Die brennende Kugel – Extras

Credits

Rollen und Sprecherinnen:

Kristina Haybach … Bea Dietz
Robert Ellsberg … Ralf-Dieter Dlubatz
Max Kober … Torstn Kauke
Erzähler … Günter Sahler

Text:
Günter Sahler

Musik:
Hans Castrup (Ausschnitte aus „Amber Part 1“ bei „Die große Flut“)
weitere Sounds von Günter Sahler.

Hörspiel-Skript:
Günter Sahler plus Ideen und Korrekturen von Hans Castrup.

Grafik, Video und Field Recordings:
Günter Sahler

Links zu Seiten der Beteiligten:

Bea Dietz
soundcloud.com/bea-dietz

Poison Dwarfs, Band von Hans Castrup und Ralf-Dieter Dlubatz
poisondwarfs.bandcamp.com/

t.b. OR NOT t.b., Band von Bea Dietz und Torstn Kauke
tbornottb.bandcamp.com/

Torstn Kauke
torstnkauke.bandcamp.com/
soundcloud.com/torstn_kauke


Ekstase?
Hatte ich mir ganz anders vorgestellt.

Kristina Haybach und Max Kober treffen in der Höhle aufeinander. Durch den Tanz und die Dämpfe von Corvfarin („Atme es tief ein“) befinden sich beide in Ekstase. Bei der Definition von Ekstase bezog ich mich auf alte Quellen.

KRISTINA HAYBACH: Wir sind in Ekstase.
MAX KOBER: Ekstase? Hatte ich mir ganz anders vorgestellt.
KRISTINA HAYBACH: Durch den Tanz und die Dämpfe der Corvfarin-Tabletten haben wir diesen Zustand erreicht. Das ist unsere Energie. Unsere Körper sind in der Höhle, während unser Selbst, also unsere Seelen vom Körper losgetrennt sind. Hier dieser Raum ist nur eine Illusion. Das alles ist eine spezielle Technik, die Carl entwickelt hat.

P.J.B. Scaramelli schrieb 1861:

„Einige Philosophen sagen, die Ekstase geschehe dadurch, daß sich die Seele von dem Körper lostrenne, in den sie nachher wieder zurückkehrt. Ob aber die Seele in der Ekstase wirklich den Körper verlasse, ja auch verlassen könne, ist noch nicht entschieden.“ (Scaramelli, 1861, S. 258)

„In der Ekstase verliert man den Gebrauch der äußeren Sinne, so daß man nichts mehr sieht, nichts mehr hört und sogar weder Schläge noch Verletzungen fühlt.“ (ebd., S. 257)

„Der Teufel bewirkt Ekstase dadurch, daß er die Sinne bindet und den Lebensgeistern den Weg absperrt, daß sie sich nicht in die äußeren Sinne ergießen.“ (ebd., S. 259)
Quelle: „Die Unterscheidung der Geister zu eigener und fremder Seelenleitung – Ein Handbuch für alle Seelenführer“ von P.J.B. Scaramelli, 1861.

Joh. Christoph Hoffbauer schrieb 1807:

„… in der Ekstase der Körper mehr todt als lebendig ist …“ (Joh. Christoph Hoffbauer, Prof. zu Halle, in: „Psychologische Untersuchungen über den Wahnsinn die übrigen Arten der Verrückung und die Behandlung derselben“, 1807)

In Abschnitt 1 der Geschichte „Die brennende Kugel“ wird beschrieben, wie ein Mensch mit Corvfarin-Dämpfen in Ekstase versetzt wird:

… eine Kugel aus Metall,
an der sich nun kleine Klappen öffnen. –
Im Innern der Kugel wütet ein Feuer. –
Dämpfe gelangen in deine Nase.

Irgendetwas umschlingt deine Arme. –
Alles wird enger, so dass du bewegungslos erstarrst. –
Alle Lebensgeister in dir ist der Weg versperrt. –
Deine Sinne sind gebunden.

Dann gelangt der Mensch in eine andere Welt. Sein Körper steht weiterhin auf der Treppe, seine Seele kommt nun in einen Wald:

Das Licht deiner Lampe erlischt. –
Wald umgibt dich. –
Äste und Blätter werden dichter. –
Um dich herum schwirren Insekten, stechen und beißen dich.

Zwischen dem Grün steht ein Mensch. –
Du spürst seine Nähe. –
Er berührt dein Gesicht. –
Sein fauliger Atem erreicht deine Nase. –
Seine Worte erreichen dein Ohr.


Hans Castrup „Amber Part 1“

Noch bevor die erste Version des Skripts geschrieben war, hatte ich schon bei Hans Castrup nachgefragt, ob ich für eine Geschichte Musik von ihm verwenden könnte. Es ging konkret um „Amber Part 1“. Hans schlug vor, wir könnten seine Musik für ein Hörspiel benutzen.

In der Geschichte werden Ausschnitte aus „Amber Part 1“ verwendet. Hier nun das komplette Stück (Die Amber-Aufnahmen können Sie hier bei Bandcamp komplett hören):

Track 1 of the digital 6-track album „AMBER“. Released on Bandcamp Sept. 2016


Kurzbiografien:

Robert Ellsberg, geboren … in Osnabrück. New Yorker Industrieller. Befreundet mit Carl Feinhals. verheiratet mit Dorothy McCorley (ihr Vater gründete MC Aero Technologies Corporation 1902 als McCorley Standard). Wichtiges Mitglied bei der Vereinigung Erste Ebene.

Carl Feinhals, geboren 1872 in Louisiana, USA. Seine Eltern, Johann Feinhals und Getrud Feinhals, sind aus Deutschland eingewandert. Gründer der „Visions For A Better Society“.

Engelbert Feinhals, geboren 1899 in Baton Rouge, USA. Eltern: Carl Feinhals Verlobt mit Kristina Haybach. Er war Ingenieur. Stirbt 1927 als die Männer von Robert Ellsberg die Hütte von Carl Feinhals überfallen.

Kristina Haybach, geboren 1905. Schamanin und spirituelle Führerin der „Visions For A Better Society“.

Johann Hünighusen, Vater von Paul und Gesa sowie Stiefvater von Thomas Hünnighusen.

Paul Hünighusen, geb. im August 1915 in Lindlar. Eltern: Johann Hünnighausen (*1883 – ) & Susanne Fischer (*1883 -). Paul ist mit Max Kober aufgewachsen. Paul bewohnte das alte Haus der Familie in Lindlar.  Er war Polizist in Wuppertal und Köln. Gestorben: 2005

Thomas Hünighusen, geb. als Thomas Niess im Mai 1906 in Lindlar. Verheiratet mit Maisey Stevens (*1911), seit 1932, Kinder: Scott Allen (1933), Megan (1936). Gestorben im 1949 in Morrisonville (Louisiana, USA).

Edmund Mertzbach, geb. 1862 in Essen. Naturforscher. Verheiratet mit Irene Fromm, seit 1913. Aufgewachsen in Mülheim/Rhein. Er war von 1890 bis 1910 Naturforscher in Südamerika. Befreundet mit Carl Feinhals. Schwere Fußverletzung 1910. Wohnt dann wieder in Mülheim und war dort als Küster der Schifferkirche tätig. Wohnte ab 1923 in Lindlar. Er gab Thomas Hünnighausen den Auftrag ein Päckchen zu Carl Feinhals in Louisiana zu bringen. Wird 1926 des Kindesmordes verdächtigt und verhaftet. Es gibt ein Protokoll seiner Vernehmung durch Frieda Gehren, welche unter Hypnose durchgeführt wurde, er spricht dort auch von der „Flamme“.

Ida Tiemann, geboren 1914 in Lindlar. Nachbarkind, Spielkameradin von Paul Hünnighausen und Max Kober. Sie stirbt 1926. Johann Hünninghausen versenkt ihre Leiche im Mühlenteich und lenkt den Verdacht auf Edmund Mertzbach.

Dr. Max Kober, geboren 1915 in Jülich. Ausbildung an der School of Pharmacy und Chemiestudium in Liverpool. Mitglied der Royal Pharmaceutical Society und Honorardozent an der School of Pharmacy. Entwickelte das Medikament Corvfiran für britischen Pharmaunternehmen Clough & Hanley. Verheiratet mit: Marianne Dorn, Kinder: Hennriette (*1947), Walter (*1950), Sarah (*1953) Eltern: Herbert Kober (Apotheker in Lindlar) und Trude Wolf, Geschwister: Berta (*1912).

Walter Niess, geboren im September 1905 in Lindlar. Er reist mit Thomas Hünnighausen 1927 in die USA. Treffen dort auf Empfehlung von Edmund Mertzbach auf Carl und Engelbert Feinhals sowie Kristina Haybach. Walter Niess einen Teil der die Forschungsarbeiten („Flamme“) an sich. In den 1930er Jahren entwickelt Niess Corvfarin , welches angeblich bei der Wehrmacht in Osteuropa getestet wurde. 1944 wurde er als vermisst gemeldet.

Johannes Nikolaus Gierlich, Wundarzt

Matthias Kierdorf, Bachelor in Informatik, Masterstudent in Game Design

Heinrich Gustav von Hipel, Besitzer der Burg Hipelhoven bei Lindlar. Autor der Sage „Die brennende Kugel“. Versteckte die Kugel aus Metall mit der Flamme in der Kirche. Starb 1795.

Hartrad Böhm-Winter, Autor von Abenteuergeschichten und Kunsthändler.

Noa Sophie Kober, wurde 1968 in Düsseldorf geboren. Wirkte in den frühen 80ern bei Punk-Wave-Bands DEUTSCHE PROTESTGEWERKSCHAFT und AUSSPERRUNG. Lebte mit ihren Eltern für einige Jahre in England und machte dort ihr Noiseprojekt SALZ II. Heute arbeitet sie als Buchrestauratorin. Sie ist eine Enkelin von Max Kober.

Elisa Bernat-Gray, Psychoanalytikerin

Fut-vo-ye, Feuergott

Die Kugel aus Metall

Die magische Kugel aus Metall wird 1784 vom „Fremden“ (Matthias Kierdorff) nach Lindlar gebracht. Kierdorff nutzt für seine Kugel die Flamme, die er in Cornwall von Tom Waterhouse bekam. Auf dem Weg nach Lindlar wird Kierdorff angeschossen. Im Dorf will ihm der Wundarzt Johannes Nikolaus Gierlich helfen. Als die Operation misslingt, verschwindet der Fremde „auf die andere Seite der Zeit“. Die Kugel bleibt zurück. Letztendlich gelangt sie zu Heinrich Gustav von Hipel, der sie im Kirchturm versteckt. Dort wird sie von Thomas Hünighusen 1926 herausgeholt. Dann besitzt sie Kristina Haybach.

„In einem fremden Körper, auf der anderen Seite der Zeit“

Die Gruppe um Robert Ellsberg hält diesen Satz für ganz wichtig (Ellsberg zu Haybach: „Ich habe diese Sage sehr genau studiert. Der Satz ‚Als sich der Fremde und der Wundarzt auf der anderen Seite der Zeit wiedertrafen‘ ist ganz entscheidend.“). Allerdings haben sie nicht alles verstanden. Durch die Flamme (bzw. Corvfarin, Corvfiran, Fireballs) kommt man in Ekstase, damit auf „die andere Seite der Zeit“. Während der Starre erlebt die Seele lange Zeitabschnitte auf “ der anderen Seite der Zeit“ und in „einem fremden Körper“.
Von Matthias Kierdorff wissen wir, das er mit der Kugel und der Flamme in jedes beliebige Buch kommt, er kommt somit auf die „andere Seite der Zeit“. Die Leute um Mertzbach, Feinhals & Co. leben in einem der Bücher („Der Mann der nicht verbrennt“), in die Kierdorff eingestiegen ist. Sie haben herausgefunden, dass sie mit der Kugel und der Flamme in einer andere Welt kommen. Das sie in andere Buchwelten können, haben sie noch nicht entdeckt.
Kierdorff und der Wundarzt Gierlich treffen sich durch Vermittlung der Psychoanalytikerin Elisa Bernat-Gray wieder und steigen dann wieder in das Buch „Der Mann der nicht verbrennt“ ein. Wieder ins Jahr 1784, also über 100 Jahre vor der Mertzbach, Feinhals & Co.-Geschichte. Die Sage „Die brennende Kugel“ ist also noch gar nicht geschrieben. Erst als Kierdorff und Gierlich den Brand in der Gasse verursachen, können sie „fliehen und sollen gen Holland gegangen“. Erst jetzt hat Heinrich Gustav von Hipel die Kugel, die er später in der Kirche versteckt.

Von der Flamme zu den Fireballs

Die Flamme stammt von der unsterblichen Seele des Fut-vo-ye. Matthias Kierdorff baut um die Flamme die besondere Kugel aus Metall. Flamme und Kugel gelangen über Thomas Hünighusen zu Carl Feinhals. Walter Niess produziert bei Vogel & Niess in Elberfeld „Corvfarin“.  Darauf aufbauend erzeugt später Max Kober bei Clough & Hanley in Liverpool „Corvfiran“. Das Medikament wird von den Hippies als „Fireballs“ mißbracht.

Auf der anderen Seite der Zeit

Abschnitt 12

Lindlar
April 2018

In einer Schreibtherapie verfasste Matthias Kierdorff mehrere kurze Texte.

Text 1

In der Nacht wachte ich von einem Geräusch auf. Nach dem ich ein paar Sekunden ins Haus gehorcht hatte, wollte ich mich wieder hinlegen. Da aber auch die Katze aufgesprungen war und nun mit spitzen Ohren am Fußende des Bettes saß, blieb ich auch aufmerksam. Wenig später hörte ich wieder ein Geräusch. Die Katze sprang in Zeitlupe vom Bett und schlicht vorsichtig in den Flur. Ich schlug die Bettdecke zurück. Auf Socken folgte ich dem Kater in den Flur, wo ich mir den Stab der Ausziehtreppe nahm. Ich stellte mir bereits vor, wie ich den Eindringling damit bezwingen würde.
 Ein Flüstern. Unten sah ich schwaches Licht, das wohl von einer Taschenlampe kam. Die Katze saß auf der Treppe und schaute ängstlich durch die Treppenstäbe in das Zimmer, dessen Türe weit offen stand.
 „Wer ist da?“, rief ich. Keine Antwort. Wieder Flüstern. Dann Schritte und schließlich Stille. Meine Landschaftsskizzen lagen auf dem Boden.

Text 2

Am Nachmittag saß ich nachdenklich am Zeichentisch. Es fehlte mir aber an der notwendigen Konzentration. Ich grübelte wieder mal. Wie so oft dachte ich an meinen Krankenhausaufenthalt vor drei Monaten. Nach einem Überfall auf mich, an den ich  mich nicht mehr erinnern konnte, war ich im Krankenhaus aufgewacht. Man hatte eine Pistolenkugel aus mir raus operiert. Mein erster Gedanke war damals eine Art Fluchtinstinkt. Ich wollte direkt aufspringen. Die herbeieilenden Schwestern hielten mich im Bett zurück. Ich soll damals gerufen haben: „Wir müssen sie einholen. Sie haben die Kugel. Sie ist in Gefahr.“
 Man gab mir ein Beruhigungsmittel. Nach dem ich langsam aus diesem Zustand aufwachte und meine Umgebung genauer betrachtet hatte, hatte auch das Interesse an dieser Kugel nachgelassen.
 "Sie wissen wo wir hier sind?" Ein bärtiger Mann in einem weißen Kittel stand mir schon eine Weile redend gegenüber, aber erst jetzt verstand ich seine Worte.
 "Ich glaube in einem Art Krankenhaus", antwortete ich zögerlich. "Sieht jedenfalls so aus. Ja, ich denke es ist ein Krankenhaus."
 "Wissen Sie auch den Grund Ihres Aufenthalts?", fragte der Bartmann.
 "Das ist schwer. Ich hatte wohl ... Ich bin wohl angeschossen worden, oder?"
 "Wissen Sie, wo sie vorher waren, bevor Sie hier hingekommen sind?"
 Auf dem Rücken meines Pferdes wäre die Wahrheit gewesen, aber ich wusste, dass dies den Arzt überfordert hätte. "Ich war auf dem Weg von Mülheim nach Lindlar. Wir waren fast angekommen."
 "Was sind Sie von Beruf?"
 In meinem früheren Leben bin ich mal zur Universität gegangen. Hatte einen Bachelor in Informatik. Nun war ich in einem Masterstudiengang. Da wurde den ganzen Tag gespielt. "Ich bin noch Student. Manchmal ..."
 "Wissen Sie was Sie studieren?"
 "Ja, Game Design. Aber ich glaube, da habe ich eine längere Pause gemacht." Oder hatte das etwa alles dazu gehört? Ich sah mich in meiner Erinnerung mehr in einer frostigen Winterlandschaft, als lernend an meinem Schreibtisch. "Ich weiß nicht, es kommt mir vor als wäre es vor Jahren gewesen. Ich war viel unterwegs. In ganz Europa. Meistens mit einem ... Pferd. Das klingt jetzt wohl etwas komisch, aber ich bin viel geritten. Ein paar Mal bin ich auch mit einem Boot unterwegs gewesen. Mit einem kleinen Kahn nach Holland. Dann mit einem Segelschiff nach England ... Ich weiß aber gar nicht, ob das alles wahr ist ..."
 Der Arzt runzelte die Stirn. "Das kann ich Ihnen auch nicht sagen. Sie sagten gerade, Sie wären mit anderen Personen von Mülheim hier angekommen. Wissen Sie noch wer bei Ihnen war?"
 "Das waren zwei Männer die Heinrich-Gustav von Hipel geschickt hatte?"
 "Und wie hießen die?"
 "Der eine Karl, der andere Gottfried. Wir wurden vorm Dorf getrennt."
 "Getrennt? Saßen Sie nicht zusammen in einem Wagen?"
 "Nein. Wir waren mit Pferden unterwegs ..."
 Die Tür des Zimmers öffnete sich. Ein weiterer Arzt betrat das Zimmer. "Und weiß er nun wie er heißt?"
 "Nein. Er ist noch recht durcheinander."

Text 3

So kam mein Fall sogar in die Zeitung. Die ersten zwei Tage wusste niemand wer ich war. "Mann bewusslos in der Tarpenbekstraße gefunden", stand in der Morgenpost. Erst als meine Eltern von dem "Jungen ohne Erinnerung" in der Landeszeitung lasen, wurden sie auf mich aufmerksam – ich war damals ein Herumtreiber, sie hörten nur selten von mir, sie vermissten mich selten. Sie konnten mich als Matthias Kierdorff identifizieren. Student in Hamburg. Ich bin Matthias Kierdorff. Nun wo dies alle sagten, wurde mir dies auch wieder bewusst. Ich war immer Matthias Kierdorff. Egal auf welcher Seite der Zeit. Auf dieser oder der anderen.
Sie brachten mich zu meinen Eltern im Rheinland.

Der Einbruch in der Nacht konnte kein Zufall gewesen sein. Gestohlen worden war nichts. Sie hatten alles durchwühlt. Was hatten sie gesucht? Meine Zeichnungen hatten offenbar ihr Interesse gefunden.
 Ich musste mich wieder erinnern. Dieses Zeitungsbild mit der Schifferkirche. Wo ist es? Dieses Bild hatte bei mir etwas ausgelöst. Die Kirche musste für mich eine Bedeutung haben.
 Am nächsten Morgen fuhr ich nach Mülheim am Rhein. Ich parkte meinen Fiesta direkt am Rheinufer unter der Brücke. Hier war ich seit einer Ewigkeit nicht mehr gewesen. Die Kirche hatte sich verändert. Auf einer Metalltafel las ich, dass sie im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt worden war. Ich vermisste ein kleines Nebengebäude am Seitenschiff.
 Hier war doch damals dieser kleine Anbau. Ich sah nun das Nebengebäude bis knapp unter die Türe von Wasser umspült. Alles um mich herum schaukelte nun heftig, als würde ich in einem Boot sitzen. Jemand stieß sich dann auch mit einem Ruder an der Wand des Nebengebäudes ab und das Boot trieb weiter um die Kirche herum. Zu spät. Die Flamme durfte ich nicht zurücklassen. Mist. Die Flamme.
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Die Schifferkirche in Mülheim am Rhein (Postkarten um 1914)
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Die Schifferkirche am Rhein. Das Nebengebäude ist in Rot markiert (Bookattack Collection)

Köln
Mai 2018

Im Raum der Psychoanalytikerin Elisa Bernat-Gray. Das Setting mit Couch und Sessel, auf dem der Patient liegt und der Analytiker hinter dem Kopf des Patienten sitzt, so dass sich beide nicht anschauen, wird in der Psychoanalyse als grundlegend angesehen. Im Liegen wird beim Patienten die Hirnhälfte aktiv, die für Phantasien, Illusionen und Emotionen zuständig ist. Die andere Hirnhälfte, beispielsweise für Logik verantwortlich ist, schaltet sich ab.

Gespräch am 25. Mai 2018

Matthias Kierdorff: "Muss ich mich hinlegen?"

Elisa Bernat-Gray: "Ja, bitte."

Matthias Kierdorff: "Okay."

Elisa Bernat-Gray: "Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Gedächtnis nicht immer funktioniert?" 

Matthias Kierdorff: "Heute anscheinend hatte ich einen Aussetzer. Aber ansonsten ...  Ich denke, es ist noch alles da. Allerdings sind da diese Geschichten die ich erlebt habe. Wie ich geschrieben habe, diese Reisen mit Pferd und Schiff. Das ist alles da, aber das ist mir schon peinlich."

Elisa Bernat-Gray: "Meinen Sie, dass ein Teil Ihrer eigenen Geschichte fehlt?"

Matthias Kierdorff: "Meinen Sie den Teil meines Lebens vor und nach diesen Reisen? Ich glaub da ist eigentlich alles da. Mehr Sorgen mache ich mir über den Zeitraum, als ich in der Vergangenheit lebte."

Elisa Bernat-Gray: "Was meinen Sie, war es Wirklichkeit oder ein Traum?" 

(Kierdorff prüft die Plausibilität seiner Erinnerungen) Matthias Kierdorff: "Wenn das alles ein Traum war, dann war der gut gemacht. Da frag ich mich, wie das alles in meinen Kopf gekommen ist. All die Leute. Das kann ich mir nicht ausgedacht haben."

Elisa Bernat-Gray: "Hatten Sie das Gefühl Ihren eigenen Körper zu spüren?"

Matthias Kierdorff: "Und wie. Man hat mir da eine Kugel verpasst. Man hat mich zu einem Quacksalber gebracht, der wollte die Kugel entfernen. Schließlich wachte ich in einem Krankenhaus auf. Ich hab also schon etwas Erfahrung. Das war definitiv mein Körper. Hier sehen Sie die Narbe. Und nicht das Sie denken, ich wäre in eine dieser Bandenschießereien verwickelt gewesen."

Elisa Bernat-Gray: "Man hat einige Zeichnungen bei Ihnen gefunden. Erinnern Sie sich an die Zeichnungen?"

Matthias Kierdorff: "Ja, sicher. Es sind Bilder, die ich aus der Erinnerung über meine Reisen gemacht habe. Wie Sie sicher bemerkt haben, bin ich mir über diese Reisen selber sehr unsicher, ob sie überhaupt stattgefunden haben. Mit den Bildern versuche ich alles zu dokumentieren."

Elisa Bernat-Gray: "Könnten es auch Bilder aus Computerspielen sein?"

Matthias Kierdorff: "Sie meinen, es wären meine Sehnsüchte nach einer anderen Welt, einer besseren Welt? Einer virtuellen Welt im Jenseits? In der Firma in der ich neben dem Studium gearbeitet habe, habe ich tatsächlich solche Skizzen erstellt. Mit Farbstiften. Die wurden dann teilweise am Computer umgesetzt und in Spiele integriert. Ich habe mich viel mit diesen Spielen beschäftigt. Spiele, aber auch Filme und Bücher waren mein Stoff. Ja >Stoff< ist schon das richtige Wort. Ich war süchtig, das war so … wie Nahrung. Das bestimmte absolut meinen Tagesrhythmus. Das restliche Leben habe ich auf ein Minimum reduziert. Ich hab vor dem Computer gegessen. Kaum Schlaf. An manchen Tagen bin ich gar nicht raus. Ich hab auch nicht mehr aufgeräumt oder so. Das klingt nun in Ihren Ohren so, als sei ich ein Messie. Klar, mein Zimmer sah auch so aus. Aber ich hab an Projekten gearbeitet und nicht nur gespielt."

Elisa Bernat-Gray: "Was waren das für Projekte?"

Matthias Kierdorff: "Ich wollte in den Spielen mehr Freiheiten haben. Ich habe es schon als Kind gehasst, in Computerspielen immer wieder durch dieselben Korridore laufen zu müssen, die sich ein Programmierer ausgedacht hatte und an denen ich nichts ändern konnte. Oder immer wieder an einer bestimmten Aktion zu scheitern. Man musste da über einen Fluss und auf der anderen Seite auf einen bestimmten Felsen springen. Ich bin da tagelang nur ins Wasser gefallen. Ich hab's dann irgendwann gerafft, wie man dort springen muss, aber ich war trotzdem frustriert. In der Realität, wäre ich einfach an einer anderen Stelle den Felsen hochgeklettert. In dem Spiel ging das aber nur an der einen verdammten Stelle. Das Programm ließ nichts anderes zu. Diese Einengung hat mich sehr gestört."

Elisa Bernat-Gray: "Weshalb haben Sie dennoch weiter gespielt?"

Matthias Kierdorff: "Ich mag das Abtauchen in andere Welten."

Elisa Bernat-Gray: "Sie suchen nach Abenteuern?"

Matthias Kierdorff: "Auch. Ich suchte nach Erfahrungen in fremden Welten, die ich in der Realität nicht machen kann. Stellen Sie sich vor, Sie wollen in eine Mittelalterwelt erleben. Da könnten Sie bei einem Rollenspiel mitmachen. Hab ich gemacht. Aber das was Sie da erleben, ist immer was anderes als in Computerspielen. Diese Rollenspiele sind zwar in der realen Welt, aber es ist dann doch nur Schauspiel. Ich wollte mehr. Ich habe dann in dieser Softwarefirma ein Spiel mitentwickelt, in dem grandiose Landschaften programmiert wurden. In den Landschaften konnte man sich als Spieler abseits des normalen Spiels bewegen. Man konnte durch die Landschaft streifen, schauen und auch fotografieren. Die Video Game Photography boomte gerade. Die Spieler konnten dort von Landschaften und Figuren Fotos machen. So wie in der Realität. Diese erweiterte Bewegungsfreiheit empfand ich als ersten Schritt in die Richtung, die ich mir vorstellte. Man ist in einer anderen Welt und kann sich dort frei bewegen."

Elisa Bernat-Gray: "Aber sie saßen weiterhin vor dem Bildschirm? Mit Tastatur und Maus?"

Matthias Kierdorff: "Als Programmierer ja, als Spieler immer weniger. Man schaute nun durch Brillen und konnte sich auch körperlich ins Spiel einbringen. Aber ich merkte, dass wir da nicht weiterkamen. Es blieb weiterhin unecht. Den Baum den man sah, war kein Baum aus Holz, er bestand aus Bits, Nullen und Einsen. Und es gab weiterhin nur ein begrenztes, vorgegebenes Spielfeld."

Elisa Bernat-Gray: "Wann war das? Lebten Sie noch bei Ihren Eltern?"

Matthias Kierdorff: "Nein, da wohnte ich bereits im Hamburg. Ich studierte seit ein paar Jahren.  Dann kam es zu diesen Geschichten, die wohl gar nicht stattgefunden haben. Die, in denen ich mit meinem Pferd reiste. Ich weiß gar nicht, ob ich sie Ihnen erzählen soll. Was meinen Sie?"

Elisa Bernat-Gray: "Erzählen Sie, bitte. Können Sie mir erzählen, wie es mit den Geschichten angefangen hat?"

Matthias Kierdorff: "Ich wohnte bei einem Typen in Eppendorf. In einer Drei-Zimmer-Wohnung. Er hatte den seltsamen Vornamen Hartrad. Mit Nachnamen hieß er Böhm-Winter.
 Für sein drittes Buch recherchierte Hartrad seit über einem Jahr in Bibliotheken und Archiven in Frankreich und den Niederlanden. Längst hatte er mit dem Schreiben beginnen wollen, aber er war wohl in einem Archiv auf Dinge gestoßen, die ihn nicht mehr losließen. Wie einen Sog zogen die Entdeckungen ihn hinab. Tag und Nacht beschäftigte er sich mit den gefundenen Thesen. Seinen Bürojob bei der Stülckenwerft hatte er gekündigt. Eines Abends fand ich in der Wohnung einen Zettel auf dem Küchentisch." (Kierdorff ist geistesabwesend)

Elisa Bernat-Gray: "Was stand auf dem Zettel?" 

Matthias Kierdorff: "Der Zettel. Ja, der Zettel. Was stand auf dem Zettel? Also, der Zettel. Ja, da stand: >Mats, ich bin unterwegs. Möglichweise komme ich nicht zurück. In diesem Fall benachrichtige meine Eltern in Fritzlar.< So ähnlich. Da stand noch mehr. So was wie >Natürlich hoffe ich, dass ich zurückkommen kann. Wenn das klappt, dann machen wir tolle Geschichten.< Er würde die schreiben und ich sollte dazu zeichnen. So ist das zu verstehen. Klar?
Ich war von Hartrad allerlei skurrile Aktivitäten gewöhnt, aber über diese Notiz wunderte ich mich dennoch. Naja, wo soll er schon sein, dachte ich. In irgendeinem Archiv ..."

Elisa Bernat-Gray: "Woher kannten Sie diesen Hartrad Böhm-Winter?" 

Matthias Kierdorff: "Wir hatten uns über die Zeitung kennengelernt. Er hatte per Anzeige einen Mitbewohner gesucht. Meine Eltern hatten die Anzeige in der Zeitung entdeckt und hatten mit Hartrad einen Termin vereinbart. Einfach so, ohne mich zu fragen. Egal. Als ich bei dem Termin erzählte, dass ich viel zeichne, war er hellauf begeistert, denn er suche noch einen Zeichner für sein erstes Buch, für das er damals allerdings auch noch nach einem Verlag suchte. Mir war sein Gerede ziemlich egal. Ich wollte einfach nur 'ne Bude ...
Hartrad hatte sein Zimmer so eingerichtet, wie er das Zimmer des Helden in seinem Erstlingswerk beschrieben hatte und er kleidete sich auch wie sein Held, der im 18. Jahrhundert gelebt hatte. Er wollte möglichst so leben und empfinden wie dieser junge Mann in Paris."

Elisa Bernat-Gray: "Oh ... Wir müssen am Montag weiterreden. Ich habe jetzt noch einen anderen Termin."
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Eine Küchenmagd im Jahr 1738. Skizze von Matthias Kierdorff. „Ja, der linke Arm ist mir nicht gelungen. Sieht aus, als hätte er zwei Gelenke.“

Gespräch am 28. Mai 2018

Matthias Kierdorff: "Wie war Ihr Wochenende, Frau Bernat-Gray?"

Elisa Bernat-Gray: "Danke, gut. Und bei Ihnen?"

Matthias Kierdorff: "Ich habe viel nachgedacht."

Elisa Bernat-Gray: "Hm. Sollen wir anfangen? Sie sagten bei unserem letzten Gespräch, Ihr Bekannter Hartrad Böhm-Winter hätte sein Zimmer so wie das einer seiner Helden eingerichtet. Erzählen Sie mir davon?"

Matthias Kierdorff: "Da waren seltsame Dinge. Beispielsweise hatte er als Kind während eines Urlaubs mit den Eltern mehrere Tage hintereinander das Museum im 3. Arrondissement in Paris besucht und hatte sich von Beginn an gewünscht, er könne in einer Welt wie in diesem Museum leben. Er wollte eine der Personen sein, die an den Fenstern der Häuser stehen und das Stechturnier der Flussschiffer beobachten. Seit diesem Urlaub hatte er akribisch alles gesammelt, was er über die Gegend der Pariser Brücke finden konnte. Bereits in seiner Jugend verfasste er erste in Paris spielende Geschichten. Teile davon verwendete er später für sein erstes Buch. Für einige Monate hatte er auch in Paris in der Rue Simon le Franc, keine zehn Minuten von der Pont Notre-Dame entfernt gelebt, war dann aber völlig pleite nach Eppendorf zurückgekehrt.
Über die Jahre hatte er die Gegend und die damalige Zeit in sich aufgesogen. Er brauchte für den Background seiner Geschichten nicht mehr recherchieren. Er lebte in diesem Background. Und so war die Einrichtung des Zimmers zwar konsequent, doch im Grunde völlig unnötig."

Elisa Bernat-Gray: "Wissen sie mehr über seine Familie? Er hatte ja einen merkwürdigen Vornamen, von einem >Hartrad< habe ich noch nie gehört." 

Matthias Kierdorff: "Ob er wirklich Hartrad hieß oder ob er selbst sich diesen altertümlichen Namen zugelegt hatte, weiß ich nicht. Manchmal behauptete er sogar er wäre einem alten hessischen Adelsgeschlecht entsprungen, der Familie von Böhm genannt Winter.
Der Typ war in meinen Augen nicht ganz dicht. Ich bin glaube ich, auch nicht ganz dicht, aber der – naja, der ... In seinem Zimmer spielte er Szenen aus seinem Büchern nach. Das fand ich zunächst schon komisch. Aber da die Miete gering war und ich auch für Hartrads  Buch zeichnete, blieb ich in der Wohnung. Und natürlich auch, um die weiteren Entwicklungen zu erleben."

Elisa Bernat-Gray: "Gehörte dieser Zettel, den Sie erwähnen, zu diesen weiteren Entwicklungen?" 

Matthias Kierdorff: "Und wie. Was dieser Zettel zu bedeuten hatte, erfuhr ich erst ein, zwei Tage später. Wie aus dem Nichts stand da Böhm-Winter wieder in der Wohnung. Ich hatte ihn nicht kommen gehört. Ich saß so wie immer vor dem Computer. Es lief die Musik einer norwegischen Black Metal Dark Ambient Band, das Dröhnen half mir beim Konzentrieren und ich futterte nebenbei eine Pizza.Böhm-Winter hasste diese Musik. Wir hatten uns deswegen schon öfter gestritten. Stattdessen hörte er Werke von Barockkomponisten wie Dietrich Buxtehude, Jean-Baptiste Loeillet, Jean-Philippe Rameau, Domenico Scarlatti oder Johann Christian Schickhardt. Er erzählte, dass er Schickhardts Musik in Paris kennen gelernt habe, als er für ein paar Wochen beim Musikverlag Barrenrödler tätig war."

Elisa Bernat-Gray: "Was passierte, als er zurückkam?"

Matthias Kierdorff: "Er stand plötzlich neben mir. Wie aus dem Nichts! Wie gesagt, ich hatte laute Musik gehört, saß vor dem Computer und aß Pizza. Als er da so plötzlich neben mir stand hab ich mich voll erschrocken. >Mensch, was soll das?<, schnautzte ich ihn an. >Spinnst Du?< So in der Art. Er schaltete die Musik ab und sagte mit vornehmer Stimme: >Bonjour Monsieur, comment alles-vous? Me revoilà.< Ich schaute ihn blöd an. >Was? Wo warst du?< Und er sagte trocken: >In diesem Buch: >Les voyages et aventures du capitaine Frédéric Chevalier<, von Jean Baptist Labat, 1756 erschienen.“

Elisa Bernat-Gray: "Wie haben Sie darauf reagiert?"

Matthias Kierdorff: "Natürlich verstört, aber auch belustigt. Ich verstand nicht was er meinte. >Wie? Was? Das hast du gelesen?<, fragte ich. >Nicht gelesen. Ich war in dem Buch, mein Freund. Ich war in der Handlung. Ich war unterwegs mit dem Offizier Frédéric Chevalier. Zu Land und zu Wasser.< Ich konnte es nicht glauben. >Hier schau, ich habe aus Norwegen eine Schachfigur aus gefärbten Elfenbein mitgebracht. Muss sehr alt sein, meinte jedenfalls Chevalier. Und schau hier: Im Buch fehlt die Figur jetzt. Hier stand >le Cavalier<, der Springer. Siehst du, das Wort fehlt hier. Hier auch. Und hier.< Und in dem Buch waren tatsächlich Lücken im Text. Ich lachte laut. Schaute mir das Buch dann aber genauer an. Im Text des alten Buchs waren echte Lücken. Da war nichts weggekratzt oder so. Im Textverlauf hatte dieser kleine Diebstahl keinen großen Schaden angerichtet. Die Schachfigur war dort relativ bedeutungslos. Aber nun waren im Druckbild des Buches tatsächlich drei Textlücken."

Elisa Bernat-Gray: "Was dachten Sie? Konnte das sein?"

Matthias Kierdorff: "Nein, ich hab ihn ausgelacht. Das war doch Schwachsinn. Wie sollte er in das Buch kommen, dort die Figuren nehmen? Und dann sind da Lücken im Buch? Wie krank ist das denn, dachte ich damals. Hartrad versuchte es mir dann zu erklären.
 Er sagte, er habe alles mitbringen können. Er war außer sich vor Freude. >Stell dir das mal vor. Ja, stell dir das mal vor. Mann! Mats, Kumpel!< Er hüpfte auf und ab, umarmte mich. Aber das sei alles nebensächlich. Wichtiger sei, dass er nun in die Bücher komme und diese wahnsinnigen Abenteuer erleben dürfe. >Ich werde das natürlich alles in meinen Büchern verarbeiten, darum geht es ja. Mensch Mats, das ist einfach phantastisch.< Er heulte vor Freude." (Kierdorff schweigt)

Elisa Bernat-Gray:  "Was passierte dann?"

Matthias Kierdorff: „Ich fragte ihn, wo er die ganzen Tage wirklich war. Er habe sich da in irgendwas reingesteigert. Ich hätte seine ganzen Notizen und Bücher in seinem Zimmer gesehen.  Ich fragte ihn, ob er nun einen Trick gefunden hätte, vielleicht so eine Art Zaubergetränk mit halluzinogener Wirkung? Ich weiß nicht? Mit Pilzen oder so? Er meinte, damit wäre er nicht weit gekommen. Er hätte super Halluzinationen gehabt, aber er wäre immer noch hier gewesen. Nein, da würde mehr dahinterstecken. Er lief zum Regal. >Da du mir nicht glaubst, nehme ich dich einfach mal mit. Such dir irgendein Buch aus! Irgendeins. Los!“

Elisa Bernat-Gray: "Sie nahmen sich ein Buch?"

Matthias Kierdorff:"Nicht direkt. Ich glaubte ihm da noch kein Wort. Als ich ihn fragte wie das funktioniert erklärte er mir. >Nur so viel, lieber Freund. Mit einer hochwirksamen Droge aus verschiedenen Pflanzen hergestellt. Seltene Pflanzen, die ich züchten werde.< So ein Scheiß, dachte ich. Ich fragte, ob das Alchemie wäre, oder was? Und da erzählte er mir diese Story: Die Herren Theobald van Mittelburg, Godefroy Rothschulz, Jean Jacques Courval hätten zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges in Pilsen gelebt. Sie hätten dort die Basis für die Droge entwickelt und van Mittelburg hätte sie in Amsterdam vollendet, aber nie etwas darüber veröffentlicht. Er starb 1651 in Amsterdam. Erste Hinweise fand Böhm-Winter in seinem Nachlass. Im Archiv in Arnhem war er auf die Aufzeichnungen, die der gute Theobald hinterließ, gestoßen. Obwohl er lange in Amsterdam gelebt hat, befindet sich in Arnhem eine große Sammlung seiner Schriften. Was eine Stadt für ihre Kinder halt so tut. Mit dem beschriebenen Pflanzenmix konnte Hartrad  nun seine Droge herstellen. Ein widerliches gelbes Zeug, aber sehr wirkungsvoll.
 Und nun halten Sie sich fest, liebe Frau Bernat-Gray. Das alles funktionierte wirklich. In den nächsten Wochen waren wir in fast all unseren Büchern. Wir gingen in die Bibliothek, suchten auf Flohmärkten und Antiquariaten nach billigen, aber interessanten Büchern. Unser Alltag wurde nun von den Reisen in die Bücher bestimmt. Wir nannten es Bookattack – living in books – Sammeln – Recherche – Schreiben. Wir hatten viel vor. Wir haben sogar aus Spaß eine Anzeige in einer Zeitung geschaltet – wir waren in irgendeinem Buch, sind dort zum Verlagshaus gegangen, haben uns eine Anzeige gestalten lassen, die dann in einer Zeitung erschien. Das war so 1891 oder 92.  Jedenfalls war an Zeichnen oder Schreiben gar nicht mehr zu denken. Böhm-Winter schrieb keine weitere Zeile mehr an seinem Buch. Er schrieb überhaupt kein Buch mehr. Stattdessen schrieb er nun Rechnungen."

Elisa Bernat-Gray: "Rechnungen? Wofür?"

Matthias Kierdorff: "Er machte Geschäfte. Das begann, nach dem ich Hartrad erzählte hatte, dass ich den Vermieter getroffen und der wütend davon gesprochen hätte, dass wir mit der Miete im Rückstand wären. Da sagte Hartrad, er hätte nun das Schachspiel verkauft. Seine Augen funkelten mich an. >Ja, das Schachspiel. Guck nicht so blöd. Ich bin noch mal zu Frédéric Chevalier in das Buch und habe das komplette Schachspiel mitgenommen, alle Figuren und das Brett. Dafür hab ich Zwanzigtausend Euro bekommen. Da zahlen wir doch wohl ein paar Mieten locker von.< Zwanzigtausend Euro schienen mir sehr viel Geld für so ein Schachspiel. >Bedenk das Alter. Frühes 18. Jahrhundert.< Er könne doch nicht alles dort stehlen, warf ich ihm vor. Wir würden doch sonst in den Büchern nur schauen. Er fragte mich daraufhin, ob ich weiter mitmachen oder lieber verhungern wolle.“

Elisa Bernat-Gray: "Und wie haben Sie sich entschieden?"

Matthias Kierdorff: "Ich machte bei den Diebstählen nicht mit, aus Prinzip. Es machte mir Spaß in die Geschichten hinein zu gehen, aber ein Dieb wollte ich nicht werden. Hartrad nahm aber immer mehr kostbare Dinge aus den Büchern mit. Gold, Kunstwerke, alte Handschriften, die er im Hamburg, später auch in Amsterdam oder Paris, unter der Hand verkaufte. Als wir in einem Buch von Arnaud von Prumen waren, trennte ich mich von Hartrad."

Elisa Bernat-Gray: "Von dem Schriftsteller Arnaud von Prumen habe ich noch nie gehört." 

Matthias Kierdorff: "Das glaube ich Ihnen. Heute ist der vergessen. Im 18. Jahrhundert war er so was wie ein Star. Einige seiner Romane verkauften sich sehr gut. Wir waren in seinem Buch >Der Mann der nicht verbrennt<. Ein Mann in dem Buch hat solche Kräfte, dass er im Feuer nicht verbrennt. Er ist in Südengland als Schausteller unterwegs. Man nennt ihn Fut-vo-ye. Nachher stellt sich raus, dass er in keltischer Zeit ein Feuergott war."

Elisa Bernat-Gray: "Und Sie lebten nun in dieser Traumwelt? Ist das die Welt die Sie in Ihren Zeichnungen festhalten?"

Matthias Kierdorff: "Ja, so ungefähr. Nachdem ich mich von Hartrad getrennt hatte, habe ich wenig später über Heinrich-Gustav von Hipel den Buchsammler Zacharias Jakob Junkheim kennengelernt, der mir von magischen Büchern erzählte. Ich wollte meine eigene Methode entwickeln zwischen den Büchern wechseln zu können. Und ich wollte Böhm-Winter das Handwerk legen."

Elisa Bernat-Gray:  "Wollen Sie mir das Morgen erzählen? Unsere Zeit ist rum."

Matthias Kierdorff: "Okay."
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Matthias Kierdorff: „Unser Alltag wurde nun von den Reisen in die Bücher bestimmt. Wir nannten es Bookattack – living in books – Sammeln – Recherche – Schreiben. Wir hatten viel vor. Wir haben sogar aus Spaß eine Anzeige in einer Zeitung geschaltet – wir waren in irgendeinem Buch, sind dort zum Verlagshaus gegangen, haben uns eine Anzeige gestalten lassen, die dann in einer Zeitung erschien. Das war so 1891 oder 92.“ Anmerkung Bernat-Gray: Diese Anzeige erschien bereits im Februar 1890 im „Erkelenzer Kreisblatt“.

Gespräch am 29. Mai 2018

Elisa Bernat-Gray: "Ich habe gestern, noch ins Internet geschaut, den Arnaud von Prumen gab es wirklich ..."

Matthias Kierdorff: "Hatten Sie etwa gedacht, ich hätte den einfach erfunden?"

Elisa Bernat-Gray: "Das Buch >Der Mann der nicht verbrennt< wurde digitalisiert. Haben Sie es gelesen?"

Matthias Kierdorff: "Nein. Wie ich bereits sagte, ich lebte in dem Buch."

Elisa Bernat-Gray: "Sie sagten, Sie hätten damals beschlossen ihrem Zimmergenossen Böhm-Winter das Handwerk zu legen. Wie sind Sie die Sache angegangen?"

Matthias Kierdorff: "Zunächst bin ich viel herumgereist. Ich hatte keinen wirklichen Plan. Hab mal hier, mal dort gearbeitet. Erst nachdem ich Heinrich Gustav von Hipel kennen lernte und für ihn tätig wurde, da kam alles ins Rollen."

Elisa Bernat-Gray: "Was haben Sie für ihn getan?"

Matthias Kierdorff: "In ganz Europa besondere Bücher besorgt. Seltene Bücher, seltsame Handschriften."

Elisa Bernat-Gray: "Und Sie selber? Brachte dies etwas für Ihre Sache?"

Matthias Kierdorff: "Nicht direkt. Aber ein Auftrag, der mich dann nach Rotterdam führte, hat alles geändert. Ich war mit einem Nachen den Rhein hinabgefahren ..."

Elisa Bernat-Gray: "Was ist ein Nachen?"

Matthias Kierdorff: "So ein Kahn halt."

Elisa Bernat-Gray: "Wann war das?"

Matthias Kierdorff: "Im Jahr 1783, Juni oder Juli."

Elisa Bernat-Gray: "Und was fanden Sie in Rotterdam?"

Matthias Kierdorff: "Da muss ich etwas weiter ausholen."

Elisa Bernat-Gray: "Wir haben heute reichlich Zeit. Legen Sie los!"

Matthias Kierdorff: "Ich fuhr also den Rhein hinab. Im Dorf Schoonderloo, etwas westlich von Rotterdam, besuchte ich den Händler und – was ich erst später erfuhr – Gelegenheitsschreiber Joost van Noort. Der passte eigentlich nicht ins Dorf, dessen Einwohner sich vornehmlich mit der Seefahrt und der Verarbeitung von Walen beschäftigten. Es gab es ein paar Trankochereien, und an der Nieuwe Maas, vor der Mündung des Leuvehaven, hatte ich ein Walfangboot liegen sehen. Jener van Noort – der übrigens behauptete ein Nachfahre von Olivier van Noort zu sein, der zwischen 1598 und 1601 die erste Weltreise von Niederländern führte – handelte mit seltenen Büchern."

Elisa Bernat-Gray: "Wie hieß dieser Seefahrer?"

Matthias Kierdorff: "Olivier van Noort. Wollen Sie den später auch recherchieren? Schauen Sie bei Wikipedia. Van Noort mit Doppel-o."

Elisa Bernat-Gray: "Danke. Erzählen Sie weiter."

Matthias Kierdorff: "Heinrich Gustav hatte mich beauftragt ein bestimmtes Buch bei van Noort zu prüfen und im besten Fall zu kaufen. Ich quartierte mich für einige Tage in dem Häuschen bei van Noort ein und studierte das Buch gründlich. Es stammte aus dem 17. Jahrhundert, war aber in einen hervorragenden Zustand. Detailliert wurde im Buch beschrieben wie man mit unterschiedlichen Gerätschaften mancherlei Spectra oder Visiones hervorrufen könne. Mit einer Glocke könne man Geister in beliebiger Form hervorrufen, man müsse nur inwendig die dazu notwendigen Worte schreiben und dann die Glocke bedienen. Mit anderen Geräten könne man lebendige Menschen durch die Luft führen, selber in der Gestalt einer anderen Figur erscheinen oder organische Leiber erschaffen. Besonders angetan war ich von einem Apparat mit dessen Hilfe man samt seinem eigenen Körper in beliebige Bücher steigen könne. Ich kaufte das Buch, ohne zu wissen, dass es eine von Joost van Noort eigenhändig angefertigte Fälschung war. Van Noort hatte sich, wie ich erst viel später erfuhr, in zahlreichen Büchern der letzten Jahrhunderte bedient, seinen eigenen Text verfasst und einigen Buchhändlern als Manuskript von 1678 angeboten.
 Umso erstaunlicher war, dass ich nach der genauen Anleitung diesen Apparat wirklich bauen konnte. Allerdings hätte der Apparat niemals ohne die geheimnisvolle Flamme funktioniert. Ich hatte in einer cornischen Handschrift von einer mächtigen Flamme gelesen, die ich als Energie für meine Maschine nehmen wollte. Den Besitzer dieser Handschrift traf ich wenige Tage später noch in Rotterdam im „Het Swarte Paert“, einer Brauerei mit Gaststube, auf der Westseite des Leuvehaven gelegen. Der Sammler Zacharias Jakob von Junkheim, der für Heinrich Gustav von Hipel mehrfach seltene Bücher besorgt hatte, war gerade aus London mit zahlreichen Büchern, Handschriften und Zeichnungen zurückgekehrt. Überrascht hatte ich im „Roerdamse Zaterdagse Courant“ von seiner Ankunft gelesen. Von Junkheim war ebenfalls an dem Manuskript von Joost van Noort interessiert und wollte ihn am kommenden Tag aufsuchen. Ich erzählte allerdings nicht, dass ich das Manuskript bereits gekauft hatte, ließ auch die Kugel, die ich baute, unerwähnt, befragte aber von Junkheim über die Flamme, von der ich in einer der Handschriften gelesen hatte, die mir von Junkheim vor einiger Zeit gezeigt hatte. Zacharias Jakob von Junkheim lachte mich aus. Das mit der Flamme, ja das hätte sich als großer Humbug herausgestellt. Aber an seinem Lachen erkannte ich, dass er mich anlog. An diesem Abend konnte ich allerdings nichts weiter über die Flamme erfahren. Und wahrscheinlich wäre ich auch niemals an sie herangekommen, wenn man von Junkheim nicht in der folgenden Nacht ermordet hätte."

Elisa Bernat-Gray: "Das sind ja wilde Abenteuer, die Sie da erlebt haben. Wer hat denn Ihren Begleiter umgebracht? Wissen Sie das?"

Matthias Kierdorff: "Moment, dazu komme ich gleich. Wir, also von Junkheim und ich, hatten reichlich Bier getrunken, so dass, als wir in der Nacht kaum mehr stehend könnend, die Brauerei verlassen wollten, vom Wirt das Angebot bekamen, doch bei ihm zu übernachten. Der Wirt schleppte auch noch von Junkheims schweres Gepäck nach oben in eine Kammer. In den frühen Morgenstunden gab es einen lauten Tumult in von Junkheims Zimmer. Ich, noch immer vom Alkohol betäubt, konnte mich nicht von meinem Lager erheben und so von Junkheim auch nicht zu Hilfe eilen. Erst zwei Stunden später taumelte ich hinüber und fand meinen Geschäftspartner leblos auf dem Boden liegend. Der Wirt saß gefesselt und geknebelt auf dem Boden, ihm hatte jemand ein Schild um den Hals gehängt: „Du spielst mit dem Feuer, Kierdorff.“ Auf meine Frage, wer das gewesen sei, wies der Wirt mit dem Kopf auf eine kleine Karte, die neben ihm auf dem Boden lag. Auf dieser stand gedruckt in großen Lettern: HBW."

Elisa Bernat-Gray: "HBW? So wie der Kunsthandel hier am Potsdamer Platz?"

Matthias Kierdorff: "Kunsthandel? Heißt das Hartrad Böhm-Winter hat hier einen Kunsthandel?"

Elisa Bernat-Gray: "Sieht ganz so aus. Ich habe bei meiner Recherche natürlich auch nach dem Namen geschaut."

Matthias Kierdorff: "Dann hat Hartrad nun also wirklich einen Kunsthandel."

Elisa Bernat-Gray: "Offensichtlich. Erzählen Sie aber weiter. Sie fanden die Karte, auf der >HBW< stand ..."

Matthias Kierdorff: "Ich steckte die Karte in meine Weste. – Ich fasse es nicht, es gibt einen Kunsthandel Hartrad Böhm-Winter. –
Ich steckte die Karte also ein und nahm dem Wirt den Knebel aus dem Mund.
 „Hoe maak je het?“, fragte ich den Wirt.
 „Goed“, schnaufte er. „Ik kann het niet helpen.“
 „Schon gut.“ Der arme Mann konnte ja nichts dafür.
 Von Junkheims Gepäck war durchwühlt worden, aber offensichtlich hatte HBW nicht das Gesuchte gefunden, denn auf dem Boden verstreut lag die wertvolle Ware aus England. Mit einem Messer schnitt ich von Junkheims Koffer auf. Eingenäht fand ich dort einen Teil der Handschrift, über die wir uns wenige Stunden zuvor unterhalten hatten. Ich nahm die Blätter an mich und verließ Rotterdam noch am gleichen Tag per Schiff mit Südengland als Ziel. Bei Tom Waterhouse in Cornwall wollte ich mehr über die Flamme erfahren."

Elisa Bernat-Gray: "Wer ist dieser Tom Waterhouse? Woher kannten Sie ihn?"

Matthias Kierdorff: "Das war der Kontakt, den von Junkheim dort in Penzance hatte. Tom hatte die keltische Siedlung Chysauster, nördlich von Penzance, erforscht. Tom war es, der den keltischen Feuergott Fut-vo-ye wiederentdeckte. Fut-vo-ye, also seine Seele, fand Tom in dessen unterirdischen Tempel, der in der Sprache der Kelten Fogou [gesprochen: Foo-goo] genannt wird. Das ist die Flamme."

Elisa Bernat-Gray: "Dieser Fut-vo-ye ist die Flamme ..."

Matthias Kierdorff: "Seine Seele ist die Flamme."

Elisa Bernat-Gray: "Und die Flamme half Ihnen? Damit konnten Sie die Kugel bedienen und in andere Bücher ...?"

Matthias Kierdorff: "Damit ging es tatsächlich. Tom gab mir die Flamme mit. Ich nutzte sie. Es funktionierte hervorragend. Besser als HBWs Methode."

Elisa Bernat-Gray: "Behielten Sie Gerät und Kugel für sich?"

Matthias Kierdorff: "Es war ja ein Auftrag von Heinrich Gustav von Hipel gewesen, der mich ursprünglich nach Rotterdam geführt hatte. Ihm wollte ich alles bringen. Aber Sie können sich vorstellen, das andere Leute auch an der Flamme interessiert waren. Zurück in Köln bemerkte ich mehrere Verfolger. Männer eines Buchhändlers aus dem Süddeutschen, Tübingen oder Stuttgart. Daher versteckte ich die Kugel erstmal in der Schifferkirche in Mülheim und hielt mich selber auch im Verborgenen.
 Ich hatte aber Pech. Im Februar 1784 bedrohte Rheinhochwasser die Stadt Mülheim am Rhein. Die Schifferkirche schien daher für die Flamme nicht mehr sicher zu sein. Jetzt, wo es eigentlich schon zu spät war, beschloss ich dennoch, die Kugel und die Flamme in den Bergen in Sicherheit zu bringen. 
Die Süddeutschen suchten mich noch immer. Sie waren noch in der Stadt. Mit zwei Gehilfen brach ich zur Schifferkirche auf. Die Flut hatte den Ort erreicht. Die Bewohner retteten sich auf Hausdächer oder in die Kirchtürme. Einigen gelang der Sprung auf Boote oder sonstige in den Fluten schwimmende Gegenstände. Der Küster gab mir vier Kisten mit, die wir auf zwei Pferden befestigten und zur Burg Hipelhoven der Familie von Hipel in Sicherheit bringen sollten. Wir kämpften uns tagelang, bei schlechtem Wetter und über miese matschige Wege durchs Bergische. Stets spürten wir die Nähe unsere Verfolger, die uns auf den Fersen waren."

Elisa Bernat-Gray: "Konnten Sie die Burg Hipelhoven erreichen?"

Matthias Kierdorff: "Nein, leider nicht. Wir wurden eingeholt. Auf der Flucht wurde ich von einer Pistolenkugel getroffen. Meine beiden Begleiter, Gottfried und Karl, Gott hab sie selig, wurden erschossen. Ich selber, mit Kugel und Flamme sowie dem Rotterdamer Manuskript, konnte gerade noch ins Dorf reiten. Bei der Kirche wurde ich schwach und fiel ohnmächtig vom Pferd. Einheimische Männer schleppten mich die Gasse hoch zum Wundarzt. Die Männer hievten mich, von Schlamm und Blut überströmt, auf den Tisch des Wundarztes. Mit einem speziellen Gerät, einer Art Zange aus dickem Draht versuchte der Wundarzt die Kugel zu entfernen, während die Männer mich auf den Tisch niederdrückten. Die Kugel hatte sich an einer schwer zugänglichen Stelle in meinen Körper gebohrt. Als dieser blöde Quacksalber sein Gerät fluchend in die Ecke warf und stattdessen zu einem Messer griff, konnte ich mich losreißen und sprang vom Tisch. Mit letzter Kraft sprang ich zur Tür. Betätigte dort die Kugel.
 Dann erwachte ich im Krankenhaus. Am Tag der OP. Ich hatte wohl gerade mit dem Klingelknopf eine Schwester gerufen ..."

Elisa Bernat-Gray: "Puh. Sie waren also nicht an einer Schießerei in der Tarpenbekstraße beteiligt? Dort ganz in der Nähe hat man Sie ja gefunden?"

Matthias Kierdorff: "Nein. Davon weiß ich nichts. Da ist die Wohnung von HBW."

Elisa Bernat-Gray: "Und? Auf welche Seite würden Sie nun gerne sein?"

Matthias Kierdorff (schaut sich im Zimmer um. Ihm stehen Tränen in den Augen): "Ich würde gerne wieder auf die andere Seite der Zeit. Ich muss diesen Wundarzt finden, der hat die Kugel mit der Flamme. Beides konnte ich leider nicht mitnehmen ..."

Elisa Bernat-Gray: "Kennen Sie einen Klaas Gierlich?"

Matthias Kierdorff: "Nein. Weshalb?"

Elisa Bernat-Gray: "Er sagt er sei der Wundarzt Johannes Nikolaus Gierlich. Ein Tipp von einem Kollegen hier. Gierlich hat nach Ihnen gefragt. Haben Sie Interesse an einem Treffen?"

Matthias Kierdorff: "Ja. Ist er einer von draußen?"

Elisa Bernat-Gray: "Nein. Er lebt seit letztem Donnerstag auch hier. Drüben im anderen Gebäude."
"Zurück ließ der Fremde eine Kugel aus Metall und eine nur schwer entzifferbare Schrift. Als Gierlich diese verstanden hatte, verschwand er auf dieselbe Weise wie der Fremde.
Als sich der Fremde und der Wundarzt auf der anderen Seite der Zeit wiedertrafen, beschlossen sie an dieselbe Stelle, zur selben Zeit des Unglücks zurück zu kehren." (aus der Sage "Die brennende Kugel", Heinrich Gustav von Hipel)

E N D E


Hinweis: Dies ist ein fiktives Dokument zur transmedialen Buchreihe Bookattack – Living in Books. This is a fictional document!

Fireballs

Abschnitt 11

Lindlar
April 2018

Wie erstarrt schaute sie durch die Frontscheibe des Cafés auf die Kölnerstraße, auf der der Feierabendverkehr vorbei rauschte. Geistig war sie vollkommen abwesend, sie sah weder die anderen Besucher im Café, noch registrierte sie, was auf der Straße geschah, die sie doch augenscheinlich beobachtete. Ihre Augen stierten ins Nichts. Ihr Milchkaffee kühlte immer mehr ab. Als die Bedienung sie ansprach, erschrak sie.
„Wie bitte?“, sagte Noa Sophie Kober.
„Du sagtest, du wolltest eventuell auch ein Stück Kuchen haben.“
„Ach ja. Was habt ihr denn?“
„Einen gedeckten Apfelkuchen, eine Schokotorte und Nussecken.“
„Ich nehm eine Stück Apfelkuchen. Aber ein nicht zu großes Stück.“
Die Bedienung verschwand.
Sie schaute nun wieder auf die Fotokopien, die vor ihr langen. Das oberste Blatt nahm sie in die Hand. Wieder began sie zu lesen. Sie schüttelte den Kopf. Das was hier stand, stellte alles auf den Kopf, was sie bisher in der Angelegenheit recherchiert hatte. War an allem doch ein Funken Wahrheit? Aber selbst dieser Text könnte eine Fälschung sein. Andererseits, wer sollte so etwas machen? Zumal dieser Text zeitlich vor allen anderen Quellen einzuordnen war.
Sie hatte am Nachmittag einen Termin im Stadtarchiv gehabt. Im Internet hatte sie in den Beständen des Archivs, den Nachlass von Edmund Mertzbach gefunden. Die Leiterin des Archivs hatte ihr gesagt, dass sich die Unterlagen von Mertzbach in den letzten Jahrzehnten niemand angesehen hätte. Ein ortsansässiger Stadtforscher hätte sie in den späten fünfziger Jahren begutachtet, aber für ihn war in dieser Sammlung kein wahrer Sinn zu sehen. Einzig die Hinweise auf einen Brand im Jahr 1784 fand er interessant, konnte ihn aber der hiesigen Stadt nicht so recht zuordnen. Genau dieser Artikel war es, der ihre bisherigen Forschungen auf den Kopf stellte. Der Text war einer Zeitung entnommen, die wohl im Rheinland erschienen war. Auf der Rückseite gab es Meldungen aus Düsseldorf und dem Amt Angermund. Jemand hatte „1784 Jülich-Bergische“ daneben geschrieben. Sie hatte von einem Blatt mit dem Namen „Gülich und Bergische wöchentliche Nachrichten“ gelesen, welches in Düsseldorf publiziert worden war. Vielleicht war dieser Artikel dort erschienen.
Sie holte ihr Laptop aus der Tasche. Die Bedienung brachte den Apfelkuchen. Über die Bayerische Staatsbibliothek konnte sie auf die digitalisierten Ausgaben der „Gülich und Bergischen wöchentlichen Nachrichten“ ([1]) zugreifen. „Mit Ihro Churfürstl. Durchlaucht gnaedigst ertheiltem Privilegio“ stand zu oberst auf der Titelseite, dann folgte der eigentliche Zeitungstitel in einer kleineren Schrift. Die Frakturschrift der Seiten auf dem Bildschirm stimmten mit der auf ihrer Fotokopie überein. Sie blätterte ein wenig durch die digitalisierten Seiten,  fand ihren Artikel aber nicht in den Ausgaben Januar bis April 1784. Sie würde zuhause weiter suchen.
Sie klappte ihr Laptop zu und las erneut den Artikel. Mit einem Beistift unterstrich sie ein paar Passagen.

„Mir wurde von einem unmenschlichen Schrei aus dem Haus des Wundarztes berichtet. Um Viertel nach sieben Uhr war ich in der Gasse bei der Brandstätte, das Haus selber lag vollkommen darnieder. Gelöscht wurde kaum. Die Leute liefen mehr vom Feuer weg als das sie versuchten es zu löschen. Noch gab es keinen der versuchte Wasser herbeyzuschaffen. Unten im Hof waren einige die durch Beten glaubten die Strafe Gottes zu mildern. Wenig später war ich auf dem Gange im obersten Stockwerke des Escher Hauses. Dort brannten bereits die Dachbalken. Hier versuchte man mit Wasser aus Ledereimern und nassen Decken das Feuer zu dämpfen. Doch auch dieses Haus brannte von oben herab, und ward ein Raub der Flamme. Die im Dorf vertheilten Feuerleitern sind,  ich wage nichts, wenn ich sage, alle unbrauchbar und unnütz. Erst als das Bühlerische Haus eingerissen wurde, konnten die Flammen hier aufgehalten werden. Die Feuersglut wütete aber zur anderen Richtung weiter. Alle sechs Häuser bis zur Steingasse brannten nieder, obwohl der Amtmann nun die Leute zum Löschen commandirte. Eine Reihe mit Eimern vom Bach herauf kam aber kaum zu Stande. Dennoch kann ich einige Personen hervorheben die durch ihre Arbeit schlimmeres verhindern konnten. Peter Kauffmann, der beim Einreißen des Hauses die meiste Arbeit machte. Wilhelm und Jakob Breidenbach, die in der Oberen Gasse versuchten das Feuer aufzuhalten und Steffen Ley, der sich um die Leitern kümmerte. Was mit dem Wundarzt Johannes Nikolaus Gierlich geschah, wusste niemand.

In einer Sage, die hier im Ort spielt, hieß es „Das Haus ging in Flammen auf und brannte bis auf die Grundmauern nieder. Die sich ausbreitende Feuersbrunst zerstörte die ganze Gasse.“ Dies stimmte mit dem Zeitungsartikel überein. Und auch der Name des Wundarztes war identisch: „In Lindlar im Bergischen Land unweit des Lennefe Bachs, am waldbedeckten Höhenzug zwischen Sülz und Agger lebte vor einigen hundert Jahren ein Wundarzt namens Johannes Nikolaus Gierlich,“ hieß es im von Heinrich Gustav von Hipel aufgezeichneten Sage. Allem Anschein nach, hatte es diesen Brand, dessen Herd wohl im Haus des Wundarztes gelegen hat, tatsächlich gegeben. Und der Wundarzt war damals wirklich spurlos verschwunden. Zusammen mit dem Fremden konnte laut der Sage Gierlich fliehen und die beiden „sollen gen Holland gegangen“ sein. Über die falsche Zeitangabe „vor einigen hundert Jahren“ konnte man wohl hinweg sehen, dies war als dichterische Freiheit zu betrachten. Aber wenn der Rest oder ein Teil davon Tatsachen wären, könnten dann auch die Dinge, die die Schamanin Kristina Haybach 1986 in einem Interview erzählt hatte, der Wahrheit entsprechen?
Kristina Haybach war damals in ihren späten Siebzigern, als sie der amerikanischen Underground-Zeitschrift FREE von ihrer Zeit in Baton Rouge und San Francisco erzählte. Noa hatte sich diese Zeitschrift per Ebay besorgt, nachdem sie in einem Interviewauszug des Magazins, den Namen ihres Großvaters Max Kober gefunden hatte.
Haybach berichtete von dem Medikament Corvfiran vom britischen Pharmaunternehmen Clough & Hanley, für das Noas Großvater über Jahrzehnte tätiggewesen und wesentlich an der Entwicklung von Corvfiran verantwortlich gewesen war. Das Medikament war 1972 verboten worden.  Die Hippiebewegung hatte es ab den 60er Jahre für sich entdeckt. Zündete man Corvfiran an, führte das Einatmen der Dämpfe zu besonders rauschartigen Halluzinationen. Nach dem Verbot kam man noch bis weit in die 70er Jahre illegal an Corvfiran. Haybach berichtete auch vom Vorgängerprodukt Corvfarin, welches von Carl Feinhals und Edmund Mertzbach zwischen 1907 und 1927 entwickelt worden war und von ihr in den 30er und 40er Jahre eingesetzt wurde. Zwischenzeitlich – 1942 bis 1944 – sei Corvfarin von der deutschen Firma Vogel & Niess hergestellt worden. Auf dieser Grundlage hätte Dr. Max Kober von Clough & Hanley entwickelt. Haybach erzählte, dass sie Kober 1949 einmal getroffen und ihn auf Corvfarin aufmerksam gemacht hätte. Aber Erfinder wären Feinhals und Mertzbach gewesen. Auf die Frage welche Rolle der New Yorker Industrielle Robert Ellsberg gespielt hätte, sagte Haybach, er hätte nur in den ersten Jahren mitgewirkt.
Max Kobers Forschungen hatten fast neun Jahre gedauert. Clough & Hanley brachten Corvfiran 1961 auf den Markt. Unter den Hippies, Ende der 1960er Jahre, waren der Pillen als Fireballs sehr beliebt. Zusammen mit tranceartigem Tanz und den berauschenden Dämpfen der Pillen gerieten die Leute in Ekstase. Gruppen von Hippies erstarrten im Rausch und drifteten geistig in eine andere Welt ab.
Noa Sophie Kober hatte nun intensiv nach den von Haybach genannten Namen recherchiert. Carl Feinhals war bereits im 19. Jahrhundert aus Süddeutschland in die USA ausgewandert, wo er um die Jahrhundertwende den Naturforscher Edmund Mertzbach und den gerade aus Osnabrück eingereisten Robert Ellsberg kennenlernte. Ellsberg wurde durch die Heirat mit Dorothy McCorley (ihr Vater gründete MC Aero Technologies Corporation 1902 als McCorley Standard) zu einen reichen New Yorker Industriellen. Mertzbach lebte nach dem Ersten Weltkrieg wieder in Deutschland, genauer gesagt in Lindlar, dort wo sie nun saß. Überhaupt war diese Stadt das Zentrum der ganzen Sache gewesen. Von hier war diese „Kugel aus Metal“, als wesentliches Bestandteil von Corvfarin, gekommen. Ein Thomas Hünighusen hatte die Kugel für Mertzbach nach Louisiana zu Feinhals gebracht. Hünighusen war von Ellsberg und seiner Bande 1949 umgebracht worden. 1950 wurde Ellsberg und zwei seiner Komplizen inhaftiert. Mertzbach war bereits 1927 verstorben. Feinhals verstarb 1949.
Je länger sich Noa mit Max Kober und der Geschichte Corvfarin/Corvfiran beschäftigt hatte, um so mehr glaubte sie, dass es sich dabei um esoterischen Hokuspokus handeln würde. Schwachsinn aus dem Bereich der Parapsychologie. Was hatten die Hippies wirklich gesehen, als sie ihre Fireballs inhalliert hatten? Einige von ihnen hatten berichtet, dass sie unter der Wirkung von Corvfiran in Ekstase gewesen wären, wobei ihr Körper erstarrt sei und ihr Geist Geschichten miterlebt hätte, die oft über Jahre gereicht hätten, obwohl sich die Starre oft schon nach einer Stunde gelöst hätte. Wissenschaftliche Untersuchungen hatte es bisher ausserhalb der Parapsychologie nicht gegeben. Und selbst die waren bereits in den frühen 80er Jahren im Sande gestrandet.
Sie selber hatte nur wegen der Beteiligung ihres Großvaters weiter an der Sache geforscht. Sie hatte im Stadtarchiv alle Dokumente von Edmund Mertzbach fotokopiert. Die meisten Erkenntnisse erhoffte sie sich aus handgeschriebenen Blättern, die Heinrich Gustav von Hipel geschrieben hatte, der Mann der die brennende Kugel erfunden oder entdeckt hatte.

Der Wald verschwindet. –
Die Männer helfen dir auf die Beine. –
Du steckst die Kugel und die Papiere ein. –
Das menschliche Wesen, hältst du in deinem Gedächtnis. –
Es ist die unsterbliche Seele des Fut-vo-ye. –
In einem fremden Körper, auf der anderen Seite der Zeit.


Hinweis: Dies ist ein fiktives Dokument zur transmedialen Buchreihe Bookattack – Living in Books. This is a fictional document!

Dämonen der Vergangenheit

Abschnitt 10

Morrisonville
August 1949

Kober versuchte wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Noch immer schwirrten ihm die Dämonen seiner Vergangenheit durch den Kopf. Er glaubte, dass Thomas damals Ida erschlagen hatte. Sie sollte nichts von seinem Fund erfahren. Er war von Mertzbach geschickt worden, der durch seine Beinverletzung für eine solche Aktion, nicht fähig war. Der alte Naturforscher war dem Versteck der Kugel mit der Flamme auf der Spur gewesen und Thomas sollte sie holen. Und dabei ist er von Ida überrascht worden. Er wollte nicht, dass sie jemanden davon erzählt. Paul und Kober haben Johann Hünighusen gehorcht und die Geschichte vergessen. Jedenfalls so wie es tatsächlich abgelaufen war. Waren sein Freund und er dabei gewesen, als Ida starb? Es war unfassbar, er konnte sich nicht erinnern. Er hat nur noch das Bild vor Augen, wie sie alle geschockt über dem Mädchen standen.
Und jetzt musste auch Thomas wegen dieser Kugel sterben, weil er Robert Ellsberg nichts verraten wollte. Die Wirkung von Corvfarin hatte er am eigenen Körper gespürt. Diese Kristina Haybach hatte ja noch mehr mit ihm vor gehabt. Wollte ihn Corvfarin herstellen lassen. Das war sein Auftrag. Aber er wusste nichts über die Flamme. Und was hatte sie noch gesagt? Sie wollte ihn in den Körper eines Pharmaunternehmers stecken. Ein Kerl mit dem Namen Edwards.
Er musste nochmal in das Feinhals-Haus. Vielleicht hatte dort Thomas noch mehr versteckt. In Deutschland würde er in Elberfeld die Firma Niess & Vogel besuchen. Die hatten Corvfarin schließlich hergestellt.

***

Im Feinhals-Haus fand er merkwürdige Namenslisten. Hinter jedem Namen standen Abkürzungen wie HC, SJCC, BRNC, RMP, SOC oder LC. Erst dachte er es würde sich um Abkürzungen für Firmen handeln. Liz an der Rezeption des Alamo Plaza Motel, wo er sich vor Ellsbergs Leuten versteckte,  meinte Kaugummi kauend, das C könnte für Cemetery stehen.
Kober war an einem Friedhof auf seinem Weg vom Motel zu Thomas vorbeigekommen. Dort wollte er Liz‘ Vermutung überprüfen. Nachdem er am Evergreen Drive mehrfach im Kreis gegangen war, fragte er in der Delphine Street einen Anwohner nach dem Friedhof. Gleich um die Ecke, wurde ihm gesagt. Und hat der Friedhof einen Namen? Sweet Olive Cemetery. Das passte, SOC. Der Mann ging mit ihm in die Nebenstraße, wo dann auch gleich die Grabstätten zu sehen waren. „He Leroy, hier ist ein Mann, der sich für den Friedhof interessiert“, rief der Mann. Der gerufene Farbige kam ihm mit einer Schaufel entgegen. „Willkommen auf dem ältesten Friedhof von Baton Rouge. Der jüdische Friedhof und der lutherische sind auch alt, aber Sweet Olive ist der älteste“, erklärte Leroy Young, der sich als Gärtner und Totengräber vorstellt hatte. „Es sind die Friedhöfe der Mount Pleasant Baptist Church und der First African Baptist Church. Hier ist Ada Blundon begraben. Die als Ada Catharine Pollock in New York geboren wurde und 1887 mit ihrem Mann Frank C. Blundon hier in Baton Rouge eine Schule für uns farbigen Kinder gründete.“ Kober hörte nicht mehr zu.  „Sie liegt hier drüben, kommen Sie. Sie ist übrigens die einzige Weiße, die hier auf dem Sweet Olive liegt. Die Leute liebten sie, daher wurde sie 1917 hier bei uns begraben.“ Kober zog einen Zettel aus der Tasche. „Und diese Personen“, er zeigte Leroy die Namensliste. „Sind sie hier auch begraben?“ Leroy studierte den Zettel. „Ja, ja. Die beiden hier. Klar. Hier ist ja auch die Reihe notiert. Kommen Sie.“ Die Männer gingen nun zwischen Gräberreihen, während Leroy weiter dozierte. „Ich selber kannte beide nicht. Ich bin 1925 geboren und noch zu klein um sie zu kennen. Sie starben beide 1927. Das ist das Grab von James Frazier. Das von Gus Jones ist gleich da drüben.“ Frazier war am 21.06.1880 geboren und am 23.04.1927 gestorben. Jones war gerade mal 19 Jahre gewesen als er am 27.04.1927 ums Leben kam. Kober zeigte Leroy nun noch die Abkürzungen, die hinter jedem Namen standen. „Das sind alles Friedhöfe hier. RMP, ist der Roselawn Memorial Park. BRNC, der Baton Rouge National Cemetery. SJCC, das müsste der St. Joseph’s Catholic Cemetery sein. Was ist denn mit all den Leuten? HC, der Highland Cemetery. Sie wissen nicht was mit den Typen hier ist? Oh, Mann. Ein Rätsel was?“  Kober fragt den Friedhofgärtner, ob er ihn auch auf den anderen Friedhöfen die Gräber der Personen auf der Liste zeigen könnte. Als Neuling in der Stadt würde er sonst ewig brauchen. So fuhren die beiden am folgenden Tag abends mit dem Bus durch die Stadt. Kober im vorderen Bereich für Weiße, Young im hinteren Bereich für Farbige.
Sie klapperten die Friedhöfe ab und ergänzten Liste mit den Geburts- und Sterbedaten aller Personen. Alle Personen waren zwischen dem 21. und dem 27. April 1927 gestorben. Während der großen Flut in Louisiana.  Aber sie waren offensichtlich keine Flutopfer. Die Todesursachen fand Kober nun bei seinen Befragungen heraus.
Er befragte Familienangehörige und Freunde. Sie besuchten die Gräber und die Leute. Mal erzählten die Leute ihm was Interessantes, mal fanden sie wichtige Hinweise am Grab.
So kam Leroy Young eins der Gräber auf dem Baton Rouge National Cemetery seltsam vor. Er kannte das Grab. Es war von Bill Lease. Die Abdeckplatte lag anderes als sonst, es gab Spuren an der Platte. Es gab auch zahlreiche Fußspuren rund um das Grab. Die beiden beschlossen bis zur Dunkelheit zu bleiben, um dann die Grabplatte beiseite zu schieben.
„Mach, nicht so ein Krach“, funkelte Leroy.
„Das Ding ist so schwer.“
„Aber stöhn nicht so laut. Wenn uns jemand erwischt.“
„Ach, wer soll denn hier hinkommen. Und wenn schon, du bist doch der Totengräber hier. Nachtschicht halt.“
„Pst! Still! Da war ein Geräusch. Oh Mann. Duck dich.“
„Da ist nichts.“
„Doch. Da drüben. Nur ein Hund.“
„Aber ein Hund mit roten Augen.“
Leroy warf einen Stein nach dem Hund. Der lief dann auch weg. Verschwand im Nebel. Als er sich umdrehte, sah man durch die Nebelschwaden nur noch seine leuchtenden Augen. „Los weiter.“
Sie schoben die Grabplatte zur Seite. Die Erde war frisch aufgewühlt und im Sarg lag ein Skelett. Auf dem Brustkorb lag ein schweren Stein und die Füße waren mit einer Kette gefesselt. „Ich glaube als ersten besuchten wir die Familie Lease.“

Kober gab sich als Angestellter der Stadt Baton Rouge aus. Er sprach mit Bill Lease Sohn Samuel. Es ginge um das Grab des Vaters. Das sei beschädigt worden. Samuel Lease wurde bleich im Gesicht. Kober berichtete, dass sie das Grab geöffnet hätten. „Können Sie mir sagen, weshalb man Ihren Vater als Untoten begraben hat?“ Nachdem Lease zunächst verneint hatte, kam er wenig später mit einer kruden Geschichte um den Stadtabgeordneten Jonathan Burke aus New Orleans. Dieser Burke sei während des Krieges bei seiner Mutter Mary Lease aufgetaucht. Irgendwann im Gespräche sei Burke zu seiner Mutter sehr vertraulich geworden und hätte gesagt er sei ihr Mann Bill. Mary Lease war sehr erschrocken. Ihr Mann war 1927 verstorben. Burke konnte ihr sehr viele Details über Bill Lease sagen, Dinge die nur Bill und Mary wissen konnten. Mary Lease bat Burke er solle gehen, aber der Stadtabgeordnete kam öfters wieder. Immer wurde er von Frau Lease oder ihren Kindern weggeschickt. Aber er kam immer wieder. Eines Tages platzte Samuel der Kragen: Er nahm seine Waffe und ging zu Burkes Büro. Ohne zu zögern erschoss er den Mann der behaupte sein Vater zu sein. Der Mann lag tot auf dem Boden, da war sich Samuel sicher. Aber es wurde in den Zeitungen weder über den Mord berichtet, noch suchte die Polizei nach dem Mörder. Wenig später war Jonathan Burke wieder im Amt. Davon erfuhr die Familie Lease aber erst viel später. Nun vor kurzem, nach all den Jahren, erschien Burke erneut bei Mary Lease. Das Spiel begann von vorne. Diesmal glaubten sie die Geschichte von Burke: er war wirklich Bill Lease. Wenn auch nicht körperlich. Zwei- oder dreimal wurde daraufhin Burke höflich empfangen. Dann beschloss man Burke aber ein für alle Mal umzubringen. Tod wurde er in das Grab von Bill Lease gebracht. Damit er nicht wieder aufersteht, trennte man den Kopf ab und fesselte mit einer Kette die Füße.  Die Familie Lease sehr gläubig und sie haben Jonathan Burke wirklich als den Wiedergänger von Bill Lease gesehen. Nach dem Gespräch mit Samuel Lease wollte Kober aber zunächst etwas über den Stadtabgeordneten Jonathan Burke herausfinden und fuhr daher zur Zeitung nach New Orleans.

Im Archiv findet Kober einige Artikel über Burke. In den meisten ging es um seine Tätigkeit als Stadtabgeordneter ab 1924. Er galt als harter Hund, unnachgiebig, konservativ und auch brutal. Im Sommer 1927 wurde er einige Tage vermisst. Als er wieder auftauchte, erzählte er, er hätte eine kleine Auszeit benötigt. In den folgenden Jahren schien Burke umgänglicher und beliebter geworden zu sein. Über die Jahre entwickelte er sich zum Wohltäter. Eine kurze Notiz aus dem Januar 1951 berichtete, dass Burke erneut verschwunden sei. Noch im gleichen Monat gab es einen Bericht über einen Leichenfund bei Addis. Man schrieb, es könnte sich bei der Leiche um den Abgeordneten Burke handeln. Anfang Februar wurde der Tote allerdings als David H. Wood, ein Arbeiter aus dem Nachbarort Brusly identifiziert. Burke blieb verschwunden.
In den Berichten um Burke, wurde eine Parallele zu dem Verschwinden eines Charles Gore gezogen. Gore wurde ebenfalls im Sommer 1927 vermisst. Es wurde berichtet, dass Gore in New Orleans ein Bootsbauunternehmen aufgebaut hätte. Erwähnt wurde Streitigkeiten mit seinen Arbeitern in Jahre 1926. Wie Burke schien Gore ein unangenehmer Mensch gewesen zu sein. Eine Woche darauf wurde berichtet, dass Charles Gore wieder in seiner Firma aufgetaucht wäre. Weitere Artikel berichteten nun seltsamerweise nur noch Positives über den Unternehmer Gore. Ein Held. Charles Gore, der Menschenfreund. Im Januar 1950 berichtete die Zeitung der Unternehmer Gore hätte sich aus seinem Unternehmen zurückgezogen und sei nach Baton Rouge gezogen.
Kober fand heraus, dass die Abkürzungen auf der Liste Friedhöfe in Baton Rouge waren. Die Personen auf der Liste waren sämtlich innerhalb eines kurzen Zeitraums im Frühjahr 1927 gestorben. Auf der Liste stand auch Gus Jones, ein Farbiger aus South Baton Rouge, der auf dem Sweet Olive Cemetery begraben ist.
Kober besuchte die Familie von Gus Jones. Dessen Schwester berichtete, man habe die Leiche von Gus am Ufer des Mississippi gefunden. Sie schaute fragend ihre Mutter an: „Soll ich es ihm erzählen? – Wir werden seit einiger Zeit von einem Mann belästigt, der behauptet er wäre Gus. Der Mann heißt aber Charles Gore!“
Daraufhin besuchte Max Kober besuchte diesen Gore.
Er fand einen von Halluzinationen gequälten Mann vor.
„All die Jahre hatte ich als Charles Gore dessen Aufgaben als Unternehmer erfüllt. 1948 hatte sich bei mir aber irgendetwas geändert. Man hatte mich wohl in New Orleans vergessen. Regelmäßig ist all die Jahre eine Frau gekommen und hat mir meine Medikamente gebracht … Man musste eine Tablette anzünden und die Dämpfe einatmen … Der letzte Besuch der Frau war im November 1948 und ab dem Frühjahr sind meine Beschwerden immer schlimmer geworden. Die einen Halluzinationen ließen nach, die anderen wurden dafür schlimmer! Ich hörte mehr und mehr den alten Charles reden, … der machte mich verrückt! … mir irgendwann dann klar geworden wäre, dass ich ein Junge aus South Baton Rouge sei, der jedoch im Körper von Charles stecke.“
Gerade hatte der Mann noch als Gus Jones gesprochen, im nächsten Moment war er wie verwandelt. „Ein gewisser Gus Jones, der mich all die Jahre irgendwie beherrscht hatte … Wir bestanden aus zwei Seelen. Die von Gus und meiner eigenen!. Und: … wir bekämpfen uns seit dieser Zeit! Es war so eine Scheiße … Ich erinnerte mich daran, dass man mir in späten 20er Jahren eine Gehirnwäsche verpasst hatte. Irgendwo südlich der Stadt hatte man mich festgehalten, in einem gottverlassenen Sägewerk … Von da an bestimmte Gus wo es lang ging! … Meine Seele, die von Charles Gore, die ist damals komplett untergegangen. Erst jetzt – nachdem keine Medikamente mehr in meinen Körper gelangten –, kam ich zurück! … Wie aus einem langen Alptraum erwachend …“
In dem Körper vor ihm, der mal Gore gehört hatte, befanden sich zwei Seelen, die von Gus Jones und Charles Gore. Fluchtartig verließ Kober die Wohnung. Dies hatte die Schamanin mit ihm vorgehabt. Er sollte sich einen Körper mit diesem Edwards teilen. Er sollte Bill Edwards sein.

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Max Kobers Pillendose (Bookattack Collection).
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Max Kobers Pillendose (Bookattack Collection).

Hinweis: Dies ist ein fiktives Dokument zur transmedialen Buchreihe Bookattack – Living in Books. This is a fictional document!

Feindliche Übernahme

Abschnitt 9

Bayou bei Morrisonville
August 1949

Damals, im Frühjahr 1927, hatte Robert Ellsberg Kristina Haybach kurz gesehen, als er mit seinen Männern in die Hütte eingedrungen war. Nun standen sie sich in der Höhle wieder gegenüber.
„Ich kann nicht gerade sagen, dass ich mich freue dich zu sehen“, begrüße sie ihn. „Du hast schon damals Schaden bei uns angerichtet. Und nun mischst du dich erneut ein.“
„Ich hätte gerne schon damals die Flamme gehabt.“ Ellsberg setze sich neben Kristrina.

[Video: „Feindliche Übernahme“]

KRISTINA HAYBACH: Als Engelbert Feinhals in der Hütte starb und Carl verletzt wurde, konnte ich die Flamme retten. Es sollte der erste Versuch mit Corvfarin werden. Ich konnte fliehen und mich verstecken. Nachdem Carl dann wieder gesund war, machten wir weiter.

ROBERT ELLSBERG: Nun, wir hatten damals Carl schon eine Weile beschattet und wussten, dass ihr nun ernst machen würdet. Wir wollten selbst endlich Corvfarin haben. Als Carl in der Hütte war, sahen wir unsere Gelegenheit gekommen. Aber der Überfall ging komplett in die Hose. Es sollte niemand sterben. Aber dieser Typ von euch griff uns an.

KRISTINA HAYBACH: Das war unsere Versuchsperson. Vollgepumpt mit reinem Corvfarin.

ROBERT ELLSBERG: Plötzlich lagen Engelbert, Carl und einer von unseren Männern auf dem Boden. Und wir wurden von irgendetwas ins Wasser gezogen. Fast runter bis zum Grund. Es fühlte sich an, als hätte ich Gewichte an den Füßen. Dann waren auf einmal hohe Flammen um mich herum. Statt zu ertrinken, drohte ich nun zu verbrennen.
Durch die Flammen kam eine Gestalt auf mich zu – vielleicht der Typ von euch. Er trat ganz dicht an mich ran und öffnete seinen Mund. Dort stand ich als mein Doppelgänger zusammen mit meinen Leuten. Auf seiner Zunge! Die Gestalt schloss den Mund wieder. Im nächsten Moment landeten wir wie ausgespuckt am Ufer des Bayou.

ROBERT ELLSBERG: Von unseren umfangreichen Forschungen hat er doch schließlich profitiert! Und nun werden wir sein System übernehmen, euren Club, die „Visions For A Better Society“. Wir haben die finanziellen Mittel.

KRISTINA HAYBACH: Wir haben so gut wie kein Corvfarin mehr. Kober soll uns welches besorgen. Aber durch deine Aktion … keine Ahnung in welchem Zustand er nun ist.

ROBERT ELLSBERG: Das werden wir lösen. – Wusstest du, dass ich noch dabei war, als Carl mit den Forschungen 1907 begann? Erste Experimente fanden bereits vor dem Krieg statt. Über Edmund Mertzbach kamen weitere Ideen hinzu. Er hat uns erstmals von dieser Sage erzählt. Ich habe diese Sage sehr genau studiert. Der Satz „Als sich der Fremde und der Wundarzt auf der anderen Seite der Zeit wiedertrafen“ ist ganz entscheidend.

KRISTINA HAYBACH: Ich kenne den Text natürlich auch, klar! Edmund war da der Spezialist.

ROBERT ELLSBERG: Er saß an der Quelle. Aber es kam zum Streit zwischen uns, vor allem durch Edmund, ich kam nicht mit ihm klar. Er hatte diese Geschichte mitgebracht. Aufgeschrieben hat sie ein Heinrich Gustav von Hipel, dem eine Burg dort gehörte und sich mit allerlei verrücktem Zeug beschäftigt haben soll.. Wir haben uns lange an dem Text die Zähne ausgebissen. Klar wissen wir längst, wer an der Sache beteiligt war. Dieser Wundarzt und der Fremde mit der „Kugel aus Metall“. Aber begriffen haben wir, bisher erst wenig. Mertzbach wusste da schon mehr. Sein Tod damals, hat auch die Forschungsarbeit beendet. Natürlich haben wir nach seinem Tod seiner Frau einen Besuch abgestattet. Aber da war nichts in seinem Haus, alles weg. Du und ich, wir haben jetzt das meiste Wissen in der Angelegenheit, wo nun auch Carl tot ist. Ich könnte dir anbieten, deine Arbeit bei uns fort zu führen.

KRISTINA HAYBACH: Edmund hatte begriffen wie alles funktioniert! … Die ganze Theorie dahinter, die kennt jetzt nur noch Thomas.

ROBERT ELLSBERG (ganz harmlos): Schade das er tot ist. Er wollte mir nichts verraten.


Hinweis: Dies ist ein fiktives Dokument zur transmedialen Buchreihe Bookattack – Living in Books. This is a fictional document!