Auf der anderen Seite der Zeit II

Abschnitt 12

Lindlar
April 2018

In einer Schreibtherapie verfasste Matthias Kierdorff mehrere kurze Texte.

Text 1

In der Nacht wachte ich von einem Geräusch auf. Nach dem ich ein paar Sekunden ins Haus gehorcht hatte, wollte ich mich wieder hinlegen. Da aber auch die Katze aufgesprungen war und nun mit spitzen Ohren am Fußende des Bettes saß, blieb ich auch aufmerksam. Wenig später hörte ich wieder ein Geräusch. Die Katze sprang in Zeitlupe vom Bett und schlicht vorsichtig in den Flur. Ich schlug die Bettdecke zurück. Auf Socken folgte ich dem Kater in den Flur, wo ich mir den Stab der Ausziehtreppe nahm. Ich stellte mir bereits vor, wie ich den Eindringling damit bezwingen würde.
 Ein Flüstern. Unten sah ich schwaches Licht, das wohl von einer Taschenlampe kam. Die Katze saß auf der Treppe und schaute ängstlich durch die Treppenstäbe in das Zimmer, dessen Türe weit offen stand.
 „Wer ist da?“, rief ich. Keine Antwort. Wieder Flüstern. Dann Schritte und schließlich Stille. Meine Landschaftsskizzen lagen auf dem Boden.

Text 2

Am Nachmittag saß ich nachdenklich am Zeichentisch. Es fehlte mir aber an der notwendigen Konzentration. Ich grübelte wieder mal. Wie so oft dachte ich an meinen Krankenhausaufenthalt vor drei Monaten. Nach einem Überfall auf mich, an den ich  mich nicht mehr erinnern konnte, war ich im Krankenhaus aufgewacht. Man hatte eine Pistolenkugel aus mir raus operiert. Mein erster Gedanke war damals eine Art Fluchtinstinkt. Ich wollte direkt aufspringen. Die herbeieilenden Schwestern hielten mich im Bett zurück. Ich soll damals gerufen haben: „Wir müssen sie einholen. Sie haben die Kugel. Sie ist in Gefahr.“
 Man gab mir ein Beruhigungsmittel. Nach dem ich langsam aus diesem Zustand aufwachte und meine Umgebung genauer betrachtet hatte, hatte auch das Interesse an dieser Kugel nachgelassen.
 "Sie wissen wo wir hier sind?" Ein bärtiger Mann in einem weißen Kittel stand mir schon eine Weile redend gegenüber, aber erst jetzt verstand ich seine Worte.
 "Ich glaube in einem Art Krankenhaus", antwortete ich zögerlich. "Sieht jedenfalls so aus. Ja, ich denke es ist ein Krankenhaus."
 "Wissen Sie auch den Grund Ihres Aufenthalts?", fragte der Bartmann.
 "Das ist schwer. Ich hatte wohl ... Ich bin wohl angeschossen worden, oder?"
 "Wissen Sie, wo sie vorher waren, bevor Sie hier hingekommen sind?"
 Auf dem Rücken meines Pferdes wäre die Wahrheit gewesen, aber ich wusste, dass dies den Arzt überfordert hätte. "Ich war auf dem Weg von Mülheim nach Lindlar. Wir waren fast angekommen."
 "Was sind Sie von Beruf?"
 In meinem früheren Leben bin ich mal zur Universität gegangen. Hatte einen Bachelor in Informatik. Nun war ich in einem Masterstudiengang. Da wurde den ganzen Tag gespielt. "Ich bin noch Student. Manchmal ..."
 "Wissen Sie was Sie studieren?"
 "Ja, Game Design. Aber ich glaube, da habe ich eine längere Pause gemacht." Oder hatte das etwa alles dazu gehört? Ich sah mich in meiner Erinnerung mehr in einer frostigen Winterlandschaft, als lernend an meinem Schreibtisch. "Ich weiß nicht, es kommt mir vor als wäre es vor Jahren gewesen. Ich war viel unterwegs. In ganz Europa. Meistens mit einem ... Pferd. Das klingt jetzt wohl etwas komisch, aber ich bin viel geritten. Ein paar Mal bin ich auch mit einem Boot unterwegs gewesen. Mit einem kleinen Kahn nach Holland. Dann mit einem Segelschiff nach England ... Ich weiß aber gar nicht, ob das alles wahr ist ..."
 Der Arzt runzelte die Stirn. "Das kann ich Ihnen auch nicht sagen. Sie sagten gerade, Sie wären mit anderen Personen von Mülheim hier angekommen. Wissen Sie noch wer bei Ihnen war?"
 "Das waren zwei Männer die Heinrich-Gustav von Hipel geschickt hatte?"
 "Und wie hießen die?"
 "Der eine Karl, der andere Gottfried. Wir wurden vorm Dorf getrennt."
 "Getrennt? Saßen Sie nicht zusammen in einem Wagen?"
 "Nein. Wir waren mit Pferden unterwegs ..."
 Die Tür des Zimmers öffnete sich. Ein weiterer Arzt betrat das Zimmer. "Und weiß er nun wie er heißt?"
 "Nein. Er ist noch recht durcheinander."

Text 3

So kam mein Fall sogar in die Zeitung. Die ersten zwei Tage wusste niemand wer ich war. "Mann bewusslos in der Tarpenbekstraße gefunden", stand in der Morgenpost. Erst als meine Eltern von dem "Jungen ohne Erinnerung" in der Landeszeitung lasen, wurden sie auf mich aufmerksam – ich war damals ein Herumtreiber, sie hörten nur selten von mir, sie vermissten mich selten. Sie konnten mich als Matthias Kierdorff identifizieren. Student in Hamburg. Ich bin Matthias Kierdorff. Nun wo dies alle sagten, wurde mir dies auch wieder bewusst. Ich war immer Matthias Kierdorff. Egal auf welcher Seite der Zeit. Auf dieser oder der anderen.
Sie brachten mich zu meinen Eltern im Rheinland.

Der Einbruch in der Nacht konnte kein Zufall gewesen sein. Gestohlen worden war nichts. Sie hatten alles durchwühlt. Was hatten sie gesucht? Meine Zeichnungen hatten offenbar ihr Interesse gefunden.
 Ich musste mich wieder erinnern. Dieses Zeitungsbild mit der Schifferkirche. Wo ist es? Dieses Bild hatte bei mir etwas ausgelöst. Die Kirche musste für mich eine Bedeutung haben.
 Am nächsten Morgen fuhr ich nach Mülheim am Rhein. Ich parkte meinen Fiesta direkt am Rheinufer unter der Brücke. Hier war ich seit einer Ewigkeit nicht mehr gewesen. Die Kirche hatte sich verändert. Auf einer Metalltafel las ich, dass sie im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt worden war. Ich vermisste ein kleines Nebengebäude am Seitenschiff.
 Hier war doch damals dieser kleine Anbau. Ich sah nun das Nebengebäude bis knapp unter die Türe von Wasser umspült. Alles um mich herum schaukelte nun heftig, als würde ich in einem Boot sitzen. Jemand stieß sich dann auch mit einem Ruder an der Wand des Nebengebäudes ab und das Boot trieb weiter um die Kirche herum. Zu spät. Die Flamme durfte ich nicht zurücklassen. Mist. Die Flamme.
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Die Schifferkirche in Mülheim am Rhein (Postkarten um 1914)
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Die Schifferkirche am Rhein. Das Nebengebäude ist in Rot markiert (Bookattack Collection)

Köln
Mai 2018

Im Raum der Psychoanalytikerin Elisa Bernat-Gray. Das Setting mit Couch und Sessel, auf dem der Patient liegt und der Analytiker hinter dem Kopf des Patienten sitzt, so dass sich beide nicht anschauen, wird in der Psychoanalyse als grundlegend angesehen. Im Liegen wird beim Patienten die Hirnhälfte aktiv, die für Phantasien, Illusionen und Emotionen zuständig ist. Die andere Hirnhälfte, beispielsweise für Logik verantwortlich ist, schaltet sich ab.

Gespräch am 25. Mai 2018

Matthias Kierdorff: "Muss ich mich hinlegen?"

Elisa Bernat-Gray: "Ja, bitte."

Matthias Kierdorff: "Okay."

Elisa Bernat-Gray: "Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Gedächtnis nicht immer funktioniert?" 

Matthias Kierdorff: "Heute anscheinend hatte ich einen Aussetzer. Aber ansonsten ...  Ich denke, es ist noch alles da. Allerdings sind da diese Geschichten die ich erlebt habe. Wie ich geschrieben habe, diese Reisen mit Pferd und Schiff. Das ist alles da, aber das ist mir schon peinlich."

Elisa Bernat-Gray: "Meinen Sie, dass ein Teil Ihrer eigenen Geschichte fehlt?"

Matthias Kierdorff: "Meinen Sie den Teil meines Lebens vor und nach diesen Reisen? Ich glaub da ist eigentlich alles da. Mehr Sorgen mache ich mir über den Zeitraum, als ich in der Vergangenheit lebte."

Elisa Bernat-Gray: "Was meinen Sie, war es Wirklichkeit oder ein Traum?" 

(Kierdorff prüft die Plausibilität seiner Erinnerungen) Matthias Kierdorff: "Wenn das alles ein Traum war, dann war der gut gemacht. Da frag ich mich, wie das alles in meinen Kopf gekommen ist. All die Leute. Das kann ich mir nicht ausgedacht haben."

Elisa Bernat-Gray: "Hatten Sie das Gefühl Ihren eigenen Körper zu spüren?"

Matthias Kierdorff: "Und wie. Man hat mir da eine Kugel verpasst. Man hat mich zu einem Quacksalber gebracht, der wollte die Kugel entfernen. Schließlich wachte ich in einem Krankenhaus auf. Ich hab also schon etwas Erfahrung. Das war definitiv mein Körper. Hier sehen Sie die Narbe. Und nicht das Sie denken, ich wäre in eine dieser Bandenschießereien verwickelt gewesen."

Elisa Bernat-Gray: "Man hat einige Zeichnungen bei Ihnen gefunden. Erinnern Sie sich an die Zeichnungen?"

Matthias Kierdorff: "Ja, sicher. Es sind Bilder, die ich aus der Erinnerung über meine Reisen gemacht habe. Wie Sie sicher bemerkt haben, bin ich mir über diese Reisen selber sehr unsicher, ob sie überhaupt stattgefunden haben. Mit den Bildern versuche ich alles zu dokumentieren."

Elisa Bernat-Gray: "Könnten es auch Bilder aus Computerspielen sein?"

Matthias Kierdorff: "Sie meinen, es wären meine Sehnsüchte nach einer anderen Welt, einer besseren Welt? Einer virtuellen Welt im Jenseits? In der Firma in der ich neben dem Studium gearbeitet habe, habe ich tatsächlich solche Skizzen erstellt. Mit Farbstiften. Die wurden dann teilweise am Computer umgesetzt und in Spiele integriert. Ich habe mich viel mit diesen Spielen beschäftigt. Spiele, aber auch Filme und Bücher waren mein Stoff. Ja >Stoff< ist schon das richtige Wort. Ich war süchtig, das war so … wie Nahrung. Das bestimmte absolut meinen Tagesrhythmus. Das restliche Leben habe ich auf ein Minimum reduziert. Ich hab vor dem Computer gegessen. Kaum Schlaf. An manchen Tagen bin ich gar nicht raus. Ich hab auch nicht mehr aufgeräumt oder so. Das klingt nun in Ihren Ohren so, als sei ich ein Messie. Klar, mein Zimmer sah auch so aus. Aber ich hab an Projekten gearbeitet und nicht nur gespielt."

Elisa Bernat-Gray: "Was waren das für Projekte?"

Matthias Kierdorff: "Ich wollte in den Spielen mehr Freiheiten haben. Ich habe es schon als Kind gehasst, in Computerspielen immer wieder durch dieselben Korridore laufen zu müssen, die sich ein Programmierer ausgedacht hatte und an denen ich nichts ändern konnte. Oder immer wieder an einer bestimmten Aktion zu scheitern. Man musste da über einen Fluss und auf der anderen Seite auf einen bestimmten Felsen springen. Ich bin da tagelang nur ins Wasser gefallen. Ich hab's dann irgendwann gerafft, wie man dort springen muss, aber ich war trotzdem frustriert. In der Realität, wäre ich einfach an einer anderen Stelle den Felsen hochgeklettert. In dem Spiel ging das aber nur an der einen verdammten Stelle. Das Programm ließ nichts anderes zu. Diese Einengung hat mich sehr gestört."

Elisa Bernat-Gray: "Weshalb haben Sie dennoch weiter gespielt?"

Matthias Kierdorff: "Ich mag das Abtauchen in andere Welten."

Elisa Bernat-Gray: "Sie suchen nach Abenteuern?"

Matthias Kierdorff: "Auch. Ich suchte nach Erfahrungen in fremden Welten, die ich in der Realität nicht machen kann. Stellen Sie sich vor, Sie wollen in eine Mittelalterwelt erleben. Da könnten Sie bei einem Rollenspiel mitmachen. Hab ich gemacht. Aber das was Sie da erleben, ist immer was anderes als in Computerspielen. Diese Rollenspiele sind zwar in der realen Welt, aber es ist dann doch nur Schauspiel. Ich wollte mehr. Ich habe dann in dieser Softwarefirma ein Spiel mitentwickelt, in dem grandiose Landschaften programmiert wurden. In den Landschaften konnte man sich als Spieler abseits des normalen Spiels bewegen. Man konnte durch die Landschaft streifen, schauen und auch fotografieren. Die Video Game Photography boomte gerade. Die Spieler konnten dort von Landschaften und Figuren Fotos machen. So wie in der Realität. Diese erweiterte Bewegungsfreiheit empfand ich als ersten Schritt in die Richtung, die ich mir vorstellte. Man ist in einer anderen Welt und kann sich dort frei bewegen."

Elisa Bernat-Gray: "Aber sie saßen weiterhin vor dem Bildschirm? Mit Tastatur und Maus?"

Matthias Kierdorff: "Als Programmierer ja, als Spieler immer weniger. Man schaute nun durch Brillen und konnte sich auch körperlich ins Spiel einbringen. Aber ich merkte, dass wir da nicht weiterkamen. Es blieb weiterhin unecht. Den Baum den man sah, war kein Baum aus Holz, er bestand aus Bits, Nullen und Einsen. Und es gab weiterhin nur ein begrenztes, vorgegebenes Spielfeld."

Elisa Bernat-Gray: "Wann war das? Lebten Sie noch bei Ihren Eltern?"

Matthias Kierdorff: "Nein, da wohnte ich bereits im Hamburg. Ich studierte seit ein paar Jahren.  Dann kam es zu diesen Geschichten, die wohl gar nicht stattgefunden haben. Die, in denen ich mit meinem Pferd reiste. Ich weiß gar nicht, ob ich sie Ihnen erzählen soll. Was meinen Sie?"

Elisa Bernat-Gray: "Erzählen Sie, bitte. Können Sie mir erzählen, wie es mit den Geschichten angefangen hat?"

Matthias Kierdorff: "Ich wohnte bei einem Typen in Eppendorf. In einer Drei-Zimmer-Wohnung. Er hatte den seltsamen Vornamen Hartrad. Mit Nachnamen hieß er Böhm-Winter.
 Für sein drittes Buch recherchierte Hartrad seit über einem Jahr in Bibliotheken und Archiven in Frankreich und den Niederlanden. Längst hatte er mit dem Schreiben beginnen wollen, aber er war wohl in einem Archiv auf Dinge gestoßen, die ihn nicht mehr losließen. Wie einen Sog zogen die Entdeckungen ihn hinab. Tag und Nacht beschäftigte er sich mit den gefundenen Thesen. Seinen Bürojob bei der Stülckenwerft hatte er gekündigt. Eines Abends fand ich in der Wohnung einen Zettel auf dem Küchentisch." (Kierdorff ist geistesabwesend)

Elisa Bernat-Gray: "Was stand auf dem Zettel?" 

Matthias Kierdorff: "Der Zettel. Ja, der Zettel. Was stand auf dem Zettel? Also, der Zettel. Ja, da stand: >Mats, ich bin unterwegs. Möglichweise komme ich nicht zurück. In diesem Fall benachrichtige meine Eltern in Fritzlar.< So ähnlich. Da stand noch mehr. So was wie >Natürlich hoffe ich, dass ich zurückkommen kann. Wenn das klappt, dann machen wir tolle Geschichten.< Er würde die schreiben und ich sollte dazu zeichnen. So ist das zu verstehen. Klar?
Ich war von Hartrad allerlei skurrile Aktivitäten gewöhnt, aber über diese Notiz wunderte ich mich dennoch. Naja, wo soll er schon sein, dachte ich. In irgendeinem Archiv ..."

Elisa Bernat-Gray: "Woher kannten Sie diesen Hartrad Böhm-Winter?" 

Matthias Kierdorff: "Wir hatten uns über die Zeitung kennengelernt. Er hatte per Anzeige einen Mitbewohner gesucht. Meine Eltern hatten die Anzeige in der Zeitung entdeckt und hatten mit Hartrad einen Termin vereinbart. Einfach so, ohne mich zu fragen. Egal. Als ich bei dem Termin erzählte, dass ich viel zeichne, war er hellauf begeistert, denn er suche noch einen Zeichner für sein erstes Buch, für das er damals allerdings auch noch nach einem Verlag suchte. Mir war sein Gerede ziemlich egal. Ich wollte einfach nur 'ne Bude ...
Hartrad hatte sein Zimmer so eingerichtet, wie er das Zimmer des Helden in seinem Erstlingswerk beschrieben hatte und er kleidete sich auch wie sein Held, der im 18. Jahrhundert gelebt hatte. Er wollte möglichst so leben und empfinden wie dieser junge Mann in Paris."

Elisa Bernat-Gray: "Oh ... Wir müssen am Montag weiterreden. Ich habe jetzt noch einen anderen Termin."
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Eine Küchenmagd im Jahr 1738. Skizze von Matthias Kierdorff. „Ja, der linke Arm ist mir nicht gelungen. Sieht aus, als hätte er zwei Gelenke.“

Gespräch am 28. Mai 2018

Matthias Kierdorff: "Wie war Ihr Wochenende, Frau Bernat-Gray?"

Elisa Bernat-Gray: "Danke, gut. Und bei Ihnen?"

Matthias Kierdorff: "Ich habe viel nachgedacht."

Elisa Bernat-Gray: "Hm. Sollen wir anfangen? Sie sagten bei unserem letzten Gespräch, Ihr Bekannter Hartrad Böhm-Winter hätte sein Zimmer so wie das einer seiner Helden eingerichtet. Erzählen Sie mir davon?"

Matthias Kierdorff: "Da waren seltsame Dinge. Beispielsweise hatte er als Kind während eines Urlaubs mit den Eltern mehrere Tage hintereinander das Museum im 3. Arrondissement in Paris besucht und hatte sich von Beginn an gewünscht, er könne in einer Welt wie in diesem Museum leben. Er wollte eine der Personen sein, die an den Fenstern der Häuser stehen und das Stechturnier der Flussschiffer beobachten. Seit diesem Urlaub hatte er akribisch alles gesammelt, was er über die Gegend der Pariser Brücke finden konnte. Bereits in seiner Jugend verfasste er erste in Paris spielende Geschichten. Teile davon verwendete er später für sein erstes Buch. Für einige Monate hatte er auch in Paris in der Rue Simon le Franc, keine zehn Minuten von der Pont Notre-Dame entfernt gelebt, war dann aber völlig pleite nach Eppendorf zurückgekehrt.
Über die Jahre hatte er die Gegend und die damalige Zeit in sich aufgesogen. Er brauchte für den Background seiner Geschichten nicht mehr recherchieren. Er lebte in diesem Background. Und so war die Einrichtung des Zimmers zwar konsequent, doch im Grunde völlig unnötig."

Elisa Bernat-Gray: "Wissen sie mehr über seine Familie? Er hatte ja einen merkwürdigen Vornamen, von einem >Hartrad< habe ich noch nie gehört." 

Matthias Kierdorff: "Ob er wirklich Hartrad hieß oder ob er selbst sich diesen altertümlichen Namen zugelegt hatte, weiß ich nicht. Manchmal behauptete er sogar er wäre einem alten hessischen Adelsgeschlecht entsprungen, der Familie von Böhm genannt Winter.
Der Typ war in meinen Augen nicht ganz dicht. Ich bin glaube ich, auch nicht ganz dicht, aber der – naja, der ... In seinem Zimmer spielte er Szenen aus seinem Büchern nach. Das fand ich zunächst schon komisch. Aber da die Miete gering war und ich auch für Hartrads  Buch zeichnete, blieb ich in der Wohnung. Und natürlich auch, um die weiteren Entwicklungen zu erleben."

Elisa Bernat-Gray: "Gehörte dieser Zettel, den Sie erwähnen, zu diesen weiteren Entwicklungen?" 

Matthias Kierdorff: "Und wie. Was dieser Zettel zu bedeuten hatte, erfuhr ich erst ein, zwei Tage später. Wie aus dem Nichts stand da Böhm-Winter wieder in der Wohnung. Ich hatte ihn nicht kommen gehört. Ich saß so wie immer vor dem Computer. Es lief die Musik einer norwegischen Black Metal Dark Ambient Band, das Dröhnen half mir beim Konzentrieren und ich futterte nebenbei eine Pizza.Böhm-Winter hasste diese Musik. Wir hatten uns deswegen schon öfter gestritten. Stattdessen hörte er Werke von Barockkomponisten wie Dietrich Buxtehude, Jean-Baptiste Loeillet, Jean-Philippe Rameau, Domenico Scarlatti oder Johann Christian Schickhardt. Er erzählte, dass er Schickhardts Musik in Paris kennen gelernt habe, als er für ein paar Wochen beim Musikverlag Barrenrödler tätig war."

Elisa Bernat-Gray: "Was passierte, als er zurückkam?"

Matthias Kierdorff: "Er stand plötzlich neben mir. Wie aus dem Nichts! Wie gesagt, ich hatte laute Musik gehört, saß vor dem Computer und aß Pizza. Als er da so plötzlich neben mir stand hab ich mich voll erschrocken. >Mensch, was soll das?<, schnautzte ich ihn an. >Spinnst Du?< So in der Art. Er schaltete die Musik ab und sagte mit vornehmer Stimme: >Bonjour Monsieur, comment alles-vous? Me revoilà.< Ich schaute ihn blöd an. >Was? Wo warst du?< Und er sagte trocken: >In diesem Buch: >Les voyages et aventures du capitaine Frédéric Chevalier<, von Jean Baptist Labat, 1756 erschienen.“

Elisa Bernat-Gray: "Wie haben Sie darauf reagiert?"

Matthias Kierdorff: "Natürlich verstört, aber auch belustigt. Ich verstand nicht was er meinte. >Wie? Was? Das hast du gelesen?<, fragte ich. >Nicht gelesen. Ich war in dem Buch, mein Freund. Ich war in der Handlung. Ich war unterwegs mit dem Offizier Frédéric Chevalier. Zu Land und zu Wasser.< Ich konnte es nicht glauben. >Hier schau, ich habe aus Norwegen eine Schachfigur aus gefärbten Elfenbein mitgebracht. Muss sehr alt sein, meinte jedenfalls Chevalier. Und schau hier: Im Buch fehlt die Figur jetzt. Hier stand >le Cavalier<, der Springer. Siehst du, das Wort fehlt hier. Hier auch. Und hier.< Und in dem Buch waren tatsächlich Lücken im Text. Ich lachte laut. Schaute mir das Buch dann aber genauer an. Im Text des alten Buchs waren echte Lücken. Da war nichts weggekratzt oder so. Im Textverlauf hatte dieser kleine Diebstahl keinen großen Schaden angerichtet. Die Schachfigur war dort relativ bedeutungslos. Aber nun waren im Druckbild des Buches tatsächlich drei Textlücken."

Elisa Bernat-Gray: "Was dachten Sie? Konnte das sein?"

Matthias Kierdorff: "Nein, ich hab ihn ausgelacht. Das war doch Schwachsinn. Wie sollte er in das Buch kommen, dort die Figuren nehmen? Und dann sind da Lücken im Buch? Wie krank ist das denn, dachte ich damals. Hartrad versuchte es mir dann zu erklären.
 Er sagte, er habe alles mitbringen können. Er war außer sich vor Freude. >Stell dir das mal vor. Ja, stell dir das mal vor. Mann! Mats, Kumpel!< Er hüpfte auf und ab, umarmte mich. Aber das sei alles nebensächlich. Wichtiger sei, dass er nun in die Bücher komme und diese wahnsinnigen Abenteuer erleben dürfe. >Ich werde das natürlich alles in meinen Büchern verarbeiten, darum geht es ja. Mensch Mats, das ist einfach phantastisch.< Er heulte vor Freude." (Kierdorff schweigt)

Elisa Bernat-Gray:  "Was passierte dann?"

Matthias Kierdorff: „Ich fragte ihn, wo er die ganzen Tage wirklich war. Er habe sich da in irgendwas reingesteigert. Ich hätte seine ganzen Notizen und Bücher in seinem Zimmer gesehen.  Ich fragte ihn, ob er nun einen Trick gefunden hätte, vielleicht so eine Art Zaubergetränk mit halluzinogener Wirkung? Ich weiß nicht? Mit Pilzen oder so? Er meinte, damit wäre er nicht weit gekommen. Er hätte super Halluzinationen gehabt, aber er wäre immer noch hier gewesen. Nein, da würde mehr dahinterstecken. Er lief zum Regal. >Da du mir nicht glaubst, nehme ich dich einfach mal mit. Such dir irgendein Buch aus! Irgendeins. Los!“

Elisa Bernat-Gray: "Sie nahmen sich ein Buch?"

Matthias Kierdorff:"Nicht direkt. Ich glaubte ihm da noch kein Wort. Als ich ihn fragte wie das funktioniert erklärte er mir. >Nur so viel, lieber Freund. Mit einer hochwirksamen Droge aus verschiedenen Pflanzen hergestellt. Seltene Pflanzen, die ich züchten werde.< So ein Scheiß, dachte ich. Ich fragte, ob das Alchemie wäre, oder was? Und da erzählte er mir diese Story: Die Herren Theobald van Mittelburg, Godefroy Rothschulz, Jean Jacques Courval hätten zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges in Pilsen gelebt. Sie hätten dort die Basis für die Droge entwickelt und van Mittelburg hätte sie in Amsterdam vollendet, aber nie etwas darüber veröffentlicht. Er starb 1651 in Amsterdam. Erste Hinweise fand Böhm-Winter in seinem Nachlass. Im Archiv in Arnhem war er auf die Aufzeichnungen, die der gute Theobald hinterließ, gestoßen. Obwohl er lange in Amsterdam gelebt hat, befindet sich in Arnhem eine große Sammlung seiner Schriften. Was eine Stadt für ihre Kinder halt so tut. Mit dem beschriebenen Pflanzenmix konnte Hartrad  nun seine Droge herstellen. Ein widerliches gelbes Zeug, aber sehr wirkungsvoll.
 Und nun halten Sie sich fest, liebe Frau Bernat-Gray. Das alles funktionierte wirklich. In den nächsten Wochen waren wir in fast all unseren Büchern. Wir gingen in die Bibliothek, suchten auf Flohmärkten und Antiquariaten nach billigen, aber interessanten Büchern. Unser Alltag wurde nun von den Reisen in die Bücher bestimmt. Wir nannten es Bookattack – living in books – Sammeln – Recherche – Schreiben. Wir hatten viel vor. Wir haben sogar aus Spaß eine Anzeige in einer Zeitung geschaltet – wir waren in irgendeinem Buch, sind dort zum Verlagshaus gegangen, haben uns eine Anzeige gestalten lassen, die dann in einer Zeitung erschien. Das war so 1891 oder 92.  Jedenfalls war an Zeichnen oder Schreiben gar nicht mehr zu denken. Böhm-Winter schrieb keine weitere Zeile mehr an seinem Buch. Er schrieb überhaupt kein Buch mehr. Stattdessen schrieb er nun Rechnungen."

Elisa Bernat-Gray: "Rechnungen? Wofür?"

Matthias Kierdorff: "Er machte Geschäfte. Das begann, nach dem ich Hartrad erzählte hatte, dass ich den Vermieter getroffen und der wütend davon gesprochen hätte, dass wir mit der Miete im Rückstand wären. Da sagte Hartrad, er hätte nun das Schachspiel verkauft. Seine Augen funkelten mich an. >Ja, das Schachspiel. Guck nicht so blöd. Ich bin noch mal zu Frédéric Chevalier in das Buch und habe das komplette Schachspiel mitgenommen, alle Figuren und das Brett. Dafür hab ich Zwanzigtausend Euro bekommen. Da zahlen wir doch wohl ein paar Mieten locker von.< Zwanzigtausend Euro schienen mir sehr viel Geld für so ein Schachspiel. >Bedenk das Alter. Frühes 18. Jahrhundert.< Er könne doch nicht alles dort stehlen, warf ich ihm vor. Wir würden doch sonst in den Büchern nur schauen. Er fragte mich daraufhin, ob ich weiter mitmachen oder lieber verhungern wolle.“

Elisa Bernat-Gray: "Und wie haben Sie sich entschieden?"

Matthias Kierdorff: "Ich machte bei den Diebstählen nicht mit, aus Prinzip. Es machte mir Spaß in die Geschichten hinein zu gehen, aber ein Dieb wollte ich nicht werden. Hartrad nahm aber immer mehr kostbare Dinge aus den Büchern mit. Gold, Kunstwerke, alte Handschriften, die er im Hamburg, später auch in Amsterdam oder Paris, unter der Hand verkaufte. Als wir in einem Buch von Arnaud von Prumen waren, trennte ich mich von Hartrad."

Elisa Bernat-Gray: "Von dem Schriftsteller Arnaud von Prumen habe ich noch nie gehört." 

Matthias Kierdorff: "Das glaube ich Ihnen. Heute ist der vergessen. Im 18. Jahrhundert war er so was wie ein Star. Einige seiner Romane verkauften sich sehr gut. Wir waren in seinem Buch >Der Mann der nicht verbrennt<. Ein Mann in dem Buch hat solche Kräfte, dass er im Feuer nicht verbrennt. Er ist in Südengland als Schausteller unterwegs. Man nennt ihn Fut-vo-ye. Nachher stellt sich raus, dass er in keltischer Zeit ein Feuergott war."

Elisa Bernat-Gray: "Und Sie lebten nun in dieser Traumwelt? Ist das die Welt die Sie in Ihren Zeichnungen festhalten?"

Matthias Kierdorff: "Ja, so ungefähr. Nachdem ich mich von Hartrad getrennt hatte, habe ich wenig später über Heinrich-Gustav von Hipel den Buchsammler Zacharias Jakob Junkheim kennengelernt, der mir von magischen Büchern erzählte. Ich wollte meine eigene Methode entwickeln zwischen den Büchern wechseln zu können. Und ich wollte Böhm-Winter das Handwerk legen."

Elisa Bernat-Gray:  "Wollen Sie mir das Morgen erzählen? Unsere Zeit ist rum."

Matthias Kierdorff: "Okay."
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Matthias Kierdorff: „Unser Alltag wurde nun von den Reisen in die Bücher bestimmt. Wir nannten es Bookattack – living in books – Sammeln – Recherche – Schreiben. Wir hatten viel vor. Wir haben sogar aus Spaß eine Anzeige in einer Zeitung geschaltet – wir waren in irgendeinem Buch, sind dort zum Verlagshaus gegangen, haben uns eine Anzeige gestalten lassen, die dann in einer Zeitung erschien. Das war so 1891 oder 92.“ Anmerkung Bernat-Gray: Diese Anzeige erschien bereits im Februar 1890 im „Erkelenzer Kreisblatt“.

Gespräch am 29. Mai 2018

Elisa Bernat-Gray: "Ich habe gestern, noch ins Internet geschaut, den Arnaud von Prumen gab es wirklich ..."

Matthias Kierdorff: "Hatten Sie etwa gedacht, ich hätte den einfach erfunden?"

Elisa Bernat-Gray: "Das Buch >Der Mann der nicht verbrennt< wurde digitalisiert. Haben Sie es gelesen?"

Matthias Kierdorff: "Nein. Wie ich bereits sagte, ich lebte in dem Buch."

Elisa Bernat-Gray: "Sie sagten, Sie hätten damals beschlossen ihrem Zimmergenossen Böhm-Winter das Handwerk zu legen. Wie sind Sie die Sache angegangen?"

Matthias Kierdorff: "Zunächst bin ich viel herumgereist. Ich hatte keinen wirklichen Plan. Hab mal hier, mal dort gearbeitet. Erst nachdem ich Heinrich Gustav von Hipel kennen lernte und für ihn tätig wurde, da kam alles ins Rollen."

Elisa Bernat-Gray: "Was haben Sie für ihn getan?"

Matthias Kierdorff: "In ganz Europa besondere Bücher besorgt. Seltene Bücher, seltsame Handschriften."

Elisa Bernat-Gray: "Und Sie selber? Brachte dies etwas für Ihre Sache?"

Matthias Kierdorff: "Nicht direkt. Aber ein Auftrag, der mich dann nach Rotterdam führte, hat alles geändert. Ich war mit einem Nachen den Rhein hinabgefahren ..."

Elisa Bernat-Gray: "Was ist ein Nachen?"

Matthias Kierdorff: "So ein Kahn halt."

Elisa Bernat-Gray: "Wann war das?"

Matthias Kierdorff: "Im Jahr 1783, Juni oder Juli."

Elisa Bernat-Gray: "Und was fanden Sie in Rotterdam?"

Matthias Kierdorff: "Da muss ich etwas weiter ausholen."

Elisa Bernat-Gray: "Wir haben heute reichlich Zeit. Legen Sie los!"

Matthias Kierdorff: "Ich fuhr also den Rhein hinab. Im Dorf Schoonderloo, etwas westlich von Rotterdam, besuchte ich den Händler und – was ich erst später erfuhr – Gelegenheitsschreiber Joost van Noort. Der passte eigentlich nicht ins Dorf, dessen Einwohner sich vornehmlich mit der Seefahrt und der Verarbeitung von Walen beschäftigten. Es gab es ein paar Trankochereien, und an der Nieuwe Maas, vor der Mündung des Leuvehaven, hatte ich ein Walfangboot liegen sehen. Jener van Noort – der übrigens behauptete ein Nachfahre von Olivier van Noort zu sein, der zwischen 1598 und 1601 die erste Weltreise von Niederländern führte – handelte mit seltenen Büchern."

Elisa Bernat-Gray: "Wie hieß dieser Seefahrer?"

Matthias Kierdorff: "Olivier van Noort. Wollen Sie den später auch recherchieren? Schauen Sie bei Wikipedia. Van Noort mit Doppel-o."

Elisa Bernat-Gray: "Danke. Erzählen Sie weiter."

Matthias Kierdorff: "Heinrich Gustav hatte mich beauftragt ein bestimmtes Buch bei van Noort zu prüfen und im besten Fall zu kaufen. Ich quartierte mich für einige Tage in dem Häuschen bei van Noort ein und studierte das Buch gründlich. Es stammte aus dem 17. Jahrhundert, war aber in einen hervorragenden Zustand. Detailliert wurde im Buch beschrieben wie man mit unterschiedlichen Gerätschaften mancherlei Spectra oder Visiones hervorrufen könne. Mit einer Glocke könne man Geister in beliebiger Form hervorrufen, man müsse nur inwendig die dazu notwendigen Worte schreiben und dann die Glocke bedienen. Mit anderen Geräten könne man lebendige Menschen durch die Luft führen, selber in der Gestalt einer anderen Figur erscheinen oder organische Leiber erschaffen. Besonders angetan war ich von einem Apparat mit dessen Hilfe man samt seinem eigenen Körper in beliebige Bücher steigen könne. Ich kaufte das Buch, ohne zu wissen, dass es eine von Joost van Noort eigenhändig angefertigte Fälschung war. Van Noort hatte sich, wie ich erst viel später erfuhr, in zahlreichen Büchern der letzten Jahrhunderte bedient, seinen eigenen Text verfasst und einigen Buchhändlern als Manuskript von 1678 angeboten.
 Umso erstaunlicher war, dass ich nach der genauen Anleitung diesen Apparat wirklich bauen konnte. Allerdings hätte der Apparat niemals ohne die geheimnisvolle Flamme funktioniert. Ich hatte in einer cornischen Handschrift von einer mächtigen Flamme gelesen, die ich als Energie für meine Maschine nehmen wollte. Den Besitzer dieser Handschrift traf ich wenige Tage später noch in Rotterdam im „Het Swarte Paert“, einer Brauerei mit Gaststube, auf der Westseite des Leuvehaven gelegen. Der Sammler Zacharias Jakob von Junkheim, der für Heinrich Gustav von Hipel mehrfach seltene Bücher besorgt hatte, war gerade aus London mit zahlreichen Büchern, Handschriften und Zeichnungen zurückgekehrt. Überrascht hatte ich im „Roerdamse Zaterdagse Courant“ von seiner Ankunft gelesen. Von Junkheim war ebenfalls an dem Manuskript von Joost van Noort interessiert und wollte ihn am kommenden Tag aufsuchen. Ich erzählte allerdings nicht, dass ich das Manuskript bereits gekauft hatte, ließ auch die Kugel, die ich baute, unerwähnt, befragte aber von Junkheim über die Flamme, von der ich in einer der Handschriften gelesen hatte, die mir von Junkheim vor einiger Zeit gezeigt hatte. Zacharias Jakob von Junkheim lachte mich aus. Das mit der Flamme, ja das hätte sich als großer Humbug herausgestellt. Aber an seinem Lachen erkannte ich, dass er mich anlog. An diesem Abend konnte ich allerdings nichts weiter über die Flamme erfahren. Und wahrscheinlich wäre ich auch niemals an sie herangekommen, wenn man von Junkheim nicht in der folgenden Nacht ermordet hätte."

Elisa Bernat-Gray: "Das sind ja wilde Abenteuer, die Sie da erlebt haben. Wer hat denn Ihren Begleiter umgebracht? Wissen Sie das?"

Matthias Kierdorff: "Moment, dazu komme ich gleich. Wir, also von Junkheim und ich, hatten reichlich Bier getrunken, so dass, als wir in der Nacht kaum mehr stehend könnend, die Brauerei verlassen wollten, vom Wirt das Angebot bekamen, doch bei ihm zu übernachten. Der Wirt schleppte auch noch von Junkheims schweres Gepäck nach oben in eine Kammer. In den frühen Morgenstunden gab es einen lauten Tumult in von Junkheims Zimmer. Ich, noch immer vom Alkohol betäubt, konnte mich nicht von meinem Lager erheben und so von Junkheim auch nicht zu Hilfe eilen. Erst zwei Stunden später taumelte ich hinüber und fand meinen Geschäftspartner leblos auf dem Boden liegend. Der Wirt saß gefesselt und geknebelt auf dem Boden, ihm hatte jemand ein Schild um den Hals gehängt: „Du spielst mit dem Feuer, Kierdorff.“ Auf meine Frage, wer das gewesen sei, wies der Wirt mit dem Kopf auf eine kleine Karte, die neben ihm auf dem Boden lag. Auf dieser stand gedruckt in großen Lettern: HBW."

Elisa Bernat-Gray: "HBW? So wie der Kunsthandel hier am Potsdamer Platz?"

Matthias Kierdorff: "Kunsthandel? Heißt das Hartrad Böhm-Winter hat hier einen Kunsthandel?"

Elisa Bernat-Gray: "Sieht ganz so aus. Ich habe bei meiner Recherche natürlich auch nach dem Namen geschaut."

Matthias Kierdorff: "Dann hat Hartrad nun also wirklich einen Kunsthandel."

Elisa Bernat-Gray: "Offensichtlich. Erzählen Sie aber weiter. Sie fanden die Karte, auf der >HBW< stand ..."

Matthias Kierdorff: "Ich steckte die Karte in meine Weste. – Ich fasse es nicht, es gibt einen Kunsthandel Hartrad Böhm-Winter. –
Ich steckte die Karte also ein und nahm dem Wirt den Knebel aus dem Mund.
 „Hoe maak je het?“, fragte ich den Wirt.
 „Goed“, schnaufte er. „Ik kann het niet helpen.“
 „Schon gut.“ Der arme Mann konnte ja nichts dafür.
 Von Junkheims Gepäck war durchwühlt worden, aber offensichtlich hatte HBW nicht das Gesuchte gefunden, denn auf dem Boden verstreut lag die wertvolle Ware aus England. Mit einem Messer schnitt ich von Junkheims Koffer auf. Eingenäht fand ich dort einen Teil der Handschrift, über die wir uns wenige Stunden zuvor unterhalten hatten. Ich nahm die Blätter an mich und verließ Rotterdam noch am gleichen Tag per Schiff mit Südengland als Ziel. Bei Tom Waterhouse in Cornwall wollte ich mehr über die Flamme erfahren."

Elisa Bernat-Gray: "Wer ist dieser Tom Waterhouse? Woher kannten Sie ihn?"

Matthias Kierdorff: "Das war der Kontakt, den von Junkheim dort in Penzance hatte. Tom hatte die keltische Siedlung Chysauster, nördlich von Penzance, erforscht. Tom war es, der den keltischen Feuergott Fut-vo-ye wiederentdeckte. Fut-vo-ye, also seine Seele, fand Tom in dessen unterirdischen Tempel, der in der Sprache der Kelten Fogou [gesprochen: Foo-goo] genannt wird. Das ist die Flamme."

Elisa Bernat-Gray: "Dieser Fut-vo-ye ist die Flamme ..."

Matthias Kierdorff: "Seine Seele ist die Flamme."

Elisa Bernat-Gray: "Und die Flamme half Ihnen? Damit konnten Sie die Kugel bedienen und in andere Bücher ...?"

Matthias Kierdorff: "Damit ging es tatsächlich. Tom gab mir die Flamme mit. Ich nutzte sie. Es funktionierte hervorragend. Besser als HBWs Methode."

Elisa Bernat-Gray: "Behielten Sie Gerät und Kugel für sich?"

Matthias Kierdorff: "Es war ja ein Auftrag von Heinrich Gustav von Hipel gewesen, der mich ursprünglich nach Rotterdam geführt hatte. Ihm wollte ich alles bringen. Aber Sie können sich vorstellen, das andere Leute auch an der Flamme interessiert waren. Zurück in Köln bemerkte ich mehrere Verfolger. Männer eines Buchhändlers aus dem Süddeutschen, Tübingen oder Stuttgart. Daher versteckte ich die Kugel erstmal in der Schifferkirche in Mülheim und hielt mich selber auch im Verborgenen.
 Ich hatte aber Pech. Im Februar 1784 bedrohte Rheinhochwasser die Stadt Mülheim am Rhein. Die Schifferkirche schien daher für die Flamme nicht mehr sicher zu sein. Jetzt, wo es eigentlich schon zu spät war, beschloss ich dennoch, die Kugel und die Flamme in den Bergen in Sicherheit zu bringen. 
Die Süddeutschen suchten mich noch immer. Sie waren noch in der Stadt. Mit zwei Gehilfen brach ich zur Schifferkirche auf. Die Flut hatte den Ort erreicht. Die Bewohner retteten sich auf Hausdächer oder in die Kirchtürme. Einigen gelang der Sprung auf Boote oder sonstige in den Fluten schwimmende Gegenstände. Der Küster gab mir vier Kisten mit, die wir auf zwei Pferden befestigten und zur Burg Hipelhoven der Familie von Hipel in Sicherheit bringen sollten. Wir kämpften uns tagelang, bei schlechtem Wetter und über miese matschige Wege durchs Bergische. Stets spürten wir die Nähe unsere Verfolger, die uns auf den Fersen waren."

Elisa Bernat-Gray: "Konnten Sie die Burg Hipelhoven erreichen?"

Matthias Kierdorff: "Nein, leider nicht. Wir wurden eingeholt. Auf der Flucht wurde ich von einer Pistolenkugel getroffen. Meine beiden Begleiter, Gottfried und Karl, Gott hab sie selig, wurden erschossen. Ich selber, mit Kugel und Flamme sowie dem Rotterdamer Manuskript, konnte gerade noch ins Dorf reiten. Bei der Kirche wurde ich schwach und fiel ohnmächtig vom Pferd. Einheimische Männer schleppten mich die Gasse hoch zum Wundarzt. Die Männer hievten mich, von Schlamm und Blut überströmt, auf den Tisch des Wundarztes. Mit einem speziellen Gerät, einer Art Zange aus dickem Draht versuchte der Wundarzt die Kugel zu entfernen, während die Männer mich auf den Tisch niederdrückten. Die Kugel hatte sich an einer schwer zugänglichen Stelle in meinen Körper gebohrt. Als dieser blöde Quacksalber sein Gerät fluchend in die Ecke warf und stattdessen zu einem Messer griff, konnte ich mich losreißen und sprang vom Tisch. Mit letzter Kraft sprang ich zur Tür. Betätigte dort die Kugel.
 Dann erwachte ich im Krankenhaus. Am Tag der OP. Ich hatte wohl gerade mit dem Klingelknopf eine Schwester gerufen ..."

Elisa Bernat-Gray: "Puh. Sie waren also nicht an einer Schießerei in der Tarpenbekstraße beteiligt? Dort ganz in der Nähe hat man Sie ja gefunden?"

Matthias Kierdorff: "Nein. Davon weiß ich nichts. Da ist die Wohnung von HBW."

Elisa Bernat-Gray: "Und? Auf welche Seite würden Sie nun gerne sein?"

Matthias Kierdorff (schaut sich im Zimmer um. Ihm stehen Tränen in den Augen): "Ich würde gerne wieder auf die andere Seite der Zeit. Ich muss diesen Wundarzt finden, der hat die Kugel mit der Flamme. Beides konnte ich leider nicht mitnehmen ..."

Elisa Bernat-Gray: "Kennen Sie einen Klaas Gierlich?"

Matthias Kierdorff: "Nein. Weshalb?"

Elisa Bernat-Gray: "Er sagt er sei der Wundarzt Johannes Nikolaus Gierlich. Ein Tipp von einem Kollegen hier. Gierlich hat nach Ihnen gefragt. Haben Sie Interesse an einem Treffen?"

Matthias Kierdorff: "Ja. Ist er einer von draußen?"

Elisa Bernat-Gray: "Nein. Er lebt seit letztem Donnerstag auch hier. Drüben im anderen Gebäude."
"Zurück ließ der Fremde eine Kugel aus Metall und eine nur schwer entzifferbare Schrift. Als Gierlich diese verstanden hatte, verschwand er auf dieselbe Weise wie der Fremde.
Als sich der Fremde und der Wundarzt auf der anderen Seite der Zeit wiedertrafen, beschlossen sie an dieselbe Stelle, zur selben Zeit des Unglücks zurück zu kehren." (aus der Sage "Die brennende Kugel", Heinrich Gustav von Hipel)

E N D E


Hinweis: Dies ist ein fiktives Dokument zur transmedialen Buchreihe Bookattack – Living in Books. This is a fictional document!