Salean A. Maiwald: Aber die Sprache bleibt

aiwleibtSalean A. Maiwald: Aber die Sprache bleibt (2. Aufl. 2009, Karin Kramer Verlag)

Ein Buch in dem deutschstämmige Juden – die während des Nazi-Regimes in den 30er Jahren auswanderten – die ersten Jahre in Palästina bzw. Israel schildern. Oft auf ihr „Judentum geworfen“ (Avital Ben-Chorin), kamen sie in eine ihnen fremden Kulturkreis.  Über das Mittelmeer erreichten sie den Hafen von Haifa:

„Die Schiffsreise  war aufregend. Wir erreichten Haifa am frühen Morgen. Dann mußten wir lange warten und bekamen Spritzen gegen Typus und andere Krankheiten. Später fuhren wir stundenlang und erreichten Tel-Aviv erst bei Dunkelheit. […] Morgens wachte ich von Glockenklängen auf. Als ich aus dem Fenster sah, zog eine Kamelkarawane vorbei.“ (Ester Parness, S. 88)

„Anfang April 1936 bin ich mit einer Kindergruppe hier eingewandert, mit dem Schiff >Tel-Aviv<, das erste Schiff mit rein jüdischer Besatzung. Wir kamen nachts in Haifa an und fuhren mit einem Auto weiter durch die Haifa-Bucht. Die Stadt gab es ja noch nicht, überall Wüste, Sand, ab und zu mal ein Haus, sonst war alles leer.“ (Avital Ben-Chorin, S. 108)

„Mein Großvater war 1936 kurz hier gewesen, und auch meine Eltern besuchten mich 1937 mit einem Besucherzertifikat. Sie trauten sich nicht, illegal im Land zu bleiben, und wollten mit einem richtigen Zertifikat einwandern.“  (Avital Ben-Chorin, S. 109)

Die deutschstämmigen Juden (oft auch >Jeckes< genannt) hatten eigene Zeitungen und blieben auch oft unter sich. Deutsch blieb für sie die wichtigste Sprache:

„Für die zahlreichen deutschstämmigen Einwanderer gab es seit den dreißiger Jahren im wesentlichen zwei deutschsprachige Zeitungen, >Jedioth Chadaschot< und >Jedioth Hajom<. Die Engländer hatten sich anfangs gegen die neuen Zeitungen gewehrt, lernten aber schnell den Vorteil schätzen, daß nun alle deutschsprachigen Einwanderer, auch wenn sie des Englischen und Hebräischen nicht mächtig waren, mit Informationen aus Politik und Gesellschaft versorgt werden konnten. Anfangs, als man die deutsche Sprache mit Nationalsozialismus und Vernichtungslagern gleichsetzte, wurden des öfteren Kioske, die die Zeitung verkauften, angezündet, einmal explodierte sogar bei uns in der Druckerei ein Sprengsatz, der die Druckmaschinen zerstörte. “ (Alice Schwarz-Gardos im Interview, S. 19/20)

„In unserer Familie in Tel-Aviv herrschte eine Atmosphäre wie früher bei uns zu Hause. Es wurde ausschließlich Deutsch gesprochen. Auch deshalb habe ich meine Sprache so gut erhalten. Wir bewegten uns hauptsächlich unter Emigranten, deutschen Emigranten. Ich habe ja auch einen geheiratet, der Deutsch sprach. Das war eigentlich bei den meisten von uns so, daß man auch geheiratet hat unter sich.“ (Romy Silbermann, S. 28)

„Ohne gute Hebräischkenntnisse blieb ihr gesellschaftliches und kulturelles Leben auf das Medium der deutschen Sprache angewiesen – zum Argwohn der Einwanderer aus anderen Ländern. Man belächelte die kultivierten Lebens- und Umgangsformen der deutschstämmigen Juden, nannte sie spöttisch >Jeckes<, da sie selbst bei schwerer körperlicher Arbeit oft nicht auf korrekte Kleidung, das >Jacket<, verzichteten. Mit ihrer einst überdurchschnittlichen beruflichen Qualifikation und ihren preußichen Tugenden wie Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit hatten sie jedoch maßgeblich Anteil am Aufbau des Landes.“ (Salean A. Maiwald im Vorwort, S. 11)

Die Judenverfolgung im Deutschen Reich, die Vernichtung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten, sorgte für Jahrzehnte für ein gespanntes Verhältnis:

„Ein mit zwiespältiger Spannung erwarteter Moment war die Ankunft des ersten deutschen Passagierschiffes im Oktober 1959. […] Ich sehe noch den Moment vor mir, als das große weiße Schiff in den Hafen von Haifa einlief. Alle schienen den Atem anzuhalten, die unzähligen Journalisten, die Hafenpolizei, die Zuschauer und die 200 Deutschen an Deck des Schiffes …“ (Alice Schwarz-Gardos im Interview, S. 18)