Endzeit: Helden des Weltuntergangs (1)

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Vorder- und Rückseite des Titelblatts dieses Artikels

Die Endzeit-Literaturgeschichte fängt im Allgemeinen mit „Le dernier homme“ von Jean-Baptiste Cousin de Grainville (1746 – 1805) an. De Grainville war ein katholischer Priester, der sich der französischen Revolution angeschlossen hatte.  Nach einigen Dramen schrieb er mit „Le dernier homme“ (Der letzte Mensch) die erste End-of-the-World-Geschichte in der neuzeitlichen Literaturgeschichte. Der Roman erschien allerdings erst unvollendet nach seinem Selbstmord 1805. Von der französischen Ausgabe sollen zunächst nur 40 Exemplare verkauft worden sein. Im Jahr darauf gab es eine englische Ausgabe als Raubdruck und ohne Angabe des Autors. Bis in die 1960er Jahre war daher unbekannt, das es sich bei dem Buch „The Last Man“ um eine Übersetzung von Le dernier homme“ handelt (vgl. Forschungen von Pierre Versin und Ian Clarke).
In der Geschichte schaut der Erzähler in einer Art Vision von den Ruinen in Palmyra (Syrien) aus auf eine düstere Zukunft der Menschheit. Omega, der letzte Mensch trifft auf Adam, den ersten Menschen. Omega will sich mit der letzten fruchtbaren Frau, sie heißt Syderie, vereinen. Wie Adam und Eva könnten sie nun die Quelle der Menschheit sein, wenn nicht Gott selber dagegen wäre und die Frau sterben lässt. Letztendlich bleiben in der Geschichte nach dem Ende der Menschheit nur „Leben“ und „Tod“ übrig, der Tod siegt. Dieser Roman von Jean-Baptiste Cousin de Grainville soll großen Einfluss auf Autoren wie Lord Byron und Mary Shelley gehabt haben, die mit „Darkness“ (1816) und „The last Man“ (1826) einige Jahre später wichtige Werke des Genres schrieben.

Die Geschichte der letzten Menschen wurde in den verschiedensten Variationen geschrieben, mal in Los Angeles spielend wie „I am legend“ (1954) von Richard Matheson oder in Moskau bei „Metro 2033“ (2007) von Dmitri Glukhovskis. Da der Untergang der Welt nicht nur die Metropolen betrifft, ist es nicht verwunderlich, dass die Geschichte auch in die Provinz transportiert werden kann. Glukhovskis „Metro 2033“ wurde bereits in anderen russischen Städten übernommen.

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Michael Schreckenberg „Der Finder“ erschien erstmals 2010. Die Abbildung zeigt das Titelbild der zweiten Auflage von 2013 (Juhr Verlag, Wipperfürth).

Michael Schreckenberg schrieb mit „Der Finder“ (2010) und „Die Nomaden“ (2015) zwei Endzeit-Thriller die im Bergischen Land spielen. Wie es die regionalen Krimis vorgemacht haben, könnte man die Endzeit-Geschichten nun in jedem Dorf spielen lassen. Man könnte die lokalen Autoren dazu aufrufen, die Menschen an ihren Wohnorten verschwinden zu lassen. So spielt Schreckenbergs Endzeit-Thriller „Der Finder“ (2010) in der Umgebung von Leverkusen und Wuppertal. Nach einem Klassentreffen, finden sich die Teilnehmer plötzlich alleine auf der Welt. Der Großteil der Menschheit ist einfach verschwunden, selbst ihre Kleidung ist weg. An einer Stelle macht sich der Ich-Erzähler Daniel über das Verschwinden der Menschen samt Kleidung Gedanken, findet aber keine Lösung. Die Überlebenden treffen sich an einer Kirche in Leverkusen-Quettingen. Da man sich nicht einigen kann, was nun zu tun sei, bilden sich zwei Gruppen. In dem Buch wird nun die Entwicklung der einen Gruppe beobachtet. Diese bezieht einen Bauernhof hinter Wuppertal. Besorgt sich Pferde und baut kleine Häuser. Die Gruppe richtet sich in der menschenleeren Welt ein. Daniel wird nun der Finder der Gruppe: Seine Aufgabe ist es in der Umgebung nach Medikamenten, Werkzeugen, Waffen oder Büchern zu suchen – zu finden. Dies läuft alles recht gut, bis plötzlich die sogenannten Heuler auftauchen: Mordende Wesen, die stets in der Nacht mit wildem Geheul auftauchen. Lange weiß niemand, wie die Heuler überhaupt aussehen (da mich dies an eine Szene in dem Film „I am legend“ erinnerte, dachte ich zuerst diese Heuler wären mutierte Menschen, aber da lag ich falsch). Die Gruppe stößt auch auf weitere Menschen. Zunächst auf eine Gruppe die von Heulern getötet wurde. Später folgt Daniel über Notizen einer Schulklasse die zum Zeitpunkt als die Menschheit verschwand ein paar Tage auf Burg Nideggen in der Eifel verbrachte. Nach einem Angriff der Heuler auf die Gruppe, bei der einige Schüler sterben, nimmt Daniel den Rest der Klasse samt Klassenlehrerin mit auf den Bauernhof im Bergischen Land. Man verteidigt sich nun gegen die Heuler. Als eine weitere große Gefahr erscheinen die Truppen von König Horst am Horizont, eine Art Warlord aus dem Raum Hamburg, der mit seinen Leuten die anderen Überlebenden unterwerfen will. Eine Vorhut kann die Gruppe vom Bauernhof besiegen, der Rest der Gefolgschaft des Königs fällt den Heulern zum Opfer. Am Ende des Buches gibt es nochmals eine Wendung: Schreckenberg gibt dem Leser über Daniel einen Einblick hinter die Kulissen der Welt. Da ist Thomas, der bisher als bester Freund von Daniel beschrieben wurde, der nun sich als eine Art Engel zu erkennen gibt. Seine Aufgabe war die Entwicklung und Förderung der Menschheit. Da dies nun gescheitert ist, werden die Heuler die Macht auf der Welt übernehmen. Thomas, der zuvor bei dem Rest der Gruppe schon unbeliebt war, tritt nun mit genialen Dialogen auf, die mich an Sätze von Andrew Scott als Jim Moriarty in der Fernsehserie „Sherlock“ erinnern. Daniel kehrt nun zur Gruppe zurück und siedelt mit dieser nach Schottland über, da dort noch keine Heuler sind. Aber irgendwann werden sie auch die Menschen dort vertreiben und ausrotten.

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Michael Schreckenberg „Nomaden“ erschien 2015 im Juhr Verlag, Wipperfürth.

Michael Schreckenbergs zweiter Endzeitroman „Nomaden“ (2015) berichtet nun von derselben Katastrophe aus der Sicht der zweiten Gruppe, die sich nach dem Treffen in der Quettinger Kirche abgespalten hat. Über weite Teile liest sich „Nomaden“ daher auch wie ein umfangreiches Ergänzungsbuch zu „Der Finder“. Der Autor musste sich bei vielen Dingen an die ursprüngliche Geschichte halten. So tauchen dann auch hier die Heuler auf, die von dieser Gruppe nun Kreischer genannt werden.

Wird fortgesetzt.