Mit Leroy Young auf den Friedhöfen

Kober beschäftigte sich nun mit diesen Namenslisten. Hinter den Namen standen Abkürzungen wie HC, SJCC, BRNC, RMP, SOC oder LC. Erst dachte er es würde sich um Abkürzungen für Firmen handeln. Liz an der Rezeption des Alamo Plaza meinte das C könnte für Cemetery stehen. Er war an einem Friedhof auf seinem Weg vom Motel zu Thomas vorbeigekommen. Dort wollte er dies überprüfen. Nachdem er am Evergreen Drive mehrfach im Kreis gegangen war, fragte er in der Delphine Street einen Anwohner nach dem Friedhof. Gleich um die Ecke, wurde ihm gesagt. Und hat der Friedhof einen Namen? Sweet Olive Cemetery. Der Mann ging mit ihm in die Nebenstraße, wo dann auch gleich die Grabstätten zu sehen waren.
„He Leroy, hier ist ein Mann, der sich für den Friedhof interessiert“, rief der Mann. Der gerufene Farbige kam ihm mit einer Schaufel entgegen.

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„Willkommen auf dem ältesten Friedhof von Baton Rouge. Der jüdische Friedhof und der lutherische sind auch alt, aber Sweet Olive ist der älteste“, erklärte Leroy Young, der sich als Gärtner und Totengräber vorstellt hatte. „Es sind die Friedhöfe der Mount Pleasant Baptist Church und der First African Baptist Church. Hier ist Ada Blundon begraben. Die als Ada Catharine Pollock in New York geboren wurde und 1887 mit ihrem Mann Frank C. Blundon hier in Baton Rouge eine Schule für uns farbigen Kinder gründete. Sie liegt hier drüben, kommen Sie. Sie ist übrigens die einzige Weiße, die hier auf dem Sweet Olive liegt. Die Leute liebten sie, daher wurde sie 1917 hier bei uns begraben.“ Kober zog einen Zettel aus der Tasche. „Und diese Personen“, er zeigte Leroy die Liste. „Sind sie hier auch begraben?“ Leroy studierte den Zettel. „Ja, ja. Die beiden hier. Klar. Hier ist ja auch die Reihe notiert. Kommen Sie.“ Die Männer gingen nun zwischen Gräberreihen, während Leroy weiter dozierte. „Ich selber kannte beide nicht. Ich bin 1925 geboren und noch zu klein um sie zu kennen. Sie starben beide 1927. Das ist das Grab von James Frazier. Das von Gus Jones ist gleich da drüben.“ Frazier war am 21.06.1880 geboren und am 23.04.1927 gestorben. Jones war gerade mal 19 Jahre gewesen als er am 27.04.1927 ums Leben kam. Kober zeigte Leroy nun noch die Abkürzungen, die hinter jedem Namen standen. „Das sind alles Friedhöfe hier. RMP, ist der Roselawn Memorial Park. BRNC, der Baton Rouge National Cemetery. SJCC, das müsste der St. Joseph’s Catholic Cemetery sein. Was ist denn mit all den Leuten? HC, der Highland Cemetery. Sie wissen nicht was mit den Typen hier ist? Oh, Mann. Ein Rätsel was?“ Als Käufer von Carl Feinhals Sammlung kamen diese beiden nicht in Frage. Trotzdem fragte er Leroy Young, ob er die Sammlung kennen würde. „Ich weiß wo sie ist. Ich war aber noch nie in dem Haus. Gibt es einen Zusammenhang mit den Toten?“
Kober fragt den Friedhofgärtner, ob er ihn auch auf den anderen Friedhöfen die Gräber der Personen auf der Liste zeigen könnte. Als Neuling in der Stadt würde er sonst ewig brauchen. So fahren die beiden am folgenden Tag abends mit dem Bus durch die Stadt. Kober im vorderen Bereich für Weiße, Young im hinteren Bereich für Farbige.
Rassentrennung. Wir sind im Jahr 1949. Da konntest man sich nicht hinsetzten  wo man wollte. Selbst wenn der Bereich für weiße Bürger frei war, durften die Farbigen nur sich in ihrem Bereich aufhalten, man musste dann dort auch stehen, obwohl vorne genügend freie Sitzplätze waren. Jedenfalls haben sie die Friedhöfe abgeklappert und die Liste mit den Geburts- und Sterbedaten aller Personen ergänzt. Alle Personen waren zwischen dem 21. und dem 27. April 1927 gestorben.
Während der großen Flut in Louisiana? Sie waren aber keine Flutopfer. Die Todesursachen fand Kober nun bei seinen Befragungen heraus.

Für diese Befragungen besorgte sich Kober extra ein Tonbandgerät. Genauer gesagt ein Drahttongerät. Einen Wire Recorder. Max Kober hatte ein Modell von Webster aus Chicago. Das Modell 18-1R von 1949. Dieses Gerät nahm er dann mit zu verschiedenen Leuten und machte heimlich Aufnahmen.

Er befragte Familienangehörige und Freunde. Sie besuchten die Gräber und die Leute.

Das befruchtete sich gegenseitig. Mal erzählten die Leute ihm was interessantes, mal fanden sie wichtige Hinweise am Grab. So kam Leroy Young eins der Gräber auf dem Baton Rouge National Cemetery seltsam vor. Er kannte das Grab. Es war von Bill Lease. Die Abdeckplatte lag anderes als sonst, es gab Spuren an der Platte. Es gab auch zahlreiche Fußspuren rund um das Grab. Die beiden beschlossen bis zur Dunkelheit zu bleiben, um dann die Grabplatte beiseite zu schieben. „Mach, nicht so ein Krach“, funkelte Leroy. „Das Ding ist so schwer.“ „Aber stöhn nicht so laut. Wenn uns jemand erwischt.“ „Ach, wenn soll denn hier hinkommen. Und wenn schon, du bist doch der Totengräber hier. Nachtschicht halt.“ „Pst! Still! Da war ein Geräusch. Oh Mann. Duck dich.“ „Da ist nichts.“ „Doch. Da drüben. Nur ein Hund.“ „Aber ein Hund mit roten Augen.“ Leroy warf einen Stein nach dem Hund. Der lief dann auch weg. Verschwand im Nebel. Als er sich umdrehte, sah man durch die Nebelschwaden nur noch seine leuchtenden Augen. „Los weiter.“ Sie schoben die Grabplatte zur Seite. Die Erde war frisch aufgewühlt und im Sarg lag ein Skelett. Auf dem Brustkorb lag ein schweren Stein und die Füße waren mit einer Kette gefesselt. „Ich glaube als ersten besuchten wir die Familie Lease.“

Kober gab sich als Angestellter der Stadt Baton Rouge aus. Er sprach mit Bill Lease Sohn Samuel. Es ginge um das Grab des Vaters. Das sei beschädigt worden. Samuel Lease wurde bleich im Gesicht. Kober berichtete, dass sie das Grab geöffnet hätten. „Können Sie mir sagen, weshalb man Ihren Vater als Untoten begraben hat?“ Nachdem Lease zunächst verneint hatte, kam er wenig später mit einer kruden Geschichte um den Stadtabgeordneten Jonathan Burke aus New Orleans. Dieser Burke sei während des Krieges bei seiner Mutter Mary Lease aufgetaucht. Irgendwann im Gespräche sei Burke zu seiner Mutter sehr vertraulich geworden und hätte gesagt er sei ihr Mann Bill. Mary Lease war sehr erschrocken. Ihr Mann war 1927 verstorben. Burke konnte ihr sehr viele Details über Bill Lease sagen, Dinge die nur Bill und Mary wissen konnten. Mary Lease bat Burke er solle gehen, aber der Stadtabgeordnete kam öfters wieder. Immer wurde er von Frau Lease oder ihren Kindern weggeschickt. Aber er kam immer wieder. Eines Tages platzte Samuel Lease der Kragen: Er nahm seine Waffe und ging zu Burkes Büro. Ohne zu zögern erschoss Samuel Lease den Mann der behaupte sein Vater zu sein. Der Mann lag tot auf dem Boden, da war sich Samuel sicher. Aber es wurde in den Zeitungen weder über den Mord berichtet, noch suchte die Polizei nach dem Mörder. Wenig später war Jonathan Burke wieder im Amt. Davon erfuhr die Familie Lease aber erst viel später. Nun vor kurzem, nach all den Jahren, erschien Burke erneut bei Mary Lease. Das Spiel begann von vorne. Diesmal glaubten sie die Geschichte von Burke: er war wirklich Bill Lease. Wenn auch nicht körperlich. Zwei- oder dreimal wurde daraufhin Burke höflich empfangen. Dann beschloss man Burke aber ein für alle Mal umzubringen. Tod wurde er in das Grab von Bill Lease gebracht. Damit er nicht wieder aufersteht, trennte man den Kopf ab und fesselte mit einer Kette die Füße.

Das sind ja Methoden wie sie früher in Europa bei Wiedergängern, Untoten, Vampiren oder so üblich waren …

Aber im 20. Jahrhundert war solcher Aberglaube eigentlich ausgestorben. Allerdings war die Familie Lease sehr gläubig und sie haben Jonathan Burke wirklich als den Wiedergänger von Bill Lease gesehen. Nach dem Gespräch mit Samuel Lease wollte Kober aber zunächst etwas über den Stadtabgeordneten Jonathan Burke herausfinden und fuhr daher zur Zeitung nach New Orleans.

Im Archiv findet Kober einige Artikel über Burke. In den meisten ging es um seine Tätigkeit als Stadtabgeordneter ab 1924. Er galt als harter Hund, unnachgiebig, konservativ und auch brutal. Im Sommer 1927 wurde er einige Tage vermisst. Als er wieder auftauchte, erzählte er, er hätte eine kleine Auszeit benötigt. In den folgenden Jahren schien Burke umgänglicher und beliebter geworden zu sein. Über die Jahre entwickelte er sich zum Wohltäter. Eine kurze Notiz aus dem Januar 1949 berichtete, dass Burke erneut verschwunden sei. Noch im gleichen Monat gab es einen Bericht über einen Leichenfund bei Addis. Man schrieb, es könnte sich bei der Leiche um den Abgeordneten Burke handeln. Anfang Februar wurde der Tote allerdings als David H. Wood, ein Arbeiter aus dem Nachbarort Brusly identifiziert. Burke blieb verschwunden.

Dann findet Kober einen Artikel über den Geschäftsmann Charles Gore?