Dämonen der Vergangenheit

Abschnitt 10

Morrisonville
August 1949

Kober versuchte wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Noch immer schwirrten ihm die Dämonen seiner Vergangenheit durch den Kopf. Er glaubte, dass Thomas damals Ida erschlagen hatte. Sie sollte nichts von seinem Fund erfahren. Er war von Mertzbach geschickt worden, der durch seine Beinverletzung für eine solche Aktion, nicht fähig war. Der alte Naturforscher war dem Versteck der Kugel mit der Flamme auf der Spur gewesen und Thomas sollte sie holen. Und dabei ist er von Ida überrascht worden. Er wollte nicht, dass sie jemanden davon erzählt. Paul und Kober haben Johann Hünighusen gehorcht und die Geschichte vergessen. Jedenfalls so wie es tatsächlich abgelaufen war. Waren sein Freund und er dabei gewesen, als Ida starb? Es war unfassbar, er konnte sich nicht erinnern. Er hat nur noch das Bild vor Augen, wie sie alle geschockt über dem Mädchen standen.
Und jetzt musste auch Thomas wegen dieser Kugel sterben, weil er Robert Ellsberg nichts verraten wollte. Die Wirkung von Corvfarin hatte er am eigenen Körper gespürt. Diese Kristina Haybach hatte ja noch mehr mit ihm vor gehabt. Wollte ihn Corvfarin herstellen lassen. Das war sein Auftrag. Aber er wusste nichts über die Flamme. Und was hatte sie noch gesagt? Sie wollte ihn in den Körper eines Pharmaunternehmers stecken. Ein Kerl mit dem Namen Edwards.
Er musste nochmal in das Feinhals-Haus. Vielleicht hatte dort Thomas noch mehr versteckt. In Deutschland würde er in Elberfeld die Firma Niess & Vogel besuchen. Die hatten Corvfarin schließlich hergestellt.

***

Im Feinhals-Haus fand er merkwürdige Namenslisten. Hinter jedem Namen standen Abkürzungen wie HC, SJCC, BRNC, RMP, SOC oder LC. Erst dachte er es würde sich um Abkürzungen für Firmen handeln. Liz an der Rezeption des Alamo Plaza Motel, wo er sich vor Ellsbergs Leuten versteckte,  meinte Kaugummi kauend, das C könnte für Cemetery stehen.
Kober war an einem Friedhof auf seinem Weg vom Motel zu Thomas vorbeigekommen. Dort wollte er Liz‘ Vermutung überprüfen. Nachdem er am Evergreen Drive mehrfach im Kreis gegangen war, fragte er in der Delphine Street einen Anwohner nach dem Friedhof. Gleich um die Ecke, wurde ihm gesagt. Und hat der Friedhof einen Namen? Sweet Olive Cemetery. Das passte, SOC. Der Mann ging mit ihm in die Nebenstraße, wo dann auch gleich die Grabstätten zu sehen waren. „He Leroy, hier ist ein Mann, der sich für den Friedhof interessiert“, rief der Mann. Der gerufene Farbige kam ihm mit einer Schaufel entgegen. „Willkommen auf dem ältesten Friedhof von Baton Rouge. Der jüdische Friedhof und der lutherische sind auch alt, aber Sweet Olive ist der älteste“, erklärte Leroy Young, der sich als Gärtner und Totengräber vorstellt hatte. „Es sind die Friedhöfe der Mount Pleasant Baptist Church und der First African Baptist Church. Hier ist Ada Blundon begraben. Die als Ada Catharine Pollock in New York geboren wurde und 1887 mit ihrem Mann Frank C. Blundon hier in Baton Rouge eine Schule für uns farbigen Kinder gründete.“ Kober hörte nicht mehr zu.  „Sie liegt hier drüben, kommen Sie. Sie ist übrigens die einzige Weiße, die hier auf dem Sweet Olive liegt. Die Leute liebten sie, daher wurde sie 1917 hier bei uns begraben.“ Kober zog einen Zettel aus der Tasche. „Und diese Personen“, er zeigte Leroy die Namensliste. „Sind sie hier auch begraben?“ Leroy studierte den Zettel. „Ja, ja. Die beiden hier. Klar. Hier ist ja auch die Reihe notiert. Kommen Sie.“ Die Männer gingen nun zwischen Gräberreihen, während Leroy weiter dozierte. „Ich selber kannte beide nicht. Ich bin 1925 geboren und noch zu klein um sie zu kennen. Sie starben beide 1927. Das ist das Grab von James Frazier. Das von Gus Jones ist gleich da drüben.“ Frazier war am 21.06.1880 geboren und am 23.04.1927 gestorben. Jones war gerade mal 19 Jahre gewesen als er am 27.04.1927 ums Leben kam. Kober zeigte Leroy nun noch die Abkürzungen, die hinter jedem Namen standen. „Das sind alles Friedhöfe hier. RMP, ist der Roselawn Memorial Park. BRNC, der Baton Rouge National Cemetery. SJCC, das müsste der St. Joseph’s Catholic Cemetery sein. Was ist denn mit all den Leuten? HC, der Highland Cemetery. Sie wissen nicht was mit den Typen hier ist? Oh, Mann. Ein Rätsel was?“  Kober fragt den Friedhofgärtner, ob er ihn auch auf den anderen Friedhöfen die Gräber der Personen auf der Liste zeigen könnte. Als Neuling in der Stadt würde er sonst ewig brauchen. So fuhren die beiden am folgenden Tag abends mit dem Bus durch die Stadt. Kober im vorderen Bereich für Weiße, Young im hinteren Bereich für Farbige.
Sie klapperten die Friedhöfe ab und ergänzten Liste mit den Geburts- und Sterbedaten aller Personen. Alle Personen waren zwischen dem 21. und dem 27. April 1927 gestorben. Während der großen Flut in Louisiana.  Aber sie waren offensichtlich keine Flutopfer. Die Todesursachen fand Kober nun bei seinen Befragungen heraus.
Er befragte Familienangehörige und Freunde. Sie besuchten die Gräber und die Leute. Mal erzählten die Leute ihm was Interessantes, mal fanden sie wichtige Hinweise am Grab.
So kam Leroy Young eins der Gräber auf dem Baton Rouge National Cemetery seltsam vor. Er kannte das Grab. Es war von Bill Lease. Die Abdeckplatte lag anderes als sonst, es gab Spuren an der Platte. Es gab auch zahlreiche Fußspuren rund um das Grab. Die beiden beschlossen bis zur Dunkelheit zu bleiben, um dann die Grabplatte beiseite zu schieben.
„Mach, nicht so ein Krach“, funkelte Leroy.
„Das Ding ist so schwer.“
„Aber stöhn nicht so laut. Wenn uns jemand erwischt.“
„Ach, wer soll denn hier hinkommen. Und wenn schon, du bist doch der Totengräber hier. Nachtschicht halt.“
„Pst! Still! Da war ein Geräusch. Oh Mann. Duck dich.“
„Da ist nichts.“
„Doch. Da drüben. Nur ein Hund.“
„Aber ein Hund mit roten Augen.“
Leroy warf einen Stein nach dem Hund. Der lief dann auch weg. Verschwand im Nebel. Als er sich umdrehte, sah man durch die Nebelschwaden nur noch seine leuchtenden Augen. „Los weiter.“
Sie schoben die Grabplatte zur Seite. Die Erde war frisch aufgewühlt und im Sarg lag ein Skelett. Auf dem Brustkorb lag ein schweren Stein und die Füße waren mit einer Kette gefesselt. „Ich glaube als ersten besuchten wir die Familie Lease.“

Kober gab sich als Angestellter der Stadt Baton Rouge aus. Er sprach mit Bill Lease Sohn Samuel. Es ginge um das Grab des Vaters. Das sei beschädigt worden. Samuel Lease wurde bleich im Gesicht. Kober berichtete, dass sie das Grab geöffnet hätten. „Können Sie mir sagen, weshalb man Ihren Vater als Untoten begraben hat?“ Nachdem Lease zunächst verneint hatte, kam er wenig später mit einer kruden Geschichte um den Stadtabgeordneten Jonathan Burke aus New Orleans. Dieser Burke sei während des Krieges bei seiner Mutter Mary Lease aufgetaucht. Irgendwann im Gespräche sei Burke zu seiner Mutter sehr vertraulich geworden und hätte gesagt er sei ihr Mann Bill. Mary Lease war sehr erschrocken. Ihr Mann war 1927 verstorben. Burke konnte ihr sehr viele Details über Bill Lease sagen, Dinge die nur Bill und Mary wissen konnten. Mary Lease bat Burke er solle gehen, aber der Stadtabgeordnete kam öfters wieder. Immer wurde er von Frau Lease oder ihren Kindern weggeschickt. Aber er kam immer wieder. Eines Tages platzte Samuel der Kragen: Er nahm seine Waffe und ging zu Burkes Büro. Ohne zu zögern erschoss er den Mann der behaupte sein Vater zu sein. Der Mann lag tot auf dem Boden, da war sich Samuel sicher. Aber es wurde in den Zeitungen weder über den Mord berichtet, noch suchte die Polizei nach dem Mörder. Wenig später war Jonathan Burke wieder im Amt. Davon erfuhr die Familie Lease aber erst viel später. Nun vor kurzem, nach all den Jahren, erschien Burke erneut bei Mary Lease. Das Spiel begann von vorne. Diesmal glaubten sie die Geschichte von Burke: er war wirklich Bill Lease. Wenn auch nicht körperlich. Zwei- oder dreimal wurde daraufhin Burke höflich empfangen. Dann beschloss man Burke aber ein für alle Mal umzubringen. Tod wurde er in das Grab von Bill Lease gebracht. Damit er nicht wieder aufersteht, trennte man den Kopf ab und fesselte mit einer Kette die Füße.  Die Familie Lease sehr gläubig und sie haben Jonathan Burke wirklich als den Wiedergänger von Bill Lease gesehen. Nach dem Gespräch mit Samuel Lease wollte Kober aber zunächst etwas über den Stadtabgeordneten Jonathan Burke herausfinden und fuhr daher zur Zeitung nach New Orleans.

Im Archiv findet Kober einige Artikel über Burke. In den meisten ging es um seine Tätigkeit als Stadtabgeordneter ab 1924. Er galt als harter Hund, unnachgiebig, konservativ und auch brutal. Im Sommer 1927 wurde er einige Tage vermisst. Als er wieder auftauchte, erzählte er, er hätte eine kleine Auszeit benötigt. In den folgenden Jahren schien Burke umgänglicher und beliebter geworden zu sein. Über die Jahre entwickelte er sich zum Wohltäter. Eine kurze Notiz aus dem Januar 1951 berichtete, dass Burke erneut verschwunden sei. Noch im gleichen Monat gab es einen Bericht über einen Leichenfund bei Addis. Man schrieb, es könnte sich bei der Leiche um den Abgeordneten Burke handeln. Anfang Februar wurde der Tote allerdings als David H. Wood, ein Arbeiter aus dem Nachbarort Brusly identifiziert. Burke blieb verschwunden.
In den Berichten um Burke, wurde eine Parallele zu dem Verschwinden eines Charles Gore gezogen. Gore wurde ebenfalls im Sommer 1927 vermisst. Es wurde berichtet, dass Gore in New Orleans ein Bootsbauunternehmen aufgebaut hätte. Erwähnt wurde Streitigkeiten mit seinen Arbeitern in Jahre 1926. Wie Burke schien Gore ein unangenehmer Mensch gewesen zu sein. Eine Woche darauf wurde berichtet, dass Charles Gore wieder in seiner Firma aufgetaucht wäre. Weitere Artikel berichteten nun seltsamerweise nur noch Positives über den Unternehmer Gore. Ein Held. Charles Gore, der Menschenfreund. Im Januar 1950 berichtete die Zeitung der Unternehmer Gore hätte sich aus seinem Unternehmen zurückgezogen und sei nach Baton Rouge gezogen.
Kober fand heraus, dass die Abkürzungen auf der Liste Friedhöfe in Baton Rouge waren. Die Personen auf der Liste waren sämtlich innerhalb eines kurzen Zeitraums im Frühjahr 1927 gestorben. Auf der Liste stand auch Gus Jones, ein Farbiger aus South Baton Rouge, der auf dem Sweet Olive Cemetery begraben ist.
Kober besuchte die Familie von Gus Jones. Dessen Schwester berichtete, man habe die Leiche von Gus am Ufer des Mississippi gefunden. Sie schaute fragend ihre Mutter an: „Soll ich es ihm erzählen? – Wir werden seit einiger Zeit von einem Mann belästigt, der behauptet er wäre Gus. Der Mann heißt aber Charles Gore!“
Daraufhin besuchte Max Kober besuchte diesen Gore.
Er fand einen von Halluzinationen gequälten Mann vor.
„All die Jahre hatte ich als Charles Gore dessen Aufgaben als Unternehmer erfüllt. 1948 hatte sich bei mir aber irgendetwas geändert. Man hatte mich wohl in New Orleans vergessen. Regelmäßig ist all die Jahre eine Frau gekommen und hat mir meine Medikamente gebracht … Man musste eine Tablette anzünden und die Dämpfe einatmen … Der letzte Besuch der Frau war im November 1948 und ab dem Frühjahr sind meine Beschwerden immer schlimmer geworden. Die einen Halluzinationen ließen nach, die anderen wurden dafür schlimmer! Ich hörte mehr und mehr den alten Charles reden, … der machte mich verrückt! … mir irgendwann dann klar geworden wäre, dass ich ein Junge aus South Baton Rouge sei, der jedoch im Körper von Charles stecke.“
Gerade hatte der Mann noch als Gus Jones gesprochen, im nächsten Moment war er wie verwandelt. „Ein gewisser Gus Jones, der mich all die Jahre irgendwie beherrscht hatte … Wir bestanden aus zwei Seelen. Die von Gus und meiner eigenen!. Und: … wir bekämpfen uns seit dieser Zeit! Es war so eine Scheiße … Ich erinnerte mich daran, dass man mir in späten 20er Jahren eine Gehirnwäsche verpasst hatte. Irgendwo südlich der Stadt hatte man mich festgehalten, in einem gottverlassenen Sägewerk … Von da an bestimmte Gus wo es lang ging! … Meine Seele, die von Charles Gore, die ist damals komplett untergegangen. Erst jetzt – nachdem keine Medikamente mehr in meinen Körper gelangten –, kam ich zurück! … Wie aus einem langen Alptraum erwachend …“
In dem Körper vor ihm, der mal Gore gehört hatte, befanden sich zwei Seelen, die von Gus Jones und Charles Gore. Fluchtartig verließ Kober die Wohnung. Dies hatte die Schamanin mit ihm vorgehabt. Er sollte sich einen Körper mit diesem Edwards teilen. Er sollte Bill Edwards sein.

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Max Kobers Pillendose (Bookattack Collection).
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Max Kobers Pillendose (Bookattack Collection).

Hinweis: Dies ist ein fiktives Dokument zur transmedialen Buchreihe Bookattack – Living in Books. This is a fictional document!