Das Verhörprotokoll

Liverpool
Juli 1949

Schon seine Großmutter hatte Dragees hergestellt. Am ersten Weihnachtstag trafen sich die Familien Kober und Schiffer bei ihr in Jülich. Jedes der Kinder bekam dann eine Tüte mit diesen Dragees. In ihren Dragees waren Mandeln, Pistazien oder Nüsse.
Max Kober hingegen überzuckert Tabletten und Pillen. Sie schmecken nicht so köstlich wie die Dragees von Clara Schiffer. Im Gegenteil, lutscht man den Zucker ab, so hat der darunterliegende Kern einen unangenehmen Geschmack. Die Dragees die Kober herstellt, enthalten Arzneien, die der Patient nicht schmecken will, dessen Wirkung sich nicht auf der Zunge entfaltet, sondern erst im Darm. Doch die Herstellung ist bei der einen Art wie bei der anderen. Bei beiden werden die Kerne in einem rotierenden Dragee-Kessel aus Kupfer mit Zucker überzogen.
Kober saß zusammen mit einer Mitarbeiterin in seiner Laborbox. In sechs solcher Boxen arbeiten sechs Chemiker mit je einem Assistenten. Regalwände trennen die Boxen ab. In diesen Regalen stehen zahlreiche Reagenzgläser, Erlenmeyer-Kolben, Reibschalen mit Pistill, Porzellantiegel, Pyknometer, Vollpipetten, Meßzylinder, Chemikalienflaschen und Glastrichter sowie über 100 Reagenzien. Auf dem Tisch davor stehen ein Drahtnetz mit Asbesteinsatz auf einem Dreifuß, Abdampfschalen, eine Handwaage, eine Bürette mit Glashahn, verschiedene Wannen, einen Bunsenbrenner. Jede Box im Versuchslaboratorium von Clough & Hanley hat Anschlüsse für Druckluft, Vakuum, Wasser und Gas. Die Gase werden aus Gasbomben im Untergeschoß zu den Laborarbeitsplätzen geführt. Es gibt Arbeitstische die für die Einzel- und für die Gruppenarbeit geeignet sind. Neben der Wasserbecken gibt es eine Wasserbrause, die zum Spülen bei Unfällen benutzt werden kann.
In seiner Box hat Max Kober auf einem der Arbeitstische den Dragee-Kessel platziert. Für ein neues Medikament hatte er eine Versuchscharge hergestellt, die er nun noch überzuckert, so dass die Arznei vor Sauerstoff und Feuchtigkeit geschützt wird. Zusammen mit einer Mitarbeiterin hat er den beheizten Kessel eingerichtet. Das Dragieren der Versuchscharge würde sie alleine übernehmen. Er ging hoch in sein Büro.
Oben angekommen warf er den weißen Kittel über den Besucherstuhl und sich schwer atmend in seinen Drehstuhl. Seit er nicht mehr Fußball spielte hatte er stark zugenommen. Die 98 Kilo die er mittlerweile auf die Waage brachte, waren für seine knapp ein Meter achtzig zu viel. Vielleicht sollte er auch mit dem Rauchen anfangen, dies würde möglicherweise seinen Hunger zügeln. Er seufzte, schob das Gedankengemisch an Übergewicht, Rauchen und Hunger beiseite und kramte stattdessen in der Post, die bereits auf seinem Schreibtisch lag. Endlich war auch der Brief der Arthur Colton Company aus Detroit mit einem korrigierten Angebot für eine Pill Forming Machine angekommen. In ein paar Tagen würde er zu einer Reise in die USA aufbrechen und sich eine solche Maschine in Houston in Aktion ansehen. Kober war bereits seit über 15 Jahren bei der Liverpooler Arzneimittelfabrik Clough & Hanley beschäftigt. Schon während seiner Ausbildung an der School of Pharmacy in Liverpool hatte er hier einen ersten Job gehabt. Auch während des Chemiestudiums hatte er hier gearbeitet. Mit 32 Jahren hatte man ihn vor zwei Jahren zum Leiter des Versuchslaboratoriums an der Hanover Street befördert. Er war Mitglied der Royal Pharmaceutical Society und Honorardozent an der School of Pharmacy.
Die Beschäftigung mit Arzneimitteln lag in der Familie. Sein Vater war in Deutschland vier Jahrzehnte als Apotheker tätig gewesen, bis er in den dreißiger Jahren mit seiner Familie fliehen musste. Sie waren in Liverpool sesshaft geworden. Die Kriegsjahre waren für sie als Deutsche in England nicht immer einfach gewesen. Halt hatten sie in der deutschen evangelischen Kirche gefunden, in der Kobers Frau Marianne sehr aktiv war. Sie stammte aus einer alteingesessenen deutschstämmigen Familie, die schon im frühen 19. Jahrhundert aus Norddeutschland nach England gekommen war, um in den Zuckerfabriken im Norden der Stadt zu arbeiten. Gottlieb Lurman, der als erstes nach Liverpool gekommen war und damit Stammvater der Familie, soll vor hundert Jahren mit an der Gründung der deutschen Kirche in Liverpool beteiligt gewesen sein. Auch wenn die Lurmans sich noch manche deutsche Tradition bewahrt hatten, so waren sie doch seit langem englische Staatsbürger und boten den Kobers nun auch einen gewissen Schutz.
Auf dem Tisch lag auch der Brief von Paul Hünighusen, den er am Vortag erhalten hatte. Er wollte ihn nochmals genau durchlesen, denn zuhause bekam er wegen der Kinder nicht immer genügend Ruhe. Er schaute hinüber zum Stanley Building, welches dem Fabrikgebäude von  Clough & Hanley direkt gegenüber liegt. In Gedanken war Kober aber im Dorf seiner Kindheit. Sein Freund Paul hatte ihm in seinem Brief von einem alten Verhörprotokoll berichtet. Paul war Polizist in Wuppertal und hatte sich so Zugriff auf das Protokoll von 1926 verschafft. Der Verhörte Edmund Mertzbach war ein Nachbar aus ihrem Heimatdorf Lindlar. Die ihm vorgeworfene Tat hatte er geleugnet. Pauls Brief hatte Kober wieder die verdrängte Angelegenheit in Erinnerung gerufen. Lange hatte er sie ausgeblendet, aber sie lauerte stets düster und an ihm zerrend als schlechtes Gewissen in seinem Hinterkopf.
Das Verschwinden und der Tod der kleinen Ida Tiemann hatte im Dorf für großes Entsetzen gesorgt. Die Tochter des Ladenbesitzers Wilhelm Tiemann war eine Freundin von Paul Hünighusen und Max Kober. Beide waren beim Tod des Kindes anwesend. Paul, Max und Ida hatten hinter der Kirche gespielt. Dort war eine Mauer mit einer Treppe zur Gaststätte. Und von dieser Mauer ist Ida wohl runtergestürzt. Sie schlug mit dem Kopf auf und starb noch an der Stelle. Wie es tatsächlich passiert war, hatten Paul und Max nicht gesehen. Alles war so schnell gegangen. Hatten sie mal wieder den Ball gegen die Kirchenwand geworfen? War der Ball die Treppe runter geflogen und Ida ihm nachgelaufen? Oder war es gar zum Streit zwischen den Kindern gekommen?
Mittlerweile waren dies für Kober nur noch Spekulationen. Geblieben war nur ein Bild: Ein Dunst der an ihnen vorbei geflogen war. Der sich kraftvoll zwischen sie gedrängt hatte. Seine Erinnerungen setzen erst wieder ein, als sie das Mädchen neben der Treppe liegen sahen. Es war im September, an einem Abend, es dämmerte bereits. Paul lief nach Hause, holte den Vater, der sollte helfen. Der Vater kam mit Pauls Stiefbruder Thomas. Johann Hünighusen sah bereits das Unglück über seine Familie niederbrechen.
„Was habt ihr getan? Das ist die Strafe“, jammerte Hünighusen. „Welche Schande, meine Jungs sind am Tod eines Mädchens beteiligt. Oh Herr, vergib mir.“
Denn so wie Idas Gesicht verunstaltet war, glaubte er nicht an einen Unfall. Hünighusen war in die Knie gegangen und reckte seine gefalteten Hände zum Himmel. Er schien nun zu beten. Bekreuzigte sich auch nach kurzer Zeit und zog sich an Thomas hoch.
„Junge, hol schnell die Karre. Das Mädchen muss weg von hier.“
Und so beschloss er Ida im Mühlenteich zu versenken. Er verbot Paul und Max über die ganze Angelegenheit ein Wort zu verlieren.
Die Spur wollte der alte Hünighusen auf Edmund Mertzbach lenken, indem er am Teich dessen Humpeln imitierte.
An einem Mann mit Holzbein erinnerten sich die Nachbarn dann auch bei den Befragungen der Polizei, nachdem Anfang Oktober endlich die Leiche des Mädchens entdeckte worden war. Ida Tiemann galt bis dahin als vermisst. An einem Mord hatte niemand gedacht. Zahlreiche Gerüchte hatte es im Dorf gegeben. Das Mädchen sei nach einem Streit weggelaufen. Ein durchfahrender Fremder hätte sie entführt. Andere wollten das Mädchen gar in Ründeroth gesehen haben und hatten die dortige Polizei verständigt.
Kaum hatten die Befragungen im Dorf begonnen, nahm sich die Polizei Edmund Mertzbach als Tatverdächtigen vor. Dem Mertzbach hat sein striktes Leugnen nichts gebracht. Er wurde in inhaftiert und erst nach Wochen wieder entlassen. Mertzbach war nach der Haft ein gebrochener Mann. Er starb kurz darauf. Paul und Max fühlten sich nach dem Tod ihrer Freundin schuldig, wussten aber gar nicht was geschehen war. Drüber reden konnten sie mit niemanden. Max wusste zu welchen Strafen Pauls Vater in der Lage war. Und verschonen würde er auch Max nicht, auch wenn dies gewaltigen Ärger mit Herbert Kober nach sich ziehen würde.
Aus dem Verhörprotokoll ging hervor, dass das Verhör unter Hypnose stattgefunden hatte. Diese Methode war gerade neu aufgekommen. Aus Jena war extra die Spezialistin Frieda Gehren angereist. Das Protokoll hatte Paul schon 1945 gefunden, aber es bei sich versteckt gehalten. Nun war ein Fremder bei ihm aufgetaucht und hatte ihm Fragen gestellt. Fragen zu seinem Bruder Thomas Hünighusen.
Nachdenklich stützte Kober den Kopf in die Hand. Es ging wohl um die im Verhörprotokoll erwähnte sonderbare Flamme, die Thomas nach Louisiana bringen sollte. Kober schüttelte leicht den Kopf und rieb sich seine Bartstoppeln.
Sein Telefon schrillte. Er hob den Kopf. Ließ dreimal klingeln, drehte sich zum Schreibtisch und griff zum Hörer als der Apparat gerade zum vierten Klingelsignal ansetzte. Jane Maxwell war in der Leitung.
„Ja, Miss Maxwell, ich bin in ein paar Minuten bei Mr. Fleet. Ja, das Angebot bringe ich mit.“
Er würde Paul erst nach seiner Rückkehr aus Houston antworten können. Die Reise erforderte noch einige Vorbereitungen. Zum Glück hatte Miss Maxwell, die Sekretärin von Doktor Fleet, die meisten organisatorischen Arbeiten übernommen. Aber mit seinem Chef James Fleet, der nicht mitfliegen konnte, würde er noch Details besprechen müssen.
Aus dem Schrank holte er sich sein Jacket. Kämmte seine schwarze Stirnlocke nach hinten und warf noch einen Blick in den kleinen Spiegel. Unter dem fahlen Licht der Bürolampe sah seine Haut bleich und schlaff aus. Die Sonne von Texas würde ihr gut tun.

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Hanover Street in Liverpool (Bild 1992; Infos zum Bild).

Wuppertal
Mittwoch, 18. April 1945

Während Marthe Hünighusen und Agnes Müller in der Kochnische den Kartoffelkuchen zubereiteten, saßen ihre Männer, Herrmann Müller und Paul Hünighusen, am Tisch und überlegten wie sie in der Nacht ins Polizeipräsidium kommen. Bis vor wenigen Tagen waren sie beide Polizisten in Elberfeld gewesen.
Am 14. April hatte die Artillerie der Alliierten Wuppertal beschossen. Nun geriet alles komplett aus dem Ruder. Es herrschten chaotische Verhältnisse. In den nächsten Tagen durchstreiften Plünderer die Stadt. Es gab niemanden der sie aufhielt. Als die Amerikaner am 16. April die Stadt einmarschierten, wurde sogleich das Polizeipräsidium besetzt, die Polizisten entlassen und die viele Polizisten waren sogar verhaftet worden. Müller und Hünighusen wurden nicht verhaftet. Aber da die Wuppertaler Polizei aufgelöst worden war, hatten nun sie keine Arbeit mehr. Vielleicht würden sie auch nie mehr als Polizisten arbeiten können. Ihre Personalakte würde aber sicherlich demnächst hervorgeholt und je nachdem was da drin stand, würde es vielleicht allgemein schwer irgendeine eine neue Arbeitsstelle zu finden.

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Das Rezept für den Kartoffelkuchen von Marthe Hünighusen. (Infos zum Bild).

„Vielleicht gehe ich auch in eine Fabrik arbeiten …“, sagte Herrmann Müller. Er glaubt nicht daran, dass sie wieder als Polizisten eingestellt werden.
„In die Billardfabrik in Oberbarmen, so wie dein Vater?“ Paul Hünighusen lachte über seinen Kollegen.
„Davon hast du und ich keine Ahnung.“
„Und deshalb ist es besser du bleibst bei der Polizei. Wir müssen nur etwas unsere Personalakten frisieren, dann nehmen die unser wieder.“
„Die Amis bewachen nun nach den Plünderungen das Polizeipräsidium rund um die Uhr.“
„Mensch Herrmann, du willst doch Bulle bleiben, oder? Das war doch nicht unsere Idee in der Ukraine einundvierzig. Dafür können wir nichts. Befehl ist Befehl.“
„Pah.“ Müller sah dies anders. Er fühlte sich schuldig. Von der Idee die Akten zu manipulieren war er nicht überzeugt. „Aber wenn es jemanden auffällt, dass in der Akte was fehlt.“
„Na und? Woher sollen die denn wissen was fehlt. Bei anderen fehlt nicht nur die Personalakte, die haben noch viel mehr verbrannt. Da sei dir mal sicher.“
Herrmann schnuppert in Richtung Kochnische. Er wedelt sich den Duft des Kartoffelkochens in die Nase. Es schließt die Augen.
„Herrlich, dieser Duft.“ Er steht auf und lehnt sich an den Türrahmen. „Hast recht, Paul. Von anderen fehlt nicht nur die Akte, die sind ganz über alle Berge. Das könnt ich nicht. Hier alles zurück lassen. Frau und Kinder. Und die kriegen jetzt nicht so einen feinen Kartoffelkuchen.“
Auf einem Holzbrett bringt Marthe die Springform mit dem Kartoffelkuchen.
„Ah, dein allseits beliebte Kartoffelkuchen“, sagt Herrmann verlegen, als Marthe Hünighusen die Backform auf den Tisch stellt.
„Zur Feier des Tages.“ Mathe Hünighusen strahlt. „Vorsicht heiß.“
„Ob es was zu feiern gibt, werden wir erst noch sehen.“ Herrmann schaut finster in die Runde. „Die Amis werden uns nicht verschonen. Nach all dem was hier noch in den letzten Wochen passiert ist.“
„Herrmann, darüber wollen wir jetzt nicht reden“, sagt Agnes Müller.
„Wenn es nach mir gehen würde, dann würden wir nie mehr drüber reden. Aber ich fürchte, die werden immer wieder … Das ist jetzt aber mal ein Aufatmen, nach dem ganzen Gehetzte, den ganzen Alarmen.“
„Jetzt geht’s ans Aufräumen.“
Marthe schiebt ein Stück Kuchen auf die Schaufel. „Gib mal deinen Teller, Herrmann.“ Er reicht den Teller. Marthe schiebt ein Stück des Kartoffelkuchens drauf. „Ich hoffe er ist durch. Der war über eine Stunde im Ofen …“
„Sieht doch gut aus …“, meint Paul. „Sollen wir erst mal froh sein, dass wir noch leben und ein Dach überm Kopf haben.“ Die Familie Hünighusen hatte sich notdürftig in einem Kellerraum ihres Mietshauses eingerichtet. Das Haus selber war wie viele andere schwer beschädigt. Hermann wohnte mit Frau, dem Sohn und der Schwiegermutter er in einer Laube in Unterbarmen.
Nach dem ersten kleinen Kuchenstück lehnte sich Paul genüßlich in seinem Stuhl zurück. „Die Kruste schmeckt vorzüglich.“
So gut wie heute hatten sie schon seit Monaten nicht mehr gegessen.

***

Paul und Herrmann brachen nach zwei Uhr auf. Sie schätzten, dass sie über eine halbe Stunde bis zum Polizeipräsidium brauchen würden. Trümmerberge, Schutt, Autowracks und liegengebliebene Militärfahrzeuge machten ihnen das Fortkommen durch die unbeleuchteten Straßen nicht leicht. Zudem mussten sie sich vor Minen, Blindgängern und herumliegender Munition in Acht nehmen. Auch waren in den Ruinen Plünderer unterwegs, die, wenn man ihnen begegnete, auch selten Spaß verstanden.
Sie kamen an der Fabrik Vogel & Niess vorbei. Der Eigentümer Peter Niess war von den Amerikanern verhaftet worden. Der Sohn, Walter Niess, ein Vetter von Paul, war als Soldat an der Ostfront. Gedanken verloren trottete Paul über die Schuttberge hinter Herrmann her. Er musste an seinen Stiefbruder Thomas denken, der war ein geborener Niess. Ihre Mutter Susanne war zunächst mit dem Steinbrucharbeiter Christian Niess verheiratet gewesen. Als dieser 1909 nach einem Unfall in einem Lindlarer Steinbruch starb, hatte die Mutter später Johann Hünighusen geheiratet. Christians Bruder, Peter Niess, hatte in Elberfeld in die Familie Vogel eingeheiratet und sich an deren Chemischen Fabrik beteiligt, die nun als Vogel & Niess firmierte. Die Firma war sehr erfolgreich, so dass sich Peter Niess in Barmen ein altes Patrizierhaus hatte kaufen können. Es lag direkt an der Wupper in der Unterdörnen Straße. Im Unterdörnen standen einige große, zwei- oder dreigeschossige Häuser, die ganz mit Schiefer verkleidet, mit weißen Tür- und Fensterrahmen und grünen Schlagläden versehen waren. Als Paul 1935 seinen Dienst bei der Polizei im Wuppertal antrat, hatte er die ersten Monate beim Stiefonkel in einer Dachkammer im Mittelgiebel gewohnt. Seine Kammer war winzig und war ursprünglich gar nicht als Wohnraum gedacht. Während die Treppe unten mit einem fein geschnitzten Treppenanfänger und einem ebensolchen Treppengeländer begann, war sie oben unter dem Dach mehr eine Leiter. Auch gab es oben keine prächtige doppelflügeligen Innentüren, sondern nur noch eine schmale notdürftig zusammen gehauene Tür. Zum Frühjahr 1936 hatte Paul sich dann eine Wohnung in Elberfeld gesucht. Er wohnte zur Untermiete in der Lohsgasse. Das Haus des Onkels wurde bei einem Luftangriff der Briten im Frühsommer 1943 schwer beschädigt. Die Familie konnte das Haus nicht mehr bewohnen. Ihre Fabrik in Elberfeld war ebenfalls komplett zerstört. Aber wenige Monate später hatte man dort wieder etwas produziert.
Nun hatten die Amerikaner hier aber alles fest verriegelt. Es wurde gemunkelt, dass die Niess auch Rüstungsgüter hergestellt hatten. Von einem Gas war die Rede gewesen.
Paul und Herrmann machten zunächst einen großen Bogen um das Polizeipräsidium. An der Adolf-Hitler-Straße wurde das Gebäude sicher scharf bewacht. Sie wollten über die Rückseite an das Gebäude ran. Von der Unterdenkmalstraße bogen sie ab, kreuzten dort die Bahngleise. Liefen die parallel zu den Gleisen verlaufende Siegesstraße bis zur Bahnunterführung an der Unionstraße. Über die Besenbruch Straße näherten sie sich langsam dem Gebäude des Polizeipräsidiums.
„Lass uns warten bis die Wachen vorbei sind, dann klettern wir rüber“, flüsterte Paul. Es dauerte 20 Minuten bis zwei GIs die Besenbruch Straße entlang spazierten. Als sie außer Sichtweite waren kletterten die beiden ehemaligen Polizisten über die Mauer auf dem Hof des Polizeipräsidiums. Auch hier war niemand zu sehen. Sie zerbrachen ein weiteres Fenster und stiegen ein.
Herrmann Müller und Paul Hünighusen schlichen durch den Flur der dritten Etage des Wuppertaler Polizeipräsidiums. Beide waren hier bis vor wenigen Tagen Polizisten.  Aus den seit Wochen besetzten Städten weiter westlich wussten sie, dass wer Polizist bleiben wollte, eine saubere Personalakte haben musste – hatten sie gehört, dachten sie sich. Deshalb waren sie nun hier. Beide waren während des Krieges an Polizeiaktionen beteiligt gewesen, die man ihnen zum Nachteil auslegen konnte. Sicher, sie waren im Vergleich zu anderen kleine Fische, aber ob sie darauf bauen konnten? Sie wollten kein Risiko eingehen. Lieber eine Akte mit Lücken, als eine mit Kriegsverbrechen.
Im Personalbüro waren sie nicht regelmäßig gewesen, aber der Weg zum Büro von Frau Kuhn und Fräulein Bendel war ihnen vertraut. Die Bürotüre zu öffnen und in das Büro zu gelangen war noch einfach, doch in welchen der Aktenschränke ihre Personalakten waren, mussten sie erst raus finden. Nachdem sie sich eine Viertelstunde durch einen Wust von Formularen und Protokollen gekämpft hatten, hatten sie endlich die Personalakten gefunden.
„Hier, Müller, Herrmann, geboren am 12. April 1914 in Remscheid“, Paul Hünighusen warf seinem Freund die Akte zu und suchte dann nach seiner eigenen.
„Hünighusen, Paul, geboren am 7. September 1915 in Lindlar. Ja, das bin ich.“
Sie blätterten durch ihre Akten.
„Da stehen ja ein paar Dinge, die sich nicht schlecht anhören,“ flüsterte Herrmann.
„Tja, die kannste schlecht lassen und den Rest durchstreichen. Besser raus damit. Jedenfalls die Beteiligung an den Aktionen.“
Beide entnahmen je eine Seite aus ihrer Akte und steckten sie ein. Als sie das Büro verließen, sah es fast genauso aus wie vorher.
„So, nun schnell raus.“ Herrmann lief vor zum Treppenhaus. Im Erdgeschoss lief Paul weiter.
„Hier geht’s raus.“
„Lauf schon mal vor, Herrmann. Ich muss noch ins Archiv. Privatangelegenheit.“
„Was? Kannste das nicht vorher sagen?“
„Hab’s vergessen.“
„Vergessen? Du Idiot. Los mach schon! Ich steh Schmiere.“
Paul hatte noch nie direkt mit ihnen zu tun gehabt. Sein Vater Johann Hünighusen war aktives Mitglied bei ihnen gewesen. Und auch Gesa, seine jüngere Schwester rannte ständig zu ihren Treffen. Nun sollte er für sie die Akte über Edmund Mertzbach besorgen. Für Lindlar war zwar die Wuppertaler Polizei nicht zuständig, aber da die Verhörexpertin Frieda Gehren sich wegen eines Vortrags über Hypnose bei der Polizeiarbeit gerade in Wuppertal aufhielt, wurde sie damals hinzu gezogen. Und so war das Protokoll in Wuppertal geblieben, obwohl Mertzbach in Köln inhaftiert war. In Köln hatten sie nach diesem Protokoll erfolglos gesucht. Offensichtlich hatte man dort gar kein Interesse an diesem Protokoll gehabt. Später hatte es einen Hinweis gegeben, dass das Protokoll im Archiv der Wuppertaler Polizei war. Akte „Methode Frieda Gehren“. Anscheinend konnte der gutinformierte Informant aber selber nicht mehr ins Polizeipräsidium. Paul hatte da einen seiner Kollegen in Verdacht, von dem es hieß er hätte sich vor einigen Tagen in Richtung Solingen oder Wermelskirchen abgesetzt. Vielleicht war er aber auch weiter bis ins Oberbergische geflüchtet.
Sie liefen runter ins Archiv. Paul suchte in den Akten aus dem Jahr 1926, Oktober, Akte „Methode Frieda Gehren“. Die Akte war dünn. Auf einer Seite hatte Frau Gehren erklärt, wie ihre Methode funktioniert, welche Ergebnisse man erhält und wie diese für die Polizeiarbeit zu nutzen sind. Weitere Seiten enthielten den Text ihres Vortrags, den sie im Wuppertaler Polizeipräsidium gehalten hatte. Und dann das gesuchte Protokoll: „Fall Ida Tiemann, Verhör Edmund Mertzbach nach der Gehren-Methode“. Paul überflog den Text kurz und steckte das Papier ein.
Herrmann Müller gab vor der Tür leise ein Signal. Die Wachen kamen das Treppenhaus hinunter. Paul und Herrmann versteckten sich hinter einem Aktenwagen, der in einer Nische stand.
„Mist, die entdecken uns.“
„Still!“
Zwei GIs schlenderten den Flur runter.
„Just a moment … Is anybody here?“
„Come out!“
Die Amerikaner standen drei Meter von ihnen entfernt.
„Nobody here.“
„But I heared something …“
„Yeah, perhaps a lazy Nazi Cat.“
Sie drehten ab und verschwanden im Gang.
Überstürzt liefen Müller und Hünighusen zu ihrem offenen Fenster, über querten Hof und Mauer, und landen auf der anderen Seite, als Gerade die Wachen um die Ecke biegen. Eine Sekunde später laufen alle vier Männer die Besenbruch Straße runter Richtung Bahngleise.
Über den Unterbarmer Friedhof liefen sie hoch in den Christbusch. Bis ganz nach oben würden sie es nicht schaffen. Sie wollten sich zum Böhler Weg durchschlagen. Vielleicht konnten sie sich unten in der Maschinenfabrik an der Bendahler Straße verstecken. Sie blicken zurück zum Friedhof, wo die GIs noch mit Lampen nach ihnen suchten. Sie hatten sie abgeschüttelt.
Als sie hinab zum Böhler Bach liefen setzte bereits die Dämmerung ein. In einer Stunde würde es hell sein. Seit dem 2. April war Sommerzeit, es blieb also noch etwas länger dunkel, dies wollten sie für sich nutzen. Tagsüber war es fast 18 Grad gewesen. Nun waren es aber nur noch 2 Grad. Schwitzend und frierend warfen sie sich ins Gras hinter einem Schuppen der Maschinenfabrik.

***

Paul zog das Protokoll aus der Tasche.
Dieses Verhör, welches Frieda Gehren geführt hatte, war kein offizielles Verhör gewesen. Auf dem ersten Blatt war der Briefkopf von Frau Gehren. Es war wohl eine Art Präsentation dieser neuen Methode, ein Polizeiverhör unter Hypnose. Allerdings hatte man Mertzbach nicht aufgrund dieses Verhörs inhaftieren können. Er hatte die Tat geleugnet. Er hätte das Mädchen gar nicht gekannt. Sein Kontakt zu den einheimischen Kindern wäre gering gewesen. Er hätte nur ab und zu Kinder aus seinem Garten verjagd, die dort nach ihrem Fussball suchten. Klar, würde er Tiemanns Laden kennen, seine Frau Irene würde dort einkaufen, er nicht. Drei mit Schreibmaschine getippte Seiten umfasste das Protokoll. An keiner Stelle befindet sich der kleinste Verdacht, dass Mertzbach etwas mit der Sache zu tun gehabt haben könnte.
Trotzdem stand an einigen Stellen des Textes am Rand, dass man dieser Aussage intensiv nachgehen sollte. Offenbar hatte Frieda Gehren hier Potential gesehen, wie man Mertzbach mit herkömmlichen Verhörmethoden die Wahrheit entlocken könnte.
Paul war erschrocken, als er seinen Stiefbruder Thomas im Protokoll erwähnt fand. Zwar war die Passage mit Bleistift durchgestrichen und mit einer handschriftlichen Notiz als nicht relevant markiert, doch war der Text weiterhin gut lesbar und für Paul alles andere als nicht relevant.

Gehren: Waren Sie dan dem Abend an der Kirche?
Mertzbach: Ich selber bin nicht da gewesen, ich habe Thomas hingeschickt, er sollte die Flamme holen, die er zu meinem Freund Carl Feinhals nach Louisiana in Amerika bringen soll. Ich hab' dazu nicht mehr die Kraft.
Gehren: Wozu nicht die Kraft?
Mertzbach: Ich bin 64 Jahre alt, meine Gesundheit, Sie verstehen, man ist nicht mehr so so leistungsfähig. Mein kaputtes Bein macht mir Probleme. Solche Sachen kann ich nicht mehr machen. Und die weite Reise nach Louisiana muss der Junge machen.
Gehren: Dann haben Sie vor der Kirche gewartet?
Mertzbach: Nein.
Gehren: Dann ist das Mädchen Ida gekommen?
Mertzbach: Nein, er ich kenne das Kind nicht.

Zusammen mit seinem Vetter Walter Niess war Thomas 1927 nach Louisiana gereist. Später hatte er dort auch geheiratet und lebte seitdem in Baton Rouge. Pauls Kontakt zu seinem Bruder war eher mäßig. Seine Schwester Gesa schrieb Thomas regelmäßig Briefe. Dies lag auch daran, dass Thomas von Beginn an seine Briefe an seine Eltern geschickt hatte. Als der Vater gestorben war und die Augen der Mutter immer schlechter wurden, hatte Gesa das Schreiben der Briefe übernommen. Paul war immer nur Mitleser gewesen, wenn er mal zu Besuch im Elternhaus war. Erst nach dem Krieg hatte sich der Kontakt zwischen den Brüdern etwas verstärkt. Sie schrieben nicht nur Grüße zu Weihnachten, sondern fünf oder sechs Briefe schickte Paul nun im Jahr nach Übersee, und Thomas schickte ähnlich viele zurück. So hatte er einiges von seinem Bruder über dessen Arbeit und das Familienleben erfahren. Thomas hatte auch von der großen Flut am Mississippi 1927 geschrieben und wie er dann bei Carl Feinhals als Gehilfe angefangen hätte. Aber das er etwas für Edmund Mertzbach mit genommen hätte, davon hatte er nicht geschrieben. Von einer Flamme schon gar nicht. Sicherlich handelte es sich um einen Fehler im Protokoll. Vielleicht hatte sein Bruder tätsichlich etwas für Mertzbachs Freund mitgenommen. Aber eine Flamme?

Hinweis: Dies ist ein fiktives Dokument zur transmedialen Buchreihe Bookattack – Living in Books. This is a fictional document!