Das Verhörprotokoll

Abschnitt 1

Schau in den Turm. Der alte Turmaufstieg. –
Du betrittst die Treppe. –
Vor dir der dunkle Gang. –
Weiter oben hörst du ein Surren. –
Dann ein Fauchen, halb tierisch, halb mechanisch. –
Die Männer hinter dir weichen erschrocken zurück.

Du gehst weiter, du erwartest ein Tier da oben, gar ein Monster. –
Das Licht deiner Lampe erreicht das Ende des Ganges. –
Kelche, eine Monstranz, ein Buch und ein Bündel Papiere liegen auf den Stufen. –
Und eine Kugel aus Metall, an der sich nun kleine Klappen öffnen. –
Im Innern der Kugel wütet ein Feuer. –
Dämpfe gelangen in deine Nase.

Irgendetwas umschlingt deine Arme. –
Alles wird enger, so dass du bewegungslos erstarrst. –
Alle Lebensgeister in dir ist der Weg versperrt. –
Deine Sinne sind gebunden.

Das Licht deiner Lampe erlischt. –
Wald umgibt dich. –
Äste und Blätter werden dichter. –
Um dich herum schwirren Insekten, stechen und beißen dich.

Zwischen dem Grün steht ein Mensch. –
Du spürst seine Nähe. –
Er berührt dein Gesicht. –
Sein fauliger Atem erreicht deine Nase. –
Seine Worte erreichen dein Ohr.

Liverpool
Juli 1949

Schon seine Großmutter hatte Dragees hergestellt. Am ersten Weihnachtstag trafen sich die Familien Kober und Schiffer bei ihr in Jülich. Jedes der Kinder bekam dann eine Tüte mit diesen Dragees. In ihren Dragees waren Mandeln, Pistazien oder Nüsse.
Max Kober hingegen überzuckerte Tabletten und Pillen. Sie schmeckten nicht so köstlich wie die Dragees von Clara Schiffer. Im Gegenteil, lutscht man den Zucker ab, so hat der darunterliegende Kern einen unangenehmen Geschmack. Die Dragees die Kober herstellt, enthalten Arzneien, die der Patient nicht schmecken will, dessen Wirkung sich nicht auf der Zunge entfaltet, sondern erst im Darm. Doch die Herstellung ist bei der einen Art wie bei der anderen. Bei beiden werden die Kerne in einem rotierenden Dragee-Kessel aus Kupfer mit Zucker überzogen.
Kober saß zusammen mit einer Mitarbeiterin in seiner Laborbox. In sechs solcher Boxen arbeiteten sechs Chemiker mit je einem Assistenten. Regalwände trennten die Boxen ab. In den Regalen waren zahlreiche Reagenzgläser, Erlenmeyer-Kolben, Reibschalen mit Pistill, Porzellantiegel, Pyknometer, Vollpipetten, Meßzylinder, Chemikalienflaschen und Glastrichter sowie über 100 Reagenzien. Auf dem Tisch davor stand ein Drahtnetz mit Asbesteinsatz auf einem Dreifuß, Abdampfschalen, eine Handwaage, eine Bürette mit Glashahn, verschiedene Wannen, einen Bunsenbrenner. Jede Box im Versuchslaboratorium von Clough & Hanley hatte Anschlüsse für Druckluft, Vakuum, Wasser und Gas. Die Gase wurden aus Gasbomben im Untergeschoß zu den Laborarbeitsplätzen geführt. Es gabt Arbeitstische die für die Einzel- und für die Gruppenarbeit geeignet waren. Neben der Wasserbecken war eine Wasserbrause, die zum Spülen bei Unfällen benutzt wurde.
In seiner Box hatte Max Kober auf einem der Arbeitstische den Dragee-Kessel platziert. Für ein neues Medikament hatte er eine Versuchscharge hergestellt, die er nun noch überzuckerte, so dass die Arznei vor Sauerstoff und Feuchtigkeit geschützt wurde. Zusammen mit einer Mitarbeiterin hat er den beheizten Kessel eingerichtet. Das Dragieren der Versuchscharge würde sie alleine übernehmen. Er ging hoch in sein Büro.
Oben angekommen warf er den weißen Kittel über den Besucherstuhl und sich schwer atmend in seinen Drehstuhl. Seit er nicht mehr Fußball spielte hatte er stark zugenommen. Die 98 Kilo die er mittlerweile auf die Waage brachte, waren für seine knapp ein Meter achtzig zu viel. Vielleicht sollte er auch mit dem Rauchen anfangen, dies würde möglicherweise seinen Hunger zügeln. Er seufzte, schob das Gedankengemisch an Übergewicht, Rauchen und Hunger beiseite und kramte stattdessen in der Post, die bereits auf seinem Schreibtisch lag. Endlich war auch der Brief der Arthur Colton Company aus Detroit mit einem korrigierten Angebot für eine Pill Forming Machine angekommen. In ein paar Tagen würde er zu einer Reise in die USA aufbrechen und sich eine solche Maschine in Houston in Aktion ansehen. Kober war bereits seit über 15 Jahren bei der Liverpooler Arzneimittelfabrik Clough & Hanley beschäftigt. Schon während seiner Ausbildung an der School of Pharmacy in Liverpool hatte er hier einen ersten Job gehabt. Auch während des Chemiestudiums hatte er hier gearbeitet. Mit 32 Jahren hatte man ihn vor zwei Jahren zum Leiter des Versuchslaboratoriums an der Hanover Street befördert. Er war Mitglied der Royal Pharmaceutical Society und Honorardozent an der School of Pharmacy.
Die Beschäftigung mit Arzneimitteln lag in der Familie. Sein Vater war in Deutschland vier Jahrzehnte als Apotheker tätig gewesen, bis er in den dreißiger Jahren mit seiner Familie fliehen musste. Sie waren in Liverpool sesshaft geworden. Die Kriegsjahre waren für sie als Deutsche in England nicht immer einfach gewesen. Halt hatten sie in der deutschen evangelischen Kirche gefunden, in der Kobers Frau Marianne sehr aktiv war. Sie stammte aus einer alteingesessenen deutschstämmigen Familie, die schon im frühen 19. Jahrhundert aus Norddeutschland nach England gekommen war, um in den Zuckerfabriken im Norden der Stadt zu arbeiten. Gustav Dorn, der als erstes nach Liverpool gekommen war und damit Stammvater der Familie, soll vor hundert Jahren mit an der Gründung der deutschen Kirche in Liverpool beteiligt gewesen sein. Auch wenn die Dorns sich noch manche deutsche Tradition bewahrt hatten, so waren sie doch seit langem englische Staatsbürger und boten den Kobers nun auch einen gewissen Schutz.
Auf dem Tisch lag auch der Brief von Paul Hünighusen, den er am Vortag erhalten hatte. Er wollte ihn nochmals genau durchlesen, denn zuhause bekam er wegen der Kinder nicht immer genügend Ruhe. Er schaute hinüber zum Stanley Building. In Gedanken war Kober aber im Dorf seiner Kindheit. Sein Freund Paul hatte ihm in seinem Brief von einem alten Verhörprotokoll berichtet. Paul war Polizist in Köln und hatte sich so Zugriff auf das Protokoll von 1926 verschafft. Der Verhörte Edmund Mertzbach war ein Nachbar aus ihrem Heimatdorf Lindlar. Die ihm vorgeworfene Tat hatte er geleugnet.
In den 1890er Jahren war Mertzbach ausgewandert. Er war als Naturforscher in Süd- und Mittelamerika aktiv. Sammelte hauptsächlich für Museen. Nach einer Fußquetschung musste ihm das rechte Bein amputiert werden und er war ins Rheinland zurückgekehrt.  Seit 1923 hatte er mit seiner Frau in Lindlar gewohnt.

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Der Dorfkern von Lindlar. Hier wuchsen Thomas, Paul, Max und Ida auf …
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… und auf der Wiese neben dem Grundstück von Mertzbachs spielten sie Fußball.

Pauls Brief hatte Kober wieder die verdrängte Angelegenheit in Erinnerung gerufen. Lange hatte er sie ausgeblendet, aber sie lauerte stets düster und an ihm zerrend als schlechtes Gewissen in seinem Hinterkopf.
Das Verschwinden und der Tod der kleinen Ida Tiemann hatte im Dorf für großes Entsetzen gesorgt. Die Tochter des Ladenbesitzers Wilhelm Tiemann war eine Freundin von Paul Hünighusen und Max Kober. Beide waren beim Tod des Kindes anwesend. Paul, Max und Ida hatten hinter der Kirche gespielt. Dort war eine Mauer mit einer Treppe zur Gaststätte. Und von dieser Mauer ist Ida wohl runtergestürzt. Sie schlug mit dem Kopf auf und starb noch an der Stelle. Wie es tatsächlich passiert war, hatten Paul und Max nicht gesehen. Alles war so schnell gegangen. Hatten sie mal wieder den Ball gegen die Kirchenwand geworfen? War der Ball die Treppe runter geflogen und Ida ihm nachgelaufen? Oder war es gar zum Streit zwischen den Kindern gekommen?
Mittlerweile waren dies für Kober nur noch Spekulationen. Seine Erinnerungen setzen erst wieder ein, als sie das Mädchen neben der Treppe liegen sahen. Es war im September, an einem Abend, es dämmerte bereits. Paul lief nach Hause, holte den Vater, der sollte helfen. Der Vater kam mit Pauls Stiefbruder Thomas. Johann Hünighusen sah bereits das Unglück über seine Familie niederbrechen.
„Was habt ihr getan? Das ist die Strafe“, jammerte Hünighusen. „Welche Schande, meine Jungs sind am Tod eines Mädchens beteiligt. Oh Herr, vergib mir.“
Denn so wie Idas Gesicht verunstaltet war, glaubte er nicht an einen Unfall. Hünighusen war in die Knie gegangen und reckte seine gefalteten Hände zum Himmel. Er schien nun zu beten. Bekreuzigte sich auch nach kurzer Zeit und zog sich an Thomas hoch.
„Junge, hol schnell die Karre. Das Mädchen muss weg von hier.“
Und so beschloss er Ida im Mühlenteich zu versenken. Er verbot Paul und Max über die ganze Angelegenheit ein Wort zu verlieren.
Die Spur wollte der alte Hünighusen auf Edmund Mertzbach lenken, indem er am Teich dessen Humpeln imitierte.
An einem Mann mit Holzbein erinnerten sich die Nachbarn dann auch bei den Befragungen der Polizei, nachdem Anfang Oktober endlich die Leiche des Mädchens entdeckte worden war. Ida Tiemann galt bis dahin als vermisst. An einem Mord hatte niemand gedacht. Zahlreiche Gerüchte hatte es im Dorf gegeben. Das Mädchen sei nach einem Streit weggelaufen. Ein durchfahrender Fremder hätte sie entführt. Andere wollten das Mädchen gar in Ründeroth gesehen haben und hatten die dortige Polizei verständigt.
Kaum hatten die Befragungen im Dorf begonnen, nahm sich die Polizei Edmund Mertzbach als Tatverdächtigen vor. Dem Mertzbach hat sein striktes Leugnen nichts gebracht. Er wurde inhaftiert und erst nach Wochen wieder entlassen. Mertzbach war nach der Haft ein gebrochener Mann. Er starb kurz darauf. Paul und Max fühlten sich nach dem Tod ihrer Freundin schuldig, wussten aber gar nicht was geschehen war. Drüber reden konnten sie mit niemanden. Max wusste zu welchen Strafen Pauls Vater in der Lage war. Und verschonen würde er auch Max nicht, auch wenn dies gewaltigen Ärger mit Herbert Kober nach sich ziehen würde.
Aus dem Verhörprotokoll ging hervor, dass das Verhör unter Hypnose stattgefunden hatte. Diese Methode war gerade neu aufgekommen. Aus Jena war extra die Spezialistin Frieda Gehren angereist. Das Protokoll hatte Paul schon 1945 gefunden, aber es bei sich versteckt gehalten. Nun war ein Fremder bei ihm aufgetaucht und hatte ihm Fragen gestellt. Fragen zu seinem Bruder Thomas Hünighusen.
Nachdenklich stützte Kober den Kopf in die Hand. Es ging wohl um die im Verhörprotokoll erwähnte sonderbare Flamme, die Thomas nach Louisiana bringen sollte. Kober schüttelte leicht den Kopf und rieb sich seine Bartstoppeln.

Gehren: Waren Sie dan dem Abend an der Kirche?
Mertzbach: Ich selber bin nicht da gewesen, ich habe Thomas hingeschickt, er sollte die Flamme holen, die er zu meinem Freund Carl Feinhals nach Louisiana in Amerika bringen soll. Ich hab' dazu nicht mehr die Kraft.
Gehren: Wozu nicht die Kraft?
Mertzbach: Ich bin 64 Jahre alt, meine Gesundheit, Sie verstehen, man ist nicht mehr so so leistungsfähig. Mein kaputtes Bein macht mir Probleme. Solche Sachen kann ich nicht mehr machen. Und die weite Reise nach Louisiana muss der Junge machen.
Gehren: Dann haben Sie vor der Kirche gewartet?
Mertzbach: Nein.
Gehren: Dann ist das Mädchen Ida gekommen?
Mertzbach: Nein, er ich kenne das Kind nicht.

Zusammen mit seinem Vetter Walter Niess war Thomas 1927 nach Louisiana gereist. Später hatte er dort auch geheiratet und lebte seitdem in Baton Rouge. Pauls Kontakt zu seinem Bruder war eher mäßig. Seine Schwester Gesa schrieb Thomas regelmäßig Briefe. Erst nach dem Krieg hatte sich der Kontakt zwischen den Brüdern etwas verstärkt. Sie schrieben nicht nur Grüße zu Weihnachten, sondern fünf oder sechs Briefe schickte Paul nun im Jahr nach Übersee, und Thomas schickte ähnlich viele zurück. So hatte er einiges von seinem Bruder über dessen Arbeit und das Familienleben erfahren. Thomas hatte auch von der großen Flut am Mississippi 1927 geschrieben und wie er dann bei Carl Feinhals als Gehilfe angefangen hatte. Aber das er etwas für Edmund Mertzbach mit genommen hätte, davon hatte er nicht geschrieben. Von einer Flamme schon gar nicht. Sicherlich handelte es sich um einen Fehler im Protokoll. Vielleicht hatte sein Bruder tätsichlich etwas für Mertzbachs Freund mitgenommen. Aber eine Flamme?

Kobers Telefon schrillte. Er hob den Kopf. Ließ wie immer dreimal klingeln, drehte sich zum Schreibtisch und griff zum Hörer als der Apparat gerade zum vierten Klingelsignal ansetzte. Jane Maxwell war in der Leitung.
„Ja, Miss Maxwell, ich bin in ein paar Minuten bei Mr. Fleet. Ja, das Angebot bringe ich mit.“
Er würde Paul erst nach seiner Rückkehr aus Houston antworten können. Die Reise erforderte noch einige Vorbereitungen. Zum Glück hatte Miss Maxwell, die Sekretärin von Doktor Fleet, die meisten organisatorischen Arbeiten übernommen. Aber mit seinem Chef James Fleet, der nicht mitfliegen konnte, würde er noch Details besprechen müssen.
Aus dem Schrank holte er sich sein Jacket. Kämmte seine schwarze Stirnlocke nach hinten und warf noch einen Blick in den kleinen Spiegel. Unter dem fahlen Licht der Bürolampe sah seine Haut bleich und schlaff aus. Die Sonne von Texas würde ihr gut tun.

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Hanover Street in Liverpool (Bild 1992; Infos zum Bild).

Hinweis: Dies ist ein fiktives Dokument zur transmedialen Buchreihe Bookattack – Living in Books. This is a fictional document!