Golfsport: Die Suche nach dem perfekten Rasen

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Golfplatz

South German mixed bent auf amerikanischen Grüns

Zu Begin des 20. Jahrhunderts bis in die späten 1930er Jahre wurde in den USA bei der Neuanlage von Grüns oft deutsches Gras gesät. Die Amerikaner nannten die importierte Saatgutmischung „South German mixed bent“.

Die Böden und das Klima in den USA machten es nötig, dass verschiedene Grassorten für die Neuanlage von Golfplätzen importiert werden mussten. Walter J. Travis (1861 – 1927), der Golfspieler, Golfplatzarchitekt und Chefredakteur des „American Golfer“ hatte 1909 in seinem Magazin den Artikel „The Care of Golf Courses“ geschrieben, in dem es auch um den Rasen des Putting Greens ging:

„A vast number of golfers labor under the delusion that it is impossible to get good greens on inland soil. This is a fallacy.“ (Travis, 1909)

Travis schlug eine Mischung aus Kentucky Blue Grass, Red Top, Fine-leaved Sheeps Fescue, Red oder Creeping Fescue, Sheeps Fescue, Creeping Bent, Rhode Island Bent und Wood Meadow Grass vor. Das Wort „Bent[grass]“ stammt vom alten angelsächsischen Wort „binut“ ab, welches mit dem deutschen Wort „Binse“ (grasähnliche Sumpfpflanze) verwandt ist. Mit „Bent“ werden verschiedene Grassorten unterschieden.

Flechtstraussgras
Flechtstrassgras mit Kriechtrieben (bot. Agrostis stolonifera, engl. Creeping bent)

Allerdings waren die Bodenbedingungen in den USA oft nicht optimal, so dass die Gräser nicht lange überlebten. Aus einer Korrespondenz zwischen dem Besitzer des Golfplatzes in Pinehurst, Leonard Tufts, und dem Leiter der „Green Section“ unter dem Dach der United States Golf Association (USGA), Dr. Charles Vancouver Piper geht hervor, dass noch vor 1900 ein deutscher Forscher vom Golfplatz engagiert worden war, um herauszufinden, welche Gräser auf dem schlechten Boden in Pinehurst wachsen könnten. Er stellte nach mehreren Jahren des Experimentierens fest, dass nur „Bermuda grass“ und „Texas bluegrass“ den Sommer überlebten. Dies war äußerst unbefriedigend. Daher suchten die Amerikaner weltweit nach Grassorten, die auf ihren Böden wachsen konnten. Pioniere auf diesem Gebiet waren James Bradford Olcott, Frederick Winslow Taylor, Russell A. Oakley und der bereits erwähnte Charles Vancouver Piper.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert hatte man schon einige Erfahrung mit den verschiedenen Grassorten, die zur Anlage der Rasenflächen in Parks und für die Gärten in den Vororten benötigt wurden. Der bekannte Botaniker Professor William James Beal (1833-1924) vom Michigan Agricultural College zitierte in seinem Artikel „How to Make a Lawn“ (1888) den Landwirtschaftspezialisten des „Hartford Courant“ (Nordamerikas älteste Tageszeitung), J.B. Olcott aus South Manchester, Connecuticut:

„Rhode Island bent and Kentucky blue-grass are their foolish trade names, for they belong no more to Kentucky or Rhode Island than to other Northern States. Two sorts of fine Agrostis are honestly sold under the trade name of Rhode Island bent, and, as trade goes, we may consider ourselves lucky if we get even the coarser one. The finest-a little the finest -Agrostis canina-is a rather rare, valuable, and elegant grass, which should be much better known by grass farmers, as well as gardeners, than it is. These are both good lawn as well as pasture grasses.“ (Olcott, 1886)

Noch bevor der Golfsport in den USA Fuß gefasst hatte, beschäftigte sich J. B. Olcott ab 1885 mit der Erforschung der verschiedenen Rasensorten. Er legte in South Manchester den ersten „Turf Garden“ an. Er sammelte in Europa, Australien, Neuseeland und überall wo er hinreiste Rasen und pflanzte diesen später in den Garten in South Manchester. Schließlich hatte Olcott 500 verschiedene Grassorten angepflanzt. Als Olcott 1910 starb, übernahm Fred W. Taylor (1856 – 1915, siehe auch „Taylorismus“, „scientific management“) einen Teil der Pflanzen und brachte sie in die Nähe von Philadelphia. Der begeisterte Golfer Taylor beschäftige sich von 1904 bis zu seinem Tod im Jahre 1915 mit der Erforschung der Gräser für ein optimales Putting Green. Dazu legte er in seinem Garten in Chestnut Hill kleine Putting Greens in der Größe von 50 x 40 feet an. Die Resultate seiner Forschungen veröffentlichte er ab Dezember 1914 im „American Golfer“ und im Juni 1915 in „Country Life in America“. Im „American Golfer“ erschien der Artikel „The Making of a Putting Green“ in mehreren Folgen. Im zweiten Teil schrieb Taylor:

„For a warmer climate than that of Northern Massachusetts, namely the climate of the greater part of the United States (a climate, for instance, as hot even as that of Washington or St. Louis) the Creeping Bent (Agrostis Stolonifera) is by far the best, and our experience would indicate that the finer quality of Creeping Bent which is grown in South Germany is better than any other.“ (Taylor, 1915)

Dr. C.V. Piper (1867 – 1926) und Dr. R. A. Oakley (1880 – 1931), beide waren seit 1903 beim United States Department of Agriculture (USDA) in Arlington angestellt, kannten die Arbeit und den Garten von Taylor. Nach dessen Tod wurde 1916 in Arlington (Virginia) bei Washington zu Forschungszwecken der Arlington Turf Garden angelegt, der von Piper und Oakley geleitet wurde. Einen Teil ihrer Sachkenntnise veröffentlichten die beiden Forscher 1917 in dem Buch „Turf for Golf Courses“ (Rasen für Golfplätze). Die Beschäftigung mit Golfrasen führte im November 1920 zur Gründung der „Green Section“ unter dem Dach der United States Golf Association (USGA). Piper, der in der Zwischenzeit wie Oakley begeisterter Golfer war, wurde der erste Leiter der „Green Section“. Piper und Oakley gaben monatlich einen Rundbrief heraus, der sich nicht nur mit Rasen, sondern auch den Arbeiten des Greenkeepers und der Golfplatzarchitektur beschäftigte.

Nicht erst seit den Veröffentlichungen durch Fred W. Taylor war „South German Mixed Bent“ in den USA bekannt. Geliefert wurde bereits seit dem frühen 20. Jahrhundert. Es handelte sich um Flechtstraußgras (Agrostis stolonifera), welches zunächst aufgrund seiner Herkunft „South German Mixed Bent“ genannt wurde. Neben Flechtstraußgras sollen auch Anteile von Roten Straußgras (Agrostis capillaris, eng. Colonial Bentgrass) und Sumpf-Straußgras (Agrostis canina, engl. Velvet Bent) enthalten gewesen sein. In der Zeit um den ersten Weltkrieg wurde die Grassorte mit dem botanischen Namen Agrostis stolonifera nicht nur „South German mixed bent“, sondern auch „German bent“, „Creeping bent“ oder „German creeping bent“ genannt. Diese führte oftmals bei den Verkäufern und auch bei den Käufern zu Verwirrung, so dass in einem Rundbrief der „Green Section“, darauf hingewiesen wurde, das „South German mixed bent“ manchmal fälschlicherweise „Creeping bent“ genannt würde, aber etwas anderes sei. In England sollen die Grassamen aus Deutschland unter dem Namen „South German Agrostis“ verkauft worden sein. Im Gegensatz zu den USA war man in England aber keineswegs auf importierte Grassamen angewiesen.

Woher die Grassamen genau kamen wusste man in den USA nicht. Mal wurde geschrieben sie würden aus dem Rheinland kommen, ein anderes Mal wurde von Frankfurt gesprochen, aber auch Holland, Belgien und England wurden als Lieferanten genannt. In Deutschland gab es seit dem 18. Jahrhundert große Saatguthandlungen, die ihre Produkte weltweit exportierten.

Als der erste Weltkrieg ausbrach und die englische Flotte gegen Deutschland vom ersten Kriegstag an die Seeblockade durchsetze, konnte auch kein Saatgut mehr nach Übersee verschickt werden. Nach dem Krieg lieferten die Deutschen wieder. Die Amerikaner hatten schon während des Krieges versucht ihre eigenen Sorten weiter zu entwickeln, waren aber weiterhin an den Samen aus Deutschland interessiert.

Im Jahre 1924 fuhr daher ein Angestellter vom USDA nach Deutschland und informierte sich über die Ernte der Gräser. George C. Edler, so der Name des Angestellten, besuchte in erster Linie die Erntegebiete bei Darmstadt und Aschaffenburg sowie in Thüringen die Orte Gotha, Groß-Tabarz und Fischbach (beide Orte gehören heute zur Gemeinde Tabarz und liegen im Landkreis Gotha). Er berichtete, dass neben den Haupterntegebieten in Hessen, Thüringen und Württemberg, im kleineren Rahmen auch im Rheinland, in Brandenburg und in anderen preußischen Provinzen Grassamen geerntet wurden. Die Ernte selber fand von August bis zu den ersten kalten Tagen im November statt. Gesammelt wurde nebenberuflich sonntags und nach der Arbeit am Abend. Im September und Oktober lieferten die Sammler die Samen an die Händler ab, die sie ab Dezember nach Übersee verschickten. Vor dem ersten Weltkrieg wurden die Samen in Säcken zu je 50 Kilo über den Rhein nach Rotterdam gebracht. Beim Besuch von Edler 1924 wurde die Ware zur Verschiffung nach Hamburg transportiert, da die Fahrt durch das von den Franzosen besetzte Ruhrgebiet zu lange dauerte.

Zwei Jahre später im Jahre 1926 begab sich R. A. Oakley, von der USGA Green Section, im Auftrag des US-Landwirtschaftsministeriums zum International Institute of Agriculture nach Rom. Oakley hoffte auch die Grassamenproduktion in Deutschland und einige Golfplätze in Großbritannien besuchen zu können, um den dortigen Rasen zu „studieren“. Im Oktober 1926 berichtete Oakley von seiner Europareise, die ihn von April bis Juni durch Frankreich, Italien, Deutschland, Holland und Großbritannien führte. In Berlin besuchte er den Golfclub am Wannsee und sprach mit dem Clubpräsidenten Herbert M. Gutmann (dem späteren Präsidenten des DGV). Oakley schrieb die Plätze seien von Seiten der Architektur zwar unter dem modernen Standard, so auch das Greenkeeping, aber die Leute würden den Sport mögen. Über die Grassamenproduktion verlor er allerdings kein Wort.

Das USDA meldete 1927 den Erfolg der langjährigen Forschungsarbeiten in Arlington. Als das perfekte Gras für Putting Greens sei Creeping Bent entwickelt worden. Aber natürlich war man damit nicht für alle Tage glücklich. Bereits 1928 erhielt der Präsident des Pennsylvania State College die Anfrage von mehreren amerikanischen Golfclubs, ob das College ihnen bei der Erforschung und Verbesserung des Golfrasens helfe könnte. Daraufhin wurde Professor H. Burton Musser (1893 – 1968), der seit 1922 an der Penn State arbeitete, mit der Forschung beauftragt. In den 1940er Jahren erwickelte er eine neue Grassorte für Golfplätze, die 1954 unter dem Namen Penncross vorgestellt wurde. Nun konnte man bei der Neuanlage von Greens komplett auf „South German Bent“ verzichten, deren Lieferung aus Deutschland in späten 1930er aufgrund des Krieges bereits geendet hatte.

Allerdings war „South German Bent“ weiterhin auf den Golfplätzen. Superintendent Eb Steiniger (1905 – 2002) berichtete Ende der 1960er Jahre von der Entwicklung der Grassorte Cohansey. Eberhard Rudolf Steiniger war 1926 aus Deutschland in die USA immigriert. Er hatte zunächst auf dem Platz des Lakeville Country Club in Long Island gearbeitet und wechselte 1927 zum Pine Valley Golf Club in New Jersey als Greenkeeper. In Pine Valley wurde 1935 vom vierten Green ein Rasenstück entnommen (Steiniger: „which is an old SouthGerman mixed bentgrass green“) und in den Clubgarten gepflanzt. 1939 kam eine Probe in den Garten der Green Section in Arlington und wurde dort mit C-7 bezeichnet. Nach dem Krieg wurde C-7 dann als Cohansey angeboten und wurde auf vielen Golfplätzen gepflanzt.

„I think it was South German bent it was“ (Jack Nicklaus, 2005)

Quellen:

[1] Olcott, J.B. „Report of the Connecticut Board of Agriculture for 1886“ zitiert in: Beal, W.J. „How to Make a Lawn“, Garden and forest. / Volume 1, Issue 1, 1888 (http://memory.loc.gov/ammem/ndlpcoop/moahtml/snchome.html)
[2] Piper, C.V. / Oakley, R.A.: „Turf for Golf Courses“, Macmillan, New York, 1917 (http://digital.lib.msu.edu/collections/index.cfm?CollectionID=68)
[3] Taylor, Fred W.: „The Making of a Putting Green“, In: „American Golfer“, 1915
(http://www.aafla.org/SportsLibrary/AmericanGolfer/1915/ag133f.pdf)
[4] Travis, W.J.: „The Care of Golf Courses“, In: „American Golfer“, 1909
(http://www.aafla.org/SportsLibrary/AmericanGolfer/1909/ag15f.pdf)
[5] Steiniger, E.R.: „The Story of Cohansey“, USGA Green Section Record, Sep. 1968
(http://turf.lib.msu.edu/1960s/1968/680903.pdf)
[6] USGA Green Section Record, verschiedene Ausgaben von 1921 bis 1954 (http://turf.lib.msu.edu/)
[7] Watson, James R.: „Golf course grasses then and now“, 2001 (http://www.gcsaa.org/gcm/2001/sept01/09golfcourse.html)
[8] Woods, Micah: „Charles Vancouver Piper: The Agrostolist“, 2006 (http://www.usga.org/turf/green_section_record/2006/mar_apr/charles.html)
[9] Weidner, Krisa M.: „75 Years of Green Grass at Penn State“, Turfgrass Trends, 2005 (http://www.turfgrasstrends.com/)