiteren Entwicklungen zu erleben.“

„Gehörte dieser Zettel den Sie erwähnt hatten zu diesen weiteren Entwicklungen?“ (Elisa Bernat-Gray)

„Und wie. Was diese Zettel zu bedeuten hatte, erfuhr ich erst ein, zwei Tage später. Wie aus dem Nichts stand da Böhm-Winter wieder in der Wohnung. Ich hatte ihn nicht kommen gehört. Ich saß so wie immer vor dem Computer. Es lief die Musik einer norwegischen Black Metal Dark Ambient Band und futterte eine Pizza. Böhm-Winter hasste diese Musik. Wir hatte uns deswegen schon öfters gestritten. Stattdessen hörte er Werke von Barockkomponisten wie Dietrich Buxtehude, Jean-Baptiste Loeillet, Jean-Philippe Rameau, Domenico Scarlatti oder Johann Christian Schickhardt. Er erzählte, dass er Schickhardts Musik in Paris kennen gelernt habe, als er für ein paar Wochen beim Musikverlag Barrenrödler16 tätig war.“

„Was passierte als er zurück kam?“ (Elisa Bernat-Gray)

„Er stand plötzlich neben mir. Wie aus dem Nichts. Ich hatte laut Musik gehört, saß vor dem Computer und futterte eine Pizza. Als er da so plötzlich neben mir stand hab ich mich voll erschrocken. >Mensch, was soll das?< , schnautzte ich ihn an. >Spinnst Du?< So in der Art. Er schaltete die Musik ab und sagte mit vornehmer Stimme: >Bonjour Monsieur, comment alles-vous? Me revoilà.< Ich schaute ihn blöd an. >Was? Wo warst du?< Und er sagte trocken: >In diesem Buch: >Les voyages et aventures du capitaine Frédéric Chevalier<, von Jean Baptist Labat, 1756 erschienen.“

„Wie haben Sie darauf reagiert?“ (Elisa Bernat-Gray)

„Natürlich verstört, aber auch belustigt. Ich verstand nicht was er meinte. >Wie? Was? Das hast du gelesen?<, fragte ich. >Nicht gelesen. Ich war in dem Buch, mein Freund. Ich war in der Handlung. Ich war unterwegs mit dem Offizier Frédéric Chevalier. Zu Land und zu Wasser.< Ich konnte es nicht glauben. >Hier schau, ich habe aus Norwegen eine Schachfigur aus gefärbten Elfenbein mitgebracht. Muss sehr alt sein, meinte jedenfalls Chevalier. Und schau hier: Im Buch fehlt die Figur jetzt. Hier stand >le Cavalier<, der Springer. Siehst du, das Wort fehlt hier. Hier auch. Und hier.< Und in dem Buch waren tatsächlich Lücken im Text. Ich lachte laut. Schaute mir das Buch genauer an. Im Text des alten Buchs waren Lücken. Da war nichts weggekratzt oder so. Im Buch hatte dieser kleine Diebstahl keinen großen Schaden angerichtet. Die Schachfigur war dort völlig bedeutungslos. Aber nun waren im Buch tatsächlich drei Textlücken.“

„Was dachten Sie? Konnte das sein?“ (Elisa Bernat-Gray)

„Natürlich nicht. Wie sollte er in das Buch kommen, dort die Figuren nehmen? Und dann sind da Lücken im Buch? Wie krank ist das denn, dachte ich damals. Hartard versuchte es mir dann zu erklären.
Er sagte er hätte alles mitbringen können. Er war außer sich vor Freude. >Stell dir das mal vor. Ja, stell dir das mal vor. Mann. Mats, Kumpel.< Er hüpfte auf und ab, umarmte mich. Aber das sei nebensächlich. Wichtiger sei das er nun in die Bücher komme und diese wahnsinnigen Abenteuer erleben dürfe. >Ich werde das natürlich alles in meinen Büchern verarbeiten, darum geht es ja. Mensch Mats, das ist einfach phantastisch.< Er heulte vor Freude.“

„Ich fragte ihn wo er die ganzen Tage nun wirklich war? Er habe sich da in irgendwas reingesteigert. Ich hätte seine ganzen Notizen und Bücher bei ihm gesehen. Ich fragte ihn, ob er nun einen Trick gefunden hätte, vielleicht so eine Art Zaubergetränk mit halluzinogener Wirkung? Ich weiß nicht? Mit Pilzen oder so? Er meinte damit wäre er nicht weit gekommen. Er hätte super Halluzinationen gehabt, aber er wäre immer noch hier gewesen. Nein, da würde mehr dahinter stecken. Er ließ zum Regal. >Da du mir nicht glaubst, nehme ich dich einfach mal mit. Such dir irgendein Buch aus! Irgendeins. Los!“

„Sie suchten sich ein Buch?“ (Elisa Bernat-Gray)

„Nicht direkt. Ich glaubte ihm da noch kein Wort. Als ich ihn fragte wie das funktioniert erklärte er mir. >Nur so viel, lieber Freund. Mit einer hochwirksamen Droge aus verschiedenen Pflanzen hergestellt. Seltene Pflanzen, die ich züchten werde.< So ein Scheiß, dachte ich. Ich fragte, ob das Alchemie wäre, oder was?“ Und da erzählte er mir diese Story: Die Herren Theobald van Mittelburg, Godefroy Rothschulz, Jean Jacques Courval hätten zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges in Pilsen gelebt. Sie hätten dort die Basis gelegt und van Mittelburg hätte es in Amsterdam vollendet, aber nie etwas darüber veröffentlicht. Er starb 1651 in Amsterdam. Erste Hinweise fand Böhm-Winter in seinem Nachlass. Im Archiv in Arnhem war er auf die Aufzeichnungen die der gute Theobald hinterlassen hat gestoßen. Obwohl er lange in Amsterdam gelebt hat, ist in Arnhem eine große Sammlung seiner Schriften. Was eine Stadt für seine Kinder so tut. Mit dem von ihm beschriebenen Pflanzenmix, konnte Hartard nun seine Droge herstellen. Ein widerliches gelbes Zeug, aber sehr wirkungsvoll.
Und nun halten Sie sich fest, liebe Frau Bernat-Gray. Das alles funktionierte wirklich. In den nächsten Wochen waren wir in fast all unseren Büchern. Wir gingen in die Bibliothek, suchten auf Flohmärkten und Antiquariaten nach billigen, aber interessanten Büchern. Unser Alltag wurde nun von den Reisen in die Bücher bestimmt. Wir nannten es Bookattack – living in books – Recherche – Forschung – Lehre. Wir hatten viel vor. Wir haben sogar aus Spass eine Anzeige in einer Zeitung geschaltet – wir waren in irgendeinem Buch, sind dort zum Verlagshaus gegangen, haben uns eine Anzeige gestalten lassen, die dann in einer Zeitung erschien. Das war so 1891 oder 92.  Jedenfalls war an Zeichnen oder Schreiben nicht mehr zu denken. Böhm-Winter schrieb keine weitere Zeile mehr an seinem Buch. Er schrieb überhaupt kein Buch mehr. Stattdessen schrieb er nun Rechnungen.“

„Rechnungen? Wofür?“ (Elisa Bernat-Gray)

„Er machte Geschäfte. Das began nach dem ich Hartard erzählte hatte, dass ich den Vermieter getroffen hätte und der wütend davon gesprochen hätte, dass wir mit der Miete im Rückstand wären. Da sagte Hartard, er hätte nun das Schachspiel verkauft. Seine Augen funkelten mich an. >Ja, das Schachspiel. Guck nicht so blöd. Ich bin noch mal zu Frédéric Chevalier in das Buch und hab‘ das komplette Schachspiel mitgenommen, alle Figuren und das Brett. Dafür hab ich Zwanzigtausend Euro bekommen. Da zahlen wir doch wohl ein paar Mieten locker von.< Zwanzigtausend Euro schien mir sehr viel Geld für so ein Schachspiel. >Bedenk das Alter. Frühes 18. Jahrhundert.< Er könne doch nicht alles dort stehlen, warf ich ihm vor. Wir würden doch sonst dort nur schauen. Er fragte, ob ich weiter mitmachen oder lieber verhungern wolle.“

„Wie haben Sie sich entschieden?“ (Elisa Bernat-Gray)

„Ich machte bei den Diebstählen nicht mit, aus Prinzip. Es machte mir Spaß in die Geschichten zu gehen, aber ein Dieb wollte ich nicht werden. Hartard nahm immer mehr kostbare Dinge aus den Büchern mit. Gold, Kunstwerke, alte Handschriften, die er im Hamburg, später auch in Amsterdam oder Paris, unter der Hand verkaufte. Als wir in einem Buch von Arnaud von Prumen waren, trennte ich mich von Hartrad.“

„Von dem Schriftsteller Arnaud von Prumen habe ich noch nie gehört.“ (Elisa Bernat-Gray)

„Das glaube ich Ihnen. Heute ist der vergessen. Im 18. Jahrhundert war er so etwas wie ein Star. Einige seiner Romane verkauften sich sehr gut. Wir waren in seinem Buch >Der Mann der nicht verbrennt<.“ Ein Mann hat solche Kräfte, dass er im Feuer nicht verbrennt. Er ist in Südengland als Schausteller unterwegs. Man nennt ihn Fut-vo-ye. Nachher stellt sich raus, dass er in keltischer Zeit ein Feuergott war.“

„Und Sie lebten nun in dieser Traumwelt? Ist das die Welt die Sie in Ihren Zeichnungen festhalten?“

„Ja, so ungefähr. Nachdem ich mich von Hartard getrennt hatte, habe ich wenig später über Heinrich-Gustav von Hipel den Buchsammler Zacharias Jakob Junkheim kennen gelernt, der mir von magischen Büchern erzählte. Ich wollte meine eigene Methode entwickeln zwischen den Büchern wechseln zu können. Und ich wollte Böhm-Winter das Handwerk legen.“

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Hinweis: Dies ist ein fiktives Dokument zur transmedialen Buchreihe Bookattack – Living in Books. This is a fictional document!