Der Mann mit der Maske

Gleich als er am Haus ankam, fühlte er etwas Sonderbares. Das Haus war schon ein wenig gruselig … Die ganzen Gegenstände der Indianer, dort … Darstellungen mythischer Gestalten, Hautmalereien, Keramiken mit Tiergestalten verziert, Fächer aus Adlerfedern, lange Holzpfeifen, Handtrommeln, hölzerne Masken wie sie bei Stammeszeremonien benutzt wurden, ein großes Kanu, Medizinbeutel, Kleidung, Federschmuck und Waffen aus verschiedenen Epochen.

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Drinnen im Eingangsbereich überkam Kober ein Gefühl, als hätte an dieser Stelle,  – vor einem Augenblick noch! – ein Mensch gestanden hatte. Er horchte in das Haus hinein, hörte aber nichts. Doch war weiterhin die Präsenz eines Menschen zu spüren! – er folgte ihr. Vorsichtig ging er zur Treppe und stieg Stufe um Stufe, fast geräuschlos … [flüsternd], ins obere Stockwerk … Den Raum, den er dort betrat, war sehr dunkel… Er glaubte den Menschen nun in einer Ecke stehen zu sehen. Nur einen Umriss eines Menschen … Er ging vorsichtig weiter in den Raum hinein … Die Kontur stand nun vollkommen bewegungslos da! Kober näherte sich ihr langsam und stürzte sich urplötzlich mit einem Satz auf sie!! … Hinter sich hörte er ein Lachen. Kober hatte nur eine Puppe angegriffen! … Er schüttelte sich…  Als er sich umdrehte, stand die unbekannte Person ihm direkt gegenüber. Vergeblich tastete Kober nach einem Lichtschalter. Die Person schien nicht zu atmen, bewegte sich nicht und hätte genauso gut ein Stück Holz sein können, hätte Kober nicht das Gefühl ihrer Anwesenheit, ihrer PRÄSENZ! gespürt! … Der Blick des Anderen schien Kober fast zu durchbohren, obwohl er noch nicht mal dessen Augen sehen konnte … Frostige Kälte drang in ihn ein. So, wie in einer kalten Nacht in seinem Heimatdorf. Kober begann heftig zu zittern … Raureif bedeckte seinen Körper. Der ganze Raum war voller Frost. Sein Herz hämmerte wie verrückt!… Er versuchte instinktiv, seinen Körper aus der frostigen Starre zu befreien. Er bewegte sich nun tatsächlich auf die Gestalt zu! … Als er nur noch zwei Meter von ihr entfernt war, konnte er auch endlich erkennen, dass er tatsächlich (!) einem Menschen gegenüber stand. Einem, der eine Indianermaske trug und eine Decke umgeschlungen hatte. Mit einem Satz sprang Kober auf ihn. Er sah nun das Weiße in den Augen, die ihn durch Maske anfunkelten. Doch, die Person konnte sich dem Zugriff entziehen, verpasste Kober stattdessen einen Fausthieb, so dass er krachend gegen die Wand prallte und dabei einige Gegenstände von der Wand riss. Kober holte tief Luft. Er griff – nun außer sich vor Wut –  nach einem Speer, der mit ihm zu Boden gegangen war und schleuderte ihn in die Richtung, in der er seinen Gegner vermutete… Mit lautem Getöse prallte dieser gegen einen Schrank und stolperte dann gegen eine Vitrine, deren Glas brach. Die Vitrine stürzte mit all den darin lagernden Gegenständen über ihn nieder.

Kober fand nun endlich einen Schalter. Machte Licht und trat dann an den am Boden liegenden heran. Er zog ihm die Maske vom Gesicht…

MAX KOBER: Wer sind Sie?

ROBERT ELLSBERG: Direktor Robert Ellsberg aus New York. Und Sie? Wie ein gewöhnlicher Einbrecher sehen Sie nicht aus.

MAX KOBER: Spielt keine Rolle. Was wollen Sie hier?

ROBERT ELLSBERG [ruhig, versucht die Situation zu entspannen]: Hören Sie, guter Mann. Ich war ein guter Freund von Carl Feinhals, dem kürzlich verstorbenen Besitzer dieses Hauses.

MAX KOBER [Kober zieht Ellsberg vom Boden hoch und drängte ihn mit dem Speer zu einem Stuhl]: Los setzen Sie sich auf den Stuhl da!

ROBERT ELLSBERG: Sie sind sicherlich Max Kober.

MAX KOBER: Gut möglich … – Erzählen Sie mir ihre Geschichte, die mit Carl Feinhals und seiner Sammlung.

Robert Ellsberg [er seufzt]: Wir haben uns vor über 50 Jahren bei der People‘s Party kennen gelernt. Wir waren beide junge, wilde Männer und wetterten gegen die Eliten. Während ich später durch meine Heirat mit Dorothy McCorley selber zur Elite des Landes gehörte, hat Carl sich während des Studiums weiter radikalisiert. Nein … – er wurde kein Bombenleger …

MAX KOBER: Sondern?

ROBERT ELLSBERG: Nun ja. Er wurde Forscher. Er sammelte. Sie kennen ja wohl seine Sammlung hier. Die indianische Kultur, ihre Religion, mit ihren Geschichten. DAS wurde sein Forschungsfeld.

MAX KOBER: Sehr radikal find ich das aber nicht.

ROBERT ELLSBERG: Äußerlich nicht … Er war mit einer Indianerin verheiratet, deren Eltern bei der Geistertanzbewegung 1890 ermordet wurden. Sie kennen die Sache? – Er interessierte sich damals schon sehr für die indianische Kultur und lernte dann Jayne kennen. Sie war bei weißen Amerikanern aufgewachsen. Ihre Eltern hatten zu der Volksgruppe gehört bei der der Geistertanz entstanden war. – Sie tanzten in langen weißen Gewändern, den Geisterhemden … Mit diesen wähnten sie sich unschlagbar, denn selbst Gewehrkugeln sollten diese Gewänder abhalten können. Es ging ferner um Weissagungen, die voraussagten, dass die weißen Eindringlinge bald verschwinden würden! … Zudem sollten alle getöteten Krieger aus ihren Gräbern wieder auf- und ihnen zur Seite stehen, so dass sich die Geistertanzbewegung für unbezwingbar hielt … Diese Bewegung machte den Weißen natürlich zunehmend Angst … Für sie war es ein religiöser und politischer Protest, den sie nicht dulden konnten.  So wurde die Geistertanzbewegung dann von ihnen mit Gewalt niedergeschlagen. Jayne war bei ihren Stiefeltern in der Stadt aufgewachsen, war aber immer noch stark traumatisiert. Carl entwickelte, je länger er sich mit der Angelegenheit beschäftigte, einen regelrechten Hass gegen die Verantwortlichen des Massakers. Der hätte gerne jeden einzelnen von ihnen zur Verantwortung gezogen!… Er suchte also die Mörder von Jaynes Eltern. Später entwickelte er spezielle Methoden, wie soll ich sagen, Methoden, mit denen man so etwas wie  … „die Seelen tauschen“  kann. Klingt ziemlich verrückt, ich weiß…

MAX KOBER: Allerdings. Seelen tauschen? Was sind das für Methoden?

ROBERT ELLSBERG: Konkretes weiß ich natürlich nicht.

MAX KOBER [energisch/drohend]: Ach, Blödsinn! … Los, Mann. Was wissen sie?

ROBERT ELLSBERG [nach Luft ringend/Kober würgt ihn]: Schon … gut. Ich weiß wenig. [spricht wieder halbwegs normal] Durch Seelentausch wollte er die Gesellschaft verändern. „Böse“ gegen „Gute“ tauschen. Er nannte seinen Club „Visions For A Better Society“ … Er experimentierte dabei mit Methoden die er von den Indianern übernahm. Kombinierte sie – … Es gab auch Kontakte nach Deutschland … Dieser Junge brachte etwas mit … Keine Ahnung was. –  Nun jedenfalls wurde es überhaupt erst möglich, dass Carl sein Vorhaben umsetzen konnte.

MAX KOBER: Welcher Junge? Meinen Sie Thomas? Kennen Sie Thomas Hünighusen, den Assistenten von Feinhals?

ROBERT ELLSBERG: Ja … Wir hatten uns aus den Augen verloren, Carl und ich. Ich wollte schon seit längerem Carls Sammlung kaufen. Ich hatte ihm auch mehrfach Angebote unterbreitet. Carl lehnte stets ab … Nun, nach Carls Tod, wollte ich bei Thomas nachfragen … Die Eigentümerverhältnisse dieses Hauses sind ein wenig kompliziert.

MAX KOBER: Das heißt, Sie haben jetzt Thomas getroffen?

ROBERT ELLSBERG: Wir hatten ein Treffen in Morrisonville vereinbart. Doch er ist zur vereinbarten Zeit nicht erschienen.

MAX KOBER: In Morrisonville? Liegt das nicht auf der anderen Seite des Mississippi?

ROBERT ELLSBERG: Genau. Ziemlich trostloses Nest … Carl hatte ganz in der Nähe ein altes Sägewerk. Das hat er vor etlichen Jahren preiswert gekauft. MAX KOBER: Wann sollte das Treffen denn stattfinden?

ROBERT ELLSBERG: Bereits im letzten Monat … Ist schon ein paar Wochen her …

MAX KOBER: Ein paar Wochen … An das Datum können Sie sich nicht erinnern? … –

ROBERT ELLSBERG: Nein … so um den fünfzehnten, sechzehnten vielleicht …?

MAX KOBER: Seine Familie hat ihn da als vermisst gemeldet. Ich habe den Verdacht, dass Thomas sich im Sägewerk befindet. Ich glaube irgendwer hält ihn dort gefangen. Waren Sie früher mal beim Sägewerk?

ROBERT ELLSBERG: Ja, einmal. Irgendwann in den 20er Jahren. Carl hatte es da gerade erst erworben. Liegt irgendwo bei Morrisonville, direkt an einem Bayou. Ich fahr‘ Sie hin … – Die Leute in Morrisonville werden uns sicherlich den Weg erklären können … Da gibt es ja sonst nichts …