Walter Kober im Sülztal

Walter Kober ist Informatiker. Vater von Noa Sophie Kober. Sohn von Max Kober.

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Sülztalstraße zwischen Heibach und Ohl. Typisch ist im Sülztal die Mischung zwischen alten Fabrikgebäuden aus dem 19. Jahrhundert, Siedlungshäusern aus den 50er und 60er Jahren sowie modernen Bürogebäuden.

[Walter wartet im Büro von Leo Tiemann. Leo ist der Bruder von Ida, die 1926 ums Leben kam. Max Kober hat dafür gesorgt, dass sein Sohn Walter hier ausgebildet wird]

Auf dem Bürotisch aus Mahagoni mit geschnitzten Verzierungen stand eine kupferfarbene Tischleuchte. Drei Bleistiftspitzer, die Tiemann als Vacuhold, Dexter No 2 und Crown bezeichnet hatte. Davor lagen ein paar Bleistifte. Außer ein Unterschriftsmappen und einer Schreibtischunterlage war der Tisch ansonsten leer. Weitere Mappen und Akten lagerten auf dem rollbaren Beistelltisch. Ein in die Wand eingebautes Regal, ein Ölgemälde auf dem der Firmengründer XXX abgebildet war. Hinter dem Tisch ein schwerer Ledersessel. Vor dem Tisch zwei Besucherstühle. Eine große Fensterfront mit Blick auf die Sülztalstraße. Ein Sofa und zwei Sesseln mit einem Tisch. Darüber hing eine Jugendstil-Deckenlampe. An der Wand zum Vorzimmer mehrere gerahmte Fotografien.

[Walter betrachtet ein Foto genauer]

In der vorderen Reihe erkannte er Leo Tiemann, damals vielleicht Mitte dreißig. Wie alle anderen auf dem Foto hatte er einen dunklen Anzug an.  Am Revers hatte er ein kleines Namensschild angesteckt. In der Brusttasche des Anzugs steckten zwei Kugelschreiber. Die Haare hatte er streng als Seitenscheitel nach hinten gekämmt. Er trug, wie die meisten seiner Kollegen, schwarze Lederschnürstiefel. Ein älterer Mann trug sogar noch Filz-Gamaschen über seinen Schuhen.
„Hast du mich erkannt, Walter?“ Kaum hörbar hatte Tiemann das Büro betreten.
„Ja, hier in der ersten Reihe. Wann war das?“
„Das war 1954 in Stuttgart auf einem Lehrgang zum Einsatz von Tabelliermaschinen, die zum System 4220 von TCM gehörten.“ Tiemann trat ebenfalls an das Bild heran. „Hier ist der Pipersberg. Der leitet nun bei uns die Entwicklungsabteilung.“ In der zweite Reihe stand Egon Pipersberg, Sohn eines Landwirts hier aus dem Tal. Im Gegensatz zu allen anderen Herren hatte er seine Anzugjacke nicht zugeknöpft. Fast hatte man die Eindruck als würden die Hemdzipfel aus seiner Hose hinausschauen. Leo Tiemann lächelte. „Das ist der Piepe. So war er schon immer. Die Krawatte schief. Immer neue Ideen, die er auch immer gleich ausprobieren und umsetzen will. Deshalb haben wir ihn damals aus München geholt, wo er bei den Sendtner Werken tätig war. Der ist da zwar nicht versauert, aber so richtig wohl war ihm da nicht. Mit ihm kam der Anton Hoechle, hier in der letzten Reihe. Sehr fähiger Mann. Hat leider im letzten Jahr gekündigt und ist zurück zu Sendtner. Hier vorne Carl Mirow, der uns bereits vor dem Krieg beraten hat.“
„Der mit den Gamaschen?“
„Genau. Hat damals kaum noch jemand getragen. Er schon. Er hatte immer was militärisches an sich. Streng und korrekt, aber freundlich. Vor allem redegewandt. Mirow führte hier auch die Systeme 3340, 4220 und 4230 ein. Meistens mit zusammen mit Hubert Koel. Der war bei dem Lehrgang auch dabei.“ Tiemann suchte ihn mit dem Finger die Reihen abfahrend auf dem Foto. „Hier neben dem Werner, Nachname hab ich vergessen. Koel stammte aus Danzig, war nach dem Krieg nach Stuttgart gekommen. Ein zurückhaltender Mann. Klug und belesen. Mirow und Koel haben immer mal wieder Wochen bei uns gewohnt.“
„Die waren beide von der TMC?“
„Sie waren die Lehrgangsleiter. Mirow war der der an der Tafel stand. Und Koel zeigte uns die Maschinen. Der kannte jede Schraube und jeden Prozess wie aus dem Effeff. Weißt du wofür TMC damals stand?“
„Klar: Tabulating Machine Company. Es gibt auch Leute, die sagen, TMC wären die Initialen der beiden Gründer. Gegründet wurde die Firma nämlich 1925 von Theodore und Michael Cussler in Aurora, Illinois, in den Vereinigten Staaten, ab 1931 in Chikago. Übernahme der KAMAG 1932.“
„Fein.“
„Ob die Firma ursprünglich wirklich Theodore und Michael Cussler hieß?“
„Gut möglich. Ich kenne sie nur als TMC. Die Langbezeichnung kennt heute kaum nach einer.“  … „Das Bild hat für mich schon eine gewisse Bedeutung. Nicht nur wegen den genannten Leuten. Da sind übrigens noch ein paar andere, die mir später noch oft begegnet sind, wie hier der Chris Garbade oder der Lyman, ein Amerikaner, der von TMC Amerika war. Lyman brachte mich auch auf den Tick mit den Bleistiftspitzern. Du hast sie sicher auf meinem Tisch gesehen. Er hat mir die ersten Spitzer geschenkt. Ich hab noch mehr von den Dingern.
Aber wichtig ist mir das Bild vor allem, weil mit der Einführung des Systems 4220 eine neue Zeit gekommen war. Die 3340 war noch eine richtige Vorkriegsentwicklung, die gab es seit den späten 30er Jahren als 3100, 3200, 3240 usw. Die 4000er-Reihe war eine ganz neue Entwicklung. Das was heute noch in der Arithmetica 2000 zur Berechnung von Lagerbestandsveränderungen programmiert ist, dass gab es im Prinzip schon in der 4000er.“ Vom System Arithmetica 2000 hat Walter sogar schon Fotos gesehen. Es war die neueste Anlage von TMC.

Eine Person auf dem Foto hatte Leo Tiemann überhaupt nicht erwähnt. Und auch gar nicht in Betracht gezogen diesen Mann überhaupt gegenüber Walter zu nennen. Dabei wäre es die Person gewesen, die Walter bei seiner künftigen Arbeit am meisten interessiert hätte. Max Stieglitzer – Generalsekretär der Partei und hoher A-Agent. Er hatte dafür gesorgt, dass Anton Hoechle und Egon Pipersberg ins Sülztal kamen. Hoechle war nun innerhalb der Partei aufgestiegen und war nun als Leiter Außen im Ministerium tätig.

Moleküle, Atome, Bits