Das Verhörprotokoll

Liverpool
1949

Schon seine Großmutter hatte Dragees hergestellt. Am ersten Weihnachtstag trafen sich die Familien Kober und Schiffer bei ihr in Jülich. Jedes der Kinder bekam dann eine Tüte mit diesen Dragees. In ihren Dragees waren Mandeln, Pistazien oder Nüsse.
Max Kober hingegen überzuckerte Tabletten und Pillen. Sie schmecken nicht so köstlich wie die Dragees von Clara Schiffer. Im Gegenteil, würde man den Zucker ablutschen, so hätte der darunterliegende Kern einen unangenehmen Geschmack. Die Dragees die Kober herstellt, enthalten Arzneien, die der Patient nicht schmecken will, dessen Wirkung sich nicht auf der Zunge entfaltet, sondern erst im Darm. Doch die Herstellung ist bei der einen Art wie bei der anderen. Bei beiden werden die die Kerne in einem rotierenden Dragee-Kessel aus Kupfer mit Zucker überzogen.
Zusammen mit einer Mitarbeiterin bei Clough & Hanley hatte er den beheizten Kessel eingerichtet. Das Dragieren der Versuchscharge würde sie nun alleine übernehmen. Er ging in sein Büro.
Auf seinem Schreibtisch lag bereits die Post. Die Arthur Colton Company aus Detroit hatte ihm ein korrigiertes Angebot für eine Pill Forming Machine geschickt. In ein paar Tagen würde er zu einer Reise in die USA aufbrechen und sich eine solche Maschine in Houston ansehen. Kober war bereits seit über 15 Jahren bei der Liverpooler Arzneimittelfabrik Clough & Hanley beschäftigt. Schon während seiner Ausbildung an der School of Pharmacy in Liverpool hatte er hier einen ersten Job gehabt. Auch während des Chemiestudiums hatte er hier gearbeitet. Mittlerweile war er zum Leiter des Versuchslaboratoriums an der Hanover Street aufgestiegen. Er war Mitglied der Royal Pharmaceutical Society und Honorardozent an der School of Pharmacy.
Die Beschäftigung mit Arzneimitteln lag in der Familie. Sein Vater war in Deutschland vier Jahrzehnte als Apotheker tätig gewesen, bis er in den dreißiger Jahren mit seiner Familie fliehen musste. Sie waren in Liverpool sesshaft geworden. Die Kriegsjahre waren für sie als Deutsche in England nicht immer einfach gewesen. Halt hatten sie in der deutschen evangelischen Kirche gefunden, in der Kobers Frau Marianne sehr aktiv war. Sie stammte aus einer alteingesessenen deutschstämmigen Familie, die schon im frühen 19. Jahrhundert aus Norddeutschland nach England gekommen war, um in den Zuckerfabriken im Norden der Stadt zu arbeiten. Gottlieb Lurman, der als erstes nach Liverpool gekommen war und damit Stammvater der Familie, soll vor hundert Jahren mit an der Gründung der deutschen Kirche in Liverpool beteiligt gewesen sein. Auch wenn die Lurmans sich noch manche deutsche Tradition bewahrt hatten, so waren sie doch seit langem englische Staatsbürger und boten den Kobers nun auch einen gewissen Schutz.

Auf dem Tisch lag auch der Brief von Paul Hünighusen, den er am Vortag erhalten hatte. Er wollte ihn nochmals genau durchlesen, denn zuhause bekam wegen der Kinder nicht immer genügend Ruhe. Er schaute hinüber zum Stanley Building, welches dem Fabrikgebäude von  Clough & Hanley direkt gegenüber liegt. In Gedanken war Kober aber im Dorf seiner Kindheit. Sein Freund Paul hatte ihm in seinem Brief von einem alten Verhörprotokoll berichtet. Paul war Polizist in Wuppertal und hatte sich so Zugriff auf das Protokoll von 1926 verschafft. Der Verhörte Edmund Mertzbach war ein Nachbar aus ihrem Heimatdorf Lindlar. Die ihm vorgeworfene Tat hatte er geleugnet. Pauls Brief hatte Kober wieder die verdrängte Angelegenheit in Erinnerung gerufen. Lange hatte er sie ausgeblendet, aber sie lauerte stets düster und an ihm zerrend als schlechtes Gewissen in seinem Hinterkopf.

Das Verschwinden und der Tod der kleinen Ida Tiemann hatte im Dorf für großes Entsetzen gesorgt. Die Tochter des Ladenbesitzers Wilhelm Tiemann war eine Freundin von Paul Hünighusen und Max Kober. Beide waren beim Tod des Kindes anwesend. Paul, Max und Ida hatten hinter der Kirche gespielt. Dort war eine Mauer mit einer Treppe zur Gaststätte. Und von dieser Mauer ist Ida wohl runtergestürzt. Sie schlug mit dem Kopf auf und starb noch an der Stelle. Wie es tatsächlich passiert war, hatten Paul und Max nicht gesehen. Alles war so schnell gegangen. Hatten sie mal wieder den Ball gegen die Kirchenwand geworfen? War der Ball die Treppe runter geflogen und Ida ihm nachgelaufen? Oder war es gar zum Streit zwischen den Kindern gekommen?
Mittlerweile waren dies für Kober nur noch Spekulationen. Geblieben war nur ein Bild: Ein Dunst der an ihnen vorbei geflogen war. Der sich kraftvoll zwischen sie gedrängt hatte. Seine Erinnerungen setzen erst wieder ein, als sie das Mädchen neben der Treppe liegen sahen. Es war im September, an einem Abend, es dämmerte bereits. Paul lief nach Hause, holte den Vater, der sollte helfen. Der Vater kam mit Pauls Stiefbruder Thomas. Johann Hünighusen sah bereits das Unglück über seine Familie niederbrechen.
„Was habt ihr getan? Das ist die Strafe“, jammerte Hünighusen. „Welche Schande, meine Jungs sind am Tod eines Mädchens beteiligt. Oh Herr, vergib mir.“
Denn so wie Idas Gesicht verunstaltet war, glaubte er nicht an einen Unfall. Hünighusen war in die Knie gegangen und reckte seine gefalteten Hände zum Himmel. Er schien nun zu beten, bekreuzigte sich nach kurzer Zeit und zog sich an Thomas hoch.
„Junge, hol schnell die Karre. Das Mädchen muss weg von hier.“
Und so beschloss er Ida im Mühlenteich zu versenken und die Spur auf Edmund Mertzbach zu lenken, indem er am Teich dessen Humpeln imitierte. So haben es die Leute berichtet, die einen Mann am Teich gesehen haben wollten. Das war dann Anfang Oktober, als man endlich die Leiche des Mädchens entdeckte. Dem Mertzbach hat das Leugnen nichts gebracht. Er wurde in inhaftiert und erst nach Wochen wieder entlassen. Mertzbach war nach der Haft ein gebrochener Mann. Er starb kurz darauf. Paul und Max fühlten sich nach dem Tod ihrer Freundin schuldig, wussten aber gar nicht was geschehen war.
Johann Hünighusen verbot ihnen drüber zu reden. Ida Tiemann galt als vermisst.

Aus dem Verhörprotokoll ging hervor, dass das Verhör unter Hypnose stattgefunden hatte. Diese Methode war gerade neu aufgekommen. Aus Jena war extra die Spezialistin Frieda Gehren angereist. Das Prokoll hatte Paul schon 1945 gefunden, aber sich bei sich versteckt gehalten. Nun war ein Fremder bei ihm aufgetaucht und hatte ihm Fragen gestellt. Fragen zu seinem Bruder Thomas Hünighusen und seine Reise nach Louisiana.

Kobers Telefon schrillte. Jane Maxwell war in der Leitung.
„Ja, Miss Maxwell, ich bin in ein paar Minuten bei Mr. Fleet. Ja, das Angebot bringe ich mit.“
Er würde Paul erst nach seiner Rückkehr aus Houston antworten können. Die Reise erforderte noch einige Vorbereitung. Zum Glück hatte Miss Maxwell, die Sekretärin von Doktor Fleet, die meisten organisatorischen Arbeiten übernommen. Aber mit James Fleet, der nicht mitfliegen konnte, würde er noch Details besprechen müssen.

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Hanover Street in Liverpool (Bild 1992; Infos zum Bild).

Wuppertal
Mittwoch, 18. April 1945

Während Marthe Hünighusen und Agnes Müller in der Kochnische den Kartoffelkuchen zubereiteten, saßen ihre Männer, Herrmann Müller und Paul Hünighusen, am Tisch und überlegten wie sie in der Nacht ins Polizeipräsidium kommen. Bis vor wenigen Tagen waren sie beide Polizisten in Elberfeld gewesen, aber nachdem die Amerikaner vor zwei Tagen von Ronsdorf kommend in Wuppertal einmarschiert waren, hatte man alle Polizisten entlassen, viele sogar festgenommen.

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Das Rezept für den Kartoffelkuchen von Marthe Hünighusen. (Infos zum Bild).

Herrmann: „Vielleicht gehe ich auch in eine Fabrik arbeiten …“
Paul: „In die Billardfabrik in Oberbarmen, so wie dein Vater?“
Herrmann: „Davon hast du und ich keine Ahnung.“
Paul: „Und deshalb ist es besser du bleibst bei der Polizei. Wir müssen nur etwas unsere Personalakten frisieren, dann nehmen die unser wieder.“ Herrmann: „Die Amis bewachen nun nach den Plünderungen das Polizeipräsidium rund um die Uhr.“
Paul: „Mensch Herrmann, du willst doch Bulle bleiben, oder? Das war doch nicht unsere Idee in der Ukraine einundvierzig. Dafür können wir nichts. Befehl ist Befehl.“
Herrmann: „Pah. Aber wenn es jemanden auffällt, dass in der Akte was fehlt.“
Paul: „Na und? Woher sollen die denn wissen was fehlt. Bei anderen fehlt nicht nur die Personalakte, die haben noch viel mehr verbrannt. Da sei dir mal sicher.“
Herrmann: „Hast recht. Von anderen fehlt nicht nur die Akte, die sind ganz über alle Berge. Das könnt ich nicht. Hier alles zurück lassen. Frau und Kinder.“

„Ah, dein allseits beliebte Kartoffelkuchen“, sagte Herrmann verlegen, als Marthe Hünighusen die Backform auf den Tisch stellte.
Marthe: „Zur Feier des Tages … vorsicht heiß.“
Herrmann: „Ob es was zu feiern gibt, werden wir erst noch sehen. Die Amis werden uns nicht verschonen. Nach all dem was hier noch in den letzten Wochen passiert ist.“
Agnes Müller: „Herrmann, darüber wollen wir jetzt nicht reden.“
„Wenn es nach mir gehen würde, dann würden wir nie mehr drüber reden“, meinte Herrmann. „Aber ich fürchte, die werden immer wieder … Das ist jetzt aber mal ein Aufatmen, nach dem ganzen Gehetzte, den ganzen Alarmen. Jetzt geht’s ans Aufräumen.“
Marthe: „Gib mal deinen Teller, Paul.“ Er reicht den Teller. Marthe schiebt ein Stück des Kartoffelkuchens drauf.
Paul: „Sollen wir erst mal froh sein, dass wir noch leben und ein Dach überm Kopf haben.“ Die Familie Hünighusen hatte sich notdürftig in einem Kellerraum ihres Mietshauses eingerichtet. Das Haus selber war wie viele andere schwer beschädigt. Hermann wohnte mit Frau, dem Sohn und der Schwiegermutter er in einer Laube in Unterbarmen.
So viel und gut wie heute hatten sie schon seit Monaten nicht mehr gegessen.

Auf dem Weg zum Polizeipräsidium.

Paul und Herrmann brachen nach zwei Uhr auf. Sie schätzen, dass sie über eine halbe Stunde bis zum Polizeipräsidium brauchen würden. Trümmerberge, Schutt, Autowracks und liegengebliebene Militärfahrzeuge mache ihnen das Fortkommen durch die unbeleuchteten Straßen nicht leicht. Zudem mussten sie sich vor Minen, Blindgängern und herumliegender Munition in Acht nehmen. Auch waren in den Ruinen Plünderer unterwegs, die, wenn man ihnen begegnete, auch selten Spaß verstanden.

Sie kamen an der Fabrik Vogel & Niess vorbei. Der Eigentümer Peter Niess war von den Amerikanern verhaftet worden. Der Sohn, Walter Niess, ein Vetter von Paul, war als Soldat an der Ostfront. Gedanken verloren trottete Paul über die Schuttberge hinter Herrmann her. Er musste an seinen Stiefbruder Thomas denken, der war ein geborener Niess. Ihre Mutter Susanne war zunächst mit dem Steinbrucharbeiter Christian Niess verheiratet gewesen. Als dieser 1909 nach einem Unfall in einem Lindlarer Steinbruch starb, hat die Mutter später Johann Hünighusen geheiratet. Christians Bruder, Peter Niess, hatte in Elberfeld in die Familie Vogel eingeheiratet und sich an deren Chemischen Fabrik beteiligt, die nun als Vogel & Niess firmierte. Die Firma war sehr erfolgreich, so dass sich Peter Niess in Barmen ein altes Patrizierhaus hatte kaufen können. Es lag direkt an der Wupper in der Unterdörnen Straße. Im Unterdörnen standen einige große, zwei- oder dreigeschossige Häuser, die ganz mit Schiefer verkleidet, mit weißen Tür- und Fensterrahmen und grünen Schlagläden versehen waren. Als Paul 1935 seinen Dienst bei der Polizei im Wuppertal antrat, hatte er die ersten Monate beim Stiefonkel in einer Dachkammer im Mittelgiebel gewohnt. Seine Kammer war winzig und war ursprünglich gar nicht als Wohnraum gedacht. Während die Treppe unten mit einem fein geschnitzten Treppenanfänger und einem ebensolchen Treppengeländer begann, war sie oben unter dem Dach mehr eine Leiter. Auch gab es oben keine prächtige doppelflügeligen Innentüren, sondern nur noch eine schmale notdürftig zusammen gehauene Tür. Zum Frühjahr 1936 hatte Paul sich dann eine Wohnung in Elberfeld gesucht. Er wohnte zur Untermiete in der Lohsgasse. Das Haus des Onkels wurde bei einem Luftangriff der Briten im Frühsommer 1943 schwer beschädigt. Die Familie konnte das Haus nicht mehr bewohnen. Ihre Fabrik in Elberfeld war ebenfalls komplett zerstört. Aber wenige Monate später hatte man dort wieder etwas produziert. Nun hatten die Amerikaner hier aber alles fest verriegelt. Es wurde gemunkelt, dass die Niess auch Rüstungsgüter hergestellt hatten. Von einem Gas war die Rede gewesen.

Sie machen zunächst einen großen Bogen um das Polizeipräsidium. An der Adolf-Hitler-Straße wurde das Gebäude sicher scharf bewacht. Sie wollten über die Rückseite an das Gebäude ran. Von der Unterdenkmalstraße bogen sie ab, kreuzten dort die Bahngleise. Liefen die parallel zu den Gleisen verlaufende Siegesstraße bis zur Bahnunterführung an der Unionstraße. Über die Besenbruch Straße näherten sie sich langsam dem Gebäude des Polizeipräsidiums. Sie kletterten über die Mauer und waren nun auf dem Hof. Auch hier war niemand zu sehen. Sie zerbrachen ein weiteres Fenster und stiegen ein.

Herrmann Müller und Paul Hünighusen schlichen durch den Flur der dritten Etage des Wuppertaler Polizeipräsidiums. Beide waren hier bis vor wenigen Tagen Polizisten. Am 14. April hatten die Artillerie der Alliierten Wuppertal beschossen. Nun geriet alles komplett aus dem Ruder. Es herrschten chaotische Verhältnisse. In den nächsten Tagen durchstreiften Plünderer die Stadt. Es gab niemanden der sie aufhielt. Als die Amerikaner am 16. April die Stadt einmarschierten, wurde sogleich das Polizeipräsidium besetzt und die viele Polizisten verhaftet. Müller und Hünighusen wurden nicht verhaftet. Aber da die Wuppertaler Polizei aufgelöst worden war, hatten auch sie keine Arbeit mehr. Vielleicht würden sie auch nie mehr als Polizisten arbeiten können. Ihre Personalakte würde aber sicherlich demnächst hervorgeholt und je nachdem was da drin stand, würde es vielleicht allgemein schwer eine neue Arbeitsstelle zu finden. Aus den seit Wochen besetzten Städten weiter westlich wussten sie, dass wer Polizist bleiben wollte, eine saubere Personalakte haben musste – hatten sie gehört, dachten sie sich. Deshalb waren sie nun hier. Beide waren während des Krieges an Polizeiaktionen beteiligt gewesen, die man ihnen zum Nachteil auslegen konnte. Sicher, sie waren im Vergleich zu anderen kleine Fische, aber ob sie darauf bauen konnten? Sie wollten kein Risiko eingehen. Lieber eine Akte mit Lücken, als eine mit Kriegsverbrechen.
Im Personalbüro waren sie nicht regelmäßig gewesen, aber der Weg zum Büro von Frau Kuhn und Fräulein Bendel war ihnen vertraut. Die Bürotüre zu öffnen und in das Büro zu gelangen war noch einfach, doch in welchen der Aktenschränke ihre Personalakten waren, mussten sie erst raus finden. Nachdem sie sich eine Viertelstunde durch einen Wust von Formularen gekämpft hatten, hatten sie endlich die Personalakten gefunden.
„Hier, Müller, Herrmann, geboren am 12. April 1914 in Remscheid“, Paul Hünighusen warf seinem Freund die Akte zu und suchte dann nach seiner eigenen.
„Hünighusen, Paul, geboren am 7. September 1915 in Lindlar. Ja, das bin ich.“
Sie blätterten durch ihre Akten.
„Da stehen ja ein paar Dinge, die sich nicht schlecht anhören,“ flüsterte Herrmann.
„Tja, die kannste schlecht lassen und den Rest durchstreichen. Besser raus damit. Jedenfalls die Beteiligung an den Aktionen.“
Beide entnahmen je eine Seite aus ihrer Akte und steckten sie ein.

„Nun schnell raus.“ Sie liefen runter.

Herrmann: „Hier geht’s raus.“
Paul: „Lauf schon mal vor, Herrmann. Ich muss noch ins Archiv. Privatangelegenheit.“

Paul hatte noch nie direkt mit ihnen zu tun gehabt. Sein Vater Johann Hünighusen war aktives Mitglied bei ihnen gewesen. Und auch Gesa, seine jüngere Schwester rannte ständig zu ihren Treffen. Nun sollte er für sie die Akte über Edmund Mertzbach besorgen. Für Lindlar war zwar die Wuppertaler Polizei nicht zuständig, aber da die Verhörexpertin Frieda Gehren sich wegen eines Vortrag über Hypnose bei der Polizeiarbeit gerade in Wuppertal aufhielt, wurde sie hinzu gezogen. Und so war das Protokoll in Wuppertal gelandet, obwohl Mertzbach in Köln inhaftiert war. In Köln hatte man nach diesem Protokoll erfolglos gesucht. Offensichtlich hatte man dort gar kein Interesse an diesem Protokoll gehabt. Später hatte es einen Hinweis gegeben, dass das Protokoll im Archiv der Wuppertaler Polizei war. Akte „Methode Frieda Gehren“. Anscheinend konnte der gutinformierte Informant aber selber nicht mehr ins Polizeipräsidium. Paul hatte da einen seiner Kollegen in Verdacht, von dem es hieß er hätte sich vor einigen Tagen in Richtung Solingen oder Wermelskirchen abgesetzt. Vielleicht war er aber auch weiter bis ins Oberbergische geflüchtet.

Beide laufen runter ins Archiv. Paul sucht in den Akten aus dem Jahr 1926, Oktober, Akte „Methode Frieda Gehren“. Die Akte war dünn. Auf einer Seite hatte Frau Gehren erklärt, wie ihre Methode funktioniert, welche Ergebnisse man erhält und wie diese für die Polizeiarbeit zu nutzen sind. Weitere Seiten enthielten den Text ihres Vortrags, den sie im Wuppertaler Polizeipräsidium gehalten hatte. Und dann das gesuchte Protokoll: „Fall Ida Tiemann, Verhör Edmund Mertzbach nach der Gehren-Methode“. Paul überflog den Text kurz und steckte das Papier ein.
Müller gibt leise ein Signal. Im Gang kommen die Wachen. Paul und Herrmann verstecken sich unter einer Wolldecke …. Die drei amerikanischen GIs kommen den Flur runter.
„Just a moment … Is anybody here?“
„Come out!“
Die Amerikaner stehen direkt bei ihnen. Unter der Wolldecke sehen sie die Stiefel.
„Nobody here.“
„But I heared something …“
„Yeah, perhaps a lazy Nazi Cat.“

Im Polizeipräsidium werden die beiden nicht entdeckt. Aber als sie wieder rauskommen, werden sie verfolgt. Nur mit Mühe können sie die Soldaten in den Straßen von Elberfeld abschütteln.

Sie laufen genau in die entgegengesetzte Richtung, über den Unterbarmer Friedhof hoch in den Christbusch. Bis ganz nach oben würden sie es nicht schaffen. Sie wollten sich zum Böhler Weg durchschlagen. Vielleicht konnten sie sich unten in der Maschinenfabrik an der Bendahler Straße verstecken. Sie blicken zurück zum Friedhof, wo die GIs noch mit Lampen nach ihnen suchten.
Als sie hinab zum Böhler Bach liefen setzte bereits die Dämmerung ein. In einer Stunde würde es hell sein. Seit dem 2. April war Sommerzeit, es blieb also noch etwas länger dunkel, dies wollten sie für sich nutzen. Tagsüber war es fast 18 Grad gewesen. Nun waren es aber nur noch 2 Grad.

Dieses Verhör, welches Frieda Gehren geführt hatte, war kein offizielles Verhör gewesen. Auf dem ersten Blatt war der Briefkopf von Frau Gehren. Es war wohl eine Art Präsentation dieser neuen Methode, ein Polizeiverhör unter Hypnose. Allerdings hatte man Mertzbach nicht aufgrund dieses Verhörs inhaftieren können. Er hatte die Tat geleugnet. Er hätte das Mädchen gar nicht gekannt. Sein Kontakt zu den einheimischen Kindern wäre gering gewesen. Er hätte nur ab und zu Kinder aus seinem Garten verjagd, die dort nach ihrem Fussball suchten. Klar, würde er Tiemanns Laden kennen, seine Frau Irene würde dort einkaufen, er nicht. Drei mit Schreibmaschine getippte Seiten umfasste das Protokoll. An keiner Stelle befindet sich der kleinste Verdacht, dass Mertzbach etwas mit der Sache zu tun gehabt haben könnte.

Paul war erschrocken, als er seinen Stiefbruder Thomas im Protokoll erwähnt fand. Zwar war die Passage mit Bleistift durchgestrichen und mit einer handschriftlichen Notiz als nicht relevant markiert, doch war der Text weiterhin gut lesbar und für Paul alles andere als nicht relevant. Auf die Frage von Frau Gehren, ob er an dem Abend bei der Kirche gewesen sei, antwortete Edmund Mertzbach, er selber sei nicht da gewesen, er hätte Thomas hingeschickt, er sollte die Flamme holen, die er zu seinem Freund Carl Feinhals in Louisiana bringen sollte. Er selber hätte dazu nicht mehr die Kraft. Wozu nicht die Kraft? Er sei nun 64 Jahre alt, krank, und das Bein. Solche Sachen könnte er nicht mehr machen. Und die weite Reise nach Louisiana müsste Thomas machen. Dann habe er vor der Kirche gewartet? Nein. Dann sei das Mädchen Ida gekommen? Nein, er würde das Kind nicht kennen. An einigen Stellen des Textes stand am Rand, dass man dieser Aussage intensiv nachgehen sollte. Offenbar hatte Frieda Gehren hier Potential gesehen, wie man Mertzbach die Wahrheit entlocken könnte.