Ankunft in Louisiana

Houston
Juli 1949

Miss Maxwell hatte für Kober ein Zimmer im Rice Hotel der Texas Avenue. Ein wirklich feines Hotel. Er würde Miss Maxwell ein schönes Geschenk besorgen. Er wartete in der Hotel Lobby auf George Hely, einem Manager der Arthur Colton Company aus Detroit. Hely wollte ihm eine Pill Forming Machine von Colton in Produktion zeigen. Kober tat so, als würde er im Houston Chronicle lesen. Vielmehr schaute er durch die Zeitung hindurch, genoss das Flair dieses Hotels.
In einem nagelneuen Dodge Deluxe holte ihn Hely ab.
„Wie war ihre Reise, Mr. Kober?“
„Sehr, sehr schön.“
„Sind sie schon mal geflogen?“
„Das war mein erster Flug.“
„Oh, auch nicht im Krieg? Ich war bei der Air Force.“
„Als Deutscher in England war ich froh, dass man nicht für einen Spion hielt.“
Hely nickte und schwieg. Auch Kober wollte nicht weiter über die Sache reden. Seine Familiengeschichte war nichts für einen Smalltalk. Gerade einer Verkäuferseele wie George Hely wollte er nicht die Probleme von Herbert Kober unter die Nase reiben. Rede nicht über Politik und Religion, rede über Sport, rede über Literatur, wenn du meinst, dass dein Gesprächspartner ein Buchfreund sein könnte. Er sah zu Hely hinüber.
„Ich hab gehört, Sie spielen in einer Soccermanschaft …“, nahm Kober das Gespräch wieder auf.
„Ja, ein wenig. Kleiner Club bei uns in Baltimore. Naja. Wie soll ich sahen. Ist mehr eine Freizeitmannschaft. Wir nehmen uns selber nicht so ernst. Spielen Sie auch, Kober?“
„Leider nicht mehr. Ich Deutschland habe ich gespielt. Ein paar Jahre sogar richtig gut. In Liverpool hab ich noch ein wenig gespielt. Aber Schule und Studium haben mich in Beschlag genommen.“
„Und gehen Sie zu Spielen in Liverpool?“
„Ja, erst letztens hab ich ein Spiel gegen Aston Villa gesehen. Ging glaube ich 2 zu 1 für Liverpool aus. Allerdings war die Saison durchwachsen. Liverpool kam nur auf den 11. Platz in der Premier League.“
„Ich schaue mir mit den Kindern Spiele der Baltimore Americans an.  Wir haben auch mal ein Spiel der Philadelphia Nationals gesehen.“
Von Downtown fuhren sie über Pasadena in Richtung Trinity Bay. Ihr Ziel war die Fabrik des Arzneimittelherstellers Milburn wo sie sich eine Pill Forming Machine von Colton ansehen wollten. Der Liverpooler Arzneimittelhersteller Clough & Hanley plante sich eine dieser Maschinen anschaffen. Kober wollte die Maschine genauer begutachten. Nach der Rückkehr wollte er seinem Chef Doktor James Fleet einen detaillierten Bericht erstatten.
Schon am Vortag hat Max Kober von Houston aus ein Telegramm an Paul Hünighusen geschickt.

BIN IN TEXAS FUER EINE WOCHE BEANTWORTE BRIEF DANN NIE VON FLAMME GEHOERT MAX

Zurück im Rice Hotel hatte er ein Telegramm von Paul erhalten.

THOMAS IST VERSCHWUNDEN KANNST DU HELFEN REISE BITTE ZU MAISEY SEINE FRAU IN BATON ROUGE SWART STREET PAUL

Max schickte ein weiteres Telegramm zu Paul nach Wuppertal.

KLAR WERDE IHN SUCHEN MAX

Nachdem er Miss Maxwell ebenfalls eine Nachricht geschickt hatte, in der er auf mehrtägige Verzögerungen hinwies, fuhr er von Houston nach Baton Rouge. Über Lake Charles und Lafayette erreichte er Baton Rouge. Viereinhalb Stunden Fahrtzeit mit einem Leihwagen.
Er bezog ein Zimmer in Alamo Plaza, einem Motel am Florida Boulevard. Das Gebäude war 1941 gebaut worden, war also noch so gut wie neu. Das Alamo gehörte zur ersten Hotelkette, die seit 1929 von Waco in Texas aus agierte. Noch am Abend fuhr zum Haus von Thomas. Der wohnte in der Swart Street in South Baton Rouge. Kober lief fast eineinhalb Stunden bis dorthin. In der Swart Street war er sich unsicher in welchem Haus Thomas wohnte. Er hielt einen Wagen an, der gerade aus einer Ausfahrt fuhr. Der Fahrer begrüßte ihn mit einem freundlichen „Buonasera Signore. Wie kann ich Ihnen helfen.“ Kober kratzte sich leicht verwirrt am Hinterkopf. „Ja guten Tag.“ Er hob tatsächlich seinen Hut. „Ich suche Mr. Hüninghusen. Thomas Hünighusen. Kennen Sie ihn, Mister?“ „Er wohnt gleich nebenan. Thomas ist ein guter Freund von mir. Er ist aber verreist. Aber Maisey und die Kinder sind da.“ Der Mann holperte mit seinem rostigen Ford Deluxe die Straße runter. Kober klopfte an die Haustür des Shotgun Hauses. Ein etwa fünfzehnjähriges, weißes Mädchen öffnete ihm. „Sind Sie von der Polizei?“, fragte sie Kober. Nachdem Kober dies verneint hatte, rief sie nach ihrer Mutter. Diese kam nun ebenfalls an die Tür. Kober erzählte ihr, dass er ein alter Freund ihres Mannes sei, noch aus der Kindheit. Er hätte die Adresse von ihrem Schwager Paul. Thomas sei seit über einer Woche nicht nach Hause gekommen, sie hätte ihn bei der Polizei als vermisst gemeldet …

Thomas war also verschwunden. Maisey erzählte dies Kober. Sie weinte. Kober konnte sie nicht verstehen. Die Tochter Megan nahm sie in den Arm. Nun kam auch der Sohn Scott Allen an die Tür. Der war damals gerade achtzehn geworden. Scott Allen berichtete, sein Vater sei vor zehn Tagen mit einem Bus Richtung Westen gefahren. Am Abend des nächsten Tages hätte er wieder zurück sein wollen. Als er nach drei Tagen immer noch nicht zurück war, hätten sie die Polizei verständigt. Früher, schluchzte Maisey, sei Thomas oft über mehrere Tage weg gewesen, aber das hätte er dann auch angekündigt und er hätte stets einen Assistenten dabei gehabt.

Sie lassen Kober dann auch ins Haus.

Klar. Paul hatte Max in seinen Briefen oft erwähnt. Er gehörte für sie fast zur Familie in Deutschland. Wahrscheinlich mehr als Max wirklich dazu gehörte, aber da sie Paul nur aus Briefen kannten, wo er viel über die Kindheit mit Thomas und Max berichtete, waren ihren Paul und Max ähnlich nah, obwohl eigentlich fremd.

Maisey erzählte ihm, dass Thomas all die Jahre für Carl Feinhals gearbeitet hat. Einem Anthropologen, der sich mit der Kultur der Indianer beschäftigt hat. Gemeinsam sind sie jahrelang durch die USA gezogen. Haben Interviews geführt, Geschichten gesammelt, den Indianern Kulturgegenstände abgekauft. Da Feinhals nicht mehr der Jüngste war, ist Thomas in den letzten Jahren auch alleine unterwegs gewesen oder besser gesagt, zusammen mit Studenten oder Doktoranten.

Thomas hatte keine Ausbildung, er hatte bei Feinhals 1927 als Gehilfe angefangen. Immer wieder hatte Feinhals, der auch für die Uni in Baton Rouge tätig war, Studenten oder Doktoranten, die irgendwelche Forschungen machten. Thomas war aber nach all den Jahren die er mit Carl Feinhals zusammengearbeitet hat sehr erfahren, so dass ihn alle als gleichwertig ansahen. Vermutlich dachte jeder, er hätte in Deutschland studiert. Feinhals hatte in seinem Haus in Baton Rouge eine Sammlung mit Gegenständen aus der Indianerkultur und ein Archiv in dem er die Geschichten der Indianer aufbewahrte. Wir würden diese Geschichten als Märchen, Legenden oder Sagen beschreiben. Geschichten, die innerhalb der Stämme über Generationen weitergegeben worden sind. Wenn sie nicht auf Forschungsreisen unterwegs waren, arbeiteten sie in diesem Haus in Baton Rouge. Feinhals schrieb Bücher, hatte einen Lehrauftrag an der Uni, hielt Vorträge. Thomas war sein einziger Angestellter.

Nun ist Carl Feinhals vor ein paar Monaten verstorben. Er wäre im nächsten Jahr achtzig geworden. Thomas war nun arbeitslos.