Die große Flut

Abschnitt 3

Baton Rouge
Frühjahr 1927

hiuizu890

Kober durchwühlte noch Schränke und Schreibtische im Feinhals-Haus. Im Erdgeschoss fand er die Notizbücher von Thomas. Die jüngste Kladde war von 1948. Das älteste Büchlein von 1927: Ein Reisetagebuch, in dem Thomas seine Reise zusammen mit Walter Niess durch Louisiana festgehalten hatte. In New Orleans hatten sie Carls Sohn, Engelbert Feinhals, und dessen Verlobte Kristina Haybach getroffen, die ihn mit ihrem Wagen zu einem Bayou bei Baton Rouge bringen wollten. Engelbert hatte ihnen gleich gesagt, dass es keine einfache Fahrt werden würde, der Mississippi sei über die Ufer getreten. Während der Fahrt erzählte ihnen Kristina über die Flut.

„Die Flut ist verheerend. Eine Katastrophe.“ Kristina lehnte sich zu Thomas und Walter , die auf dem Rücksitz des Cryslers saßen.  „Ich weiß nicht, ob es so eine Katastrophe schon mal in Amerika gegeben hat. Es regnet andauert. Seit dem letzten Sommer hat es im Einzugsgebiet des Mississippi starke Regenfälle gegeben. Da begann schon das Übel.“
„Wenn es bei uns regnet, dann hat die Sülz auch schnell Hochwasser. Aber diese Wassermengen hier. Das ist was ganz anders.“ (Thomas)
„Ich weiß nicht, ob ihr schon mal auf einer Landkarte gesehen habt wie der Mississippi durch Amerika fließt. Das beginnt weit oben. In den Mississippi läuft das Wasser aus Flüssen oben in Montana, North Dakota und Minnesota. Im Osten kommt Wasser sogar aus Ohio, ja auch aus dem Staat New York. Und das Wasser fließt dann bis hier hinunter zum Delta bei New Orleans.“
„Der Rhein fließt auch durch halb Europa. Wenn da mal der Schnee in den Alpen taut oder es über längere Zeit stark regnet.“ (Walter)
„Im Winter und auch jetzt im Frühjahr, war immer wieder sehr schlechten Wetter. Das ganze Frühjahr war mies. So gab es Mitte April in New Orleans so starke Regenfälle, die dazu führten, dass Teile der Stadt bis über einen Meter mit Wasser überflutet waren. Ganze Landstriche stehen jetzt unter Wasser. Das sind wirklich dunkle Tage für Amerika. Ich mein, ihr seht es ja selber. Viele Häuser stehen bis zum Giebel unter Wasser. Zahlreise Eisenbahnlinien sind zerstört oder unterflutet. Den Leuten ist ihr Hab und Gut versunken. Tiere, Autos, Kutschen, alles abgesoffen. Manchmal gelingt es Leuten mit Wagen in die überfluteten Gebiete zu fahren, um Menschen und Tiere zu retten. Wir haben gestern eine Familie gesehen, die aus einer überfluteten Stadt mit einem Pferdewagen floh. Andere schaffen es mit Booten. Riesige Gebiete sind nur noch mit Booten erreichbar. Boote sind dort das einzige Fortbewegungsmittel. Natürlich gibt es nun jede Menge Obdachlose. Zum Glück gibt es für die die Flüchtlingscamps. Das sind Camps mit langen Reihen von Armeezelten. Da leben nun die ganz armen halt. Die die am wenigsten dafür können. Es ist nicht nur der Regen … auch die Dämme … aber, was glaubt ihr Jungs, wer wird die größeren Schäden davon tragen, die Bürgermeister, die Senatoren, die Ingenieure, die die Dämme konstruiert haben oder das einfache Volk?“
„Kristina, nun lass die beiden doch damit in Ruhe. Es hat viel geregnet. Das passiert …“ (Engelbert)
„Wer sind denn die Leute in den Flüchtlingscamps? Vornehmliche Schwarze. Die dürfen nämlich nicht einfach abhauen. Nee, aber sie dürfen die Sandsäcke schleppen. Ohne Bezahlung. Die Weißen bekommen in den Camps gute Kleidung, während die Schwarzen dort halbnackt und ohne Schuhe herumlaufen müssen. Rettungsboote nehmen oft die Schwarzen nicht mit. Mit solchen Sachen muss Schluss sein.  Ich seh‘ schon, ich versteht gar nicht wovon ich rede.“
Walter hob die Augenbrauen und sah Thomas fragend an. „Doch, doch wir verstehen dich gut.“ (Thomas)
„Carl setzt große Hoffnung in euch. Schön, dass Edmund euch geschickt hat. Ihr seid sicher gute Jungs, gerade jetzt brauchen wir die Guten. Die Sache an der Carl arbeitet wird die Welt verändern, sie wird sie besser und gerechter machen. Euer kleines Päckchen wird uns hoffentlich endlich den Durchbruch bringen.“
„Was für eine Sache?“ (Walter)
„Ich weiß darüber auch nichts. Mertzbach hat mir nur was für Mr. Feinhals mitgegeben.“ (Thomas)
„Und wir treffen Mr. Feinhals noch heute?“
„Wenn wir Glück haben sind wir Morgen am Bayou. Dort treffen wir meinen Vater.“ (Engelbert)

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